Gefährdung der arktischen Umwelt

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Verrosteter Schrott und andere Überbleibsel menschlicher Aktivitäten auf Franz-Josef-Land
Quelle: Vladimir Melnik / Fotolia

Schädigende Einflüsse auf die arktische Umwelt haben sowohl lokale als auch globale Ursachen. Hier stehen der Mensch und sein Handeln im Vordergrund, das vielfältige Auswirkungen auf das sensible Ökosystem im hohen Norden hat. Oftmals müssen in der Arktis wirtschaftliche Interessen gegen Umweltschutzaspekte abgewogen werden.

Inhaltsverzeichnis

 

Modellgebiet Arktis

Die Arktis ist eine Region, die sehr sensibel auf Veränderungen reagiert. Vor allem menschliche Aktivitäten – sowohl in der Arktis selbst, als auch in anderen Regionen der Welt – gefährden den natürlichen Zustand der Arktis und können die Umwelt langfristig schädigen. Im Zuge des fortschreitenden, menschgemachten Klimawandels ist die Arktis zu einem Modellgebiet geworden: Die Auswirkungen der Temperaturerhöhung in der Atmosphäre und im Meer machen sich bereits unmittelbar durch den Rückgang der Eisbedeckung bemerkbar.

 

Mehr Schiffsverkehr bedeutet größere Gefahren

Wenn das Eis verschwindet, kommen die Schiffe: Der Rückgang der Eisbedeckung auf dem Nordpolarmeer macht Gebiete und Passagen schiffbar, die bisher für die Schifffahrt nicht zugänglich waren. Sowohl die Nordostpassage (entlang der russischen Arktisküste) als auch die Nordwestpassage (entlang der kanadischen Arktisküste) verkürzen traditionelle Seewege von Europa oder Amerika nach Asien erheblich. Die beiden Seewege haben daher großes wirtschaftliches Potential. Auch der boomende Tourismussektor sorgt für einen Anstieg des Schiffsverkehrs im sensiblen Ökosystem

Doch mit einem erhöhten Seetransport in der Arktis steigen auch die potentiellen Gefahren für die Umwelt. Schiffsabgase verstärken die Luftverschmutzung, Rußpartikel, sogenannter Black Carbon, lagern sich ab - in großen Mengen färben sie die Oberfläche des Eises schwarz und vermindern so die Rückstrahlfähigkeit (Albedo) des Eises, wodurch es noch schneller abschmilzt.

Abfälle und Abwasser aus dem Schiffsbetrieb werden in das Meer abgegeben und durch die extremen klimatischen Bedingungen nur sehr langsam abgebaut. Der Schiffsbetrieb selbst verursacht Lärm und kann sich beispielsweise schädlich auf marine Säugetiere – wie Wale und Robben – auswirken. Über das Ballastwasser oder Frachtgut besteht die Gefahr, dass nicht-heimische oder gar invasive Arten ihren Weg in den Arktischen Ozean finden und heimische Arten verdrängen. Nicht zuletzt steigt durch einen vermehrten Schiffsverkehr auch das Risiko für Unfälle und Havarien mit kaum abzuschätzenden Folgen: Rettungs- und Säuberungsmaßnahmen sind in dieser Region kompliziert und kostspielig, oft mangelt es an der notwendigen Infrastruktur. Insbesondere während der langen Winterzeit herrschen so extreme Wetterbedingungen, dass es gar keine Möglichkeit gibt, im Notfall umgehend aktiv zu werden.

 

Rohstoffreichtum - Segen und Fluch

Die Ausbeutung natürlicher Rohstoffe - insbesondere die Erdöl- und Erdgasförderung - gehen auch in weniger sensiblen Gebieten der Welt mit einer Gefährdung der unmittelbaren Umwelt einher. Die Arktis als Region voller Extreme ist in dieser Hinsicht noch weitaus sensibler. Ganz zu schweigen davon, dass der weitere Verbrauch fossiler Brennstoffe auch den Klimawandel vorantreibt und die arktische Umwelt weiter verändert. Schon jetzt stehen die meisten Infrastrukturmaßnahmen in der Arktis in Zusammenhang mit der industriellen Förderung von natürlichen Ressourcen. Das Gefahrenpotential in diesem Sektor ist enorm: Bergbau, Bohrungen, notwendiger Infrastrukturausbau und die stets präsente Gefahr einer Havarie bedrohen das Ökosystem. Von Luft-, Boden- und Wasserverschmutzung sind auch die in der Arktis lebenden Menschen betroffen, obwohl die industrielle Erschließung für die Bevölkerung auch soziale Vorteile und Arbeitsperspektiven birgt.

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Fischbestände im Nordpolarmeer

Zu den natürlichen Ressourcen zählen auch die Fischbestände des Nordpolarmeeres. Im Arktischen Ozean selbst spielt die kommerzielle Fischerei gegenwärtig eher eine untergeordnete Rolle, da in eisbedeckten Gebieten nicht gefischt werden kann. Die wichtigsten Fischgründe der Arktis befinden sich daher in den angrenzenden Meeren – besonders im Nordostatlantik – wobei in einigen dieser Gebiete Überfischung bereits seit langem ein Problem darstellt. Bedingt durch den Klimawandel und den Rückgang des Eises wird der Arktische Ozean für die Fischfangflotten zunehmend attraktiver. Die Fischereischiffe tragen bereits jetzt stark zu den oben beschriebenen Umweltproblemen (Lärm, Luftverschmutzung, Abfälle und Abwässer) bei und würden diese bei zunehmender Nutzung weiter verschlimmern. Ein zusätzlicher negativer Nebeneffekt der Fischereigeräte ist die Zerstörung von bisher unberührten Ökosystemen und regionalen Besonderheiten wie Kaltwasser-Korallenriffen.

