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Marines Geo-Engineering — Chancen & Risiken

Das Bild zeigt die verwitterten Kreidefelsen an der Küste und das Meer bei Ebbe an einem leicht verregneten Tag mit Wolken. Dieser natürliche Prozess dient als Vorlage für Methoden wie Ozean-Alkalinisierung und Verwitterung zur Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre.
Verwitterte Kreidefelsen an der Küste bei Pourville-Sur-Mer (Normandie, Frankreich)
Quelle: U. Döring / UBA

Maßnahmen des marinen Geo-Engineerings sollen zur Minderung des Klimawandels beitragen. Dabei greifen sie tief in marine Ökosysteme ein. Marines Geo-Engineering bietet potenzielle Klimachancen, sind aber zugleich mit erheblichen Umwelt-, Risiko- und Governance-Fragen verbunden.

Inhaltsverzeichnis

1. Was sind marine Geo-Engineering-Verfahren?

Marines Geo-Engineering bezeichnet das gezielte Eingreifen in die Meeresumwelt zur Beeinflussung natürlicher Prozesse, das nachteilige Auswirkungen auf die Umwelt oder auf die Gesundheit von Menschen haben kann, insbesondere wenn diese Auswirkungen weitreichend, langanhaltend oder schwerwiegend sein können. Unter „Marines Geo-Engineering“ (mGE) fallen zwei Gruppen von Verfahren. Zum einen gehören dazu Methoden mit denen Kohlendioxid (CO2) aktiv aus der Atmosphäre entnommen und langfristig gespeichert werden soll (im Englischen: Carbon Dioxide Removal, CDR, im marinen Bereich mCDR). Im Gegensatz zur reinen Emissionsminderung geht es hier nicht nur darum, künftige CO2-Emissionen zu senken, sondern bereits freigesetztes CO2 zu entfernen und zu speichern. Zum anderen fallen auch Ansätze zur Beeinflussung des Strahlungshaushalts der Erde (SRM) unter marines Geo-Engineering. Beide sollen helfen, den globalen Temperaturanstieg zu begrenzen. 
Das Meer nimmt dabei eine besondere Rolle ein. Als größter natürlicher CO2-Speicher hat das Meer bereits etwa 25 % der gesamten anthropogenen CO2-Emissionen aufgenommen. Marine Kohlenstoffentnahme (mCDR)‑Ansätze versuchen, diese Fähigkeit gezielt zu nutzen, indem sie biologische oder chemische Prozesse im Ozean technisch imitieren oder verstärken. Beispiele hierfür reichen von Nährstoffzugaben (Ozeandüngung), über das Hochpumpen von nährstoffreichem Tiefenwasser an die Meeresoberfläche (künstlicher Auftrieb) bis hin zur Alkalinitätserhöhung (Erhöhung der Alkalinität des Meerwassers durch Zugabe von Mineralien). Eine detaillierte Beschreibung der einzelnen Methoden erfolgt unter Punkt „2. Welche marine Geo-Engineering -Methoden gibt es?“.
 

Abgrenzung zu naturbasierten Lösungen

Marine Geo-Engineering - Verfahren müssen von naturbasierten Lösungen (Nature-based Solutions, NbS) abgegrenzt werden. Zu naturbasierten Lösungen gehören Maßnahmen, die natürliche oder veränderte Ökosysteme schützen, nachhaltig bewirtschaften oder wiederherstellen. Naturbasierte Lösungen können einen wichtigen Beitrag zur Kohlenstoffentnahme leisten und zugleich die Ziele des Natur- und Meeresschutzes sowie die Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen  (Sustainable Delevopment Goals – SDGs) unterstützen. Wie andere Klimaschutzmaßnahmen auch bedürfen naturbasierte Lösungen geeigneter Rahmenbedingungen und Kontrolle, um ihre nachhaltige Umsetzung sicherzustellen.


