Wer erneuerbare Energien kaufen und nutzen möchte, wählt ein entsprechendes Stromprodukt. Die Eigenschaft „erneuerbar“ wird mit einem Herkunftsnachweis nachverfolgt und belegt. So ist garantiert, dass die Menge Strom, die ich nutze, klimafreundlich aus erneuerbaren Energieträgern erzeugt wurde, jedoch nicht, dass genau dieser Strom aus meiner Steckdose kommt.
Bei einer Stromlieferung kann zwischen vier Ebenen unterschieden werden:
- Physikalische Ebene – was kommt aus der Steckdose?
- Bilanzielle Ebene – was ist der Stromsee und wer macht den Netzbetrieb?
- Vertragliche Ebene – für welchen Strom bezahle ich?
- Zertifikate-Ebene – woher kommt der Herkunftsnachweis?
Physikalische Ebene – was kommt aus der Steckdose?
Wohin welche Anteile des elektrischen Stroms fließen, wird u.a. durch die zu überwindenden Widerstände bestimmt. Eine gezielte Beeinflussung, aus welchem Kraftwerk Strom zu welcher Steckdose geleitet wird, ist bei einem Bezug von Strom über ein öffentliches Netz folglich nicht möglich. Wenn Sie ein Wasserkraftwerk in Ihrer Nachbarschaft haben, bekommen Sie – physikalisch betrachtet – höchst wahrscheinlich einen großen Anteil den Strom aus diesem Wasserkraftwerk. Wenn Sie bei einem Kohlekraftwerk wohnen, bekommen Sie höchst wahrscheinlich einen großen Anteil Kohlestrom in Ihre Wohnung. Wenn Sie selbst eine Photovoltaikanlage betreiben, bekommen Sie den Strom aus dieser – aber nur dann, wenn die Sonne scheint. Ganz einfach. Die Physik ist das eine, sie hat aber meist nichts mit dem Strom zu tun, den wir kaufen. Endverbraucher*innen können sich dank der Herkunftsnachweise darauf verlassen, dass sie erneuerbaren Strom kaufen, wenn sie sich für einen Ökostromtarif entscheiden.
Bilanzielle Ebene: So funktioniert das Stromnetz
Strom besteht aus Elektronen und hat keine Farbe. Um die Funktion des Stromnetzes besser zu verstehen, hilft der Stromsee als Erklärungsmodell. Das Stromnetz erscheint als Sammelbecken allen Stroms, der von den Produzenten hergestellt wird. Die Stromproduzenten sind die Einspeiser. Hierbei spielt es keine Rolle, aus welcher Energiequelle der Strom kommt; aus Kernenergie, Erdöl, Gas oder Kohle oder aber aus den erneuerbaren Energien wie Wind, Sonne, Wasser und Biomasse. Auch der Status des Anlagenbetreibers spielt beim Stromsee keine Rolle. Sowohl große Konzerne als auch private Eigentümer eines kleinen Windparks oder einer Photovoltaikanlage speisen ihren Strom in den Stromsee ein. Der Stromsee hält ständig Strom zum Verbrauch bereit. Alle Verbraucher*innen erhalten den Strom aus dem See. Die Stromverbrauchenden sind die Ausspeiser.
Das Stromnetz muss immer eine gleichmäßige Spannung halten. Dies entspricht einem immer gleich hohen Wasserstand im Stromsee-Modell. Damit der Wasserstand des Stromsees gleichbleibt, ist es wichtig, dass zu jedem Zeitpunkt genau so viel Strom produziert wie verbraucht wird. Produktion und Verbrauch müssen in Balance – also gleich groß – sein.
Da es für einen Akteur unmöglich ist, zu wissen und zu kontrollieren wieviel Strom gerade von den vielen Erzeugern und Verbrauchern in ganz Deutschland erzeugt und verbraucht wird, wird mit Bilanzkreisen gearbeitet.
