Chemischer Zustand der Fließgewässer

Die Europäische Wasserrahmenrichtlinie definiert den chemischen Zustand von Gewässern über die Einhaltung von Umweltqualitätsnormen für ausgewählte Chemikalien. In deutschen Flüssen und Bächen werden die Normen für Quecksilber und polybromierte Diphenylether (BDE) in Fischen sehr häufig überschritten. Auch die Konzentrationen von Pestiziden und anderen langlebigen Chemikalien sind zu hoch.

Inhaltsverzeichnis

 

Der chemische Zustand der Gewässer

Die Europäische ⁠Wasserrahmenrichtlinie⁠ fordert von den Mitgliedstaaten, den chemischen und den ökologischen Zustand der Gewässer zu bewerten. Die Bewertung erfolgt auf Basis der EG-UQN-Richtlinie (2008/105/EG, geändert mit 2013/39/EU), die für die EU-Wasserpolitik Umweltqualitätsnormen (UQN) für Stoffe und Stoffgruppen festlegt, die in allen Staaten der EU gültig sind. Weitere Erläuterungen enthält die Seite „Flüsse – Chemische Qualitätsanforderungen und Bewertung“. Die Stoffe und ihre Normen sind in der Oberflächengewässerverordnung (Anlage 8) gelistet. Wird eine der Umweltqualitätsnormen nicht eingehalten, wird der chemische Zustand des Wasserkörpers (s. ökologischer Zustand) als „nicht gut“ eingestuft. Werden alle Umweltqualitätsnormen eingehalten, ist der chemische Zustand als „gut“ zu bewerten. Einen Überblick über die Bewertungsergebnisse enthält die Seite „Flüsse – Zustand“.

Für einige dieser Stoffe treten schon heute keine Überschreitungen der Umweltqualitätsnormen mehr auf. Aber immer wieder bereiten Chemikalien Probleme in den Gewässern. Deshalb wird die Überwachungsliste regelmäßig angepasst. Da es auch teilweise neue Erkenntnisse zum Gewässergefährdungspotenzial gibt, werden Umweltqualitätsnormen regelmäßig überprüft und geändert.

2013 wurden in der Umweltqualitätsnormrichtlinie für einige Stoffe die Vorgaben geändert und für weitere Stoffe Normen festgelegt. Dadurch ergeben sich verschiedenen Anforderungen:

  • Stoffe, deren Umweltqualitätsnormen seit 2008 unverändert sind, müssen bis 2015 die Normen einhalten,
  • Stoffe, deren Normen 2013 geändert wurden, müssen diese bis 2021 einhalten und
  • Stoffe, die erstmals 2013 in die Richtlinie aufgenommen wurden müssen die Normen bis 2027 erreichen.

Bei Überschreitung der ⁠Umweltqualitätsnorm⁠ sind durch die Bundesländer Maßnahmen zu ergreifen um den Eintrag des Stoffes zu reduzieren. Die Frist zur Zielerreichung kann zweimal um je sechs Jahre verlängert werden.

Die Einstufung der ⁠Wasserkörper⁠ in „gut“/ „nicht gut“ wird in der Karte des chemischen Zustands verdeutlicht. Unter den geregelten Stoffen gibt es Stoffe, deren Konzentrationen in sehr vielen Wasserkörpern die Umweltqualitätsnorm überschreiten. Da diese Stoffe die Einstufung dominieren, werden diese Stoffe in der Karte zum chemischen Zustand und bei den Vorgaben für das Messen der Stoffe oft separat betrachtet. Die Zustandsbewertung ist davon unabhängig - und bleibt „nicht gut“.   

Die Karte zeigt alle Oberflächengewässer rot eingefärbt. Rot bedeutet der chemische Zustand wird mit „nicht gut“ bewertet.
Karte: Chemischer Zustand der Oberflächengewässer in Deutschland
Quelle: Umweltbundesamt Karte als PNG
 

Umweltqualitätsnormen für den chemischen Zustand

In unseren Gewässern wird eine Vielzahl von Stoffen mit chemisch-analytischen Verfahren gemessen. Dazu gehören Metalle, ⁠Pestizide⁠ (Pflanzenschutzmittel, Biozide) und weitere Chemikalien, die als solche, in Gemischen und Erzeugnissen eingesetzt werden. Die EU hat mit der EG-UQN-Richtlinie Umweltqualitätsnormen für insgesamt 50 Stoffe und Stoffgruppen vereinbart, die den chemischen Zustand des Gewässers definieren und Überwachungsanforderungen festgelegt. Damit soll gewährleistet werden, dass Pflanzen und Tiere in Flüssen, Seen und Küstengewässern nicht geschädigt werden und keine Anreicherung oder Vergiftung über die Nahrungsnetze bis hin zu Vögeln und zum Menschen erfolgt. Die Kriterien der Ableitung der Normen sind vereinheitlicht und in einer Leitlinie der gemeinsamen Umsetzungsstrategie der EU zur ⁠Wasserrahmenrichtlinie⁠ niedergelegt.

