Die Rohstoffseite: Die Papierherstellung benötigt große Mengen an Holz und die Plantagenflächen nehmen weltweit zu.
Eine stark steigende Nachfrage nach Holz, insbesondere Nadelholz, steht in direkter Konkurrenz zur Verbesserung des Naturzustandes und der Erhaltung der Biodiversität im deutschen Wald oder verursacht Holzimporte, die auch mit Biodiversitätsverlusten oder Landnutzungsänderungen verbunden sein können. Generell stellt jede Holzentnahme für Primärfasern einen Eingriff in das Waldökosystem dar und birgt daher ein gewisses Schadenspotenzial für die Biodiversität der Wälder. Die Verwendung von Recyclingfasern hingegen würde die potentiellen Auswirkungen auf die Biodiversität der Wälder verringern (UBA-Texte 123/2022 Spotlightbericht, Kapitel 3).
Deutschland ist Europas größter Papierproduzent und bedeutendstes Papier-Exportland. Rund 75 Prozent der in Deutschland verarbeiteten Primärfasern stammen aus Importen. Damit ist der umweltbelastendste Teil der Papierherstellung ins Ausland verlagert. Würden wir den gesamten Primärfaserverbrauch mit heimischem Holz decken wollen, müsste alles derzeit im Jahresschnitt eingeschlagene Holz ausschließlich für die Fasergewinnung zur Verfügung stehen. Zusätzlich würden etwa 4-6 weitere große Zellstoffwerke benötigt. Die Hauptherkunftsländer des für die Papierherstellung in Deutschland verwendeten Holzes sind sehr vielfältig. Es wird Holz aus der ganzen Welt importiert. Größte Zellstofflieferländer für die deutsche Papierindustrie sind derzeit Brasilien (1 Mio. t Eukalyptus-Kurzfaser), Finnland (0,5 Mio. t überwiegend Nadelholz Langfaser), Schweden (0,45 Mio. t überwiegend Nadelholz Langfaser), Portugal (2,5 Mio. t überwiegend Eukalyptus-Kurzfaser), Spanien( 0,27 Mio.t überwiegend Eukalyptus Kurzfaser) und Uruguay 80,23 Mio t. Eukalyptus Kurzfaser). Finnland, neben Schweden unser Hauptlieferant für Papier, importiert wiederum einen Teil seines Rohholzes aus Russland (4,9 Mio. t), wo für die Holzbeschaffung auch Urwälder eingeschlagen werden. Neben den nordischen, sind von der Zerstörung auch tropische Regionen betroffen, da bspw. Deutschland fast ein Viertel des benötigten Zellstoffs aus Brasilien und geringere Mengen aus Chile und Uruguay importiert (UBA-Texte 123/2022). In diesen Ländern schwindet der Urwaldbestand weiterhin in dramatischem Ausmaß. Zu großen Teilen wird das Holz illegal eingeschlagen. Unsere hohe Zellstoffnachfrage trägt maßgeblich zur weltweiten Waldzerstörung bei.
Um der wachsenden Holznachfrage bei schwindenden Primärwäldern nachzukommen, werden zunehmend Plantagen angelegt. Auf diesen werden schnell wachsende Baumarten wie Eukalyptus angepflanzt, die bei kurzer Umtriebszeit hohe Erträge versprechen. Doch die Monokulturen laugen durch ihren einseitigen Nährstoffbedarf die Böden aus, sind empfindlich gegenüber Schädlingsbefall und Sturmschäden, verlangen hohe Pestizid- und Düngereinsätze und verschmutzen die Wasserressourcen und Böden. Auch die aktualisierte Ökobilanz kommt bei der Betrachtung der Holzherkünfte zu dem Schluss, dass, die Verwendung von Eukalyptusholz zu einem potenziell höheren Biodiversitätsverlust als die Verwendung von Laub- und Nadelholz aus Mittel- oder Nordeuropa führt. Insbesondere führt die Gewinnung von europäischem Eukalyptusholz zu einem höheren Biodiversitätsverlustpotential als die Verwendung von Eukalyptusholz aus Südamerika. In Südamerika besteht ein realistisches Risiko, dass der Primärwald für brasilianische Holzplantagen umgewandelt wird.
Laut Neeff und Linhares-Juvenal (2017) verbietet das Plantagen-Zertifizierungssystem FSC die Umwandlung von Primärwäldern in Brasilien. Basierend auf der Bewertung der Holzherkünfte für die aktualisierte Ökobilanz kann die PEFC-Zertifizierung nicht verwendet werden, um das Risiko der Umwandlung von Primärwäldern auszuschließen.
