Inn: Mit gemeinsamen Zielen renaturieren

Foto: Seitlicher Blick auf eine Wasserkraftanlage am Inn.zum Vergrößern anklicken
Zahlreiche Wasserkraftanlagen am Inn wirken als Barrieren für Wanderfische

Am Inn gibt es 14 Wasserkraftwerke in Deutschland und 8 in Österreich. Dadurch ist die natürliche Durchgängigkeit für Fische stark beeinträchtigt.

Quelle: Marco Linke / Medieningenieurbüro Manntau

Technischer Hochwasserschutz und Wasserkraftnutzung haben den Inn stark verändert. Fische finden hier kaum noch ihre lebensnotwendigen Habitate. Das lokale Wasserkraftunternehmen restrukturiert die Ufer, schafft Ausweichhabitate und fördert die Artenvielfalt in der Aue. Die Maßnahmen werden in enger Abstimmung mit dem Freistaat Bayern sowie lokalen Behörden und Interessengruppen umgesetzt.

Inhaltsverzeichnis

 

Film: Renaturierung des Inn in Kooperation von Wasserkraftunternehmen, Freistaat und Fischereivereinen

Quelle: Umweltbundesamt

Renaturierung des Inn in Kooperation von Wasserkraftunternehmen, Freistaat und Fischereivereinen

 

Wasserkraft verändertet Inn

Ursprünglich war der Inn im Alpenvorland weit verzweigt. Große Abflussschwankungen und Geschiebe aus den Alpen veränderten sein Erscheinungsbild ständig. Diese Dynamik schuf eine Vielfalt an Strukturen und Lebensräumen sowohl im Gewässer als auch in den weit ausladenden Auen.

Der Inn ist – nach Rhein, Donau und Elbe – der viertwasserreichste Fluss Deutschlands. Seine Größe und hohen Fließgeschwindigkeiten machen ihn seit jeher interessant für die Wasserkraftnutzung – mit weitreichenden Konsequenzen für das Ökosystem .

Für Landgewinnung, Schifffahrt, Hochwasserschutz und Energieerzeugung wurde der Inn in der Vergangenheit begradigt, ausgebaut und aufgestaut. Heute dominiert der Hochwasserschutz und die Nutzung der Wasserkraft den Inn. An 14 Wasserkraftwerken in Deutschland und 8 Kraftwerken in Österreich ist die natürliche Durchgängigkeit für Fische stark beeinträchtigt. Durch die Barrierewirkung der Anlagen ist der Geschiebetrieb und die Wasserstandsdynamik grundlegend verändert: Der Charakter des Inns als grobmaterialreiches, dynamisches Gewässer ging vollständig verloren.

Durch die Nutzung und Überprägung des Inns durch den Menschen können naturnahe Lebensraumbedingungen für Wasserorganismen im Hauptfluss nicht mehr gewährleistet werden. Die Stromerzeugung aus Wasserkraft und der Hochwasserschutz wird am Inn auch in Zukunft im Mittelpunkt der Nutzungsinteressen stehen. Die Möglichkeiten der Renaturierung eines großen Flusses wie dem Inn sind daher sehr eingeschränkt. Deshalb wird versucht, möglichst viele Ersatzlebensräume für Wasserorganismen zu schaffen, um möglichst alle Habitatansprüche in Hauptfluss, Auengewässer oder Umgehungsgewässer abbilden zu können.

Luftbild des aufgestauten, strukturarmen Inns mit Wasserkraftwerk Stammham im Hintergrund.
Wasserkraftwerk Stammham (2018)

Begradigung, Ausbau und Aufstau prägen über weite Strecken das monotone Erscheinungsbild des Inns.

Quelle: Marco Linke / Medieningenieurbüro Manntau
 

Vernetzung von Habitaten als Renaturierungsstrategie am Inn

Für die Entwicklung stabiler Fischpopulationen im Inn müssen für jeden Lebenszyklus alle Habitate für möglichst viele Fischarten (z. B. Äsche, Huchen, Nase, Brachse etc.) vorhanden und erreichbar sein. Dies schließt Laich- und Jungfischhabitate, Nährhabitate, Hochwasser- und Wintereinstände ein. Die Verbindung zu Auengewässern als Ausweichhabitate ist durch den sommerkalten Fluss dabei von besonderer Bedeutung (Holzner et al. 2014; Loy et al. 2014).

Ausgehend vom ursprünglichen Inn mit seinen Fischarten und dem Potenzial der noch vorhandenen Strukturen wurde eine Renaturierungsstrategie entwickelt, um Strukturen und Habitate für alle Lebensstadien der am Inn heimischen Fischarten zu fördern (Loy et al. 2017). Dazu wurden möglichst viele unterschiedliche Gewässerstrukturen im Uferbereich (siehe Restrukturierung der Innufer), in Nebengewässern (siehe Wiederherstellung von Altwasser und Renaturierung von Auen am Inn) und in Wanderhilfen (siehe Umgehungsgerinne und Wanderhilfen als Lebensraum für Fische am Inn) hergestellt, die im ausgebauten und beeinträchtigten Hauptfluss nicht mehr vorhanden sind.

