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Entwicklung des Endenergieverbrauchs der Industrie

Die Energieeffizienz zu steigern und auf erneuerbare Energien umzusteigen, dekarbonisiert die Energieversorgung Deutschlands nach und nach. Die Industrie steht dabei vor der Herausforderung, ihre Produktion nachhaltig umzubauen. Der folgende Artikel und die Foliensammlung zeigen die Entwicklung und die Besonderheiten des industriellen Energieverbrauchs auf.

Inhaltsverzeichnis

Entwicklung des Endenergieverbrauchs in der Industrie seit der Wiedervereinigung

Der Endenergieverbrauch (EEV) der Industrie bewegte sich in den letzten vier Dekaden mehr oder weniger auf einem Plateau, unterbrochen durch den Strukturwandel in Ostdeutschland und die Finanzkrise 2009. Seit 2018 sinkt der EEV. Einflussfaktoren sind strukturelle Veränderungen, konjunkturelle Herausforderungen in der jüngeren Vergangenheit sowie technische Weiterentwicklungen wie Energieeffizienzfortschritte. Im Jahr 2024 lag der Endenergieverbrauch der Industrie in Deutschland bei 607,6 Terawattstunden (TWh). Das entspricht rund 27 Prozent des gesamten EEV Deutschlands.

Strukturwandel in den 1990er Jahren

Anfang der 1990er Jahre waren noch Konzentrationsprozesse im Zuge der Stahlkrise und entsprechende Werksschließungen in Westdeutschland im Gange. Aber vor allem der Strukturwandel in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung mit den entsprechenden Betriebsschließungen hat dazu geführt, dass nicht nur der EEV gesunken ist, sondern auch die Bruttowertschöpfung (BWS) des verarbeitenden Gewerbes. Jedoch wurde auch der Anlagenpark der ostdeutschen Industrie modernisiert und neue Unternehmen haben sich angesiedelt, so dass Ende der 1990er Jahre Endenergieproduktivität anstieg. Dieser Anstieg der Produktivität setzte sich bis zur Finanzkrise 2009 durch, auch weil Deutschland seine konjunkturelle „Schwächephase“ Mitte der 2000er Jahre überwinden konnte. Zwar führte dieser Aufschwung wieder zu einem leichten Anstieg des EEV, doch durch die verbesserte Energieproduktivität lag 2008 die BWS 14 Prozent über und der EEV 5 Prozent unter dem Niveau von 1991.

Die Abbildung zeigt ein Säulendiagramm, welches den jährlichen Endenergieverbrauch der Industrie zwischen 1991 und 2024 darstellt. Darüber hinaus sind Endenergieproduktivität und Bruttowertschöpfung darüber als Liniendiagramm abgebildet. Es ist ersichtlich, dass Endenergieproduktivität stetig steigt, aber Bruttowertschöpfung und Energieverbrauch in den letzten Jahren sinken. Endenergieverbrauch und -produktivität der Industrie

Verbrauch und Wertschöpfung gehen im Gegensatz zur Endenergieproduktivität zurück.

Quelle: Umweltbundesamt

Eine Komponentenzerlegung kann einzelne Treiber für die Entwicklung des Energieverbrauchs besser unterscheiden (Methodische Details siehe Exkurs: Komponentenzerlegung). Die Änderung des Endenergieverbrauchs nach den Komponenten wirtschaftliche Entwicklung, Witterung, Energieintensität u.a. zu zerlegen, macht sichtbar, dass sich die Konjunktur 2009 stark gemindert hat und die allgemeine Zurückhaltung beim Konsum und Investitionen einen mindernden Effekt auf den Energieverbrauch hatte.

Das Säulendiagramm zeigt die Ergebnisse der Komponentenzerlegung der Entwicklung des Endenergieverbrauchs gegenüber 2008 für die Jahre 2009-2024. Verbrauchssteigernd wirkte die allgemeine Wirtschaftsentwicklung. Verbrauchsmindernd wirkten die Reduzierung der Energieintensität, die wirtschaftliche Entwicklung der Industrie sowie die Witterung. Summiert ergeben die Werte der Segmente die Veränderung gegenüber 1990, dargestellt durch einen Kreis. Treiber des Endenergieverbrauchs der Industrie

Der Endenergieverbrauch hat sich hauptsächlich durch verringerte Energieintensität reduziert. 