Abgrenzung Carbon Capture and Storage (CCS) zu marinem Geo-Engineering (mGE)

CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS) sowie marines Geoengineering verfolgen beide das Ziel, den CO2-Gehalt in der Atmosphäre langfristig zu verringern, unterscheiden sich jedoch in ihren Ansätzen.
Bei der CO2-Abscheidung und -Speicherung wird Kohlendioxid abgeschieden und anschließend in tiefen geologischen Formationen dauerhaft gespeichert, um dessen Freisetzung in die Atmosphäre zu verhindern. Das abzuscheidende CO2 kann dabei aus unterschiedlichen Quellen stammen, etwa aus Industrieanlagen, der energetischen Nutzung von Biomasse, Abfallverbrennungsanlagen oder auch direkt aus der Atmosphäre. Trotz des technischen Fortschritts gibt es Diskussionen über die langfristige Wirksamkeit, die Stabilität und Kapazitäten der geologischen Speicherformationen, mögliche Umweltrisiken sowie die gesellschaftliche Akzeptanz großskaliger CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS)-Projekte (Speicherung von über 1 Million Tonnen CO2 pro Jahr). In Deutschland wird derzeit geplant, CO2 in geeignete Speicherstrukturen unter dem Meeresboden der Nordsee zu injizieren und dort dauerhaft zu speichern.
Marine Geo-Engineering-Verfahren greifen dagegen aktiv in natürliche ozeanische Prozesse ein, um die Kohlenstoffaufnahme des Meeres zu verstärken. Die meisten dieser Methoden befinden sich noch im Forschungsstadium und werfen umfangreiche ökologische, technische und rechtliche Fragen auf.

2. Welche marinen Geo-Engineering (mGE) -Methoden gibt es?

Folgende marine Geo-Engineering-Methoden sind bekannt:
Hinweis: Mehr Details zu den Methoden, möglichen Risiken und deren Potenzialen sind auch in den jeweiligen Factsheets beschrieben.

2.1 Carbon Dioxide Removal (mCDR)-Methoden

Biomasseversenkung
Pflanzen entziehen der Atmosphäre CO2 durch Photosynthese und speichern es in ihrer Biomasse. Diese Biomasse kann an Land (z. B. Ernte- oder Holzverarbeitungsabfälle) oder im Meer erzeugt werden, etwa durch gezüchtete Mikroalgen, durch Kultivierung von Makroalgen auf Meeresflächen (Makroalgenfarming) oder eingesammelte Braunalgen (Sargassum). Zur Versenkung wird die Biomasse gebündelt und beschwert, um sie in größere Meerestiefen zu transportieren, wo das enthaltene CO2 über lange Zeiträume gespeichert werden soll.

Bewertung: Nach heutigem Kenntnisstand ist Biomasseversenkung kein geeignetes marines Geo-Engineering -Verfahren. Der zusätzliche Biomasseeintrag kann Eutrophierungsprozesse fördern. Zudem ist Biomasse ein wertvoller Rohstoff, dessen Versenkung den Nachhaltigkeitszielen entgegensteht.

Ozeandüngung (Ocean Fertilisation, OF)
Bei der Ozeandüngung werden dem Meer gezielt Nährstoffe wie Eisen, Stickstoff oder Phosphor zugeführt, um das Wachstum von Phytoplankton anzuregen. Diese Mikroalgen nehmen CO2 durch Photosynthese auf und binden es in ihrer Biomasse. Wenn diese Mikroalgen absterben, wird davon ausgegangen, dass ein Teil der Biomasse in größere Meerestiefen absinkt und der Kohlenstoff dort langfristig gespeichert wird.

Bewertung: Gegenwärtig ist Forschung im Rahmen des London Protokolls (siehe Punkt 6) für diese Methode zulässig. Nach heutigem Kenntnisstand ist Ozeandüngung aber kein geeignetes marines Geo-Engineering -Verfahren. Sowohl die Klimawirksamkeit als auch die langfristigen ökologischen Folgen sind unzureichend geklärt, so dass Forschung nicht prioritär gefördert werden sollte.

Künstliche Auftriebssysteme (Artificial Upwelling)
Künstliche Auftriebssysteme orientieren sich an natürlichen Auftriebsgebieten im Ozean. Mithilfe technischer Pumpsysteme wird nährstoffreiches Tiefenwasser in oberflächennahe Schichten transportiert, um dort das Wachstum von Phytoplankton anzuregen. Die Mikroalgen binden CO2 durch Photosynthese in ihrer Biomasse, die bei Absinken in größere Tiefen langfristig gespeichert werden soll. Im Unterschied zur Ozeandüngung werden dabei keine externen Nährstoffe eingebracht.

