Umweltrisikobewertung

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Jedes Produkt, das Biozide enthält, wird einer Umweltrisikobewertung unterzogen.
Quelle: awfoto / Fotolia.com

Biozide können auf verschiedensten Wegen in die Umwelt gelangen: zum Beispiel ganz direkt als Schiffsanstrich in unsere Gewässer oder auch indirekt als Desinfektionsmittel über die Kläranlage. Bei der Umweltrisikobewertung werden alle direkten und indirekten Einträge von Bioziden in die Umwelt berücksichtigt.

Wie werden Umweltrisiken ermittelt?

Bei der Bewertung des Umweltrisikos muss zum einen berücksichtigt werden, wie und wo Biozide in die Umwelt gelangen. Zum anderen müssen die beobachteten Effekte der Stoffe auf die Struktur und Funktion von Ökosystemen einkalkuliert werden. Es werden folgende Umweltbereiche dabei betrachtet: Oberflächenwasser, marines Ökosystem, Sediment, Boden (inklusive Grundwasser), Atmosphäre, das Nahrungskettengefüge und die Kläranlagenfunktion. Mit der neuen EU Biozid-Verordnung 528/2012, gültig ab September 2013, sind erstmals auch die Auswirkungen auf die Artenvielfalt der Ökosysteme (Biodiversität ) mit zu betrachten.

Die Bewertung der Umweltrisiken durch Biozide erfolgt in drei Schritten. Bei der Effektbewertung werden die potenziellen Effekte, also die Toxizität eines Stoffes, mithilfe von Stellvertreter-Organismen des Ökosystems ermittelt. Hierbei geht man davon aus, dass das Ökosystem immer so empfindlich ist wie die empfindlichste Spezies im System. Es wird dabei das sogenannte Trophiestufen-Konzept angewendet. Ein Beispiel: In einem Gewässer wird stellvertretend für die Gruppen Primärproduzent (Alge), Primärkonsument (Wasserfloh) und Sekundärkonsument (Fisch) jeweils eine Spezies untersucht. Aus den Ergebnissen wird die Konzentration des Biozid-Wirkstoffs abgeleitet, bei der noch keine Effekte auf das Ökosystem auftreten (PNEC, predicted no effect concentration).

Parallel hierzu wird untersucht, wie viel Biozid durch die jeweilige Anwendung in die einzelnen Umweltbereiche eingetragen wird (Expositionsbetrachtungen). Diese Expositionsbetrachtungen liefern die vorhergesagte Umweltkonzentration (PEC, predicted environmental concentration) für ein bestimmtes Kompartiment. Hierfür finden zahlreiche Produktart-spezifische Emissions-Szenario Dokumente (Emission scenario documents, ESD) Anwendung.

Für die abschließende Risikoabschätzung wird für jeden einzelnen Umweltbereich (zum Beispiel Boden) die PEC mit der PNEC verglichen. Ergibt sich ein Quotient größer eins,- wird also mehr Biozid in ein Kompartiment eingetragen als kein Effekt zu erwarten wäre -  muss von einem potenziellen Risiko des bioziden Wirkstoffes für den entsprechenden Umweltbereich ausgegangen werden. Ein Risikoquotient kleiner eins bedeutet, dass kein unannehmbares Risiko zu erwarten ist. Hier liegt die eingetragene Menge Biozid also unter der Menge, für die kein Effekt mehr zu erwarten ist.

Besteht ein Risiko für die Umwelt, wird geprüft, ob entsprechende Maßnahmen zur Minderung des Risikos geeignet sind. Solche Risikominderungsmaßnahmen  (RMM) können von Auflagen für die Verwendung oder Beschränkungen bis hin zum Verbot von bestimmten Biozidanwendungen reichen. Können keine geeigneten RMM ausgesprochen werden oder würde das Risiko trotz RMM bestehen bleiben, kann der Biozid-Wirkstoff für die beantragte Anwendung nicht zugelassen werden. Er wird also nicht in den Anhang I (beziehungsweise die Unionsliste) aufgenommen.