Quelle: Umweltbundesamt

Exkurs: Komponentenzerlegung nach LMDI-Methode (Logarithmic Mean Divisia Index)
Die multiplikative LMDI-Dekompositionsanalyse quantifiziert den Einfluss der Faktoren Wirtschaftsaktivität (A), Struktureffekt (S), Energieintensität (I) und Witterung (W) auf die Veränderung des Energieverbrauchs (E). Letzteres kann sich dabei auf den Endenergieverbrauch oder auf den Stromverbrauch beziehen:

E = A × S × I × W

Dabei kann man die Wirtschaftsaktivität durch die gesamte Bruttowertschöpfung (BWS) abbilden und die Struktur aus dem Anteil der industriellen BWS an dieser. Die Energieintensität ergibt sich aus der Division des temperaturbereinigten Energieverbrauchs durch die industrielle BWS. Der Witterungseffekt berechnet sich aus dem Verhältnis des realen Verbrauchs zum temperaturbereinigten Verbrauch. Somit ergibt sich:

E = BWS × BWS_Ind/BWS × E_tb/BWS_Ind × E/E_tb

Durch Logarithmieren wird dieser Term in eine Addition umgewandelt und der Einfluss der einzelnen Summanden quantifiziert. Dabei ist der Einfluss der einzelnen Treiber das Produkt aus dem logarithmischen Mittel der interessierenden Variable aus Folge- und Basisperiode und dem Logarithmus des Quotienten des Treibers aus Folge- und Basisperiode. Eine ausführliche Erläuterung dieser etablierten Methode liefert Ang (2005).

Von einer Rezession ist die Industrie in der Regel stärker betroffen als der Sektor Gewerbe, Handel, Dienstleistungen (GHD). Gründe sind unter anderem, dass an teuren Investitionsgütern eher gespart wird als an Waren des täglichen Bedarfs, oder dass die Fixkosten in der Industrie höher sind als im GHD-Sektor. Die rückgehende Auslastung der industriellen Produktionsanlagen führt zu schnell steigenden Stückkosten und einbrechenden Gewinnmargen. Hinzu kommt, dass die deutsche Industrie durch ihre Exportorientierung zwar weniger abhängig vom heimischen Markt ist, aber globale Wirtschaftskrisen dadurch besonders starke Auswirkungen haben, da zahlreiche Absatzmärkte schwächer ausfallen als in Wachstumsperioden. In der Folge hat die Industrie 2009 deutliche Anteile an der BWS an den GHD-Sektor abgegeben.

Im Gegensatz zu den wirtschaftlichen Verwerfungen in der jüngeren Vergangenheit handelte es sich bei der Finanzkrise 2009 nicht um eine Energiekrise: Nach einem starken Anstieg beispielsweise der Erdölpreise bis 2008 fielen 2009 die Preise für Energie deutlich. Niedrige Energiepreise führen zu steigenden Energieintensitäten, vor allem wenn gleichzeitig die Produktion reduziert wird, weil die Absatzmärkte kleiner werden. Die Witterung hat in der Industrie nur einen geringen Einfluss, da der Anteil von Raumwärme am Endenergieverbrauch im Vergleich zu den Privathaushalten oder dem GHD-Sektor sehr gering ist.

Erholung ab 2010 und Trend zu mehr Dienstleistungen in der Industrie

Von 2010 bis 2019 durchlief die deutsche Industrie eine Phase der Stärke. Im Gegensatz zum langfristigen Trend hin zur Dienstleistungsgesellschaft in den OECD-Ländern konnte die Industrie in Deutschland Anteile an der BWS hinzugewinnen. Dabei übernimmt die Industrie auch selbst immer mehr Dienstleistungsaktivitäten und verkauft vor allem bei höherwertigen Endprodukten zusätzliche Serviceleistungen. Weiter energieverbrauchssteigernd war ein kontinuierliches Wirtschaftswachstum und somit ein stabiler heimischer Absatzmarkt. Dennoch konnte der Verbrauch bis 2019 mittels verbesserter Energieintensität bzw. gesteigerter Energieeffizienz unter das Niveau von 2008 reduziert werden.

Ab 2020: Krisen als das neue „Normal“ mit heterogenen Reaktionen

Im ersten Jahr der Covid-19-Pandemie 2020 sind vergleichbare Kriseneffekte wie 2009 festzustellen: Eine geminderte Wirtschaftsleistung und besondere Betroffenheit der Industrie führten zu einem Energieverbrauchsrückgang. Die Pandemie hat den Bedarf an Energie reduziert mit der Folge, dass Energiekosten sanken. Wie 2009 führte dies im Zusammenspiel mit den schwachen Absatzzahlen zu einem Anstieg der industriellen Endenergieintensität.