In einigen Fällen werden durch Plantagen auch Landrechte verletzt: Waldbewohnern und Kleinbauern wird die Lebensgrundlage entzogen, weil wertvolle Flächen, die zur Versorgung mit Grundnahrungsmitteln nötig wären, in artenarme Plantagen umgewandelt werden und kaum Einkommensquellen für die ansässige Bevölkerung bieten.
In allen in der Ökobilanz untersuchten Regionen besteht ein potenzielles Risiko der Landumwandlung aufgrund der Lieferung von Holz für die Zellstoff- und Papierproduktion, außer in Mittel- und Südeuropa, wo das Risiko aufgrund der fast nicht vorhandenen intakten Waldlandschaften sehr gering ist.
Die Produktionsseite: Die Herstellung von Papier zieht je nach Rohstoff sehr unterschiedliche Umweltbelastungen nach sich.
Die Papierherstellung erfolgt in zwei Schritten: Zunächst wird der Faserrohstoff mittels chemischer- und /oder mechanischer Verfahren erzeugt, aus dem dann im zweiten Schritt das Papier produziert wird. Faserrohstoffe sind sowohl Primärfasern aus Holz als auch Sekundärfasern aus Altpapier. Bei Nutzung von Primärfasern erfolgt das Herauslösen der Fasern aus dem stabilen Holzverbund in speziellen Produktionsstätten, den Holzschliff- oder Zellstoffwerken und verbraucht große Mengen an Holz, Energie, Chemikalien und Wasser. Erst nach diesem Fasergewinnungsprozess kommt der Primärfaserstoff als Rohstoff in die eigentliche Papierfabrik. Altpapier gibt allein durch Auflösen, Sortieren und Reinigen im Wasser seine Fasern zur nächsten Verwendung frei. Eine Papierfabrik kann entweder den an einem anderen Standort erzeugten Faserstoff einfach zu Papier verarbeiten oder der gesamte Aufschlussprozess ist an ein und demselben Standort integriert. Dann entfallen Arbeitsschritte wie die Trocknung der gewonnenen Fasern und der Transport von der Zellstofffabrik zur Papierfabrik.
Durchschnittlich spart die Produktion von Recyclingpapier im Gegensatz zum Frischfaserpapier im ökobilanziellen Vergleich:
- 78 Prozent Wasser,
- 68 Prozent Energie und
- 15 Prozent CO2-Emissionen.
Beide Papiersegmente haben ihre Berechtigung.
Die Konsumentenseite: Der Altpapiereinsatz in Deutschland hat noch nicht sein Optimum erreicht
1. Papierverbrauch und Recyclingquote:
Nach Angaben des Verbandes DIE PAPIERINDUSTRIE e.V. (Ein Leistungsbericht 2022) sind knapp die Hälfte unseres inländischen Papierverbrauchs von fast 19 Millionen Tonnen pro Jahr Papiere, Karton und Pappe für Verpackungszwecke. Graphische Papiere machen 5,9 Millionen Tonnen aus. Taschentücher, Toilettenpapier, Küchenrollen & Co. werden im Umfang von 1,5 Millionen Tonnen und Papier für technische und spezielle Verwendungszwecke wie Tapeten, Filter- und Zigarettenpapier im Umfang von 1 Millionen Tonnen verbraucht.
2020 wurden 79,3 Prozent des Papiers nach Gebrauch wieder eingesammelt und überwiegend stofflich verwertet. An der Papier- und Pappe-Produktion machte Altpapier einen Anteil von 79 Prozent aus (DIE PAPIERINDUSTRIE 2022, Leistungsbericht Papier, S. 52). Diese Altpapiereinsatz-Quote ließe sich auf der Produktionsseite nur noch um wenige Prozentpunkte steigern.
Auf der Konsumentenseite sieht dies anders aus: Im Segment der in Deutschland verbrauchten Büropapiere und auch der Hygienepapiere sind noch erhebliche Steigerungspotentiale für den Altpapiereinsatz vorhanden. Der Recyclingpapieranteil der in Deutschland verbrauchten Büropapiere liegt bei gerade einmal 18 Prozent. Papiere mit dem Blauen Engel beweisen seit langem, dass sich auch aus überwiegend unteren und mittleren Altpapiersorten mit umweltverträglichen Verfahren hochwertige Recyclingpapiere produzieren und damit Primärfasern substituieren lassen. Diese Zahlen lassen sich durch hohe Mengen an importierten Papierprodukten erklären.
