Anpassung: Handlungsfeld Biologische Vielfalt

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Änderungen des Klimas können für viele Arten und Ökosysteme negative Folgen mit sich bringen.
Quelle: patzita/photocase.com

Der Klimawandel verändert teils tiefgreifend die Lebensräume von Tieren und Pflanzen und bedroht so auch direkt und indirekt die Artenvielfalt. Mit unterschiedlichen Anpassungsmaßnahmen lässt sich dem Verlust an biologischer Vielfalt entgegenwirken.

Technische Maßnahmen

Die Natur reagiert auf Veränderungen der klimatischen Bedingungen: Sie passt sich an. Allerdings wird sie dabei häufig durch die menschliche Lebens- und Wirtschaftsweise behindert. Ist dies der Fall, sind dynamische, räumliche und zeitliche Anpassungsvorgänge oft nur noch eingeschränkt möglich.

Der Mensch sollte daher die natürlich vorhandene Dynamik und das Anpassungspotenzial der Natur unterstützen, indem er die Funktionalität von Ökosystemen bewahrt und fördert. Um jene Tier- und Pflanzenarten zu erhalten, die an spezifische Standort- und Habitatbedingungen gebunden sind, muss diesen ein Ausweichen in den jeweils für sie günstigsten Lebensraum ermöglicht werden. Eine großflächige Betrachtung von Schutzgebieten über ihre Grenzen hinaus ist somit wichtig, um mögliche Biotopverbundsysteme ausfindig zu machen. Dies sind notwendige Voraussetzungen für den Erhalt der Artenvielfalt.

Technische Lösungen spielen bei einem solchen Biotopverbundsystem eine wichtige Rolle. Für viele Arten ist ein Verbundsystem eine entscheidende Voraussetzung zur ⁠Anpassung an den Klimawandel⁠.
Korridorflächen, Leitstrukturen wie Hecken und Trittsteinhabitate, Wanderkorridore und Grünbrücken werden genutzt, um Lebensräume zu verbinden. Diese bilden die zentralen Bausteine der Vernetzung und werden speziell an den jeweils zu fördernden Arten ausgerichtet. Die Vielfalt von ⁠Habitatstrukturen⁠ in der Landschaft unterstützt die Vernetzung von Biotopen. Gleichzeitig können durch technische Maßnahmen die Barrierewirkung von Verkehrswegen, Fließgewässerverbauung und intensiv genutzten Flächen verringert werden.

Ökosystemare Maßnahmen

Die Schaffung eines effektiven Biotopverbundsystems, das auch von Natura 2000 angestrebt wird, ist eine der wohl wichtigsten Maßnahmen im Bereich „grüne Infrastruktur“. Laut Naturschutzgesetz (BNatSchG § 4) müssen die Länder mindestens 10 Prozent ihrer Landesfläche für einen ⁠Biotopverbund⁠ zur Verfügung stellen. Eine großräumige Betrachtung ist somit wichtig.
Durch Vernetzung von Habitaten soll die Wanderung und Ausbreitung von Arten in zukünftige Lebensräume ermöglicht werden. Nur durch diese territorialen Verbindungen können vom ⁠Klimawandel⁠ betroffene Arten neue geeignete Lebensräume finden. Länderübergreifend soll hierfür ein effektives ⁠Biotopverbundsystem⁠ entwickelt und eingerichtet werden. Die Zerschneidung natürlicher Systeme sowie der Flächenverbrauch müssen verringert und Fachplanungen – zum Beispiel für Siedlungen, Infrastruktur und Verkehr – entsprechend angepasst werden.

Weitere „grüne“ Maßnahmen sind die Anlage und der Erhalt von naturnahen Grünflächen in Städten und von Ausweichhabitaten. Auch der Prozessschutz als Naturschutzstrategie, die auf dem Nicht-Eingreifen in die natürlichen Prozesse von Ökosystemen beruht, zählt dazu.

Zudem ist der Schutz von Feuchtlebensräumen wie Mooren und Auen eine wichtige Maßnahme, die gleichzeitig einen Beitrag zum ⁠Klimaschutz⁠ leistet. Gezielte Stabilisierung und Verbesserung der Wasserhaushalte, Renaturierung, Wiedervernässung, naturschonende Nutzungsalternativen und andere Maßnahmen sollen die besonders klimasensitiven Lebensräume nicht nur in Schutzgebieten, sondern bereits in ihren Einzugsgebieten schützen.
Eine Maßnahme zum Hochwasser- und gleichzeitig Artenschutz ist die Überführung in Flächen mit natürlicher Hochwasserdynamik, die eine Wiederbesiedlung mit vielen auentypischen Pflanzen- und Tierarten ermöglicht. Durch Rückbau, Rückverlegung oder Schlitzung von Deichen an bundesweit 79 Flüssen in den Jahren von 1983 bis 2017 sind 4.080 Hektar ehemalige Auenfläche wieder an die natürliche Überflutungsdynamik der Fließgewässer angeschlossen worden und werden bei Hochwasserereignissen ungesteuert überschwemmt.