Bewertung: Nach heutigem Kenntnisstand ist die Methode „künstlicher Auftrieb“ kein geeignetes marines Kohlenstoffentnahme-Verfahren. Um klimawirksam zu sein, müsste das Verfahren dauerhaft und großflächig betrieben werden; bei Unterbrechung würden gebundenes CO2 und Wärme rasch wieder in oberflächennahe Schichten gelangen und an die Atmosphäre abgegeben.

Ozean-Alkalinisierung (auch Alkalinitätserhöhung, OAE)
Bei der Ozean-Alkalinisierung (Ocean Alkalinity Enhancement, OAE) wird die Alkalinität des Meerwassers gezielt erhöht, um die natürliche CO2-Aufnahme des Ozeans zu verstärken und der Ozeanversauerung entgegenzuwirken. Ziel ist es, den natürlichen, sehr langsamen Prozess der Mineralverwitterung zu beschleunigen, durch den alkalische Stoffe in den Ozean gelangen. Dazu werden unterschiedliche Verfahren erprobt, etwa die Einbringung von fein gemahlenem Gesteinsmehl oder gelösten alkalischen Materialien. Diese können an Stränden, in flachen Küstengewässern, auf dem Meeresboden oder an der Meeresoberfläche ausgebracht werden. Die zugesetzten Stoffe fördern die Umwandlung von gelöstem CO2 in stabile Bikarbonat- und Karbonatverbindungen, wodurch der Ozean zusätzlich CO2 aus der Atmosphäre aufnehmen kann. Der Ausgleich zwischen Luft und Wasser erfolgt jedoch erst über Wochen bis Monate.

Bewertung: Ozean-Alkalinisierung verfügt grundsätzlich über Potenzial, da die zugrundeliegenden chemischen Prozesse gut verstanden sind. Gleichzeitig bestehen Risiken für marine Ökosysteme, insbesondere bei der Nutzung von Gesteinsmehl. Für alle Ozean-Alkalinisierungs Methoden sind belastbare Freilandmessungen erforderlich, um ihre tatsächliche Klimawirksamkeit und ökologische Auswirkungen zu bewerten.

Elektrochemische Verfahren (Electrochemical Direct Ocean Capture; eDOC)
Beim elektrochemischen Verfahren wird Meerwasser durch einen elektrischen Prozess in zwei Ströme mit unterschiedlichem pH-Wert aufgeteilt – einen sauren und einen basischen. Dem Meerwasser wird dabei CO2 entzogen. Die sauren und basischen Lösungen werden vor der Wiedereinleitung ins Meer entweder wieder zusammengeführt oder nur die basische Lösung wird ins Meer eingeleitet, was letztendlich dem Verfahren der Ozean-Alkalinisierung entspricht. Durch die Zuführung von CO2-armen Wasser soll der Ozean erneut CO2 aus der Luft aufnehmen können.

Bewertung: Das elektrochemische Verfahren hat als technische marines Geo-Engineering-Maßnahme Potenzial, sofern das aus dem Meerwasser abgeschiedene CO2 langfristig eingespeichert (z.B. durch CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS)) oder zu festen Karbonaten umgesetzt wird. Jedoch fehlen noch umfassende Studien zur Umweltverträglichkeit (z.B. Ansaugen großer Wassermengen, verwendete Materialien) und zur potenziellen Skalierbarkeit der Methode.

2.2 Solar Radiation Modification (SRM)- Methoden

Die zweite Kategorie des Geo-Engineerings umfasst verschiedene Methoden zur Beeinflussung des Strahlungshaushalts der Erde - sogenannte Modifikation der Sonneneinstrahlung. Unter marine Maßnahmen fallen dabei das Ausbringen von reflektierenden Partikeln und das Aufhellen mariner Wolken. Beide Methoden zielen darauf ab, das Sonnenlicht zurück in den Weltraum zu reflektieren – entweder durch den Einsatz von Partikeln oder eine hellere Oberfläche der Wolken.