Während in nahezu allen anderen Papierprodukten der Einsatz an Recyclingfasern steigt, sinkt er bei den Hygieneprodukten Jahr für Jahr. Recyclingfasern machten im Jahr 2000 drei Viertel des Faserrohstoffs für Hygienepapiere aus, im Jahr 2022 nur noch 43 Prozent (DIE PAPIERINDUSTRIE - Leistungsbericht PAPIER 2023). Da Hygienepapier aber nicht mehr recycelt werden kann, ist es umso wichtiger, dass hier Recyclingfasern verwendet werden.
2. In Bezug auf Qualität, Gebrauchstauglichkeit und Sortimentsvielfalt bieten Recyclingpapiere beste Werte für nahezu alle Anwendungen:
Für alle Recyclingpapiere, die mit dem Blauen Engel zertifiziert sind, muss die Gebrauchstauglichkeit gewährleistet sein. Sind technische Anforderungen an einzelne Produkte in DIN-Normen geregelt, so sind diese einzuhalten. Zertifizierte Kopierpapiere erfüllen höchste Standards und sind für jegliche Ausdrucke auf allen gängigen Druck- und Kopiergeräten geeignet. Dies bezieht sich auch darauf, dass die Papiere nicht zu mehr Papierstaus, kürzeren Wartungsintervallen oder schnellerem Verschleiß der Geräte führen. Das sichert die DIN EN 12281 und wird von den 15 führenden Druck- und Kopiergeräteherstellern bestätigt.
Perfekte Optik
Das Marktforschungsinstitut TNS Emnid wies Ende 2005 in einer bundesweiten repräsentativen Umfrage nach, dass bei identischem Inhalt ein auf Recyclingpapier gedrucktes Magazin als dem weißen Primärfaserpapier gleichwertig empfunden wurde. Etliche Großunternehmen arbeiten seit Jahrzehnten mit Recyclingpapier und bestätigen dessen hervorragende Farbwiedergabe und Bildqualität bei Drucken und Kopien.
Lange Archivierbarkeit
Für die Aufbewahrung von Papier in Stadt-, Landes- und Bundesarchiven spielt die Alterungsbeständigkeit eine entscheidende Rolle.
Auch bei der dauerhaften Aufbewahrung von Papieren gibt es mit Recyclingpapier keine Probleme. Recyclingpapier lässt sich genauso gut archivieren wie Papier aus frischen Holzfasern. Die Alterungsbeständigkeit von Papier erkennt man an drei verschiedenen Normenkennzeichnungen, die die Papierqualität ausweisen. Dies sind die so genannte DIN EN ISO 9706 und die DIN 6738 mit der LDK 24-85. LDK steht für Lebensdauerklassen. In Ergänzung dazu gibt es seit 2017 für den Nachweis der Haltbarkeit von Papieren zusätzlich noch die Norm ISO 20494. Papierprodukte, die diesen Normen entsprechen, sind sehr gut für eine dauerhafte Aufbewahrung geeignet. Während die DIN EN ISO 9706 auf die Herstellung des erzeugten Produktes und die eingesetzten Rohstoffe abzielt (Rezeptnorm), verfolgt die DIN 6738 einen anderen Weg. Die Alterungsbeständigkeit der Papiere während des Gebrauchs bzw. der Lagerung wird durch eine Prüfung nachgewiesen, die diesen bei Extrembedingungen verkürzt nachbildet (Prüfnorm). Die ISO 20494 berücksichtigt die Inhalte beider Normen DIN EN ISO 9706 und DIN 6738. Die Anforderungen für alterungsbeständige Papiere beziehen sich somit sowohl auf deren Festigkeitseigenschaften nach einer beschleunigten Alterung als auch auf die Alkalireserve (Säurepuffer) und den pH-Wert. Recyclingpapier lässt sich wegen der Faserzusammensetzung nur nach der DIN 6738 oder ISO 20494 bewerten.
Die Frage nach dem Weißgrad
Unternehmen und Institutionen steht es frei, Recyclingpapier mit 60er, 70er oder 80er Weiße (nach ISO 2470) zu verwenden. Wenn sehr hohe Weiße gefordert ist, gibt es sogar die Möglichkeit, Recyclingpapier mit 100er Weiße zu benutzen. Aus ökologischer Sicht gilt, dass Papier nur so weiß wie nötig sein soll, weil mit einer höherem Weißgrad aufwendigere Aufbereitungsschritte (Bleiche) und höhere Faserverluste durch diese zusätzlichen Verarbeitungsschritte verbunden sind. Außerdem können zur Herstellung hoch weißer Recyclingpapiere nur hochweiße Altpapiersorten verwendet und die weniger guten aber mengenmäßig überwiegenden Altpapieranteile werden nur für geringere Recyclingpapierqualitäten verwendet (Verpackungen) oder müssen energetisch verwertet werden.
