Pflanzenschutzmittelverwendung in der Landwirtschaft

Neben den erwünschten Wirkungen birgt der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zahlreiche Risiken für die Umwelt einschließlich der biologischen Vielfalt. Während der Absatz von Pflanzenschutzmitteln in den letzten Jahren weiter angestiegen ist, nimmt die Biodiversität in der Agrarlandschaft weiter ab.

Inhaltsverzeichnis

 

Zulassung von Pflanzenschutzmitteln

Das europäische und das deutsche Pflanzenschutzrecht gewährleisten, dass nur Pflanzenschutzmittel in Verkehr gebracht werden, die auf ihre Umweltauswirkungen geprüft wurden. Die Umweltprüfung erfolgt im Rahmen des Zulassungsverfahrens durch das Umweltbundesamt. Sie stellt sicher, dass direkte Auswirkungen von Pflanzenschutzmitteln auf die Umwelt – einschließlich der Biodiversität – weitgehend verhindert werden.

Im Jahr 2015 waren 766 Mittel (ohne ruhende Zulassungen) mit 1.490 Handelsnamen (Mittel können als „Vertriebserweiterungen“ unter mehreren Handelsnamen vertrieben werden) zugelassen. Die Zahl eingesetzter Wirkstoffe in den zugelassenen Pflanzenschutzmitteln ist seit 2000 (276 Wirkstoffe) annähernd konstant geblieben. Im Jahr 2015 wurden insgesamt 277 Wirkstoffe eingesetzt (siehe Tab. „Zahl zugelassener Pflanzenschutzmittel und Wirkstoffe“).

Die Tabelle zeigt die Anzahl zugelassener Pflanzenschutzmittel und -wirkstoffe von 2000 bis 2015. Die Anzahl der Mittel ging von 1.130 auf 766 zurück. Die Zahl der Wirkstoffe schwankte im Zeitraum 2000 bis 2015 zwischen 245 und 277 Wirkstoffen.
Tab: Zahl zugelassener Pflanzenschutzmittel und Wirkstoffe
Quelle: Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit Tabelle als PDF
 

Absatz von Pflanzenschutzmitteln

Der Absatz von Pflanzenschutzmitteln in Deutschland lag zwischen 1995 und 2005 mit Ausnahme des Jahres 1998 bei etwa 35.000 Tonnen (t) Wirkstoff. Seit 2006 ist der Inlandsabsatz angestiegen und beträgt nun fast mehr als 49.000 t Wirkstoff (im Jahr 2015). Die Gruppe der Herbizide macht hierbei mit rund 35 Prozent (%) den größten Anteil an den abgegebenen Spritzmitteln aus (siehe Abb. „Inlandsabsatz einzelner Wirkstoffgruppen in Pflanzenschutzmitteln“ und Tab. „Inlandsabsatz von Pflanzenschutzmitteln“).

Aus den Angaben über den Inlandsabsatz (Verkauf) von Pflanzenschutzmitteln kann nicht unmittelbar auf den Verbrauch je Hektar (ha) landwirtschaftlicher Nutzfläche geschlossen werden, da die ausgebrachten Mengen je nach Art des Anbaus  und Fruchtfolge sowie den standörtlichen Bedingungen zum Teil erheblich variieren und die Präparate häufig über mehrere Jahre hinweg gelagert werden. Die tatsächlich ausgebrachten Mengen (Verbrauch) an Pflanzenschutzmitteln wurden bisher nur stichprobenartig und in unregelmäßigen Abständen durch das Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen, Julius Kühn-Institut (JKI), früher Biologische Bundesanstalt erfasst.

Mit der Verabschiedung der Verordnung (EG) 1185/2009 (Verordnung über Statistiken zu Pestiziden) sind alle Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU) dazu verpflichtet, der Europäischen Kommission zukünftig in regelmäßigen Abständen Daten zum Absatz (Inverkehrbringung) und zur Anwendung von Pflanzenschutzmitteln in bestimmten Kulturen zur Verfügung zu stellen. Somit wird zukünftig bei Zugriff auf die Daten auch die Möglichkeit einer bundesweiten Auswertung von Daten zur Anwendung von Pflanzenschutzmitteln bestehen.

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Ökologische Bewertung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes

Entscheidend für eine Bewertung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes aus Sicht des Umweltschutzes sind weniger die ausgebrachten Mengen, als vielmehr die Wirkungsintensität oder die Wirkungsäquivalente. So können moderne hochwirksame Pflanzenschutzmittel aus ökotoxikologischer Sicht trotz geringerer Dosierung das gleiche Gefährdungspotenzial wie ältere Mittel in hoher Dosierung aufweisen. Deshalb ist die alleinige Festsetzung von mengenbezogenen Minderungszielen für alle Pflanzenschutzmittel nicht ausreichend. Sinnvoll wäre die Ermittlung von Trends und die Definition von Reduktionszielen mit Bezug auf die angewandte Menge des jeweiligen Wirkstoffs jedoch für solche Wirkstoffe, die aus Umweltsicht als kritisch anzusehen sind, allerdings nicht die Kriterien für einen Rückruf der Zulassung erfüllen. Mit der Einführung sogenannter Ausschlusskriterien für die Zulassung von Wirkstoffen („Cut-off-Kriterien“) in der europäischen Pflanzenschutzmittelverordnung (Verordnung (EG) 1107/2009) soll die Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln mit besonders bedenklichen Wirkstoffeigenschaften auf ein Minimum reduziert werden. Schwer abbaubare, bioakkumulierende (sich in Tieren und Pflanzen anreichernde) und umweltgiftige Wirkstoffe sollen grundsätzlich verboten werden. Beispiele sind die persistenten organischen Schadstoffe (POPs), aber auch krebsauslösende oder über Änderungen im Hormonhaushalt oder im Erbgut schädlich wirkende Stoffe. Beispielsweise wird noch immer über den Einsatz des Wirkstoffes Glyphosat diskutiert, weil dieser Wirkstoff in Verdacht steht, Krebs beim Menschen auszulösen. Diese Aufgabe fällt in den Kompetenzbereich des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR).

