Veränderung der Länge der Vegetationsperiode und der Phänologie
Die Phänologie beschreibt jährlich wiederkehrende Prozesse im Lebenszyklus von Pflanzen und Tieren. Dazu gehört bei Pflanzen der Blattaustrieb, die Blüten- oder Fruchtbildung, die Laubverfärbung und der Blattfall oder bei Tieren deren Wanderungen. Ein Großteil dieser Prozesse ist von der Temperatur und der Photoperiode (d.h. der Tageslänge) abhängig. Eine Zunahme der Temperatur durch den Klimawandel kann eine zeitliche Verschiebung dieser Entwicklungs- und Aktivitätsphasen von Pflanzen und Tieren bewirken. Phänologische Daten sind deshalb sehr gute Indikatoren für die Wirkung von Klimaveränderungen. Die phänologischen Veränderungen können positive wie negative Folgen für Pflanzen, Tiere und Menschen haben.
Phänologische Veränderungen in der Pflanzenwelt: Die sichtbarste und unmittelbarste Reaktion auf den Klimawandel sind phänologische Veränderungen im Jahreszyklus. Im Frühling wurde in den letzten Jahrzehnten fast überall in Deutschland ein früherer Blattaustrieb beobachtet. Veränderungen der jahreszeitlichen Entwicklungsphasen zeigen für das Schneeglöckchen, das den Beginn des Vorfrühlings markiert, dass es im Schnitt drei Tage pro Jahrzehnt früher blüht. Gleiches gilt für die Apfelblüte, die den Beginn des Vollfrühlings anzeigt. Für Deutschland wurde eine Vorverlegung des Beginns der Vegetationsperiode in den Jahren 1983 bis 2012 im Vergleich zum Zeitraum von 1951 bis 1980 auf durchschnittlich etwa acht Tage gemessen. Die Vegetationsperiode, d.h. die Zeit des Jahres, in der Pflanzen wachsen, blühen und fruchten, nahm in Deutschland seit 1961 im mittleren Trend um rund zwei Wochen zu.
Indikator aus dem Monitoring zur DAS: Phänologische Veränderungen bei Wildpflanzenarten
Phänologische Veränderungen in der Tierwelt: Phänologische Veränderungen zeigen sich auch in der Tierwelt, insbesondere bei Vögeln, die sehr sensibel auf sich ändernde klimatische Bedingungen reagieren. Durch die globale Erwärmung kann es bei ihnen zu Änderungen im Vorkommen, in der Ausbreitung, im Zugverhalten, in der Habitatauswahl und bei der Nahrungssuche kommen. Bei Zugvögeln führt die Erwärmung potenziell zu einer früheren Rückkehr im Frühjahr und einem verzögerten Wegzug im Herbst. Eine Vielzahl von Vogelarten in Europa brütet im Mittel 6 bis 14 Tage früher als noch vor 30 Jahren. In Folge kommt es zu einem früheren Brutbeginn. Ein früherer Beginn der Eiablage und Brutzeit ist für den Langstreckenzieher Trauerschnäpper (Ficedula hypoleuca) belegt, der in den Niederlanden den Brutbeginn innerhalb von 20 Jahren um zehn Tage nach vorne verlegt hat. Infolge kürzerer Winter reagieren bestimmte Vogelarten mit erhöhtem Bruterfolg.
