Mikroverunreinigungen in Gewässern

Rückstände von Arzneimitteln, Pflanzenschutzmitteln, Bioziden und anderen Chemikalien können schon in geringen Konzentrationen Wirkungen auf die Umwelt und die menschliche Gesundheit haben. Diese Mikroverunreinigungen werden nicht zuletzt dank besserer Analyseverfahren zunehmend in unseren Gewässern nachgewiesen.

Inhaltsverzeichnis

Bei der Herstellung, Verarbeitung, Verwendung und Entsorgung von Chemikalien können diese als Mikroverunreinigungen auf verschiedenen Wegen in das Grundwasser, die Flüsse, die Seen und die Meere gelangen: Durch Abwässer aus Kläranlagen, Abschwemmung aus Böden, Auswaschung über Niederschläge, Versickerung oder Direktanwendung im Gewässer.

 

UBA-Empfehlungen

Das Umweltbundesamt hat die Eintragspfade analysiert, kritische Stoffeigenschaften benannt und Handlungsempfehlungen abgeleitet. Es zeigt sich: Nur eine Kombination von Maßnahmen bei der Herstellung, bei den Verwendungen und der Abwasserbehandlung kann einen umfassenden Schutz bewirken.

In den einzelnen Stoffbereichen sind folgenden Ansätze sinnvoll:

Arzneimittel: Für eine wirksame Kontrolle bei der Zulassung müssen die herstellenden Unternehmen alle Umweltdaten für eine Stoffbewertung offenlegen. Dies gilt auch für Arzneimittelwirkstoffe, die bereits lange auf dem Markt sind. Zudem sollte die Forschung zu umweltverträglichen Wirkstoffen verstärkt werden. Tierarzneimittelwirkstoffe mit schädlichen Umwelteigenschaften (persistent, bioakkumulierend, toxisch) sollten generell nicht zugelassen werden. Ärztinnen und Ärzte sowie Apothekerinnen und Apotheker müssen besser über die Umweltaspekte von Arzneimitteln informiert werden. Auch Patientinnen und Patienten müssen besser darüber aufgeklärt werden, das Arzneimittel nicht über Spüle und Toilette entsorgt werden dürfen.

Pflanzenschutzmittel (PSM): Insgesamt sollten deutlich weniger chemische Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden. Dafür müssen der Ökolandbau ausgebaut und vorsorgende Maßnahmen im konventionellen Anbau, z.B. eine erweiterte Fruchtfolge, umgesetzt werden. Um Einträge in Gewässer bei und nach der Ausbringung zu minimieren, sollten dauerhaft bewachsene ⁠Gewässerrandstreifen⁠ entlang der Flüsse und Bäche angelegt werden, auf denen der Einsatz von PSM verboten ist. Bei der Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln sollte Technik zum Einsatz kommen, die eine möglichst zielgenaue, verlustfreie und saubere Ausbringung gewährleistet.

Biozide (Mittel zur Schädlingsbekämpfung, Desinfektion und zum Materialschutz): Generell sollte der Einsatz von Bioziden auf das notwendige Maß minimiert werden. Einzelne Anwendungsbeschränkungen und Auflagen bei der Zulassung von Bioziden reichen nicht aus. Zusätzlich müssen belastbare Daten zu den Verkaufs- und Verwendungsmengen erhoben, Umweltbelastungen systematisch überwacht sowie übergreifende Vorgaben für den umwelt- und sachgerechten Gebrauch von Bioziden erlassen werden.

Abwasser: Da viele der vorgeschlagenen Maßnahmen einen längeren Vorlauf brauchen und nicht alle Einträge von Mikroverunreinigungen verhindern können, muss auch bei der Abwasseraufbereitung angesetzt werden. Chemikalien aus verschiedenen Anwendungen gelangen in die kommunalen Kläranlagen. Mit einer vierten Reinigungsstufe könnte deren Eintrag in die Gewässer effizient reduziert werden. ⁠UBA⁠-Schätzungen gehen von Mehrkosten von durchschnittlich 16 Euro pro Person und Jahr für den Ausbau der großen Kläranlagen in Deutschland aus.

Maßnahmen zur Reduzierung des Eintrags von Mikroverunreinigungen sind mit Kosten verbunden. Studien zur möglichen Ausgestaltung einer Pflanzenschutzmittel- und einer Arzneimittelabgabe sowie zur Ertüchtigung der Abwasserabgabe und deren Impulse für die Finanzierung von weitergehenden Reinigungstechnologien haben bereits wichtige Grundlagen für die weitere fachliche Diskussion gelegt. Für die Novellierung der Abwasserabgabe gab es schon sehr konkrete Vorschläge, die in der nächsten Legislaturperiode weiterverfolgt werden sollten.

