Risiken für die Umwelt

Bergbauliche Vorhaben am Tiefseeboden können erhebliche Umweltauswirkungen haben, erstens die Zerstörung der Lebensräume durch „Entnahme“ der mineralischen Rohstoffe, zweitens durch aufgewirbeltes Sediment beim Abbau und drittens durch die Wiedereinleitung von Produktionswasser in die Wassersäule.

Die Legal and Technical Commission (LTC) arbeitet derzeit an Umweltstandards. Die Festlegung von überprüfbaren Indikatoren und Grenzwerten zum Schutz der empfindlichen Arten der Tiefsee und ihrer Lebensräume ist unabdingbar, bisher jedoch nicht erfolgt.

Die Ökosysteme am Tiefseeboden sind sehr empfindlich. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass die betroffenen Ökosysteme der Tiefsee bereits durch geringfügige Störungen erheblich beeinträchtigt werden können. Diese Schäden sind zum Teil irreversibel. Insbesondere das Vorkommen langlebiger und langsam wachsender Organismen macht gerade die Lebensräume der Tiefsee besonders anfällig für äußere Eingriffe. Neue wissenschaftliche Untersuchungen belegen ferner, dass sich auch kleinskalig gestörte benthische  Lebensräume – wenn überhaupt - nur über Jahrhunderte erholen.

Die schädlichen Umweltauswirkungen der Abbauvorhaben ergeben sich u.a. aus der Entnahme des Hartsubstrats vom Tiefseeboden. Hierdurch werden nicht nur vielzählige Bodenlebewesen, sondern auch der gesamte Lebensraum der dort vorkommenden Arten entfernt. Das betrifft im Fall der Manganknollen nicht nur Organismen , die auf und zwischen den Knollen leben (z.B. Schwämme, stockbildende Polypen, Krebstiere, Muscheln, Ringelwürmer, Schnecken oder Fische), sondern auch die, die darin eingebettet sind. Entgegen der früheren Vorstellungen von einer recht monotonen Tiefsee, sind insbesondere die Lebensräume und Arten einzigartig. Sie gingen bei der Entnahme unwiederbringlich verloren.

Mit dem Rohstoffabbau breitet sich eine feinpartikuläre Sedimentwolke in der Wassersäule aus und wird in Abhängigkeit von der Menge, dem Strömungsverhalten und der Dauer des Eintrags verteilt. Dies führt entweder zum Tod durch Ersticken, wenn der Niederschlag am Boden zu dick ist, bzw. beeinträchtigt z.B. die Nahrungsaufnahme und Kommunikation der Boden- und Wassersäulentierwelt. Schlammwolken in den belichteten oberen Wasserschichten beeinträchtigen das dortige Phytoplankton, welches als Basis der Nahrungsnetze und ⁠CO2⁠-Binder sehr wichtige Beiträge liefert.

Nach bisherigen Tests zur Erprobung des Abbauequipments wäre, abhängig von der Abbautechnik, mit Sedimenteinträgen von mehreren hundert Tonnen in der Stunde zu rechnen. Je nach ⁠Korngröße⁠, Wassertiefe und Strömungsregime könnten diese Sedimente bis zu 100 Jahre in der Wassersäule präsent sein und verdriftet werden.

Eine dritte Form negativer Umweltbeeinträchtigungen ergibt sich aus der Einleitung von „Produktionswasser“, das nach der Erstbearbeitung der Erze auf den Schiffen anfällt. Die möglichen Umweltbeeinträchtigungen hängen von der Verunreinigung des Produktionswassers und dem Ort der Einleitung (am Meeresboden oder in der Wassersäule) ab. Ferner kann es zu Beeinträchtigungen durch Licht und Lärm kommen.

Es gibt Stimmen, die diese Umweltbeeinträchtigungen als hinnehmbar ansehen, solange nur ein „kleiner Teil“ des Tiefseebodens insgesamt vom Abbau betroffen ist (so der Generalsekretär der IMB, Michael Lodge auf mehreren Veranstaltungen). Doch bislang ist keine räumliche Begrenzung der Explorations- und Abbauvorhaben vorgesehen, noch existieren Vorgaben an die Zahl der Vorhaben. Außerdem betrifft der Abbau im Gebiet in der Regel die ökologisch besonders wertvollen Bereiche des Tiefseebodens, da z.B. Gebiete mit hoher Knollendichte häufig über eine besonders hohe ⁠Biodiversität⁠ verfügen.

Um einen effektiven Schutz der Ökosysteme im Meer und am Tiefseeboden sicherzustellen, bedarf es geeigneter Bewertungskriterien (z.B. Indikatoren oder Umweltqualitätsnormen), die auch die gegebenen Unsicherheiten berücksichtigen und daher dem Vorsorgegrundsatz verpflichtet sein müssen. Solche Bewertungskriterien liegen derzeit nicht vor.

Das Umweltbundesamt hat ein Forschungsvorhaben beauftragt mit dem Ziel, wissenschaftlich fundierte Konzepte zu erarbeiten, die in den Beratungen zur Entwicklung von Vorschriften, Standards und Richtlinien für das Umweltmanagement der IMB eingesetzt werden können.  Wichtigster Aspekt ist hierbei die praktische Umsetzung des Ökosystemansatzes und des Vorsorgeprinzips.

Eine kontinuierliche Überwachung der Effekte der bergbaulichen Aktivitäten auf die Meeresökosysteme ist ebenso von hoher Bedeutung. Die Aufgabe der Überwachung könnte entweder von der Internationalen Meeresbodenbehörde oder vom jeweiligen „Sponsoring State“ (das sind die jeweiligen Staaten, die einzelne Vorhaben unterstützen) geleistet werden. Bisher fehlen Konzepte für die Überwachung der Einhaltung der Umweltanforderungen und deren Finanzierung. Daneben bedarf es eines Systems, die Effekte auf die Meeresökosysteme der Region kontinuierlich zu beobachten.

Die IMB Vertragsstaaten verhandeln derzeit erste Umweltstandards.

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 Tiefseeboden  Ökosysteme der Tiefsee  Umweltstandards