Nach „Normalisierungseffekten“ im Jahr 2021 lässt sich für die deutsche Industrie mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine 2022 eine Zäsur feststellen. Der bis dahin wichtigste Erdgaslieferant brach weg und in der Folge zogen die Energiepreise deutlich an.  Zwei Jahre in Folge steigerte das verarbeitende Gewerbe seine Energieeffizienz überdurchschnittlich, um sich vor hohen Strom- und Gaskosten zu schützen. Der Krieg hat außerdem dazu geführt, dass die deutsche Wirtschaft in eine Rezession geriet, von der die Industrie erneut stärker betroffen war als der GHD-Sektor. Die energieintensiven Industrien haben dabei teilweise Produktionsanlagen wegen mangelnder Rentabilität ganz heruntergefahren.  Die konjunkturelle Schwächephase dauerte 2024 noch an. Seither ist die Energieintensität der Industrie jedoch wieder gestiegen, da die Energiemärkte sich normalisiert hatten – zumindest bis zum Ausbruch des Irankriegs im Februar 2026 – und dadurch die Energiepreise gefallen sind. Wie sich der Anstieg des Ölpreises im ersten Halbjahr 2026 auf den EEV der Industrie auswirken wird, ist aufgrund der geringen Bedeutung von Mineralölprodukten in der Energieversorgung für das verarbeitende Gewerbe unklar. Jedoch wirken sich hohe Erdölpreise auf die Transportkosten aus und beeinflussen vor allem in der Grundstoffchemie den Bezug von Rohstoffen.

Entwicklung des Stromverbrauchs in der Industrie

Der Stromverbrauch der Industrie im Jahr 2024 lag bei 186,0 Terawattstunden (TWh). Sie war damit für 40 Prozent des gesamten Stromverbrauchs in Deutschland verantwortlich. 

Die 1990er Jahre können als eine Zeit der Transformation vor allem für die ostdeutsche Industrie gesehen werden. Im Gegensatz zum gesamten Endenergieverbrauch, der schon 1991 einen Höchststand aufwies, stieg der Bedarf an Elektrizität des verarbeitenden Gewerbes kontinuierlich bis 2008. Dieser Anstieg war stärker als der Zuwachs der Bruttowertschöpfung. Demzufolge reduzierte sich die Stromproduktivität des Sektors in dieser Zeit. Der Industriestrompreis in der Mitte der 1990er Jahre war relativ hoch. Entsprechend erhöhte sich die Stromintensität mit dem darauf anschließenden Preisverfall des Industriestroms. 

Die Abbildung zeigt ein Säulendiagramm, welches den jährlichen Stromverbrauch der Industrie zwischen 1991 und 2024 darstellt. Darüber hinaus sind Stromproduktivität und Bruttowertschöpfung darüber als Liniendiagramm abgebildet. Es ist ersichtlich, dass die Stromproduktivität seit 2005 bis auf das letzte Jahr steigt, aber Bruttowertschöpfung und Stromverbrauch schon in den letzten Jahren sinken. Stromverbrauch und -produktivität der Industrie

Verbrauch und Wertschöpfung gehen im Gegensatz zur Stromproduktivität zurück.

Quelle: Umweltbundesamt

Die Komponentenzerlegung macht in der Entwicklung ab 2008 deutlich, dass die Witterung quasi keinen Einfluss auf den Stromverbrauch der Industrie hat. In der Finanzkrise 2009 zeigt sich beim Strom die gleiche Entwicklung wie beim gesamten EEV der Industrie. Im Gegensatz zum EEV kam es beim Stromverbrauch im Jahr 2010 nicht zu einem „Bounce Back“ über das Vorkrisenniveau. In der Folgezeit bis 2019 hätte sich der Stromverbrauch durch die steigende Wirtschaftsentwicklung der Gesamtwirtschaft und der Industrie selbst erhöht, wäre in dieser Zeit nicht die Stromintensität so deutlich zurückgegangen. 

Das Säulendiagramm zeigt die Ergebnisse der Komponentenzerlegung der Entwicklung des Stromverbrauchs gegenüber 2008 für die Jahre 2009-2024. Verbrauchssteigernd wirkte die allgemeine Wirtschaftsentwicklung. Verbrauchsmindernd wirkten die Reduzierung der Energieintensität und die wirtschaftliche Entwicklung der Industrie. Die Witterung hat keinen Einfluss auf den Verbrauch. Summiert ergeben die Werte der Segmente die Veränderung gegenüber 1990, dargestellt durch einen Kreis. Treiber des Stromverbrauchs der Industrie

Der Stromverbrauch hat sich hauptsächlich durch verringerte Stromintensität reduziert.

Quelle: Umweltbundesamt

Während der Pandemie 2020 stieg die Stromintensität vergleichbar zur Endenergieintensität. Die negative Entwicklung der Gesamtwirtschaft und speziell die Wirtschaftsentwicklung der Industrie wirkten verbrauchsreduzierend. Die entgegengesetzten Entwicklungen fanden ab dem Jahr 2021 statt: Mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine 2022 stiegen die Strompreise für die Industrie. In der Folge verbesserte sich die Stromproduktivität zweimal in zwei Jahren besonders deutlich.

Weitere Informationen zum Endenergieverbrauch der Industrie finden sich in der ausführlichen Foliensammlung.

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