Etwa die Hälfte (46 Prozent) der Siedlungs- und Verkehrsflächen ist versiegelt, das heißt mit Gebäuden oder Anlagen bebaut oder für Fahrbahnen, Parkplätze und Gehwege asphaltiert, betoniert, gepflastert oder verdichtet und anderweitig befestigt. Die Böden verlieren dadurch ihre Fähigkeit, Wasser versickern zu lassen oder zu speichern, was bei Starkregen das Risiko von Überflutungen erhöhen kann. Die Flächen verlieren auch ihre Funktionen für das Kleinklima und können im Sommer die Überhitzung in Städten nicht lindern. Die Versiegelung von Böden zerstört zudem die natürliche Bodenfruchtbarkeit, die sich erst in langen Zeiträumen wieder herstellen lässt.
Daneben hat Zersiedelung weitere direkte und indirekte Umweltfolgen wie:
- Erzeugung von Verkehr mit Kraftstoffverbrauch und Belastungen durch Lärm und Abgase, mehr Staus und der Notwendigkeit die Verkehrswege weiter auszubauen, was wiederum die Zersiedelung erleichtern kann (Teufelskreis),
- erhöhter Energieverbrauch für Heizung, Kühlung und Beleuchtung zusätzlicher Gebäude mit der Folge zusätzlicher klimaschädlicher Kohlendioxid (CO2)-Emissionen,
- weitere Treibhausgasfreisetzungen, die im Bereich Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft (LULUCF) während der Baumaßnahmen aufgrund des Verlusts von Kohlenstoffvorräten im Boden durch das Abschieben und Auskoffern in der Vegetation verursacht werden. Die Größenordnung dieser Klimawirkung kann durch ein einfaches Rechentool (Testversion) abgeschätzt werden.
- höherer Materialverbrauch für die Instandhaltung und Erneuerung von immer mehr Gebäuden und Infrastrukturen und Anstieg damit verbundener Umweltbelastungen,
- Unterstützung des Trends zu immer material- und energieaufwendigeren Wirtschaftsweisen und Lebensstilen,
- Verlust landwirtschaftlicher Flächen und fruchtbarer Böden als Ressource für die Produktion von Nahrungs- und Futtermitteln, Energiepflanzen und nachwachsenden Rohstoffen.
Ökonomische, soziale und städtebauliche Auswirkungen
Auch aus ökonomischer Sicht ist die Fortsetzung der Zersiedelung unvernünftig. Denn wenn die Bevölkerungszahl in Deutschland stagniert oder gar schrumpft, bedeutet die ständige Ausweitung der Siedlungs- und Verkehrsflächen wachsende Kosten pro Kopf der Bevölkerung für die Wartung und Instandhaltung der existierenden Gebäude und Infrastrukturen.
Ökonomisch solider wäre es, alle Anstrengungen auf den Erhalt, die Ertüchtigung und die Pflege des Bestehenden zu richten, anstatt die Bestände weiter auszuweiten. Schon heute gibt es einen enormen Wartungs- und Reparaturstau bei öffentlichen Gebäuden, Straßen, Brücken, Schienenwegen sowie bei Fahrzeugen und Signaltechnik des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs, der dringend beseitigt werden müsste. Und auch im privaten Gebäudebestand ist es aus volkswirtschaftlicher Sicht vordringlich, die energetische Sanierung voranzutreiben anstatt zusätzliche Gebäude zu errichten.
In Regionen, in denen die Bevölkerungszahl wegen des demographischen Wandels sinkt, ist es außerdem unumgänglich, durch Stadtumbau nicht mehr benötigte Gebäudebe vom Markt zu nehmen, um angemessene Mieten zu erhalten und die Immobilienpreise zu stützen. Gelingt dies nicht und setzt sich der Verfall der Mieten und Immobilienpreise fort, so wird damit nicht nur die Altersvorsorge von privaten Hauseigentümern gefährdet sondern auch die Kreditwürdigkeit von Wohnungsbaugenossenschaften und Gewerbetreibenden. Dies wiederum erschwert es ihnen, dringende betriebliche Investitionen vorzunehmen. Neubaumaßnahmen, die zusätzlichen Wohn- oder Gewerberaum schaffen, sind in dieser Marktlage kontraproduktiv.
Zersiedelung hat auch negative Auswirkungen auf den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft. In Neubaugebiete ziehen vor allem Haushalte, die sich hohe Mieten oder die Kaufpreise für Eigenheime leisten können. Einkommensschwache und oft zugleich auch bildungsferne Haushalte bleiben in den preiswerteren älteren Quartieren zurück. Kommt es durch massiven Neubau zu einer starken Entmischung der Bevölkerung – wie in den 1990er Jahren – entstehen Problemquartiere, in denen dann vor allem die Bildungschancen der Kinder und Jugendlichen stark beeinträchtigt sind.
Aus städtebaulicher Sicht leiden inzwischen nicht nur die meisten Kernstädte sondern auch viele ländliche Gemeinden unter einem zunehmenden Zerfall der gewachsenen Ortskerne, während an den Rändern die Neubaugebiete wuchern. Auch die Gemeindefinanzen leiden, wenn Straßen und Infrastrukturen im Ortskern unterhalten werden müssen, die ungenutzte Bausubstanz aber keine Steuerzahler beherbergt. Um die „Kernfäule“ zu stoppen und wieder Leben in die Zentren zu bringen sowie die Grundstücke und Gebäude in Wert zu setzen, gilt es zuerst die weitere Zersiedelung zu beenden. Angesichts der interkommunalen Konkurrenz ist es hilfreich, wenn die Regional- und Landesplanung die Kommunen beim Flächensparen unterstützt, indem sie bindende Vorgaben zur Menge der zulässigen Siedlungsentwicklung macht und Innenentwicklung sowie die interkommunale Kooperation auch mit Fördermitteln unterstützt.
Die Brisanz dieser Entwicklung wird durch den demographischen Wandel in vielen Regionen verstärkt.