Bewertung: Nach dem jetzigen wissenschaftlichen Erkenntnisstand bringt SRM erhebliche Gefahren für die Ernährungssicherheit, Wasserverfügbarkeit und die Umwelt mit sich. Mehr Informationen dazu sind in der UBA-Broschüre über Solar Radiation Modification (SRM) (SRM, 2025) zu finden.
Das Umweltbundesamt und die Bundesregierung lehnen den Einsatz und die technische Entwicklung von Solar Radiation Modification ab (siehe hier Antwort der Bunderegierung zu Geo-Engineering 580/2023).

3. Chancen: Beitrag zum Klimaschutz

Durch die langfristige Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre könnten marine Geo-Engineering-Maßnahmen unter bestimmten Voraussetzungen einen zusätzlichen Beitrag zur Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs leisten. Dies würde nicht nur die Geschwindigkeit der Erderwärmung dämpfen, sondern auch dazu beitragen, klimabedingte Folgen wie Meeresspiegelanstieg, Meereserwärmung, Ozeanversauerung, Extremereignisse oder Veränderungen in marinen Ökosystemen abzuschwächen. 

Je nach Verfahren wird dabei atmosphärischer Kohlenstoff gebunden und über Jahre bis Jahrhunderte im Ozean und seinem marinen Kohlenstoffsystem gespeichert, wodurch der bestehende CO2-Überschuss potenziell verringert werden kann. Ob der gebundene Kohlenstoff tatsächlich langfristig im Ozean verbleibt, ist vielfach ungeklärt. Bei Verfahren, die auf einer Vermehrung des Planktons basieren, besteht das Risiko einer schnellen Rückführung des zuvor gebundenen Kohlenstoffs in CO2 oder der Freisetzung von klimawirksamen Gasen wie Methan oder Lachgas (z.B. durch biologische Abbauprozesse oder Prädation in der Nahrungskette). Auch bei der Ozean-Alkalinisierung sind ökologische Nebenwirkungen und der hohe Energiebedarf einzelner Verfahren kritisch zu bewerten. Maßnahmen wie künstlicher Auftrieb wären zudem nur bei dauerhaftem Betrieb wirksam. Bei allen Verfahren ist das entlang der Prozessketten (Gewinnung von Material, Transport, Einbringung, Überwachung) entstehende CO2 zu berücksichtigen und auf den Klimanutzen anzurechnen.

4. Risiken und Herausforderungen

Neben Chancen ist das marine Geo-Engineering mit Risiken und Herausforderungen verbunden: 
a)    Ökologische Nebenwirkungen
Technische Eingriffe wie Ozeandüngung, Ozean-Alkalinisierung oder künstlicher Auftrieb können Nährstoffkreisläufe, Biodiversität und die chemische Zusammensetzung des Meeres verändern. Veränderungen in der Planktonzusammensetzung können marine Nahrungsnetze stören und das Auftreten toxischer Algenblüten erhöhen. Zudem können Schwermetalle oder andere Schadstoffe mobilisiert und in der Nahrungskette angereichert werden, was Risiken für marine Organismen und den Menschen birgt.

b)    Unvorhersehbare Langzeitwirkungen
Viele marine Geo-Engineering -Verfahren befinden sich noch im Forschungsstadium und beruhen überwiegend auf Modellannahmen. Ihre langfristigen Auswirkungen auf Ozeanprozesse, Ökosysteme und Klima sind bislang unzureichend erforscht. Eingriffe wie künstlicher Auftrieb oder Ozean-Alkalinisierung können Strömungen, pH-Wert und Kohlenstoffkreisläufe verändern. Biomasseeinträge oder verstärktes Planktonwachstum bergen zudem Risiken von Sauerstoffmangel und Schäden benthischer Lebensgemeinschaften – im Widerspruch zu bestehenden Meeresschutzzielen.

c)    Globale Verteilungswirkungen
Maßnahmen in einem Meeresgebiet können Auswirkungen auf weit entfernte Regionen haben. Veränderungen von Nährstoffflüssen und Strömungen können zu sogenannten Nutrient-Robbing-Effekten führen, bei denen anderen Meeresgebieten Nährstoffe entzogen werden. Dies kann Nahrungsketten, Fischbestände und regionale CO2-Aufnahmepotenziale beeinträchtigen.

d)    Technische und rechtliche Unsicherheiten
Viele Verfahren befinden sich noch im Forschungs- oder Pilotstadium. Genehmigungs-, Kontroll- und Überwachungsverfahren sind komplex und erfordern sowohl nationale als auch internationale Abstimmungen und Kooperationen.

