Gerüche aus Bauprodukten

Eine junge Frau reicht an langen Glaskolbenzum Vergrößern anklicken
Probandin bei Geruchsbewertung im Labor
Quelle: Hermann-Rietschel-Institut der TU Berlin

Renovieren macht Spaß und die Wohnung schöner. Doch nicht selten schlummern in Bauprodukten – wie Fugendichtstoffe, Lacke und Farben – gefährliche Stoffe. Flüchtige organische Substanzen (VOC) und Gerüche, die aus Bauprodukten ausgasen, können der Gesundheit und somit dem Wohlbefinden der Raumnutzerinnen und Raumnutzer schaden. Daher ist eine gesunde Innenraumluft besonders wichtig.

Inhaltsverzeichnis

 

„Wie riecht´s bei Ihnen?“

Verhalten, Nutzungsgewohnheiten und Materialien oder Produkte, mit denen Gebäude errichtet wurden oder Wohnungen ausgestattet sind, können Quellen für Schadstoffe und Gerüche sein. Um mehr über Gerüche, ihre Ursachen und Wirkungen herauszufinden, führte das Umweltbundesamt eine mehrmonatige internetbasierte Umfrage durch.

Knapp 300 betroffene Personen (min. 59  % Frauen, min. 38 % Männer) antworteten auf die Fragen zu Gerüchen in Wohnungen, Büroräumen und öffentlichen Räumen. Den Teilnehmenden wurden neben Fragen zu Alter und Geschlecht, insgesamt elf Fragen gestellt. Die Befragten sollten u. a. die Art des Gebäudes, in dem es zu einer Geruchsbelastung kam, mögliche Quellen für Gerüche im Innenraum und ihre damit im Zusammenhang stehenden gesundheitlichen Beschwerden benennen. Sie wurden auch zum eigenen Lüftungsverhalten befragt und um die Bewertung der Hedonik (angenehm-unangenehm, Qualität) und der Geruchsintensität (sehr schwach-sehr stark) von Gerüchen gebeten.

 

Ursachen und Wirkung von Gerüchen

Die Auswertung der Umfrage ergab, dass sich 76 % (226) der Teilnehmenden durch Gerüche im Innenraum gestört fühlten. Besonders häufig wurde über Gerüche in Bürogebäuden (40 %) und Mehrfamilienhäusern (32,9 %) geklagt (Abbildung 1). Unabhängig von der Gebäudeart, fühlten sich etwa drei Viertel der knapp 300 Teilnehmenden von Gerüchen betroffen. So beurteilten sie mit überwiegender Mehrheit Gerüche als „sehr unangenehm“ oder „unangenehm“ bzw. „belästigend“. Die Qualität der Gerüche (Hedonik) spielte dabei ein wichtige Rolle: sie war für die Betroffenen viel entscheidender als die Intensität.

Je häufiger ein Geruch wahrgenommen wurde, desto mehr gesundheitliche Beschwerden benannten die befragten Personen: Reizungen der Nase, des Rachens/des Halses, Augenreizungen. Bei andauernder Geruchsbelästigung traten Kopfschmerzen, Benommenheit und Müdigkeit auf (Abbildung 2).

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Als drei wichtigste Quellen für Gerüche benannten Betroffene Bodenbeläge (38 %), Möbel (inklusive Polstermöbel) und Wandfarben/Wände zu je 20 %. In der Umfrage waren mögliche Quellen bereits vorgegeben, neben diesen konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch weitere vermutliche Geruchsquellen benennen und beschreiben. Erwartungsgemäß deckten die genannten Geruchsquellen ein breites Spektrum ab. Zusätzlich zu den Bauprodukten wurden beispielsweise auch Reinigungs- und Waschmittel, Duftstoffe oder Kunststoffe (14 %) benannt.

Die Umfrage hat nicht den Anspruch repräsentativ zu sein, aber die persönlichen Einschätzungen der Befragten sind eine wichtige Quelle für Maßnahmen zur Verbesserung der Situation. Die Umfrage verdeutlicht, dass das Thema der Belästigung durch Gerüche in Wohn- und Büroräumen an Bedeutung gewinnt und hier Handlungsbedarf besteht.

Die Einführung einer sensorischen Prüfung (Geruchsprüfung) in das Beurteilungsschema des Ausschusses zur gesundheitlichen Bewertung von Bauprodukten (AgBB) kann hier einen Beitrag leisten und den Geruchsbelästigungen durch Emissionen aus Bau- und Einrichtungsprodukten vorbeugen.

 

Geruchsarme Bauprodukte

Gerüche im Innenraum lassen sich einfach feststellen. Starkes Lüften kann vorübergehend helfen, zum Beispiel nach einer Renovierung. Allerdings lassen sich viele Gerüche nicht einfach weg lüften und viele Emissionen bemerkt die Nase nicht. Dabei ermöglichen geruchsarme Bauprodukte hygienische Bedingungen im Innenraum und tragen zum Energiesparen bei. Zu emissionsarmen Produkten weist der Blaue Engel den Weg.

Hilfreiche Informationen, Tipps zum Umgang mit Farben, Lacken und anderen Renovierungsprodukten sowie Hinweise zum Umweltzeichen Blauer Engel enthält die Broschüre „Gesund und umweltfreundlich renovieren“. Mit der richtigen Produktwahl lassen sich mögliche Gesundheitsgefahren und Umweltbelastungen auf ein Minimum reduzieren. Geruchsarme Bauprodukte gehören bereits heute zu den Kriterien moderner Gebäudezertifizierungssysteme wie etwa beim Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen für Bundesgebäude.

