10 Jahre Bundespreis „Blauer Kompass“: Sechs herausragende Projekte zur Anpassung an den Klimawandel ausgezeichnet
Die Preisträger des Bundespreises „Blauer Kompass“ 2026 für herausragende Projekte zur Klimavorsorge und Anpassung an die Folgen des Klimawandels stehen fest. Ausgezeichnet wurden Projekte, die die Vielfalt von Anpassungsmaßnahmen in Deutschland widerspiegeln: ein Starkregenfrühalarmsystem, eine klimaresiliente landwirtschaftliche Anbaumethode, ein Qualifizierungsmodul für Hebammen zum Umgang mit Hitzebelastung, eine mutmachende interaktive Ausstellung für Kinder und Jugendliche sowie zwei Schulprojekte mit einer Baumpflanzaktion und einer Anlage zur Lebensmittelproduktion. Jede Auszeichnung ist mit einem Preisgeld von 25.000 Euro verbunden. Zum 10-jährigen Jubiläum verzeichnete der gemeinsame Wettbewerb von Bundesumweltministerium (BMUKN) und Umweltbundesamt (UBA) mit 488 Bewerbungen einen Teilnahmerekord.
Bundesumweltminister Carsten Schneider: „Die Sommerhitze hat uns in diesem Jahr gezeigt, wie wichtig ein vorausschauender Umgang mit dem Klimawandel ist. Zum Glück fangen wir nicht bei null an, sondern können von gelungenen Projekten im ganzen Land lernen. Das zeigen die die vielen guten Bewerbungen für den Bundespreis ‚Blauer Kompass‘. Es ist ermutigend, wie groß das Engagement in vielen Teilen des Landes ist, damit unsere Heimat auch in Zeiten des Klimawandels lebendwert bleibt. Mit dem ‚Blauen Kompass‘ zeichnen wir die besten Ideen aus und zeigen, was möglich ist – damit sich noch mehr Menschen davon inspirieren lassen.“
UBA-Präsident Dirk Messner: „Seit nunmehr zehn Jahren macht der ‚Blaue Kompass‘ sichtbar, wie viel Innovationskraft und Engagement es in Deutschland für die Vorsorge und Anpassung an die Folgen der Klimakrise gibt. Die Preisträger zeigen vorbildlich, was schon heute ganz besonders gut gelingt – in der Landwirtschaft und in Kommunen, in Bildungseinrichtungen und im Gesundheitswesen. Das sollte andere, die von Hitze und Trockenheit, Starkregen und anderen Klimafolgen betroffen sind, inspirieren sich besser für die Zukunft zu wappnen. So können viele Schritt für Schritt und gemeinsam beitragen die gesamte Gesellschaft klimaresilient zu gestalten.“
Die Gewinnerprojekte zeigen, wie verschiedene gesellschaftliche Akteure wie Kommunen, Unternehmen, Schulen, Bildungseinrichtungen und Vereine in Deutschland auf innovative und vorausschauende Weise mit den Folgen des Klimawandels umgehen und einen wichtigen Beitrag für mehr Klimaresilienz leisten. Damit haben sie die Fachjury überzeugt, die fünf Preisträger auswählte. Der zusätzliche „Community-Preis“ wurde in einem öffentlichen Online-Voting bestimmt.
Die Preisträger des „Blauen Kompass“ 2026
Starkregenfrühalarmsystem – Risiken früh erkennen, Menschen wirksam schützen
Landkreis Fulda, Hessen | Kategorie: Kommunen
Der Landkreis Fulda hat ein Frühalarmsystem entwickelt und eingeführt, das im gesamten Kreis vor Starkregen warnt. Über 180 mit dem Internet verbundene Sensoren an Gewässern, Kanälen und öffentlichen Gebäuden erfassen Pegelstände und Niederschlagsmengen in Echtzeit. Mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz werden die Daten ausgewertet und mit Radardaten des Deutschen Wetterdienstes abgeglichen. Alle 23 Städte und Gemeinden des Landkreises sind an das System angebunden, das auch Bürgerinnen und Bürger per App, SMS oder Telefonanruf mit Vorwarnzeiten von bis zu 60 Minuten alarmiert. Bei einem Starkregenereignis im Mai 2024 konnte das Frühalarmsystem die örtlichen Feuerwehren erstmals „vor die Lage“ bringen, also die Einsätze frühzeitig zu koordinieren. Weitere Landkreise in Hessen entwickeln inzwischen ähnliche Systeme.
