Der politische Fokus im Bauwesen richtete sich in der Vergangenheit vor allem auf die Versorgung der Bevölkerung mit ausreichendem und bezahlbarem Wohnraum. Mit der Energiewende kam als weiteres Ziel die sukzessive Entwicklung hin zu einem klimaneutralen Gebäudebestand durch energieeffizientes Bauen und Sanieren hinzu. In den vergangenen Jahren nimmt auch die Klimawandelanpassung im Bauwesen und Städtebau einen immer breiteren Raum ein. Trockene und heiße Sommer wie in den Jahren 2018 und 2019 sowie die vielerorts auftretenden Starkregen haben das öffentliche Bewusstsein dafür geschärft, dass Gebäude, Dörfer und Städte robuster gegenüber den Folgen des Klimawandels werden müssen.
Im städtischen Umfeld bedarf es eines engen Zusammenspiels von Stadt-, Quartiers- und Infrastrukturentwicklung mit der Objektplanung und -gestaltung. Ein klimaangepasster Städtebau schafft durch gute Versorgung mit grünen und blauen Infrastrukturen die Ausgangsbedingungen für ein gesundes oder wenig belastendes Stadtklima auch bei heißen und trockenen Wetterlagen. Vor allem für Großstädte ist es wegen des hohen Urbanisierungsdrucks eine Herausforderung, Flächen für den stadtklimatischen Ausgleich und zur Erholung zu erhalten oder neu zu schaffen (siehe Indikator BAU-R-1). Ausreichende Grün- und Gewässerstrukturen sind zudem wichtige Komponenten im Konzept der Schwammstadt. Der Begriff bezeichnet ein Regenwassermanagement, bei dem beispielsweise in städtischen Grünanlagen und anderen geeigneten Flächen Rückhaltekapazitäten geschaffen werden, die Regenwasser möglichst lokal speichern, der Wiedernutzung zuführen, ins Grundwasser versickern oder zeitversetzt in das Kanalsystem ableiten. Die überflutungsfähigen Flächen tragen dazu bei, die Kanalisation bei Starkregenfällen zu entlasten und Überschwemmungen von Siedlungsflächen zu vermeiden. Gleichzeitig erhöht das zeitweise auf den Flächen verbleibende Wasser die Verdunstungskälte und bildet ein Reservoir, aus dem städtisches Grün in Trockenzeiten, zusätzlich zu einer verstärkten Nutzung von Grauwasser, mit Wasser versorgt werden kann.
Der Bund unterstützt eine klimagerechte städtebauliche Entwicklung auf verschiedene Weise: Unter anderem untersuchen das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) und ebenso das BMBF und das UBA in Forschungsvorhaben Fragen zu Klimaanpassung und Stadtentwicklung oder lassen praxisbezogene Materialien und Instrumente für einen klimaresilienten Städtebau entwickeln und erproben. Regelmäßig ist ein unmittelbarer Austausch mit Pilotkommunen Teil dieser Vorhaben, deren Ergebnisse für weitere Städte und Gemeinden zur Anwendung bereitstehen. Ein besonderer Schwerpunkt lag in den vergangenen Jahren auf einer genaueren Erfassung des Umfangs und der Qualität von städtischem Grün und von dessen Wirkung auf das Stadtklima. Zudem wurden kommunale Strategien zur Sicherung und Entwicklung der städtischen Grünausstattung auf ihre Wirksamkeit untersucht. Die Motivation für die verschiedenen Aktivitäten muss dabei nicht aus der Klimaanpassung herrühren, denn das städtische Grün bringt auch für die Gesundheit, aktive Mobilität, den sozialen Zusammenhalt und die biologische Vielfalt viele positive Effekte (siehe Strategieprozess zum „Weißbuch Stadtgrün“132).