Die Renaturierungsmaßnahmen am Inn erfolgen im Rahmen des Gewässerentwicklungsplans Inn und basieren auf einer Vereinbarung zwischen dem Freistaat Bayern und dem lokalen Wasserkraftunternehmen (STMUV 2011). Diese Vereinbarung gibt den finanziellen und inhaltlichen Rahmen für wasserwirtschaftliche und ökologische Gestaltungen am Inn vor.

Die Umsetzung der Maßnahmen ist auf zehn Jahre (2011–2021) festgelegt. Die Vereinbarung sieht ökologische Maßnahmen in einem Gesamtumfang von rund 9,4 Mio. Euro vor. Weitere ca. 10 Mio. Euro werden in die Herstellung der ökologischen Durchgängigkeit an den Staustufen investiert. Die Maßnahmen werden zu 100 % vom lokalen Wasserkraftunternehmen finanziert. Grundlage dafür ist eine Vereinbarung zwischen der VERBUND Innkraftwerke GmbH mit dem Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit (jetzt: Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz), welche den Rahmen für eine mehrjährige Partnerschaft vorgibt. Mehr dazu: Finanzierung und Förderung von Gewässerrenaturierungen

Der Beitrag der am Inn ansässigen Mitglieder der Fischereivereine muss hierbei besonders erwähnt werden. Sie haben bereits vor 2011 Maßnahmen umgesetzt und mitfinanziert wie z. B. Entlandungsmaßnahmen und aktives Laichplatzmanagement im Inn und seinen Nebengewässern. Sie liefern viele Anregungen und stellen mit ihren aktuellen, lokalen Beobachtungen einen wesentlichen Baustein bei der Zusammenarbeit dar. Mehr dazu: Lokale Fischexpertise für Gewässerentwicklung einbinden

 

Umgehungsgerinne und Wanderhilfen als Lebensraum für Fische am Inn

Zahlreiche Fischarten wie die Äsche oder Nase wechseln am Inn zwischen unterschiedlichen Lebensräumen, die sie zum Überleben, aber auch für die Fortpflanzung benötigen. Dabei sind die Fische darauf angewiesen, dass Laichplätze, Jungfischhabitate, Rückzugsräume bei Hochwasser und Wintereinstände vorhanden und erreichbar sind.

Am Inn wurden Maßnahmen zur Herstellung der Durchgängigkeit gleichzeitig zur Schaffung neuer Lebensräume für Fische genutzt. Umgehungsgewässer an Wasserkraftwerken fungieren dabei als "Ersatzlebensräume":

  • Der Hammerbach wird als weitläufiges Umgehungsgerinne des Kraftwerks Feldkirchen genutzt und wurde mit zahlreichen kleinen Maßnahmen, wie Uferaufweitungen und dem Anlegen von Buchten, ökologisch aufgewertet.
  • Ein technisches Umgehungsgerinne am Kraftwerk Stammham erhielt für Fische attraktive Teichstrukturen und Kleingewässerstrukturen im Nebenschluss .
  • Am Kraftwerk Perach wurde ein breites, naturnahes Umgehungsgerinne mit Kiesbett im Auwald neu angelegt.
  • Die Wanderhilfe am Kraftwerk Gars wurde strukturreich gestaltet, u. a. wird hier anhand zahlreicher neuer "Versuchsstrukturen" (z. B. Stillwasserpools) die Habitatnutzung der Fische untersucht.

Mehr dazu: Maßnahmen für die Durchgängigkeit – wenn Hindernisse vorhanden sind

<>
 

Wiederherstellung von Altwasser und Renaturierung von Auen am Inn

Bei Thalham konnten große artenarme Schilfflächen dazu genutzt werden, Altwasserflächen durch Sedimentumlagerung wiederherzustellen. Da hier bei Hochwasser große Wasserspiegelschwankungen auftreten, wurden die Aushubsedimente zur Ausbildung eine Uferrehne genutzt. Diese Rehne verhindert, dass bei Hochwasser Sediment in das Altwasser eingetragen wird, das zu dessen erneuter Verlandung führen würde. Durch die Rehne müssen nur im Mündungsbereich regelmäßig neu abgelagerte Sedimente entnommen werden. Das Altwasser wurde strukturreich gestaltet, z. B. durch Uferbuchten, Flachwasserbereiche und Sturzbäume.

Im Bereich der Freihamer Au wurden ausgedehnte Schilfzonen und offene Wasserflächen geschaffen. Dabei wurde eine Vielzahl von verlandeten Stillwasserflächen reaktiviert. Durch Entschlammung und Anbindung konnten wertvolle Lebensräume für Fische aber auch Nahrungshabitate für Vögel geschaffen werden. Sie dienen Fischarten wie Schleie oder Brachse als Laichplatz und als Aufwuchs- und Hochwasserrückzugsgebiet für die Nase und andere strömungsliebende Arten, sowie als Wintereinstand .