Die Bewertung von bioziden Wirkstoffen sowie von bedenklichen Stoffen in Biozidprodukten erfolgt auf Grundlage der "Technical Guidance on Environmental Risk Assessment" (TGD, 2003). Dieses Dokument sowie weitere Arbeitsgrundlagen für die Risikobewertung von Bioziden sind auf der Internetseite der Europäischen Kommission zu finden.

Ausschluss gefährlicher Substanzen

Bei der Umweltbewertung von bioziden Wirkstoffen wird ebenfalls eine Prüfung der Ausschlusskriterien Persistenz (P), Bioakkumulationsverhalten (B) und Toxizität (T) vorgenommen. Diese Prüfung trägt dazu bei, (potenzielle) PBT-Stoffe beziehungsweise vPvB-Stoffe (sehr persistent, sehr bioakkumulierend) zu identifizieren. Nach der neuen BiozidVO sollen solche Stoffe möglichst nicht mehr verwendet werden. Ziel dieser Neuregelung ist es, die Umwelt stärker zu schützen und Stoffe aufgrund ihrer umweltgefährlichen Eigenschaften von einer Genehmigung auszuschließen.

Nanomaterialien

Der Anwendungsbereich der neuen Biozid-Verordnung schließt künftig auch Nanomaterialien ein. Somit ist für biozide Nanomaterialien eine eigene Risikobewertung durchzuführen. Auf dem Etikett von Biozidprodukten und damit behandelten Waren müssen alle enthaltenen Nanomaterialien mit der Angabe „Nano“ angegeben werden. Ergänzend dazu muss es einen Hinweis auf sich daraus eventuell ergebender Risiken geben.

Die Diskussionen zur Charakterisierung von Nanomaterialien in Bioziden haben gerade erst begonnen. Gegenwärtig gibt es allerdings noch keine Erfahrungen oder Lösungsansätze, wie spezifische Tests zur Effektbestimmung oder die Expositionsmodellierungen für Nanomaterialien aussehen sollen. Es gibt also noch keine harmonisierten Testmethoden, um die Risiken für Nanomaterialien in der Umwelt in geeigneter Weise abzuschätzen. Sie müssen erst noch entwickelt werden.

Das Umweltbundesamt beteiligt sich an der Überarbeitung der technischen Leitlinien für die neue Biozid-Verordnung. Da diese Leitlinien für Nanomaterialien Lücken aufweisen, soll ein eigenständiges Dokument für Nanomaterialien erarbeitet werden. Die Anforderungen an die Bewertung sind vergleichbar mit den Anforderungen unter der REACH-Verordnung, wobei generell eine einheitliche Bewertung von Nanomaterialien im Stoffrecht anzustreben ist. Weiterführende Informationen zu Nanomaterialien und deren gesetzlicher Regulierung finden Sie hier.

Neue Bewertungskonzepte

Die Bewertungskonzepte, die für die Umweltrisikoabschätzung von Bioziden angewendet werden, werden kontinuierlich weiterentwickelt und verbessert. So beruht beispielweise die bisherige Bewertung von Bioziden im Wesentlichen auf einer Einzelstoffbetrachtung, die für jede Biozid-Anwendung einzeln durchgeführt wird. Neue Bewertungskonzepte, wie zum Beispiel zur Untersuchung der Mischungstoxizität,  werden derzeit entwickelt und sollen künftig auch die Kombinationswirkung aller zur Toxizität in einem Produkt beitragenden Substanzen (Wirkstoffe, aber eventuell auch Beistoffe) berücksichtigen können. Darüber hinaus sollen zukünftig auch Risiken, die auf einer aggregierten Umweltexposition  basieren, abgeschätzt werden. Hierunter versteht man die Gesamtexposition eines Umweltkompartiments gegenüber einem bioziden Wirkstoff. Da der gleiche Wirkstoff oft in verschiedenen Biozidprodukten eingesetzt wird und sowohl durch die Benutzung als auch während der Lebensdauer oder bei der Entsorgung freigesetzt wird, liegt die Gesamtexposition jedes einzelnen Umweltbereichs (zum Beispiel Boden) häufig über der Einzelfallbetrachtung.

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