Bei den Zugvogelarten in unseren Breiten wird in den letzten Jahrzehnten ein früherer Heimzug, ein zunehmend späterer Wegzug, eine Verkürzung der Zugstrecken und häufigeres Überwintern im Brutgebiet beobachtet. So sind im Nordseeraum Zugvögel seit 1960 um 0,5-2,8 Tage früher angekommen. Schwalben (Hirundinidae) kehren inzwischen durchschnittlich zehn Tage früher aus wärmeren Gebieten zurück. Auch Stare (Sturnus vulgaris), Kraniche (Grus grus) und Feldlerchen (Alauda arvensis) kommen inzwischen früher zurück. Datenaufzeichnungen in Süddeutschland seit 1970 zeigen bei Kurzstreckenziehern aufgrund des späteren Herbstbeginns eine mittlere Abflugverzögerung von 3,4 Tagen. Die immer milderen Temperaturen hierzulande beeinflussen das Verhalten der Kurzstreckenzieher, die normalerweise in den wärmeren Regionen Europas überwintern. Ein Beispiel hierfür ist die Mönchsgrasmücke (Sylvia atricapilla), die eine neue Zugroute „entwickelt“ hat. Sie überwintert nicht mehr in Südfrankreich oder Spanien, sondern steuert vermehrt Länder wie Südengland an, wo das immer milder werdende Klima eine erfolgreiche Überwinterung ermöglicht. Manche Vogelarten, wie Kiebitz (Vanellus vanellus), Singdrossel (Turdus philomelos), Star (Sturnus vulgaris) und Hausrotschwanz (Phoenicurus ochruros) reagieren noch heftiger. Galten sie noch bis vor wenigen Jahrzehnten als klassische Zugvögel, verbringen sie immer öfter den Winter in Mitteleuropa. Bei den Langstreckenziehern hat sich das Zugverhalten bislang viel langsamer geändert, weil es genetisch vorgegeben ist. Einige dieser Arten finden inzwischen nach ihrer Rückkehr aus dem Süden immer schwerer Brutplätze und Nahrung. Zudem geraten die Langstreckenzieher durch den Klimawandel zunehmend in Bedrängnis, da sie auf intakte Verhältnisse an mehreren Orten der Welt angewiesen sind: an Brutplätzen in ihrem Überwinterungsgebiet und an Rastplätzen entlang der Vogelzugroute. Vielen Langstreckenziehern wie z.B. dem Trauerschnäpper (Ficedula hypoleuca) könnte es an Energie mangeln, wenn sie unterwegs keine geeigneten Biotope finden. Andere Beispiele aus der Tierwelt betreffen die Erstbeobachtung von Schmetterlingen oder das Laichen verschiedener Amphibienarten, z. B. Laubfrosch (Hyla arborea), die an vielen Stellen nun früher beobachtet werden.
Phänologische Veränderungen haben Folgen für die Interaktion von Pflanzen und Tieren. Unterschiedliche Geschwindigkeiten phänologischer Veränderungen bei einzelnen Gliedern der Nahrungskette erhöhen das Risiko einer zeitlichen Entkopplung wichtiger Interaktionen zwischen Organismen, beispielsweise bezüglich des Angebots und der Nachfrage von Nahrung. Bei Vögeln ist dieses Phänomen eines zeitlichen oder räumlichen nicht-Zusammenfallens zwischenartlicher Beziehungen zu beobachten. Die Brutzeit vieler Vogelarten ist eng mit dem jahreszeitlichen Maximum verfügbarer Nahrung verknüpft. Eine veränderte Zugzeit kann zu einer Desynchronisation mit dem Nahrungsangebot führen und somit Nahrungsengpässe verursachen. Ein Beispiel dafür ist der Trauerschnäpper (Ficedula hypoleuca), der südlich der Sahara überwintert und Ende April nach Deutschland zurückkehrt. Er benötigt weiche Schmetterlingsraupen, um seine Jungen zu ernähren. Die haben sich inzwischen allerdings schon verpuppt, wenn die Jungvögel sie als Nahrung brauchen. Die Folge ist, dass die Brut des Vogels schwächer ist und mehr Küken im Nest verhungern. Ähnlich hängt der Bruterfolg des Goldregenpfeifers (Pluvialis apricaria) vom Zeitpunkt ab, an dem Schnaken, dem Beuteinsekt der Vögel, schlüpfen. Es wird erwartet, dass es am Ende dieses Jahrhunderts zu einer Asynchronität zwischen der ersten Eiablage der Vögel und dem Erscheinen von Schnaken kommen kann.
Indikator aus dem Monitoring zur DAS: Temperaturindex der Vogelartengemeinschaft