Mit dem steigenden Risiko für wetter- und witterungsbedingte Katastrophenlagen mit einer erhöhten Belastung für die Einsatzkräfte sind die beteiligten Organisationen gefordert, ihre Kapazitäten und Organisationsstrukturen an die neuen Bedingungen anzupassen. Ein zentraler Baustein ist die erfolgreiche Rekrutierung ehrenamtlicher Helfer*innen, um einen wachsenden oder zumindest dauerhaft stabilen Bestand an Einsatzkräften zu sichern. Dass die intensivierten Bemühungen um neue Einsatzkräfte zumindest bei THW und Feuerwehren Früchte tragen, zeigen deren steigende Mitgliederzahlen (siehe Indikator BS-R-4). Bundesweite Maßnahmen wie die 2020 gestartete Kampagne „Deine Zeit ist jetzt!“ des THW, die seit 2021 laufende Ehrenamtskampagne des BBK „Egal was du kannst – du kannst helfen“ sowie der begleitende Aufbau und Betrieb der webbasierten Plattform „mit-dir-fuer-uns-alle.de“ sollen die Mitgliederzahlen in den kommenden Jahren weiter steigern. Widrige Umstände wie die weltweite Covid-19-Pandemie führten zu keinem markanten Rückgang bei den Mitgliederzahlen. Demgegenüber hat die gestiegene Zahl an großen Einsätzen und deren Medienpräsenz das Interesse an einer Mitwirkung im Bevölkerungsschutz erhöht. Unter den neuen Mitgliedern sind zunehmend weibliche Einsatzkräfte sowie Menschen mit Migrationshintergrund und Senioren.
Neue gesellschaftliche und technische Entwicklungen bieten auch dem Bevölkerungsschutz neue Wege. So wurde etwa während der Hochwasserereignisse 2013 und 2016 sowie bei der Flutkatastrophe im Ahrtal Mitte 2021 in vielen betroffenen Gebieten schnelle Hilfe über soziale Netzwerke organisiert. Vor dem Hintergrund der Norm ISO 22319:2017 „Leitfaden für die Planung der Einbindung spontaner freiwilliger Helfer“229 229 wird der konzeptionelle Rahmen für die koordinierte Einbindung von Spontanhelfenden derzeit in Zusammenarbeit mit den Einsatzorganisationen und den Ländern noch weiter ausgearbeitet, um die bestehende Bereitschaft zu Engagement und Hilfeleistung, die sich weniger als früher in festen Strukturen binden möchte, zukünftig noch effektiver zu nutzen.
Die Praxis des Bevölkerungsschutzes profitiert zudem von Erkenntnissen aus wissenschaftlichen Forschungsprojekten. Im Rahmen des Projekts KlamEx untersuchten das BBK und weitere behördliche Partner der Strategischen Behördenallianz „Anpassung an den Klimawandel“, wie Extremniederschläge das Einsatzgeschehen prägen, welche Wirkfaktoren das Schadenausmaß bestimmen und welche Maßnahmen die Risikovorsorge gegenüber Starkregen im Bevölkerungsschutz und in der Stadtentwicklung unterstützen können. Dabei kamen unter anderem die vom DWD erstellten umfassenden Kataloge der Starkregenereignisse in Deutschland zum Einsatz. Sie liefern bis zurück ins Jahr 2001 wertvolle Daten zu Stark- und Dauerregen und stützen unter anderem die Nachbetrachtung extremer Niederschlagsereignisse.
Um ihre Mitglieder bestmöglich auf den Einsatzfall vorzubereiten, halten die Organisationen des Bevölkerungsschutzes regelmäßig Übungen ab. Sie schaffen die Basis dafür, in extremen Situationen richtig agieren und zielgenaues Krisenmanagement betreiben zu können. Die Daten des THW zeigen, dass auch in Jahren mit Extremereignissen das Übungspensum zeitlich und personell in einem adäquaten Umfang absolviert werden kann (siehe Indikator BS-R-3). Dies ist eine wichtige Grundlage für die Stabilität des Bevölkerungsschutzes, wenn infolge des Klimawandels wetter- und witterungsbedingte Katastrophenfälle häufiger auftreten können.
