Dr. Jutta Emig, Leiterin des Referats C II 3 des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV), informierte die Teilnehmenden über den Strategischen Ansatz zum Internationalen Chemikalienmanagement (SAICM) und den intersessionalen Prozess (IP).
Durch die Corona-Pandemie hat sich die ICCM5 voraussichtlich auf September 2023 verschoben und der sog. „intersessional Process“ (IP) entsprechend verlängert. Um inhaltliche Fortschritte zu machen und das Momentum aufrecht zu halten, wurden zum Ende des Jahres 2020 vier virtuelle Arbeitsgruppen zu den Themen „Targets, indicators and milestones“, „Governance and mechanisms to support implementation“, „Issues of concern“, „Financial considerations“ ins Leben gerufen. Da verschiedene Stakeholder aus unterschiedlichen Gründen nicht an allen Treffen dieser Arbeitsgruppen teilnehmen konnten, ist die Aufgabe nun, die Ergebnisse der Arbeitsgruppen mit allen Stakeholdern bei einem physischen Treffen zu besprechen und zu diskutieren, inwieweit diese in den Prozess integriert werden können. Ein besonderer Fokus wird dabei auf ehrgeizigen Zielen und Oberzielen liegen, die alle Sektoren einbeziehen und gleichzeitig von politischen Entscheidungsträger:innen und der Öffentlichkeit verstanden werden. Dies soll dabei helfen, das Thema Chemikalien- und Abfallmanagement international und national prominenter auf die politische Agenda zu setzen und dringend benötigte Ressourcen zu mobilisieren.
Nachdem David Morin aus Kanada seine Funktion als Ko-Vorsitzender niedergelegt hat, übernimmt Kay Williams aus dem Vereinigten Königreich und führt den IP gemeinsam mit Judith Torres aus Uruguay weiter. Beim vierten und vorerst letzten Treffen des IP (IP4), vom 29. August bis 02. September 2022 in Bukarest, Rumänien, sollen die bestehenden und neuen Vorschläge für Empfehlungen an die ICCM5, in ein umfassendes Dokument integriert werden. Das IP4 wird in Regionaltreffen vorbereitet, auf denen auch das sog. „Comparison document“ vorgestellt wird, dass die bestehende „Overarching Policy Strategy“ den Ergebnissen von IP1-3 und der OEWG, sowie den Ergebnissen der virtuellen Arbeitsgruppen gegenüberstellt.
Hinweise auf Neuigkeiten und Hintergrundinformationen
Auf der Umweltversammlung der Vereinten Nationen UNEA-5.2 wurden zwei chemikalienrelevante Dokumente verabschiedet:
Hintergrundinformationen:
Dr. Christine Füll aus der Abteilung für Pflanzenproduktion und Pflanzenschutz der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen erklärte die grundlegenden Eigenschaften der HHPs und gab einen Überblick über die Tätigkeiten der FAO in diesem Themenbereich.
HHPs sind im Verhaltenskodex zum Pestizidmanagement der FAO und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als jene Pestizide definiert, die anerkanntermaßen besonders hohe akute oder chronische Gefahren für Umwelt und Gesundheit darstellen […] oder unter den Anwendungsbedingungen in einem Land, schwere oder irreversible Schäden für Gesundheit oder Umwelt verursachen. FAO und WHO schlagen 8 Kriterien vor, von denen das zu beurteilende Pestizid mindestens eins erfüllen muss, um als hochgefährlich zu gelten. Während die Überprüfung der ersten sieben Kriterien anhand der darin genannten Listungen erfolgen kann, ist das achte Kriterium1 abhängig von den tatsächlichen Umständen einzelner Länder. Wird z.B. aufgrund fehlender Ressourcen oder fehlenden Wissens keine Schutzkleidung getragen oder werden die Pestizide nicht in bestimmungsgemäßer Menge angewendet, steigen Risiken für die berufliche und öffentliche Gesundheit, aber auch für die Umwelt. Dies wirkt sich negativ auf die Transformation hin zu einem neuen Agrar-Lebensmittelsystem und die Implementierung der Nachhaltigkeitsziele aus.
Die FAO unterstützt in einem ganzheitlichen Ansatz vor allem Länder des Globalen Südens, wo HHPs häufig verwendet werden bzw. durch die vorherrschenden Anwendungsbedingungen vor Ort zu HHP im Sinne des achten Kriteriums werden können. Sie unterstützt dabei, ein Bewusstsein für die Gefahren durch HHPs zu schaffen, regionale und nationale Strategien zu HHPs zu entwickeln, Kapazitäten in den Bereichen Risikobewertung und Registrierung zu schaffen sowie Alternativen zu HHPs aufzuzeigen. Sie fördert zudem sowohl den integrierten Pflanzenschutz als auch die Agrarökologie durch sog. Farmer Field Schools. Weitere technische Unterstützung wird die FAO im Rahmen des ganzheitlichen Ansatzes durch Kapazitätsbildung, Optimierung von Technologien und Guter Praxis, Minimierung der Risiken durch HHPs und durch die Respektierung nationaler Prozesse und der Souveränität der Länder leisten.