 

Schema des Ausschusses zur gesundheitlichen Bewertung von Bauprodukten

In Deutschland hat sich zur Bewertung der VOC-Emissionen aus Bauprodukten das Schema des Ausschusses zur gesundheitlichen Bewertung von Bauprodukten (AgBB-Schema) bewährt. Das Bewertungsschema sieht eine sensorische Prüfung und Bewertung zwar für erforderlich an, fordert diese bei der Prüfung aber nicht, da bislang ein einheitliches Messverfahren nicht zur Verfügung stand.

In zwei Forschungsprojekten des UBA haben das Hermann-Rietschel-Institut (HRI) der Technischen Universität Berlin, die Bundesanstalt für Materialforschung und – Prüfung (BAM) und die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen (RWTH Aachen) ein Messverfahren und Bewertungsmaßstäbe entwickelt, die sich für die sensorische Bewertung von Bauprodukten eignen.

Seit 2011 steht mit der neuen Norm DIN ISO 16000-28 „Innenraumluftverunreinigungen“ ein international anerkanntes Messverfahren zur Verfügung.

Praxistest: AgBB-Schema und Blauer Engel

Verfahren zur Messung und Bewertung von Geruchsemissionen werden an verschiedenen Stellen benötigt: bei der Eigenüberwachung der Hersteller, beim Blauen Engel und bei der Bewertung von Bauprodukten.
Heute liegen viele Messungen mit der neuen Methode zum Beispiel an Bodenbelägen, Klebern und Holzwerkstoffen vor. In einer Pilotphase bis 2014 erprobt der AgBB in Zusammenarbeit mit Bauproduktherstellern die sensorische Bewertung von Bauprodukten. Die ersten Blauen Engel für emissionsarme Bauprodukte mit sensorischer Bewertung werden vorbereitet. Besonders in energieeffizienten Gebäuden sind emissions- und geruchsarme Bauprodukte unverzichtbar.

Bauherren und Bauträger können sich auf die freiwillige Kennzeichnung von emissionsarmen Bauprodukten mit dem Blauen Engel verlassen. Die Vergabe erfolgt an Produkte, die anerkannte Labore nach dem AgBB-Bewertungsschema geprüft haben. Die Anforderungen an die Emissionswerte sind allerdings strenger.

 

Ergebnisse des Forschungsprojekts 2011 und Fachveranstaltung 2010

Im März 2010 präsentierte das UBA gemeinsam mit dem HRI, der BAM und der RWTH Aachen auf einer Fachveranstaltung die wichtigsten Ergebnisse des Forschungsvorhabens „Sensorische Bewertung der Emissionen aus Bauprodukten – Integration in die Vergabegrundlagen für den Blauen Engel und das Bewertungsschema des Ausschusses zur Gesundheitlichen Bewertung von Bauprodukten“. Der gleichlautende Forschungsbericht wurde 2011 veröffentlicht.
Auf der Basis umfangreicher Emissionsmessungen von Gerüchen und flüchtigen organischen Verbindungen (VOC) aus Bauprodukten hat das Forschungsteam Bewertungsmaßstäbe entwickelt, die sich für die sensorische Bewertung von Bauprodukten eignen.

 

Forschungsprojekt und Fachveranstaltung 2006

In einem vorangegangenen Forschungsprojekt „Umwelt- und Gesundheitsanforderungen an Bauprodukte – Ermittlung und Bewertung der VOC-Emissionen und geruchlichen Belastungen“ untersuchte die BAM in Kooperation mit dem HRI insgesamt 50 Bauprodukte. Die Wissenschaftler ermittelten die Emissionen aus Dichtmassen, Lacken, Wandfarben, Holzwerkstoffen, Kunstharzfertigputzen, Ausgleichmassen, Gipskartonplatten, Klebstoffen und Wandbelägen und werteten diese nach dem AgBB-Bewertungsschema aus.

Das Projekt hatte das Ziel, das Emissionsverhalten von Bauprodukten zu ermitteln und die national und international angewendeten Prüfmethoden zur VOC-Messung zu testen und zu erweitern, um Bauprodukte nach der Vorgehensweise des AgBB sicher gesundheitlich bewerten zu können. Ein Schwerpunkt lag auf der Entwicklung einer Methodik der Geruchsmessung.

Eines zeigen die Ergebnisse deutlich: Bauprodukte sind gesundheitlich unbedenklicher, als noch vor einigen Jahren. Aber es gibt auch Handlungsbedarf: 14 Produkte, vorwiegend Dichtungsmassen und Kunstharzfertigputze, überschritten die Anforderungen des AgBB.
Das tatsächliche Emissionsverhalten verschiedener Produktgruppen ist seit den Ergebnissen des Forschungsprojektes 2006 bekannt und kann ausreichend beschrieben werden. Auch für die sensorische Bewertung steht seither ein geeignetes Messverfahren zur Verfügung. Im Folgeprojekt 2010 hat das Umweltbundesamt das Messverfahren anhand ausgewählter Produktgruppen durch das HRI und die BAM ausreichend erproben lassen, um Anforderungen zur Bewertung von Gerüchen festzulegen.

Das Messverfahren und die weiteren Untersuchungsergebnisse wurden auf einer Fachveranstaltung im September 2006 in Berlin präsentiert. Die Folien der Vorträge können auf der Homepage des Hermann-Rietschel-Instituts heruntergeladen werden.
Auf Basis der Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt ist eine umfangreiche Broschüre entstanden, die Informationen für beabsichtigte Bau- oder Renovierungsmaßnahmen enthält und ausführliche Hinweise, worauf man beim Einkauf achten sollte. Die Broschüre informiert über Emissionen aus Bauprodukten und richtet sich an Heimwerker, Architekten und Bauingenieure, aber auch an Beschäftigte in Gesundheits-, Bauaufsichts- und Umweltbehörden.