Mehr Raum für die Flüsse
Ufernahe Deiche haben in den vergangenen Jahrhunderten viele Überschwemmungsflächen von den Flüssen abgeschnitten. Damit können die Überschwemmungsflächen Hochwasser nicht mehr aufnehmen und zurückhalten. Heute sind an den großen Strömen Rhein, Elbe, Donau und Oder, sowie an den Flüssen Dosse, Ohre, Unstrut und Schwarzer Elster sowie an den alpinen Zuflüssen der Donau nur noch 20 Prozent der natürlichen Überschwemmungsflächen vorhanden (BfN 2021). Diese Flächen - auch Hochwasserretentionsflächen genannt - haben im Falle eines Hochwassers eine wichtige Funktion: sie dämpfen den Verlauf einer Hochwasserwelle, weil sie Wasser zwischenspeichern und in der Fläche zurückhalten (Abbildung 1).
Eine wichtige Forderung der Hochwasserregelungen des Wasserhaushaltsgesetzes (WHG) ist folgerichtig, größere Flächen für die Ausuferung von Flüssen bereitzustellen. Dies ist beispielsweise mit der Festsetzung von Überschwemmungsgebieten, die von bestimmten Nutzungen freizuhalten sind, zu erreichen (Details dazu enthalten Arbeitshilfen der Länder, wie z.B. die Arbeitshilfe Hochwasserschutz und Bauplanungsrecht Brandenburg). Dadurch bleiben vorhandene Rückhalteflächen erhalten und neue Flächen können zurückgewonnen werden. Die Ausweisung eines Überschwemmungsgebietes geschieht nicht willkürlich. Sie richtet sich nach den natürlichen Rahmenbedingungen, in der Regel nach der Ausdehnung eines 100-jährlichen Hochwassers.
Deiche rückzuverlegen schafft Hochwasserretentionsflächen und ermöglicht darüber hinaus, Gewässer zu renaturieren, indem ihnen mehr Platz für eigendynamische Entwicklungen gegeben wird und Gewässerauen wieder an den Fluss angeschlossen werden. Auf diese Weise können wichtige Ökosystemleistungen von Fließgewässern (zum Beispiel Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten, Hotspots der Biodiversität, Nährstofffilter, Wasserspeicher, Kohlenstoffsenke) gestärkt werden. Maßnahmen des natürlichen Hochwasserschutzes sind deshalb gut mit den Zielen des Gewässer- und Naturschutzes vereinbar und weisen viele Synergien auf. Die online Plattform „Renaturierung von Fließgewässern“ stellt Informationen für potenzielle Maßnahmenträger von Renaturierungsprojekten zusammen. Der ökologische Nutzen von Poldern, die bei Hochwasser gezielt geflutet werden können, bleibt deutlich hinter den mit Deichrückverlegungen verbundenen Synergien zu Gewässer- und Naturschutzzielen zurück.
Wird Wasser in der Fläche zurückgehalten, weil der Fluss Platz zum ausufern hat, ist die Hochwasserwelle weniger steil. Die Abflussmenge bleibt jedoch konstant (schraffierte Bereiche sind gleich groß). Abbildung nach Landesamt für Umwelt Bayern.