BAU-I-4: Starkregen im Siedlungsbereich

Das Bild zeigt den Blick auf eine Gruppe älterer mehrgeschossiger Gebäude und einige Bäume, die man durch einen gerade herabgehenden Starkregen kaum mehr erkennen kann.zum Vergrößern anklicken
Sturzfluten infolge von Starkregen können eine erhebliche Bedrohung für Siedlungen darstellen.
Quelle: Tom Bayer / stock.adobe.com

Monitoringbericht 2019 zur Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel

Inhaltsverzeichnis

 

BAU-I-4: Starkregen im Siedlungsbereich

Im Jahr 2002 war die hohe Zahl an Stunden mit ⁠Starkregen⁠ im Süden und Osten Deutschlands eine Ursache für die Hochwasserkatastrophen an Donau und Elbe. Hohe Schäden können aber auch schon bei einer deutlich geringeren Betroffenheit entstehen. Für das Jahr 2016 werden die versicherten Schäden, die durch Starkregen verursacht wurden, auf knapp 1 Milliarde Euro beziffert.

Die Stapelsäulen-Grafik zeigt den prozentualen Anteil der Siedlungsfläche mit Überschreitung der Starkregen-Warnstufe 3 (Unwetter) nach der Anzahl von Stunden. Es werden sechs Kategorien abgebildet: 0 Stunden, 1 bis 3 Stunden, mehr als 3 bis 6 Stunden, mehr als 6 bis 12 Stunden, mehr als 12 bis 24 Stunden, über 24 Stunden.
BAU-I-4: Starkregen im Siedlungsbereich

Die Stapelsäulen-Grafik zeigt den prozentualen Anteil der Siedlungsfläche mit Überschreitung der Starkregen-Warnstufe 3 (Unwetter) nach der Anzahl von Stunden. Es werden sechs Kategorien abgebildet: 0 Stunden, 1 bis 3 Stunden, mehr als 3 bis 6 Stunden, mehr als 6 bis 12 Stunden, mehr als 12 bis 24 Stunden, über 24 Stunden. Die höchste Kategorie ist nur in wenigen Jahren vertreten. Die beiden niedrigsten Kategorien haben den deutlich höchsten prozentualen Anteil. Es erfolgte keine Trendanalyse. Die Werte schwanken deutlich zwischen den Jahren. Mit 30 Prozent war der Gesamtwert von den betrachteten Jahren 2001 bis 2017 im Jahr 2002 am höchsten.

Quelle: Deutscher Wetterdienst (RADOLAN-Klimatologie)
 

Sturzfluten – hohes Schadenspotenzial für Siedlungen

Immer wieder sind Bilder wie aus Berlin im Juli 2017 oder Braunsbach im Mai 2016 in den vergangenen Jahren durch die Presse gegangen: Binnen weniger Minuten bringen unwetterartige ⁠Starkregen⁠ die Kanalisation zum Überlaufen und setzen ganze Straßenzüge unter Wasser. Sie lösen Sturzfluten aus, die Autos mit sich reißen und Straßen und Häuser verwüsten. Ereignisse wie diese können immense Sachschäden verursachen und in Einzelfällen können sie auch Menschenleben kosten.

Starkregen sind Wetterereignisse, bei denen innerhalb kurzer Zeit große Regenmengen niedergehen. Der ⁠DWD⁠ warnt vor unwetterartigem Starkregen, wenn in einer Stunde mehr als 25 Liter je Quadratmeter (l / m²) oder in sechs Stunden mehr als 35 l / m² Regen erwartet werden. Als extremes Unwetter werden Regenmengen von mehr als 40 l / m² beziehungsweise 60 l / m² in diesen Zeiträumen eingestuft. Häufig kommt es zu diesen Wolkenbrüchen, wenn durch Konvektion gebildete, massive Wolken ihre Schleusen öffnen und zu starken Regenfällen auf zumeist kleiner Fläche führen. Aber auch bei großflächigen, langanhaltenden Dauerregen können wie im Jahr 2002 die Warnschwellen für Starkregen zeitweise überschritten werden.