5. Ökonomische Interessen und Vermarktung von Carbon Credits

Die kommerzielle Anwendung von marinen Geo- Engineering Verfahren bietet im Grundsatz auch die Möglichkeit ein Geschäftsmodell zu entwickeln. Im Wesentlichen basiert dies darauf, dass aus größeren Anwendungsvorhaben Carbon Credits an Unternehmen verkauft werden, die deren CO2-Bilanz verbessern oder gar ausgleichen können. Seit dem Pariser Abkommen bemühen sich zahlreiche Unternehmen verstärkt um eine eigene CO2-Neutralität. 
Zunehmend werden Carbon Credits auch für marine Geo- Engineering Vorhaben insbesondere von kleinen Start-ups angeboten. Obwohl kommerzielle marine Geo-Engineering-Projekte in der deutschen ausschließlichen Wirtschaftszone, auf deutschen Schiffen oder beim Verladen von Material in deutschen Häfen grundsätzlich verboten sind, unterliegt ihre Vermarktung auf dem sogenannten freiwilligen Kohlenstoffmarkt ansonsten keiner staatlichen Kontrolle und ist daher anfällig für eine Überbewertung von Kohlenstoffentnahmen. Der expandierende Markt für CO2-Zertifikate schafft für private Start-ups zunehmend Anreize, marine Geoengineering-Aktivitäten zu kommerzialisieren. Diese Vermarktung erfolgt, obwohl die Wirksamkeit und Umweltverträglichkeit solcher Maßnahmen bislang unzureichend wissenschaftlich belegt sind. Eine Analyse des Umweltbundesamtes zeigt, dass es einen hohen Bedarf an verlässlichem Monitoring, transparenter Berichterstattung und unabhängiger Verifizierung gibt. Zudem sind eine wirksame nationale und internationale Regulierung sowie eine bessere Einbindung in wissenschaftliche Prozesse erforderlich.

Zur Einordnung der Aktivitäten von marinen Kohlenstoffentnahme (mCDR)-Start-ups und Forschungsprojekten stehen mehrere Informationsplattformen zur Verfügung:

  • Geo-Engineering Monitor (https://map.Geo-Engineeringmonitor.org/) Der Geo-Engineering Monitor hat das Ziel, eine aktuelle Datenbank bereit zu stellen, die über wissenschaftliche Projekte, sowie Feldversuche/Anwendungen und über alle derzeit aktiven Start-ups/Firmen im Bereich Geo-Engineering (Meer sowie Land) informiert. Geo-Engineering Monitor ist ein Projekt von der ETC Group, Biofuelwatch und der Heinrich Böll Stiftung.
  • NOAA (https://oceanacidification.noaa.gov/carbon-dioxide-removal/) Übersicht zu marinen Geo-Engineering - Methoden und laufenden, internationalen Forschungs- Projekten.
  • Ocean Visions (https://oceanvisions.org/) ist eine Plattform zur Sichtbarkeit und Vernetzung von marinen Kohlenstoffentnahmen (mCDR)-Start-ups. 

6. Rechtliche Rahmenbedingungen

Auf der internationalen Ebene sind vor allem die London-Konvention (LC) und das London-Protokoll (LP), die „Convention on biological diversity“ und das internationale Klimaschutzrecht relevant. 

Im Oktober 2008 vereinbarten die Vertragsstaaten der London-Konvention und des London-Protokolls politisch, dass Forschungsmaßnahmen im Bereich der Meeresdüngung grundsätzlich genehmigungsfähig sein sollen. Alle anderen Maßnahmen – insbesondere solche kommerzieller Natur –sollen hingegen von den Vertragsstaaten nicht erlaubt werden. Der Beschluss von 2008 ist rechtlich nicht bindend, politisch aber sehr bedeutsam.