 

Polartourismus - wirklich nachhaltig?

Der wachsende Wirtschaftssektor Tourismus birgt ebenfalls unerwünschte Nebenwirkungen. Beispielsweise sorgt die Anreise der meisten Besucher per Schiff oder Flugzeug für eine erhöhte Schadstoffbelastung in der Arktis. An Orten mit Vorkommen von Vogelkolonien, Meeressäugern und anderen Naturattraktionen kommt es häufig zu einer starken Konzentration der Touristenströme und somit zu einer Störung der heimischen Ökosysteme. Gerade die arktische Vegetation ist meist nicht in der Lage, dieser Belastung Stand zu halten oder sich zeitnah zu regenerieren. Tiere werden bei der Nahrungssuche, Fortpflanzung und Jungenaufzucht teils erheblich gestört. Die Fußabdrücke der Touristen sind ebenso kritisch zu betrachten wie die möglicherweise entstehenden Konflikte mit der einheimischen Bevölkerung.

 

Globale Umweltverschmutzung trifft besonders die Arktis

Luft- und Meeresverschmutzung macht nicht an Landesgrenzen Halt. Meeresströmungen, besondere Windmuster und damit verbunden auch Niederschläge tragen Schadstoffe, die eigentlich viel weiter im Süden entstanden sind, bis in die Arktis. Über Nordwinde im Atlantik gelangt beispielsweise mit Schwermetallen, Rußpartikeln und säurebildenden Gasen angereicherte Luft aus Europa binnen weniger Tage in die Arktis. Das kalte Klima ist für den Abbau toxischer Substanzen hinderlich. Schadstoffe, die außerhalb der Arktisregion erzeugt wurden, führen in der Arktis selbst zu gesundheitlichen Schäden bei Menschen und Tieren, tragen zur Versauerung von Böden und Gewässern bei und beschleunigen zusätzlich den Klimawandel.

 

Apropos Klimawandel

Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse des Weltklimarates (engl.: Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) bestätigen für das vergangene Jahrhundert, einen im weltweiten Vergleich besonders starken Temperaturanstieg in der Arktis. Dieser ist durch anthropogene Treibhausgasemissionen und deren Folgen verursacht. Eine weithin sichtbare und gravierende Auswirkung des Temperaturanstieges ist das Abschmelzen der arktischen Eismassen. Laut IPCC nahm die Ausdehnung des arktischen Meereises in den letzten 100 Jahren um zwei Prozent pro Jahrzehnt ab. Für die Zukunft wird prognostiziert, dass sich das Meereis im arktischen Sommer bis zum Jahr 2100 komplett zurückgebildet haben wird. (Weitere Informationen zum Klima der Arktis finden sie hier)

Durch den Rückgang des Packeises verlieren nicht nur die Eisbären, sondern auch Robben ihren Lebensraum und ihre Nahrungsgrundlage. In arktischen Gebieten kommen einige der größten Seevogelpopulationen der Erde vor, die von den klimatischen Veränderungen beeinflusst werden. Auch für die auf das Meereis angewiesene Dickschnabellumme wird ein Rückgang der Populationsgröße auf das Abschmelzen des Eises zurückgeführt. Besonders angepasste Vögel, die in der Hocharktis brüten können durch Arten verdrängt werden, die sich durch die Erwärmung langsam von Süden nach Norden ausbreiten.   Konkurrenz um Nahrung und Nistplätze wie auch die Einschleppung von Krankheiten und Parasiten können Gründe für Veränderung der biologischen Vielfalt sein. 

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei den  Fischbeständen. Es wird angenommen, dass höhere Wassertemperaturen, die geringere Eisbedeckung, mehr Niederschläge und Ozeanversauerung die marine Fauna in Wachstum, Gesundheit und Laichverhalten beeinträchtigt.

Ein Anstieg des Meeresspiegels durch geschmolzene Gletscher und Eiskappen der Pole war schon in den letzten Jahren nachweisbar und könnte sich in den nächsten hundert Jahren weiter erhöhen Dadurch käme es global vor allem in Küstenregionen für Ökosysteme und die Infrastruktur zu gravierenden Problemen. Zudem wird durch den Eintrag des geschmolzenen Süßwassers der Salzgehalt des Meerwassers verringert. Der Nordatlantikstrom – eine warme Meeresströmung, die den Golfstrom nordöstlich bis nach Europa verlängert und dadurch für ein warmes Klima sorgt – kann sich durch den Klimawandel signifikant ändern, was sich schlussendlich auf die Temperaturen in Europa auswirken wird.

Permafrostböden sind in der Arktis weit verbreitet und bilden ein großes Lager für Biomasse und somit Kohlenstoffvorräte (ca. 25% des Bodenkohlenstoffs). Das Auftauen dieser Böden gefährdet nicht nur die lokale Infrastruktur (Transportwege, Häfen und Gebäude) und Lebensräume, sondern erhöht zusätzlich den Ausstoß der klimarelevanten Gase Kohlenstoffdioxid und Methan und beschleunigt so die weltweite Erwärmung der Atmosphäre. Nahezu alle biologischen Prozesse in der Arktis werden durch die extremen Temperaturen und den Permafrostboden bestimmt. Durch die Freigabe von Pflanzennährstoffen aus auftauenden Permafrostböden in Kombination mit atmosphärischem Kohlenstoffdioxid würde das Pflanzenwachstum stark angekurbelt werden. Gleichzeitig ändert sich die Zusammensetzung der Pflanzengemeinschaft durch neue Arten, die Verdrängung arktischer Vegetation und die Verschiebung der Baumgrenze.