Video: https://www.umweltbundesamt.de/video/starkregenfruehalarmsystem-risiken-frueh-erkennen
Schwamm-Acker Gramzow: Systemische Bodenregeneration als Antwort auf Extremwetter
Landwirtschaftsbetrieb Stefan Bernickel, Gramzow, Brandenburg | Kategorie: Private und kommunale Unternehmen
In der niederschlagsarmen Uckermark hat der Landwirt Stefan Bernickel seinen Familienbetrieb vollständig auf ein regeneratives Bewirtschaftungssystem umgestellt. Er verzichtet beim Ackerbau auf Pflug und Grubber, setzt das bodenschonende Strip-Till-Verfahren zum Säen ein und nutzt eine klimafitte Fruchtfolge mit Kichererbsen und Körnermais. All diese Maßnahmen befähigen den Boden, Wasser zu speichern, anstatt es abfließen zu lassen. Seit der Betrieb die Bewirtschaftung umgestellt hat, stieg die Regenwurm-Population im Boden von einem bis zwei Exemplaren auf 10–20 Würmer pro Spatenaushub – ein messbarer Beleg für die verbesserte Infiltrationsleistung. Das Land Brandenburg hat den Betrieb seit Sommer 2026 als offiziellen Konsultationsbetrieb für bodenschonende Bodenbearbeitung anerkannt. Er dient nun offiziell dem Wissenstransfer zwischen Landwirtschaftsbetrieben und bietet dazu regelmäßig fachlichen Austausch zur klimaresilienten Bewirtschaftung an.
Video: https://www.umweltbundesamt.de/video/schwamm-acker-gramzow-systemische-bodenregeneration
Planetary Health und klimasensible Hebammenarbeit – Klimavorsorge und -anpassung im Gesundheitswesen
Katholische Stiftungshochschule für angewandte Wissenschaften München, Bayern | Kategorie: Forschungs- und Bildungseinrichtungen
Die Katholische Stiftungshochschule München hat gemeinsam mit den Dualen Hochschulen Baden-Württemberg in Stuttgart und Heidenheim ein Hochschulmodul entwickelt und etabliert, das Hebammen gezielt auf die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels vorbereitet. Die Studierenden lernen, klimasensible Beratung anzubieten – etwa zu hitzegerechter Alltagsgestaltung in der Schwangerschaft oder zu Risiken bei Extremwetterlagen für Neugeborene. Damit werden besonders vulnerable Personengruppen adressiert. Außerdem wurde das Lehrbuch „Klimasensible Hebammenpraxis“ veröffentlicht. Das Modul soll mittelfristig in alle hebammenwissenschaftlichen Bachelorstudiengänge in Deutschland integriert werden.
Video: https://www.umweltbundesamt.de/video/planetary-health-klimasensible-hebammenarbeit
Die MutReiferei – Mut als Zukunftskompetenz für das Leben mit dem Klimawandel
Förderverein NaturGut Ophoven e.V., Leverkusen, Nordrhein-Westfalen | Kategorie: Verbände, Vereine und Stiftungen
Das Hochwasser im Juli 2021 zerstörte weite Teile des Umweltbildungszentrums NaturGut Ophoven ebenso wie das Kinder- und Jugendmuseum EnergieStadt in Leverkusen. Aus diesem Schaden entstand ein Neuanfang: Auf dem Gelände einer ehemaligen Bananenreiferei betreibt der Förderverein NaturGut Ophoven seit August 2025 „Die MutReiferei“. Diese modulare Mitmach-Ausstellung adressiert die Klimaangst von Kindern und Jugendlichen. In acht Schiffscontainern auf rund 120 Quadratmetern trainieren sie Mut als Zukunftskompetenz – mit verschiedenen Herangehensweisen unter den Titeln „KopfMut“, „OhrMut“, „HerzMut“ und „HandMut“. Bis März 2026 haben bereits 5.080 Personen, darunter 3.569 Kinder, die Ausstellung besucht. Das Konzept der Ausstellung wurde veröffentlicht.