Dr. Silke Bollmohr von der Nichtregierungsorganisation (NGO) EcoTrac Consulting klärte über die Gefahren durch die Nutzung von HHPs auf. Da es seitens der FAO, u.a. wegen der Unklarheiten hinsichtlich des achten Kriteriums, bislang keine Liste zur Einteilung von HHPs gibt, hat das Pestizid-Aktionsnetzwerk PAN International, eine eigene Liste hochgefährlicher Pestizide erstellt. Diese Liste bezieht neben den ersten sieben Kriterien der FAO und WHO, die lokalen Anwendungsbedingungen sowie weitere Toxizitäts- und Umweltkriterien mit ein. Verschiedene Studien zeigen, dass in vielen Ländern des Globalen Südens gem. der PAN-Liste ein signifikanter Teil der registrierten Pestizide als HHPs gewertet werden. Der Anteil steigt sogar noch, wenn man diejenigen Pestizide betrachtet, die tatsächlich von den (Klein-)Bäuer:innen angewendet werden (in Kenia z.B. bis auf 67% der angewandten Pestizide). Rückstände diverser HHPs finden sich u.a. auf den behandelten Nahrungsmitteln. Fester Bestandteil des Risikomanagements von Pestiziden und Voraussetzung für deren Zulassung sind u.a. Schutzkleidung und Gewässerrandflächen, die in den Ländern des Globalen Südens aber häufig nicht eingehalten werden können. Gründe hierfür sind u.a., dass Gefährlichkeit und Risiken der Pestizide nicht bekannt sind, was zu zahlreichen Vergiftungen in diesen Ländern führt. Um diese zu vermeiden, zeigt die Hierarchie der Maßnahmen, dass die Eliminierung und Substitution der HHPs z.B. durch integrierten Pflanzenschutz, agrarökologische Methoden und/oder Biolandbau um ein Vielfaches effizienter und effektiver sind als z.B. persönliche Schutzkleidung. Daher sollten vorbeugende Maßnahmen den physikalischen und biologischen/biotechnischen Maßnahmen vorgezogen werden und chemische Maßnahmen (darunter auch Biopestizide) erst verwendet werden, wenn diese nicht mehr greifen.
Prof. Dr. Hanna-Andrea Rother von der Abteilung Umwelt und Gesundheit der School of Public Health and Family Medicine der Universität Kapstadt (UCT), stellte unter SAICM laufende Aktivitäten und Strategien zu HHPs vor. HHPs werden unter SAICM als sog. Emerging Policy Issue (EPI) angesehen und in einer sog. Community of Practice (CoP) behandelt. Drei wesentliche Ziele werden dabei verfolgt: Diskussionen und multisektorales Engagement zu fördern, um Schlüsselthemen im Zusammenhang mit HHPs zu identifizieren; Beispiele bester Praxis im Umgang mit HHPs auszutauschen; und zu den Beratungen im IP beizutragen. Die inzwischen 326 Mitglieder der CoP repräsentieren diverse Stakeholder und Sektoren aus unterschiedlichen Regionen und weitere Mitglieder sind jederzeit willkommen.
Eines der Produkte der CoP ist ein HHP Factsheet für SAICM Focal Points zur Unterstützung nationaler Aktivitäten. Es beinhaltet Informationen zu HHPs und gibt Empfehlungen und Vorschläge, wie alle relevanten Stakeholder involviert werden können, um künftig mehr und mehr auf HHPs zu verzichten und stattdessen auf nachhaltigere Alternativen zurückzugreifen. Dabei hebt das Factsheet die Schlüsselfunktion der SAICM Focal Points hervor, bei der Minimierung oder Vermeidung der Gesundheits- und Umweltrisiken durch HHPs mitzuwirken. Dazu gehören:
- Sicherstellen, dass alle Informationen zu HHPs mit allen relevanten Stakeholdern geteilt werden.
- Entscheidungsträger:innen über HHPs informieren, die landesweit verboten sind.
- Fördern nationaler Infrastruktur, wie z.B. Giftinformationszentren.
- Unterstützen und Fördern nationalen Engagements verschiedener Stakeholder zum Thema HHPs.
- Die Verbreitung der Arbeit von FAO, UNEP und WHO zu HHPs und ihre Ergebnisse.
Das Factsheet beinhaltet darüber hinaus Handlungsempfehlungen für alle relevanten Stakeholder. Es schlägt vor (s. Folie 13 der Präsentation), dass nationale Focal Points den aktiven Dialog zwischen diesen Stakeholdern fördern. Es wird im Rahmen eines Workshops vorgestellt und genau wie das Thema HHPs im Allgemeinen weiterhin in der CoP diskutiert. Die Teilnehmenden sowie alle SAICM Stakeholder sind eingeladen, sich an diesen Diskussionen zu beteiligen.