Damit der Strom transportiert werden kann, brauchen wir ein Stromnetz. Zum Verteilnetz gehören die elektrischen Leitungen wie Freileitungen, Strommasten und Erdkabel sowie die dazugehörigen Einrichtungen wie Schalt- und Umspannwerke. Um den Stromtransport über große Strecken kümmern sich in Deutschland vier Übertragungsnetzbetreiber. Um die Stromversorgung aller Haushalte und Unternehmen kümmern sich in Deutschland rund 900 Verteilnetzbetreiber.
Die Netzbetreiber haben den Überblick über die einspeisenden Anlagen und die Stromverbraucher*innen in ihrem Netzgebiet. Ein- und Ausspeiser werden in Bilanzkreisen abgebildet.
Bilanzkreise sind virtuelle Strommengenkonten. Jeden Bilanzkreis kann man sich wie einen kleinen „abgeschlossenen“ See im großen Stromsee vorstellen. Auch hier gilt, jeder kleine Stromsee kann genauso viel Strom aufnehmen wie er abgibt. Der Bilanzkreis stellt also für jede Viertelstunde die Verbindung zwischen der virtuellen Welt des Stromhandels, der physischen Welt der Energielieferung und der Netzstabilität her. Sowohl die Netzbetreiber als auch die Stromlieferanten arbeiten mit den Bilanzkreisen. Mit ihren Bilanzkreisen stellen sie sicher, dass nur genau die Energie verkauft oder geliefert wird, die produziert wurde. Wenn alle Bilanzkreise (oder kleine Seen) ausgeglichen sind, ist auch der Stromsee in Balance.
Mit der Energiewende wachsen die Herausforderungen für die Netzbetreiber. Weil Wind und Sonne nur kurzfristig planbar produzieren, müssen die Netzbetreiber viel stärker darauf achten, dass ausreichend Flexibilität vorhanden ist, um sicherzustellen, dass genügend Strom im Netz ist, also der Wasserstand im Stromsee stabil bleibt. Außerdem müssen sie bestehende Leitungen ertüchtigen und neue Leitungen errichten, damit der Strom aus Windenergieanlagen im windreichen Norden in die Ballungs- und Industriegebiete im Süden transportiert werden kann.
Vertragliche Ebene – für welchen Strom bezahle ich?
Immer mehr Verbraucher*innen legen großen Wert auf eine reine Ökostrombelieferung. Sie entscheiden sich für Stromprodukte aus erneuerbaren Energien. Viele Ökostromprodukte sind heute günstiger als Stromprodukte, die auch Elektrizität aus fossilen und atomaren Quellen enthalten.
Viele Stromlieferanten setzen verschiedene Stromprodukte auf, um alle Kundenwünsche abzudecken. Die Ökostromkunden bekommen den Strom aus erneuerbaren Quellen. Alle anderen bekommen dann den „Rest“, den die Stromlieferanten ein- und verkaufen. Es gibt aber auch Stromlieferanten, die ausschließlich Strom aus erneuerbaren Energiequellen verkaufen. Diese Angaben können Sie der Stromkennzeichnung entnehmen.
Denn die Stromlieferanten müssen ihrer Kundschaft neben der Einhaltung vieler weiterer gesetzlichen Pflichten die Stromzusammensetzung in der Stromkennzeichnung erläutern.
Zertifikate-Ebene – woher kommt der Herkunftsnachweis?
Stromlieferanten, die ihren Stromkundinnen*-kunden Ökostrom verkaufen, müssen dafür Herkunftsnachweise beschaffen und entwerten. Dabei können die Herkunftsnachweise aus ganz Europa kommen. Das Stromsystem in Europa wird zunehmend von erneuerbaren Energien geprägt sein. So hat die Europäische Union den „grünen Deal“ beschlossen, um die Netto-Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55 % gegenüber dem Stand von 1990 zu senken. In Deutschland soll im Jahr 2030 der Bruttostromverbrauch zu mindestens 80 Prozent aus erneuerbaren Energien gedeckt werden, so legt es das EEG 2023 fest. Dabei werden Herkunftsnachweise eine große Rolle spielen.
Mit Ökostrom das Klima schützen? Lesen Sie weiter auf unserem Umwelttipp „Ökostrom“.