Video: https://www.umweltbundesamt.de/video/die-mutreiferei-mut-als-zukunftskompetenz-fuer-das
Campus Cultiva – Schule baut Lernort für klimaangepasste Lebensmittelproduktion mit Kombination aus Fischzucht und Pflanzenanbau
Sankt Mauritius-Sekundarschule, Halle (Saale), Sachsen-Anhalt | Kategorie: Schulen
Die Sankt Mauritius-Sekundarschule in Halle (Saale) hat auf ihrem Schulgelände ein 22 Quadratmeter großes Gewächshaus mit integrierter Aquaponik-Anlage gebaut – ein geschlossenes System, in dem sich Fischzucht und Pflanzenanbau gegenseitig unterstützen. Dank Wasserkreislauf, Regenwassernutzung und Solarenergie arbeitet das System ressourcenschonend sowie weitgehend energieautark und unabhängig von synthetischen Düngern und Pestiziden. Das Projekt trägt zur Klimaanpassung bei, indem es eine ganzjährige, witterungsunabhängige Lebensmittelproduktion ermöglicht, die gegenüber Extremwetterereignissen wie Dürren oder Starkregen resilient ist. Schülerinnen und Schüler der Klassen 5 bis 10 haben die Baugrube selbst ausgehoben, die Schalung errichtet und das Betonfundament gegossen. Das Gewächshaus dient als fächerübergreifender Lernort für nachhaltige Lebensmittelproduktion.
Video: https://www.umweltbundesamt.de/video/campus-cultiva-schule-baut-lernort-fuer
OPG-Klimawald und Streuobstwiese
Olof-Palme-Gesamtschule, Hiddenhausen, Nordrhein-Westfalen | Community-Preis (Online-Voting)
Mit einem selbst organisierten Sponsorenlauf sammelte die Olof-Palme-Gesamtschule in Hiddenhausen rund 33.000 Euro – und pflanzte damit eine Streuobstwiese und einen Klimawald mit über 5.000 Bäumen und Sträuchern am Rand des Schweichelner Waldes. Die Grünflächen dienen nicht nur als CO₂-Speicher, sondern halten bei Starkregen das Wasser am Hang zurück und schützen so das angrenzende Wohngebiet besser vor Überflutung. Gleichzeitig entstand ein lebendiger Lernort abseits des Schulgeländes: In mehreren Fächern – von Biologie über Hauswirtschaft bis hin zu Kunst – fließen die Ökosysteme Streuobstwiese und Wald direkt in den Unterricht ein. Eine Partnerschule in Schweden hat bereits Interesse bekundet, das Modell zu übernehmen.
Video: https://www.umweltbundesamt.de/video/opg-klimawald-streuobstwiese
Über den Wettbewerb „Blauer Kompass“
Der Bundespreis „Blauer Kompass“ wird alle zwei Jahre gemeinsam vom Bundesumweltministerium und dem Umweltbundesamt ausgelobt. Er zeichnet innovative, wirksame und nachhaltige Lösungen für die Vorsorge und die Anpassung an Klimafolgen in Deutschland aus. Erstmals konnten sich in diesem Jahr Schulen und Schulprojekte in einer eigenen Kategorie bewerben.
Die Auswahl der Preisträger in den fünf Kategorien traf eine Jury mit acht Expert*innen u.a. aus den Bereichen Politik, kommunale Spitzenverbände, Wirtschaft, Forschung, Kommunikation und Jugendbeteiligung. Das Bundesumweltministerium und das Umweltbundesamt waren in der Jury durch die Parlamentarische Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter und durch UBA-Vizepräsidentin Lilian Busse vertreten. Darüber hinaus wurde ein „Community-Preis“ vergeben, für den alle Interessierten in einem Online-Voting abstimmen konnten. Hierbei wurden insgesamt 24.795 gültige Stimmen abgegeben.
Neben dem Preisgeld von jeweils 25.000 Euro erhalten die ausgezeichneten Projekte Unterstützung bei ihrer Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Unter anderem wurde zu jedem Preisträgerprojekt ein professioneller Kurzfilm erstellt.
Die Preisverleihung fand am 17. September 2026 im Bundesumweltministerium in Berlin statt. Sie war der Höhepunkt der bundesweiten „Woche der Klimaanpassung“, mit der das Bundesumweltministerium und das Zentrum KlimaAnpassung (ZKA) unter dem Motto „Gemeinsam für Klimaanpassung“ mit Veranstaltungen in ganz Deutschland die Vielfalt und das große Engagement für die Klimaanpassung präsentieren.