Viele der Stoffe des chemischen Zustands sind auch stoffrechtlich geregelt. So gehören 15 Chemikalien und Pestizide zu den persistenten organischen Schadstoffen (Persistent Organic Pollutants - POPs), deren Herstellung und Verwendung weltweit verboten oder stark eingeschränkt ist (siehe „Chemische Qualitätsanforderungen und Bewertung“), weitere sind durch die EU-Chemikalienverordnung ⁠REACH⁠ und das Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel und Biozide geregelt.

 

Ergebnis der Zustandsbewertung

Die meisten der seit 2008 europaweit überwachten Stoffe kommen in Deutschland nur noch in einigen Gewässerabschnitten in Konzentrationen oberhalb der Umweltqualitätsnormen vor. Doch für Quecksilber und polybromierte Diphenylether (BDE) überschreiten die gemessenen Konzentrationen in Fischen in allen überwachten Gewässern die Umweltqualitätsnormen. Deshalb ist der chemische Zustand aller deutschen Oberflächengewässer „nicht gut“ (siehe Karte “Chemischer Zustand der Oberflächengewässer“). Die ⁠Umweltqualitätsnorm⁠ für Quecksilber wurde zum Schutz von Vögeln und Säugetieren, die sich von Fisch ernähren (zum Beispiel Fischadler, Fischotter) abgeleitet. Für die Umweltqualitätsnormen für BDE und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (⁠PAK⁠) ist der Schutz der menschlichen Gesundheit beim Verzehr von Fischereierzeugnissen maßgeblich. Messstellenbezogene Auswertungen der Stoffe des chemischen Zustands und der Stoffe mit einer nationalen Umweltqualitätsnorm sind den Fachthemenseiten zu entnehmen.

Die Abbildung „Überschreitung der UQN ausgewählter in Fließgewässern“ zeigt die Auswertung des chemischen Zustands der ⁠Wasserkörper⁠ der deutschen Fließgewässer für die Stoffe, die seit 2008 mit unveränderten Normen überwacht werden ohne das dominierende Quecksilber. Für alle anderen dieser Stoffe wurden im Zeitraum 2016 bis 2019 nur in 4 % von rund 8950 Wasserkörpern die Umweltqualitätsnormen überschritten (siehe Karte „Überschreitung der UQN der Stoffe mit unveränderter UQN (ohne Quecksilber) in Fließgewässern“). Für einige Messstellen liegen die aktuellen Daten (Stand Mai 2021) noch nicht vor. Um den chemischen Zustand generell zu verbessern, sind also gezielte Maßnahmen zur Reduzierung der Quecksilbereinträge erforderlich.

Die Umweltqualitätsnormen für ⁠PAK⁠, BDE, Blei und Nickel wurden 2013 geändert. Für die PAK werden derzeit die Normen für die Konzentrationen im Wasser häufig überschritten. Auch für Blei und Nickel liegen die Konzentrationen in einigen Gewässern über der Norm.

Für die neu geregelten 12 Stoffe wurden die Untersuchungen erst begonnen. Erste Ergebnisse zeigen, dass die Umweltqualitätsnormen für Perfluoroktansulfonsäure (⁠PFOS⁠), Heptachlor/-epoxid, Bifenox, Cybutryn, Cypermethrin, Dichlorvos und Terbutryn häufig überschritten werden. Eher vereinzelt werden die Normen für Aclonifen, ⁠Dioxine⁠ und Hexabromcyclododecan überschritten.

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Regionale Belastungsgebiete

Auch regional sind Belastungsgebiete erkennbar. So werden erhöhte Konzentrationen von Pflanzenschutzmittelwirkstoffen vor allem in kleineren Gewässern im ländlichen Raum gemessen. Normüberschreitungen für Metalle treten besonders in den Gewässern mit Einträgen aus dem Altbergbau auf. Überschreitungen der Umweltqualitätsnormen der anderen Chemikalien sind überwiegend in Gewässern in industriellen Ballungsgebieten festzustellen. Diese Daten zeigen neben den Problemregionen, dass es kaum allgemeingültige Lösungen gibt und bei den Minderungsmaßnahmen regional differenziert werden muss.