Schäden entstehen bei oder nach Starkregen vor allem durch sogenannte Sturzfluten. Das sind extreme Hochwasser als Folge der starken Regenfälle. Im Flachland entstehen sie, wenn das Regenwasser nicht rasch genug abfließen oder im Boden versickern kann. Das Wasser sammelt sich an der Oberfläche oder staut sich aus überlasteten Abwasser- und Entwässerungssystemen, deren Bemessungsgrenzen überschritten sind, zurück. Vor allem in Mulden und Unterführungen kann der Wasserstand dann sehr schnell steigen. In hängigem Gelände kann es zu sogenannten Gebirgssturzfluten kommen. Das schnell abfließende Wasser sammelt sich in Rinnen oder Bachbetten und kann extrem schnell zu schwallartigen Hochwasserwellen ansteigen. Diese erreichen mitunter auch Gegenden, in denen es vorher gar nicht geregnet hat.40 Wenn solche Gebirgssturzfluten Material wie beispielsweise Baumstämme oder Steine mit sich reißen, kann es an Gebäuden zu massiven Schäden bis hin zum Totalverlust kommen.

Starkregen und Sturzfluten können Gebäude aber auch auf andere Art schädigen. So kann das Wasser am Gebäude höher anstehen, als es bei der Gebäudeplanung bedacht war, und beispielsweise durch ebenerdige Hauseingänge, Kellerfenster oder auch durch den Rückstau aus dem Kanal ins Gebäude eindringen. Dort verteilt es in den überschwemmten Räumen Schlamm und Schmutz, der zudem mit Mineralöl, Chemikalien und Fäkalien belastet sein kann. Oberhalb und unter der Erdoberfläche können das anstehende Wasser oder die hohe ⁠Bodenfeuchte⁠ zu typischen Hochwasserschäden an der Bausubstanz führen, beispielsweise Durchfeuchtung und Wasserstandslinien, Ausblühungen an Oberflächen, abgelöste Beschichtungen oder Schimmel.41 Um Schäden vorzubeugen, können Hausbesitzer eine Reihe von Maßnahmen ergreifen, etwa auf eine ausreichende Höhe von Gebäudeöffnungen über dem Gelände, wasserdichte Baustoffe und geeignete Entwässerungssysteme mit Rückstausicherung achten.42

Klimaforschende und Meteorologen gehen davon aus, dass Starkregenfälle zukünftig zunehmen werden. Ein Grund dafür ist, dass die Luft bei höheren Temperaturen mehr Wasser aufnehmen kann – rund sieben Prozent mehr Wasser bei einer Temperaturerhöhung um ein Kelvin.43 Zudem ist davon auszugehen, dass sich aufgrund der geänderten meteorologischen Verhältnisse bei der Entstehung von Schauern und Gewittern die Wolken- und Niederschlagsbildung intensivieren werden.44 In der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts werden in Deutschland – bei starken regionalen und saisonalen Unterschieden – heute noch relativ selten auftretende Tagesmengen des Niederschlags deutlich häufiger vorkommen. Am vergleichsweise stärksten soll die Zunahme bei den heute noch seltenen Ereignissen ausfallen.45

Wie häufig und intensiv Starkregen sind und ob die Erderwärmung schon einen Einfluss auf sie hat, lässt sich nur schwierig ermitteln. Da sie oft nur lokal begrenzt auftreten, werden Starkregen nur teilweise durch das meteorologische Stationsmessnetz erfasst. Unter anderem aus diesem Grund hat der DWD eine radargestützte Niederschlagserfassung entwickelt, aus der seit dem Jahr 2001 weitgehend flächendeckende Niederschlagsdaten vorliegen.46 Dieser Datensatz beinhaltet nahezu alle Starkregenereignisse, die seit 2001 in Deutschland aufgetreten sind. Die zeitliche Verlängerung dieser Datenerfassung wird in Zukunft auch Trendanalysen zur Überschreitungshäufigkeit der vom DWD verwendeten Warnstufen ermöglichen (s. S.25).