Im Jahr 2013 verabschiedeten die Vertragsstaaten des London-Protokolls im Konsens rechtlich verbindliche Vorschriften zur Kontrolle des marinen Geo-Engineerings. Diese Vorschriften betreffen vor allem die Meeresdüngung. Wie nach dem Beschluss von 2008 sind kommerzielle Aktivitäten zur Düngung der Meere verboten. Grundsätzlich zulässig sollen aber entsprechende Forschungsvorhaben sein. Diese müssen im Vorfeld daraufhin überprüft werden, ob die Experimente wissenschaftlich erforderlich sind und ob von ihnen unvertretbare Umweltauswirkungen ausgehen. Die Prüfungsanforderungen ergeben sich aus dem ebenfalls beschlossenen Annex 5 des „2013 Amendment“ vom London-Protokoll. Die neuen Vorschriften erlauben es darüber hinaus, künftig weitere Techniken mariner Geo-Engineering-Maßnahmen der staatlichen Kontrolle zu unterstellen.

Das Bewertungskonzept von 2010 („Assessment Framework“) legt in Ergänzung zu Annex 5 des „2013 Amendment“ spezifische Anforderungen an die Bewertung der wissenschaftlichen Qualität sowie möglicher nachteiliger Umweltauswirkungen für die Prüfung von Forschungsvorhaben zur Meeresdüngung fest. Wirtschaftliche Interessen dürfen nach dem „Assessment Framework“ die Ausrichtung des Forschungsvorhabens nicht beeinflussen. Im Vorfeld von Forschungsaktivitäten sind zudem andere Staaten und Interessierte zu konsultieren.

Das Amendment von 2013 zum London-Protokoll ist völkerrechtlich bislang noch nicht in Kraft getreten, da es nicht von einer ausreichenden Zahl von Staaten (zwei Drittel der Vertragsstaaten) ratifiziert wurde. Das Amendment entfaltet damit keine völkerrechtliche Verpflichtung, auch nicht für die 10 Staaten, die das „2013 Amendment“ ratifiziert haben. Seit 2022 beschäftigen sich die LC/LP-Staaten wieder verstärkt mit Techniken des marinen Geo-Engineerings. In den einstimmig angenommenen, rechtlich jedoch nicht verbindlichen Erklärungen der Jahre 2022 und 2023 vereinbarten die Vertragsstaaten, dass vier weitere Techniken (Alkalinisierung, Versenkung von Biomasse, Einbringen von reflektierenden Partikeln und Aufhellung von Wolken über dem Meer) – auch aufgrund erheblicher Wissenslücken, potenziell enorme Risiken für die Meeresumwelt bergen können. Ferner wurde vereinbart, dass daher nur „legitimate scientific research“ durchgeführt werden sollen und dass Annex 5 der Vertragsänderung von 2013 – ebenfalls nicht rechtlich verbindlich – zur Bewertung von Forschungsvorhaben heranzuziehen ist. 

Die nationale Umsetzung des LP und die Regelung von marinem Geo-Engineering erfolgt im Rahmen des Hohe-See-Einbringungsgesetzes (HSEG) sowie des Wasserhaushaltsgesetzes (§ 45 Abs. 2 Wasserhaushaltsgesetz, WHG). Das Hohe-See-Einbringungsgesetz übernimmt die Vorgaben des internationalen Rechts, einschließlich der Erklärungen von 2022 und 2023. Forschungsvorhaben sind grundsätzlich zulässig, werden aber vorab im Rahmen eines Genehmigungsverfahrens durch das Umweltbundesamt daraufhin geprüft, ob es sich um Forschung handelt und ob es erhebliche Umweltauswirkungen zu erwarten sind. Kommerzielle Vorhaben sind verboten. Gemäß WHG sind diese rechtlichen Anforderungen auch auf das deutsche Küstenmeer anzuwenden. 