Mehr dazu: Maßnahmen bis weit in die Aue – wenn weiträumige, eigendynamische Entwicklung möglich ist

<>
 

Restrukturierung der Innufer

Stromerzeugung aus Wasserkraft und der Hochwasserschutz stehen am Inn im Mittelpunkt der Nutzungsinteressen. Daher konzentrieren sich die Renaturierung des Hauptlaufes auf Maßnahmen in Uferbereichen die eine eigendynamische Entwicklung heute noch zulassen. Zu den Maßnahmen zählen Strömungslenker für eigendynamische Entwicklung, das Einbringen von Kies und die Anlage von Uferkiesbänken.

Beispiele hierfür sind folgende Restrukturierungen der Innufer:

  • Im Bereich des Wasserkraftwerks Rosenheim wurde der Uferverbau entfernt und "weiche" Ufer geschaffen. Durch eigendynamische Prozesse wie Erosion und Verlandung bilden sich Flachwasserzonen mit geringer Strömung aus. Diese Bereiche sind besonders für Jungfische als Lebensraum wichtig.
  • Bei Laimbach wurde ein Kiesdepot mit Strömungslenkern geschaffen. Das Depot bietet dem Inn Substrat, das dieser eigendynamisch verlagern kann.
  • Im Auwald des Inns bei Langenpfunzen wurden mehrere keilförmige Uferbuchten geschaffen. Sie dienen Jungfischen als Rückzugsraum bei Hochwasser und als Wintereinstand .

Mehr dazu: Maßnahmen im Gewässer und im Nahbereich – wenn das Gewässerprofil und die Ufer verändert werden können

<>
 

Vereinbarung mit Wasserkraftunternehmen beschleunigt Renaturierungsmaßnahmen am Inn

Die Genehmigungsverfahren für einzelne Renaturierungsmaßnahmen werden am Inn durch einen intensiven Dialogprozess mit allen zuständigen Genehmigungsbehörden, den Fischereivereinen, den beauftragten Planern und dem lokalen Wasserkraftunternehmen beschleunigt, da wesentliche naturschutzrechtliche und wasserwirtschaftliche Auflagen im Vorfeld geklärt wurden. Den Rahmen bilden Gewässerentwicklungspläne und die darin formulierten Ziele.

Da viele der Renaturierungsmaßnahmen keine negativen Auswirkungen auf das Abflussvermögen haben und nicht als wesentliche Veränderung des Gewässerkörpers betrachtet werden, konnten sie wasserrechtlich im Rahmen der Gewässerunterhaltung genehmigt und ausgeführt werden (Loy et al. 2017).

Im Vorfeld der einzelnen Renaturierungsmaßnahmen werden Ortstermine mit Personen von Fischereivereinen, örtlicher Bevölkerung sowie Fachplanung (Fischerei, Landschaftsplanung, Ökologie etc.) durchgeführt. Die Planungen zu den beabsichtigten Maßnahmen werden den beteiligten Genehmigungsbehörden, Wasserwirtschaftsämtern und Naturschutzbehörden vorgestellt und diskutiert. Wertvolle Anregungen können so rechtzeitig aufgenommen und bei der Planung berücksichtigt werden. Verbände (z. B. Fischereiverband) werden über die örtlichen Vereine informiert oder gezielt einbezogen.

Mehr dazu: Kooperation und Partizipation für erfolgreiche Renaturierungen

 

Renaturierungsmaßnahmen am Inn zeigen erste Erfolge

Die Ziele der Renaturierungsmaßnahmen am Inn stehen im Einklang mit den Erhaltungszielen der vorhandenen FFH- und Vogelschutzgebiete (Loy et al. 2017). Renaturierungsmaßnahmen am Inn werden u. a. durch die Technische Universität München mit einem umfangreichen Monitoring im Gewässer und in der Aue begleitet (Harzer & Kollmann 2017; Nagel et al. 2017). Ein zehnjähriges Forschungsprojekt zu den Habitatansprüchen der Innfische begleitet die Maßnahmen im Inn und den Umgehungsgewässern.

An zahlreichen Stellen konnten bereits kurz nach Umsetzung der Maßnahmen eine erhöhte Zahl geschützter Arten im Gewässer und in der Aue festgestellt werden (Harzer & Kollmann 2017). Die Maßnahmen haben beispielsweise hinsichtlich Laichhabitat und Wintereinstand erhebliche Verbesserungen für Arten der Äschen-Huchen-Gruppe sowie der Nasen-(Barben)-Gruppe bewirkt (Loy et al. 2017).

Wesentlich war, dass die positiven Erfahrungen aus dem Monitoring nach anfänglicher Skepsis eine solide Vertrauensgrundlage für weitere Maßnahmen geschaffen haben.

Mehr dazu: Erfolgskontrolle mit Monitoring vorher / nachher

Foto: Der Fischpass Feldkirchen am Inn wird durch von vier Personen hinsichtlich der Fischpopulationen genauer untersucht.
Fisch-Monitoring am Fischpass Feldkirchen am Inn (2014)

Die Auswirkungen der Renaturierungsmaßnahmen auf die Fischpopulationen des Inns werden regelmäßig kontrolliert.

Quelle: Aquatische Systembiologie / Technische Universität München
 

Literaturangaben

Links Inn