 

Vom Stakeholderdialog Spurenstoffe zum „Spurenstoffzentrum des Bundes“

Das ⁠BMU⁠ hat 2016 einen ⁠Stakeholder⁠-Dialog zur Erarbeitung einer Strategie zum Umgang mit „Spurenstoffen“ in Gewässern auf Bundesebene gestartet. Das Umweltbundesamt begleitet bisher diesen Dialogprozess fachlich zusammen mit dem Fraunhofer ISI und der IKU GmbH als Projektpartnern. Ziel ist es, den Eintrag von Spurenstoffen in die aquatische Umwelt zu vermeiden bzw. zu vermindern. Dazu bedarf es einer Kombination aus quellenorientierten und anwendungsorientierten sowie nachgeschalteten Maßnahmen mit einer ausreichenden Effektivität bei möglichst hoher Effizienz. Ein solcher Maßnahmenkatalog soll die Grundlage einer nationalen Spurenstoffstrategie bilden.
In einer ersten Phase bis Juni 2017 haben die Stakeholder erste Empfehlungen in einem Policy Paper erarbeitet. Diese wurden in der 2. Phase bis März 2019 konkretisiert. Vier Arbeitsgruppen erarbeiteten unter dem Stakeholder-Forum folgendes:

  • Eine Vorgehensweise zur Auswahl relevanter Spurenstoffe
  • Quellenorientierte Maßnahmen zur Umsetzung der Herstellerverantwortung
  • Kommunikations-, bildungs- und anwendungsbezogene Maßnahmen
  • Einen Orientierungsrahmen zur weitergehenden Abwasserbehandlung auf Kläranlagen.

 

Figure 1:  Stakeholdergruppen im Stakeholderdialog Spurenstoffe
Figure 1: Stakeholdergruppen im Stakeholderdialog Spurenstoffe
Quelle: BMU/UBA 2017 (Policy Paper Stakeholder-Dialog)
 

Am 19.03.2019 überreichten Vertretende der ⁠Stakeholder⁠ das Ergebnispapier mit den Vorschlägen Frau Ministerin Schulze. Es folgte eine Pilotphase bis Dezember 2020, in der die folgenden Maßnahmen auf ihre Praktikabilität geprüft wurden:

  • Die Auswahl relevanter Spurenstoffe anhand der erarbeiteten Vorgehensweise durch ein Expertengremium 
  • Die Identifizierung einschlägiger Vermeidungs- und Reduzierungsmaßnahmen im Rahmen der Herstellerverantwortung für ausgewählte relevante Spurenstoffe (Röntgenkontrastmittel, Diclofenac und Benzotriazol) an drei sogenannten „Runden Tischen“
  • Eine gemeinsame Kommunikationsstrategie unter dem Dach der ⁠UN⁠-Wasserdekade
  • Eine Informationskampagne des BMU zur richtigen Entsorgung von Arzneimittel https://www.richtigentsorgenwirkt.de 
  • Die Anwendung des Orientierungsrahmens zur weitergehenden Abwasserbehandlung auf Kläranlagen durch die Bundesländer
  • Der Aufbau des „Spurenstoffzentrums des Bundes“ im Umweltbundesamt“

Im Anschluss an die Pilotphase fand eine Evaluierung statt. Deren Ergebnisse wurden den Stakeholdern auf einer Veranstaltung am 15. und 22. März 2021 vorgestellt. In diesem Rahmen wurde der Startschuss für das neu geschaffene Bundeszentrum für Spurenstoffe beim ⁠UBA⁠ gegeben. Das Spurenstoffzentrum soll zukünftig die Identifizierung relevanter Spurenstoffe zusammen mit einem Expertengremium sowie die Runden Tische unter Einbindung von Herstellern und der Wasserwirtschaft fortführen und die Länder u.a. bei Fragen zu Eintragspfaden, Stoffeigenschaften und der Einführung der 4. Reinigungsstufe in Kläranlagen beraten. Außerdem soll ein strukturierter Informationsaustausch zwischen Ländern, Kommunen, Kompetenzzentren und Hochschulen hinsichtlich quellenorientierter und nachgeschalteter Minderungsmaßnahmen aufgebaut werden. Bis zum vollständigen Aufbau des Spurenstoffzentrums Ende nächsten Jahres stehen die eingangs genannten Projektpartner Fraunhofer ISI und IKU GmbH dem Dialogprozess unterstützend zur Verfügung. Weitere Informationen finden sich auf: https://www.dialog-spurenstoffstrategie.de

 

Finanzierungssymposium Spurenstoffe:

Die Beiträge des ⁠UBA⁠/⁠BMU⁠-Symposiums am 22. und 23. Januar 2019 in Berlin zum Thema „Wie können Maßnahmen zur Reduzierung von Spurenstoffen in den Gewässern finanziert werden?“ finden Sie hier.