Bestimmte Insektizide besitzen als Wirkmechanismus eine Hemmung der Häutung bei Schadinsekten. Bei der Zulassung derartiger Substanzen ist darauf zu achten, dass Nicht-Ziel-Organismen weitestgehend verschont werden (dies dient dem Erhalt der Artenvielfalt). 

 

Umweltwirkungen von Pflanzenschutzmitteln

Die Ausweitung der Anbauflächen und die Intensivierung der Bewirtschaftung haben die Rahmenbedingungen für die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln in Deutschland drastisch verändert. Der immer intensivere und umfangreichere Einsatz hochwirksamer Breitband-Herbizide und -Insektizide führt in vielen Fällen nicht nur zur gewollten Minimierung der sogenannten Unkräuter und Schadinsekten. Er führt zwangsläufig auch dazu, dass die Ackerbegleitflora verarmt und vielen Vogel-, Säugetier- und anderen Tierarten der Agrarlandschaft die Nahrungsgrundlage entzogen wird. In zahlreichen wissenschaftlichen Studien wurde nachgewiesen, dass Pflanzenschutzmittel über die Nahrungskette indirekt eine der Hauptursachen für Bestandsrückgänge bei verschiedenen Feldvogelarten, wie zum Beispiel der Feldlerche, der Goldammer oder des Rebhuhns sind. Auch der weltweit beobachtete Rückgang von Blütenbestäubern wird in einen Zusammenhang mit dem Rückgang von Blütenpflanzen gestellt. Nicht zuletzt können unerwünschte Nebenwirkungen des Pflanzenschutzmitteleinsatzes auch für die behandelten landwirtschaftlichen Flächen selbst ein Problem darstellen, etwa über Beeinträchtigungen der Bodenfruchtbarkeit durch Schädigung wichtiger Bodenorganismen.

Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, dass Pflanzenschutzmittel ins Grundwasser versickern und somit über das Trinkwasser und/oder über landwirtschaftliche Produkte in Lebensmittel gelangen könnten. Für die Zulassung eines Pflanzenschutzmittels ist daher eine wichtige Voraussetzung, dass weder sein Wirkstoff noch dessen Abbauprodukte bestimmte Grenzwerte überschreiten und somit gesundheitliche Schäden verursachen können. Die zu erwartenden Konzentrationen in einzelnen Umwelthabitaten je nach Aufwandmenge und Art der Anwendung des jeweiligen Präparates werden mit Rechenprogrammen und durch experimentelle Daten im Voraus bestimmt.

 

Funde von Pflanzenschutzmitteln in Gewässern

In den letzten Jahren gingen die Funde von Pflanzenschutzmitteln im Grundwasser kontinuierlich zurück, wie die Abbildung „Häufigkeitsverteilung von Pflanzenschutzmittelfunden in oberflächennahen Grundwassermessstellen“ zeigt. Zwischen 2009 und 2012 (letzte vorliegende Daten) überschritten noch etwa 4,6 Prozent (%) der Proben im oberflächennahen Grundwasser den jeweiligen gesetzlichen Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter (µg/l) bei mindestens einem Wirkstoff. Der Rückgang der Grundwasserbelastungen ist dabei wesentlich auf abnehmende Fundhäufigkeiten von Atrazin, Desethylatrazin und einigen wenigen anderen Wirkstoffen sowie deren Metaboliten (Abbauprodukte) zurückzuführen, deren Anwendung bereits seit Jahren oder sogar Jahrzehnten verboten ist (“Wasserwirtschaft in Deutschland, Teil 2“). Hier zeigt sich eine Verzögerung der ökologischen Prozesse, die die strenge Zulassung in Deutschland rechtfertigt. Moderne Pflanzenschutzmittel treten deutlich seltener im Grundwasser auf als ältere.

Für Oberflächengewässer wird die Belastung mit Pflanzenschutzmitteln derzeit nur im Gewässermonitoring zur Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie systematisch erhoben. Da dazu nur größere Gewässer herangezogen werden, sind die Daten nicht dazu geeignet, um die Belastung der zahlreichen Kleingewässer in der Agrarlandschaft mit Pflanzenschutzmitteln abzuschätzen.

Informationen zu Umweltauflagen und Anwendungsbestimmungen sowie Maßnahmen zur Reduzierung des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft finden Sie im Artikel „Pflanzenschutzmittel“ auf unseren Themenseiten.

Das Diagramm zeigt, dass die Belastung des oberflächennahen Grundwassers mit Pestiziden sank: In den sechs Jahren 1990 bis 1995 wurden Pestizide in 28,3 Prozent der Proben nachgewiesen, in den Jahren 2009 bis 2012 nur noch in 19,1 Prozent.
Häufigkeitsverteilung der Pflanzenschutzmittelfunde in oberflächennahen Grundwassermessstellen
Quelle: Länderarbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA) 2015 Diagramm als PDF