1. bis 2.
1. Was sind endokrine Disruptoren?
1.1 Mehr zum Hormonsystem und den Wechselwirkungen mit endokrinen Disruptoren
2. Was macht endokrine Disruptoren besonders problematisch?
3. Haben endokrin wirksame Stoffe Auswirkungen auf Wildtiere?
3.1 Mehr zu Schäden, die in der Umwelt beobachtet werden
4. Wie werden endokrine Disruptoren gesetzlich behandelt?
4.1 Mehr: was bedeutet „gefährlichkeitsbasierte Bewertung“
4.2 Mehr zur Zulassungsroute endokriner Disruptoren
5. Wie werden endokrine Disruptoren im regulatorischen Sinne definiert?
6. Woher wissen wir, ob ein Stoff auf das Hormonsystem wirken kann?
6.1 Mehr Informationen zum weiteren Vorgehen
7. Wie erfolgt die wissenschaftliche Prüfung endokriner Disruptoren?
7.1 Mehr: Wie sieht das fünfstufige Prüfverfahren für endokrine Disruptoren aus?
8. Welche Stoffe bewertet(e) das UBA aufgrund eines ED-Verdachts?
9. Verantwortung der Industrie
10. Forschungsprojekte
11. Glossar
12. Literaturverzeichnis
13. Buchempfehlungen für die breitere Öffentlichkeit
1. Was sind endokrine Disruptoren?
Endokrine Disruptoren (ED) sind Chemikalien oder Mischungen von Chemikalien, die die natürliche biochemische Wirkweise von Hormonen stören und dadurch schädliche Effekte (z.B. Störung von Wachstum und Entwicklung, negative Beeinflussung der Fortpflanzung oder erhöhte Anfälligkeit für spezielle Erkrankungen) hervorrufen.
Diese Aspekte sind in einer international anerkannten, wissenschaftlichen Definition von endokrinen Disruptoren zusammengefasst, die die WHO in ihrem Bericht „Global Assessment of the State-of-the Science of Endocrine Disruptors“ 2002 veröffentlicht hat (WHO/IPCS, 2002).
Neben den endokrinen Disruptoren nach obiger Definition, gibt es noch die sogenannten endokrin aktiven Substanzen (EA). Dies sind Chemikalien, die zwar mit der biochemischen Wirkweise von Hormonen interagieren, wobei es aber beim aktuellen Stand des Wissens noch unklar ist, ob diese Wechselwirkung zu einem schädlichen Effekt auf den gesamten Organismus führt oder nicht.
1.1 Mehr zum Hormonsystem und den Wechselwirkungen mit endokrinen Disruptoren
Das Hormonsystem von Wirbeltieren besteht hauptsächlich aus endokrinen Drüsen (z.B. Schilddrüse, Keimdrüsen, Nebennieren, Bauchspeicheldrüse), den Hormonen, die sie produzieren, wie Thyroxin, Östrogen, Testosteron, Cortisol, Adrenalin oder Insulin, sowie den Zielzellen, in denen die Hormone wirken. Auch andere Organismengruppen wie beispielsweise Schnecken, Krebstiere oder Insekten verfügen über ein Hormonsystem und produzieren Hormone, die denen der Wirbeltiere sehr ähnlich sein können, wie zum Bespiel die Ecdysteroide (Häutungshormone) bei Insekten. Hormone sind Signalmoleküle, die meistens über das Blut transportiert werden und so im gesamten Organismus Reaktionen hervorrufen können. Hormone sind vor allem an der Steuerung der Entwicklung, des Wachstums, der Reproduktion und des Verhaltens von Tieren und Menschen beteiligt. Endokrine Disruptoren und endokrin aktive Stoffe können die natürliche biochemische Wirkweise von Hormonen auf verschiedenen Ebenen stören. Die hauptsächlichen bisher bekannten Ansatzpunkte für eine Störung der natürlichen Hormonwirkung sind:
• Hormonrezeptor vermittelte Wirkung: Aufgrund von chemischer Strukturähnlichkeit zu den natürlichen Hormonen können ED und EA direkt an die Hormonrezeptoren in den Zellen eines Organismus binden und so die Wirkung der natürlichen Hormone abschwächen (Antagonisten) oder verstärken (Agonisten).
• Veränderung der Rezeptoraktivität: ED und EA können auch die Menge der in den Zellen produzierten Rezeptorproteine über das normale Maß hinaus erhöhen oder erniedrigen und so die Stärke der Rezeptoraktivität verändern.
• Veränderung der Hormonkonzentration: ED und EA können über verschiedene Wirkmechanismen die Produktion der natürlichen Hormone in den endokrinen Drüsen von Organismen stören. Ebenso kann die Freisetzung der natürlichen Hormone, deren Transport im Blut und in die Zielzellen hinein durch ED und EA gestört werden.
• Veränderung des Abbaus natürlicher Hormone: ED und EA können den natürlichen Metabolismus (Abbau, Ausscheidung) von Hormonen stören, z.B. über die Hemmung von Enzymen, die dafür zuständig sind, das Hormongleichgewicht in Organismen aufrecht zu erhalten.
2. Was macht endokrine Disruptoren besonders problematisch?
Aufgrund ihrer Wirkweisen können ED in Organismen besonders schwerwiegende Effekte hervorrufen. Dazu zählen vor allem irreversible Schädigungen in der Entwicklung von Organismen, die Förderung bestimmter Krebsarten beim Menschen und die Gefährdung ganzer Populationen durch z.B. die deutliche Verschiebung von Geschlechterverhältnissen bei Wildtieren.
Die wissenschaftliche Identifizierung und Vorhersage dieser Effekte wird bei ED durch folgende Punkte besonders erschwert:
• Geringes Wissen über die Funktion der Hormonsysteme und die damit verbundenen artspezifischen Sensitivitätsunterschiede (insbesondere bei Invertebraten), und der daraus resultierende Mangel an international anerkannten und validierten Testmethoden.
• Die Möglichkeit, dass Effekte - insbesondere nach einer Exposition in sensitiven Lebensphasen - zeitverzögert auftreten und eventuell erst bei Nachfolgegenerationen sichtbar werden.
• Die oftmals sehr niedrigen wirksamen Konzentrationen bekannter ED, so reichen z.B. wenige µg/L Nonylphenol aus, damit im Labortest bei Fischen nur weibliche Nachkommen heranwachsen.
• Die Möglichkeit additiver Effekte mit einer Vielzahl bereits in der Umwelt vorhandener endokrin aktiver Chemikalien.
Die daraus resultierenden Bewertungsunsicherheiten gepaart mit der Möglichkeit der oben genannten schwerwiegenden Effekte auf Mensch und Umwelt, machen ED zu besonders besorgniserregenden Stoffen, die schon seit mehreren Jahren Gegenstand intensiver und kontroverser Diskussionen sind.