7. Forschung & Entwicklung

Forschung und Entwicklung spielen eine zentrale Rolle, um marine CDR-Methoden wissenschaftlich zu verstehen, ihre Wirksamkeit einzuschätzen, ihre Sicherheit zu bewerten und ihre Anwendung im Einklang mit sonstigen Nutzungsinteressen sowie dem Schutz von Menschen und der Meeresumwelt zu ermöglichen. Forschung und Entwicklung spielen eine zentrale Rolle, um marine CDR-Methoden wissenschaftlich zu verstehen, ihre Wirksamkeit einzuschätzen und ihre Sicherheit zu bewerten. Ferner soll so eine Grundlage gelegt werden, um eine Entscheidung treffen zu können, ob eine kommerzielle Anwendung im Einklang mit sonstigen Nutzungsinteressen sowie dem Schutz von Menschen und der Meeresumwelt vor dem Hintergrund der wissenschaftlichen Erkenntnisse verantwortlich durchgeführt werden kann und soll.  In Deutschland fördert das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) die Forschungsmission der Deutschen Allianz Meeresforschung (DAM) „Marine Kohlenstoffspeicher als Weg zur Dekarbonisierung“. In der Forschungsmission CDRmare werden die verschiedenen marinen Kohlenstoffentnahme-Maßnahmen und ihre Auswirkungen auf die Meeresumwelt, das Erdsystem und die Gesellschaft in verschiedenen Projekten untersucht sowie geeignete Ansätze für die Überwachung und Bilanzierung der marinen Kohlenstoffspeicherung erforscht.

8. UBA-Position zu marinem Geo-Engineering (mGE)

  • Emissionsminderung zuerst: Die schnelle Reduktion von Treibhausgasemissionen und der Schutz natürlicher Kohlenstoffspeicher bleiben die zentralen und am verlässlich wirksamsten Klimaschutzmaßnahmen.
  • Marines Geo-Engineering (mGE)/ Marine Kohlenstoffentnahme (mCDR) Verfahren nur als Ergänzung: CO2-Entnahme ist kein Ersatz für Emissionsminderungen; ihr nachhaltig verfügbares Potenzial ist nach heutigem Kenntnisstand stark begrenzt. In 2024 wurden weltweit rund 2 Gigatonnen (Gt) CO2-Entnahmen hauptsächlich durch (Wieder-) Aufforstung realisiert, jedoch nur 0,1 % (0,0013 Gt CO2) durch biotechnische oder technische Kohlenstoffentnahme-Verfahren.
  • Strenge Regulierung: Forschung und Erprobung von marinen Kohlenstoffentnahme-Maßnahmen (mCDR) müssen klar reguliert sein und dürfen nicht automatisch in eine kommerzielle Anwendung übergehen. Das Umweltbundesamt unterstützt den regulatorischen Ansatz des London-Protokolls für marinen Kohlenstoffentnahme-Maßnahmen. In Deutschland sind nach dem Hohe-See-Einbringungsgesetz (HSEG) und dem Wasserhaushaltsgesetz (WHG) nur marine Geo-Engineering Forschungsvorhaben zulässig. Kommerzielle Vorhaben sind verboten.
  • Keine Anerkennung von Zertifizierungen: Das Umweltbundesamt sieht bislang keinen hinreichenden Nachweis für die Klimawirksamkeit von marinen Geo-Engineering -Techniken und lehnt daher die Vermarktung von Carbon Credits aus solchen Vorhaben ab, auch auf dem freiwilligen Markt. Nach dem Hohe-See-Einbringungsgesetz (HSEG) ist es nicht erlaubt, aus Forschungsvorhaben wirtschaftlichen Nutzen zu ziehen. Entsprechende Vorhaben sind daher nicht genehmigungsfähig.  
  • Schutz von Mensch und Umwelt: Marine Kohlenstoffentnahme (mCDR)-Projekte müssen hohe Umwelt- und Sozialstandards erfüllen und die Rechte lokaler und indigener Gemeinschaften wahren.
  • Internationaler Rahmen & Vorsorge: Ein großskaliger Einsatz erfordert verbindliche internationale Regeln zu Klimawirksamkeit, Monitoring, Haftung und Sicherheit; marine Kohlenstoffentnahme (mCDR)-Verfahren dürfen nur angewendet werden, wenn der Klimanutzen belegt und Risiken minimiert sind.

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