In der Landwirtschaft sind weitere Maßnahmen möglich, die zum Naturschutz beitragen. Schonende Bodenbearbeitung, ein Schutz der biologischen Vielfalt der Landwirtschaft sowie die Verringerung von Stressfaktoren sollen die Synergie zwischen Landwirtschaft, Naturschutz, Bodenschutz, Gewässerschutz und Klimaschutz verbessern. Ökolandbau stellt hier eine äußerst umweltfreundliche Alternative zur konventionellen Landwirtschaft dar.

Rechtliche, politische und Management-Maßnahmen

Die nationale und internationale Politik ist gefordert, die richtigen Rahmenbedingungen für die Anpassung des Naturschutzes zu gewährleisten. Hierfür muss das Konzept des Naturschutzes mit Blick auf den ⁠Klimawandel⁠ weiterentwickelt werden. Ziel muss sein, den Naturschutz so auszurichten, dass möglichst viele funktionale Ökosysteme erhalten bleiben, um auf diese Weise einer größtmöglichen Zahl von Arten einen intakten Lebensraum zu bieten. Die Ausrichtung auf kleinflächige Schutzgebiete sollte überdacht werden. Auch können flexible Schutzgebietsgrenzen in Anbetracht migrierender Arten eine effektive Lösung sein.

Besondere Vorkehrungen sind für jene Arten notwendig, deren zukünftige Lebensräume keine Überlappung mit heutigen Verbreitungsgebieten zeigen. Zudem benötigen Arten, die nur beschränkt migrationsfähig sind, besonderen Schutz. In ihrem Fall sind gezielte Maßnahmen zur Ansiedelung in neue Lebensräume denkbar.

Die Weiterentwicklung des Schutzgebietssystems muss die Erfordernisse des Klimawandels berücksichtigen. Die Fläche der streng geschützten Gebiete hat von 1.129.225 Hektar im Jahr 2000 auf 1.591.580 Hektar im Jahr 2016 statistisch signifikant zugenommen. Auf die Landfläche Deutschlands bezogen bedeutet dies eine Steigerung von 3,2 % im Jahr 2000 auf 4,4 % der Fläche im Jahr 2016. Der Anstieg der Fläche streng geschützter Gebiete ist unter anderem durch die Umsetzung des ⁠Natura-2000⁠-Netzwerkes bedingt.

Auch die zuständigen Landes- und Naturschutzbehörden können die sich ändernden Klimabedingungen bei der Erstellung von Pflege- und Entwicklungsplänen sowie bei Managementplänen für Schutzgebiete berücksichtigen und diese fortlaufend anpassen. So erwähnen inzwischen im Zusammenhang mit naturschutzfachlichen Fragen mehr als zwei Drittel der Landschaftsprogramme Themen des Klimaschutzes und der ⁠Anpassung an den Klimawandel⁠. Ein wichtiges Instrument ist das adaptive Management, das ein dynamisches Schutzgebietsmanagement ermöglicht. Schutzziele können hier immer wieder evaluiert und an sich ändernde Bedingungen angepasst werden.

Das ⁠Monitoring⁠ der ⁠Klimafolgen⁠ für die ⁠Biodiversität⁠ spielt eine wichtige Rolle. Der Erhalt der biologischen Vielfalt setzt eine länderübergreifende Zusammenarbeit und einen frühzeitigen Informationsaustausch voraus. Vor diesem Hintergrund ist ein Monitoringsystem für Klimafolgen und bereits eingeleitete Maßnahmen sowie die genaue Definition von Zielkriterien wichtig. Monitoring- und Frühwarnsysteme sind auch für die Unterstützung besonders betroffener Arten und Biotope sowie für den Umgang mit invasiven Arten hilfreich. Auf Basis ihrer Ergebnisse können Risikoabschätzungen vorgenommen und Handlungsempfehlungen ausgegeben werden. Nur so kann gezielt und effizient auf klimabedingte Gefahren sowie neue Anforderungen eingegangen werden.

Mitte 2020 hat die EU-Kommission eine neue Biodiversitätsstrategie für 2030 vorgelegt. Damit soll ein Wiederherstellungsplan für die Natur mit verbindlichen Zielen entwickelt werden. Jeweils 30 Prozent der Land- und der Meeresflächen sollen unter Naturschutz gestellt werden, aufbauend auf den bestehenden Natura-2000-Gebieten. Der Rückgang von Insekten und Vögeln auf landwirtschaftlichen Flächen soll ebenso eingedämmt werden wie der Beifang geschützter Arten in den Meeren. Weitere Ziele sind 25.000 Kilometer frei fließende Flüsse und drei Milliarden neu gepflanzte Bäume. Forschung zur Artenvielfalt will die EU stärker fördern. Für diese Ziele sollen nach Vorstellung der Kommission mindestens 20 Milliarden Euro jährlich in Naturschutz und die Wiederherstellung von Ökosystemen fließen.

 

Quellen