3. Ökobilanzierungen bestätigen: Recyclingpapier hat die Nase weit vorn:
Doch auch Recyclingpapier ist ein energieintensives, wertvolles Produkt, bei dem die größten Umweltentlastungspotenziale in der sparsamen Verwendung bestehen. Nur durch konsequentes Papiersparen werden weitere Abholzung verhindert und weltweite Zellstofftransporte minimiert. Papier vermeiden oder einsparen ist in öffentlichen Einrichtungen allerdings immer ein Zusammenspiel mehrerer Abteilungen und Personen. Deshalb ist es für den Erfolg sehr wichtig, dass das gemeinsame Vorhaben formuliert, kommuniziert und von allen Mitarbeiterinnen*Mitarbeitern mitgetragen wird. Konsequentes Papiersparen bedeutet im Büroalltag und für die Veranstaltungsorganisation immer:
- Verzicht auf überflüssige Ausdrucke,
- Konsequent doppelseitiges Drucken (Voreinstellungen im Betriebssystem einrichten)
- Nicht mehr benötigte Papiere und Verpackungen sollen der Altpapiersammlung zugeführt werden.
Genau besehen, stehen sich Primär- und Sekundärfasern nicht als Konkurrenten gegenüber, sondern als unterschiedliche Generationen in der gleichen „Materialfamilie”: Jede Sekundärfaser war einmal eine Primärfaser und geht irgendwann einmal durch Verschmutzung oder Verlust dem Kreislauf verloren. Der ökologische Vorsprung der Sekundärfaser besteht darin, dass zu ihrer Gewinnung kein Holz eingeschlagen, dieses nicht mit Hilfe von Hitze (Kochung) und Chemikalien aufgeschlossen und das Fasermaterial nicht aufwändig gebleicht werden muss, wie es zur Gewinnung der Primärfaser geschieht.
Als ökologische Pluspunkte von Sekundärfaserpapier gegenüber Primärfaserpapier können zusammenfassend folgende Aspekte angeführt werden:
Der Prozesswasserbedarf der Papierherstellung aus Altpapier ist vier- bis fünfmal niedriger als der für die Papierherstellung aus Holz.
- Das Abfallaufkommen wird vermindert.
- Der Gesamtenergiebedarf ist zwei bis dreimal niedriger, als der für die Papierherstellung aus Holz.
- Die Ressource Holz wird geschont und steht für andere Nutzungen zur Verfügung. Die Flächenkonkurrenz wird vermindert.
- Die Entlastung der globalen Waldressource bedeutet (zum Teil indirekten) Schutz von Primärwäldern, Erhalt der Biodiversität und des Lebensraums der lokalen Bevölkerung.
- Sekundärfaserverwendung innerhalb von Europa bedeutet "Papier der kurzen Wege", und damit geringere Energieeinsätze für den Transport.
Diese Umweltvorteile wurden in Ökobilanzierungen seit den 1990er Jahren immer wieder nachgewiesen, am aktuellsten mit der „Aktualisierten Ökobilanz von Grafik- und Hyginepapier” des Umweltbundesamtes im Jahr 2022 mit klaren Empfehlungen:
Es ist wesentlich umweltverträglicher, graphische Papiere aus Altpapier herzustellen, als dafür frische Fasern aus dem Rohstoff Holz zu verwenden.
Neben den quantifizierbaren Umweltwirkungen berücksichtigt die Ökobilanz erstmals auch qualitative Aspekte wie Biodiversität, Landnutzungsänderung und Kohlenstoffspeicherung in Wäldern. Denn der Druck auf die Wälder in Europa und weltweit nimmt zu.
Die Holzentnahme für Frischfaserpapier bedeutet immer einen Eingriff in das Waldökosystem und ist daher mit Risiken für die biologische Vielfalt verbunden. Die Nutzung von Recyclingfasern wirkt diesem Risiko entgegen.
In nahezu allen untersuchten Regionen besteht ein potenzielles Risiko für Landnutzungsänderungen aufgrund der Holzversorgung für die Zellstoff- und Papierproduktion. Einzig in Mittel- und Südeuropa ist das Risiko gering, weil Primärwälder hier bereits fast vollständig verschwunden sind. Der beste Weg, um das Risiko weiterer Landnutzungsänderungen zu vermeiden, ist die Nutzung von Recyclingfasern.
Um den Kohlenstoffspeicher in Wäldern zu erhalten oder gar zu erhöhen, sollte der Anteil von Recyclingfasern maximiert werden.