Gemäß den Ergebnissen der KWRA 2021 bestehen Anpassungspotenziale insbesondere in der Förderung, Koordinierung und Optimierung der Zusammenarbeit der verschiedenen im Bevölkerungsschutz aktiven Organisationen. Bundesweit tätige Hilfsorganisationen, aber auch Feuerwehren und das THW arbeiten gemeinsam mit behördlichen Instanzen wie dem BBK, dem UBA, dem DWD oder dem BBSR daran, Wissen zu Klimawandelfolgen und Anpassungsmöglichkeiten in die Praxis des Bevölkerungsschutzes zu integrieren. Die involvierten Organisationen reflektieren in diesem Prozess auch ihre eigenen Strukturen und optimieren interne Abläufe.
Neben der Arbeit der verschiedenen Organisationen ist die Selbstschutzfähigkeit der Bürger*innen eine wichtige Komponente des Bevölkerungsschutzes. Es gilt, das Bewusstsein der Bürger*innen für eigenständige Präventions- und Schutzmaßnahem zu schärfen und die Bevölkerung zielgruppengerecht über das richtige Verhalten im Katastrophenfall aufzuklären. Diesem Ziel dient beispielsweise die bundesweite Informationskampagne des BBK „Für alle Fälle vorbereitet“. Die Ergebnisse der Umweltbewusstseinsstudien deuten darauf hin, dass Bewusstsein und Sensibilität in der Bevölkerung wachsen (siehe Indikatoren BS-R-1 und BS-R-2). Im Jahr 2021 ist der Anteil derjenigen Befragten, die sich über die sie betreffenden Klimawandelrisiken ausreichend informiert fühlen, auf den bisher höchsten Wert von rund zwei Drittel gestiegen. Zudem gaben mehr Personen als in den Jahren zuvor an, selbst genügend Vorsorgemaßnahmen für sich zu ergreifen.
Wichtiger Baustein für einen wirksamen Selbstschutz der Bevölkerung ist eine umfassende und zuverlässige Warninfrastruktur. Digitale Warn-Apps wie NINA (Notfall-Informations- und Nachrichten-App des Bundes) stellen den Menschen entscheidende Informationen für den Katastrophenfall zur Verfügung und ermöglichen durch frühzeitige Warnung, rechtzeitig notwendige Vorkehrungen zu treffen. Die zuständigen Institutionen arbeiten kontinuierlich daran, das Angebot zu verbessern und auszuweiten. So wurde im Februar 2023 Cell-Broadcast als neues Warnmittel in den Wirkbetrieb überführt. Es ermöglicht den funkzellenbasierten Versand von Warnnachrichten direkt auf das Handy oder Smartphone. Neben digitalen Lösungen gehören analoge, fest installierte Sirenen zur Warninfrastruktur in Deutschland. Sie schließen Lücken, wo mobile Technologien vorübergehend nicht funktionieren oder genutzt werden können. Seit 2020 fördert der Bund mit dem Sirenenförderprogramm das Aufstellen neuer Sirenen und die technische Ertüchtigung der bestehenden Anlagen.
227 - Bündnis Entwicklung Hilft 2022: WeltRisikoBericht 2022 – Fokus: Digitalisierung. Berlin, 75 S. https://weltrisikobericht.de
228 - BBK – Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe 2021: Pandemie und Hochwasserkatastrophe. Magazin Bevölkerungsschutz, 04/21. Bonn, 57 S. https://www.bbk.bund.de/DE/Infothek/Magazin-Bevoelkerungsschutz/Ausgaben/magazin-2021-4/magazin-4-2021_node.html
229 - ISO – International Organization for Standardization (Hg.) 2017: Security and resilience – Community resilience – Guidelines for planning the involvement of spontaneous volunteers. ISO 22319:2017, ICS: 03.100.01. https://www.iso.org/standard/66951.html
229 - DIN – Deutsches Institut für Normung (Hg.) 2021: Sicherheit und Resilienz - Resilienz der Gesellschaft – Leitfaden für die Planung der Einbindung spontaner freiwilliger Helfer (ISO 22319:2017). DIN EN ISO 22319:2021-02 – Entwurf. https://www.beuth.de/de/norm-entwurf/din-en-iso-22319/332133296