Risiken von durch natürliche Gefahrenquellen ausgelösten Unfällen erfordern ein spezielles Management (Natech Risk Management)
Das Risikomanagement von durch natürliche Gefahrenquellen ausgelösten technischen (hier „chemischen“) Unfällen (Natechs) unterscheidet sich von dem für andere chemische Unfälle. Natech-Risiken haben bestimmte Eigenschaften, die sie von anderen chemischen Unfallrisiken unterscheiden. Einige davon sind:
- Die Auslösung, der Verlauf und die Folgen von Natechs können durch “konventionelle” Szenarien chemischer Unfälle, wie sie für die Konstruktion und Auslegung von Anlagen, in denen gefährliche Stoffe vorhanden sind oder sein können, üblicherweise genutzt werden, nicht abgedeckt sein.
- Das Natech-Risikomanagement benötigt die Beteiligung von Expertinnen und Experten für Naturgefahren, etwa aus der Meteorologie, Hydrologie und Geologie, und in vielen Fällen aus dem Wasserbau- und Bauingenieurwesen; die Kompetenz dieser Fachleute muss in das Risikomanagement für “chemische” Anlagen integriert werden, was eine intensive Kooperation mit den Fachleuten für Anlagensicherheit erfordert.
- Auch nicht extreme Naturgefahren haben das Potenzial, Natechs zu verursachen.
- Der Klimawandel kann Häufigkeiten und Intensitäten von Naturgefahren ändern. Er kann verursachen, dass Arten von Naturgefahren an Orten eintreten, an denen sie bislang nicht beobachtet wurden. Auch die Relevanz von Gefahrenquellen kann zunehmen, wie etwa die des Anstiegs des Meeresspiegels. Insgesamt kann er viele neue Entwicklungen verursachen, die zur Überschreitung etablierter Auslegungskriterien für Anlagen, in denen gefährliche Stoffe vorhanden sind oder sein können, führen.
- Naturgefahren können auf mehrere Anlagen gleichzeitig einwirken; sie können dadurch Serien von Natechs verursachen.
- Naturgefahren können kaskadenartige Unfallabläufe verursachen; z.B. kann ein Erdbeben einen Tsunami auslösen oder ein Natech einen anderen.
- Im Fall von Naturkatastrophen wird die Verletzlichkeit der Bevölkerung erhöht sein; ein Natech in derartigen Situationen wird schwerwiegendere Folgen haben als ein “chemischer Unfall” zu anderer Zeit.
- Während Naturgefahren oder Naturkatastrophen werden Einsatzkräfte dadurch gebunden sein, vorrangig deren Folgen für die Bevölkerung zu mindern; daher werden sie und ihre Ressourcen zur Minderung der Auswirkungen ausgelöster “chemischer Unfälle” nur eingeschränkt zur Verfügung stehen.
Natech-Risikomanagement wird daher auch Vorkehrungen und Maßnahmen bedürfen, die üblicherweise im Sicherheitsmanagement von „Chemieunfällen“ nicht enthalten sind.
Weiter zeigen Klimaprojektionen für einige Naturgefahren, dass ihre Häufigkeiten und in einigen Fällen ihre Intensitäten in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zunehmen werden. Folgerichtig werden die Risiken von Natechs zunehmen.
Daher sollten Natechs mehr Aufmerksamkeit in Politik, Regelsetzung, Anlagenbetrieb, Behörden und Wissenschaft genießen. Es ist erforderlich, Natech-Risiken explizit in Programme zur Verhinderung, Bereitschaft für den Fall und Bekämpfung von „Chemieunfällen“ aufzunehmen.