Neben fachlicher und methodischer Hilfe durch Forschungsprojekte unterstützen der Bund und auch die Länder die klimagerechte Stadtentwicklung mit Förderprogrammen: Das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) hat im Sommer 2022 das Bundesprogramm „Anpassung urbaner Räume an den Klimawandel“ gestartet, in dem Projekte zur Erhaltung und Entwicklung von öffentlich zugänglichen Grün- und Freiräumen gefördert werden. Im Rahmen der DAS wurde seitens des BMUV das Programm „Maßnahmen zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels“ initiiert, um vor allem Kommunen und kommunale Einrichtungen bei der Klimaanpassung zu unterstützen. Möglichkeiten zur Beratung, Fortbildung und Vernetzung im Bereich Klimaanpassung erhalten Verantwortliche und Beteiligte in den Kommunen sowie Träger sozialer Einrichtungen vom Zentrum KlimaAnpassung (www.zentrum-klimaanpassung.de), das das BMUV im Jahr 2021 ins Leben gerufen hat.
Neben dem angepassten Städtebau ist auch die klimagerechte Weiterentwicklung des Gebäudebestands Gegenstand von Forschung und Förderung. Ein wichtiges Thema hierbei ist die Begrünung von Fassaden und Dachflächen. Zahlreiche Städte und Gemeinden fördern die Gebäudebegrünung (siehe Indikator BAU-R-2). Auch von Bundesseite bestehen bereits Möglichkeiten für eine Förderung.133 Außerdem haben Forschung und Förderung den sommerlichen Wärmeschutz von Gebäuden im Fokus, der bei guter Planung synergetisch für Klimaschutz und Anpassung wirken kann (siehe Indikator BAU-R-3). Mit der Klimaerwärmung wird der sommerliche Wärmeschutz für die Funktions- und Aufenthaltsqualität öffentlicher und privater Gebäude immer wichtiger werden. Ein weiteres Thema für die Forschung ist die Notwendigkeit, bautechnische Normen und Regelwerke an geänderte Klimabedingungen anzupassen und dadurch die Klimaanpassung von Grund auf in Planung und Errichtung von Gebäuden zu integrieren.134 Um die Vorbildfunktion öffentlicher Gebäude für die Klimaanpassung zu stärken, wird derzeit das Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) weiterentwickelt, um die Qualität von Planungs- und Bauleistungen in Bezug auf klimaangepasstes Bauen bewerten zu können und innerhalb des Zertifizierungssystems sichtbarer zu machen.
130 - Meinel G., Krüger T., Eichler L., Wurm, Michael, Tenikl, Julia, Frick A., Wagner K., Fina S. 2022: Wie grün sind deutsche Städte? Ergebnisse einer bundesweiten Erfassung. Bundesinstitut für Bau- Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR). Bonn, 62 S. https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/veroeffentlichungen/sonderveroeffentlichungen/2022/wie-gruen-deutsche-staedte.html
131 - Meinel et al. 2022, siehe Endnote 130
132 - BMUB – Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (Hg.) 2017: Weißbuch Stadtgrün – Grün in der Stadt – Für eine lebenswerte Zukunft. Berlin, 51 S. https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/veroeffentlichungen/ministerien/bmub/verschiedene-themen/2017/weissbuch-stadtgruen.html
133 - Mann G., Fischer B., Fischer S., Gohlke R., Mollenhauer F., Wolff F., Köhler M., Pfoser N. 2022: Förderrichtlinie Dach- und Fassadenbegrünung – Machbarkeitsstudie. Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung am Bundesamt für Bauordnung und Raumwesen (Hg.). 105 S. https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/forschung/programme/weitere/gruen-in-der-stadt/machbarkeitsstudie-gebaeudegruen/endbericht.pdf
134 - Kind C., Golz S., Sieker H. 2022: Klimaanpassung und Normungsverfahren. Analyse bestehender bautechnischer Normen und Regelwerke für einen Anpassungsbedarf an die Folgen des Klimawandels. 85 S. https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/forschung/programme/zb/Auftragsforschung/5EnergieKlimaBauen/2019/klimaanpassung/endbericht.pdf