Für den dargestellten ⁠Indikator⁠ wurden die jährlichen Daten aus der radargestützten Niederschlagsmessung mit der Siedlungsfläche in Deutschland überlagert. Im Ergebnis hebt sich vor allem das Jahr 2002 ab. Zahlreiche starke Regenfälle über einen langen Zeitraum verursachten damals die Flutkatastrophe an Elbe und Donau. In keinem anderen der untersuchten Jahre war mehr Siedlungsfläche in einer so hohen Zahl von Stunden durch Starkniederschläge betroffen. Diese beiden Faktoren sind aber nicht immer entscheidend für das Ausmaß der Schäden. Im Jahr 2016 etwa, das in der Zeitreihe eher unauffällig ist, beliefen sich die versicherten Schäden auf knapp 1 Milliarde Euro.

40 - BBK – Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (Hrsg.) 2015a: Die unterschätzten Risiken „Starkregen“ und „Sturzfluten“ – Ein Handbuch für Bürger und Kommunen. Bürgerinformation, Ausgabe 1, Bonn: 27.

41 - BBSR – Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung im Bundesamt für Bauwesen und ⁠Raumordnung⁠ (Hrsg.) 2018: Starkregeneinflüsse auf die bauliche Infrastruktur. Bonn: 19ff.

42 - BBK – Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (Hrsg.) 2015b: Empfehlungen bei Unwetter – Baulicher Bevölkerungsschutz. Bürgerinformation, Ausgabe 1. Bonn: 27ff.
BBSR 2018: s. Endnote Nr. 40: 25ff.

43 - DWD – Deutscher Wetterdienst (Hrsg.) 2016: Starkniederschläge in Deutschland. Offenbach am Main: 1.

44 - Becker P., Becker A., Dalelane C., Deutschländer T., Junghänel T., Walter A. 2016: Die Entwicklung von Starkniederschlägen in Deutschland – Plädoyer für eine differenzierte Betrachtung: 1. www.dwd.de/DE/fachnutzer/wasserwirtschaft/entwicklung_starkniederschlag_deutschland_pdf

45 - ⁠LAWA⁠ – Bund/Länder-ArbeitsgemeinschaftWasser (Hrsg.) 2018: ⁠LAWA⁠-Strategie für ein effektives Starkregen-risikomanagement. Erarbeitet von der Kleingruppe „Starkregen“ des Ständigen Ausschusses „Hochwasserschutz und Hydrologie“ (LAWA-AH) der LAWA. Thüringer Ministerium für Umwelt, Energie und Naturschutz, Erfurt: 21.

46 - Winterrath T., Brendel C., Hafer M., Junghänel T., Klameth A., Lengfeld K., Walawender E., Weigl E., Becker A. 2018: RADKLIM Version 2017.002: Reprozessierte, mit Stationsdaten angeeichte Radarmessungen (RADO-LAN), Niederschlagsstundensummen (RW).
DOI: 10.5676/DWD/RADKLIM_RW_V2017.002

 

Schnittstellen

BAU-I-5: Schadenaufwand in der Sachversicherung

VE-I-3: Starkregen und Straße

VE-I-5: Beeinträchtigung von Straßen durch außergewöhnliche Ereignisse

BS-I-1 Einsatz bei wetter- und witterungsbedingten Schadenereignissen

 

 

Ziele

Das Ziel eines gemeinsamen Starkregenrisikomanagements ist die Verringerung des Risikos starkregen-und sturzflutbedingter nachteiliger Folgen auf die menschliche Gesundheit, Gebäude und Infrastruktur, die Umwelt, das Kulturerbe und die wirtschaftlichen Tätigkeiten. (⁠LAWA⁠-Strategie Starkregenrisikomanagement, Kap. 1)

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