Chemikalien-Management

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Chemieindustrie
Quelle: Ian Brodie / fotolia.com

Für das Umweltbundesamt geht es beim Umgang mit Chemikalien - dem Chemikalienmanagement - vor allem darum, negative Auswirkungen auf unsere Umwelt und Gesundheit zu minimieren, Ressourcen zu schonen und gleichzeitig den Nutzen von Chemikalienanwendungen für eine nachhaltige Entwicklung innerhalb der planetaren Grenzen zu maximieren. Erreichen können wir dieses so klar klingende Ziel allerdings nur, wenn eine Vielzahl von Akteuren und Instrumenten wirksam und konzertiert darauf hin arbeiten.

Beyond 2020 - eine entscheidende Phase für das Chemikalienmanagement weltweit

Globaler Chemikalienausblick: Transformation von Altlasten zu innovativen Lösungen für nachhaltige Entwicklung ist gefragt

Globale Trends zeigen steigende Herstellungs- und Verwendungsmengen von immer zahlreicheren Chemikalien in zunehmend vielfältigeren Anwendungen und Erzeugnissen. Dadurch wachsen weltweit auch die Anforderungen an ein verantwortungsvolles Chemikalienmanagement. Gleichzeitig entwickeln sich jenseits bisheriger Industrie-Regionen neue Schwerpunkte der Chemieindustrie und rasch wachsende Konsummärkte. Der Global Chemicals Outlook 2 des Umweltprogramms der VN zeigt eindrucksvoll, was das bedeutet.

Auch deshalb sind die kommenden Jahre eine entscheidende Phase. 2002 wurde auf dem Weltgipfel in Johannesburg das sogenannte 2020-Ziel für Chemikalienmanagement vereinbart. Seitdem wurde es von verschiedenen internationalen Gremien mehrfach bestätigt und bekräftigt. Es besagt im Kern, dass beim Umgang mit Chemikalien in allen Phasen ihres Lebenszyklus schädliche Auswirkungen auf menschliche Gesundheit und die Umwelt bis zum Jahr 2020 weltweit minimiert werden müssen. Die fünfte Internationale Konferenz zu Chemikalienmanagement (ICCM5) soll 2021 in Bonn unter deutschem Vorsitz – und ungeachtet der Covid19-bedingten Verschiebung –  die Weichen dafür stellen, dieses Ziel wirksamer und konsequenter als bisher zu erreichen.

Bewährte Instrumente nutzen – und verbreiten und weiterentwickeln

Denn trotz der Fortschritte in vielen Bereichen sind aus Sicht des Umweltbundesamtes erheblich stärkere Entschlossenheit und konsequentere Orientierung aller Akteure auf dieses übergreifende gemeinsame Ziel dringend notwendig. Vielerorts müssen geeignete Instrumente des Chemikalienmanagements erst noch eingerichtet werden. Weltweit müssen die besten Praktiken kontinuierlich verbreitet und weiterentwickelt werden, um Erreichtes zu sichern, dem 2020-Ziel auch global näher zu kommen, und gleichzeitig die anderen Ziele der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung ebenfalls zu erreichen. Wichtige bereits existierende, auf verschiedenen Ebenen formell vereinbarte – aber noch nicht überall ausreichend breit und sorgfältig umgesetzte – Bausteine und Grundlagen dafür sind:

  • Der Strategische Ansatz für Internationales Chemikalienmanagement SAICM, dessen gegenwärtiges Mandat zwar 2020 endet, dessen einzigartige multi-sector- und multi-stakeholder-Ausrichtung für eine Folge-Plattform beyond 2020 aber wichtig bleibt;
  • Völkerrechtlich verbindliche Regelwerke wie die Übereinkommen von Basel (zu gefährlichen Abfällen), Rotterdam (zur Information über exportierte gefährliche Stoffe), Stockholm (zu langlebigen organischen Schadstoffen POP) und Minamata (zu Quecksilber);
  • International akzeptierte Werkzeuge zu Prüfung, Bewertung und Management von Chemikalien, die maßgeblich die OECD mit ihren Mitgliedern entwickelt und bereitstellt. Über den OECD-Raum hinaus bietet besonders das IOMC umfassende Unterstützungsangebote für Schwellen- und Entwicklungsländer. Eine ganz wesentliche Grundlage für jedes Chemikalienmanagement ist das auf VN-Ebene entwickelte Globally Harmonized System GHS;
  • Bedeutende regionale Regelwerke wie z.B. die europäischen Verordnungen zu Chemikalien (REACH), Pflanzenschutzmitteln oder Bioziden, zusammen mit vielen anderen auch nationalen gesetzlichen Vorgaben.

Nachhaltige Entwicklung im und mit Chemikalienmanagement konsequenter vorantreiben

Das 2020-Ziel zu erreichen erfordert aus Sicht des Umweltbundesamts aber deutlich mehr. Zur konsequenten Ausrichtung aller Maßnahmen im Chemikalienmanagement - genannten wie ungenannten, verbindlichen wie zahlreichen freiwilligen - muss ein umfassendes Konzept für Nachhaltige Chemie eine zukunftssichere fachliche Orientierung für unternehmerisches, zivilgesellschaftliches und behördliches Handeln im Chemiesektor liefern. Für dieses übergreifende Konzept ist eine breite Verständigung aller Akteure und Interessenträger über zahlreiche spezifische Aspekte und geeignete Indikatoren erforderlich. Dies gilt zum Beispiel auch im Zusammenhang mit der Entwicklung einer funktionierenden und „ungiftigen“ Kreislaufwirtschaft, für die unsere Konsummuster und unser Umgang mit Ressourcen neu organisiert werden müssen.

Noch deutlicher wird dies mit Blick auf die Ziele der nachhaltigen Entwicklung, die sogenannten SDG (Sustainable Development Goals), die die Weltgemeinschaft im Folgeprozess zum Rio-Gipfel erarbeitet und im September 2015 als Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung verabschiedet hat. Einerseits greift das SDG Unterziel 12.4 das bekannte 2020-Ziel erneut auf: Bis 2020 einen umweltverträglichen Umgang mit Chemikalien und allen Abfällen während ihres gesamten Lebenszyklus in Übereinstimmung mit den vereinbarten internationalen Rahmenregelungen erreichen und ihre Freisetzung in Luft, Wasser und Boden erheblich verringern, um ihre nachteiligen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt zu minimieren. Darüber hinaus ergibt sich aus der Agenda 2030, dass Chemikalienmanagement eine kaum zu überschätzende Bedeutung für die nachhaltige Entwicklung insgesamt hat. Denn viele Lösungen sind auf wesentliche Beiträge aus dem Chemiesektor angewiesen, zum Beispiel bei Bekämpfung von Armut, Hunger, Klimawandel, bei der Sicherung von Gesundheit, Hygiene, Ernährung, sauberem Wasser, sauberer Energieversorgung, und für viele andere gesellschaftliche Bedürfnisse und Herausforderungen mehr. Wenn sich Chemiesektor und Chemikalienmanagement dabei umfassend an einem übergreifenden Konzept nachhaltiger Chemie orientieren, respektieren diese Lösungen auch selbst die planetaren Grenzen und tragen damit entscheidend zur nachhaltigen Entwicklung bei.

Im Blick auf SDG 17 (globale Partnerschaften) ist bemerkenswert, dass Transparenz und Kooperation der betroffenen Stakeholder für das Finden wirksamer Lösungen oft entscheidend sind. Solche kooperativen Ansätze sind wesentliche Elemente sowohl im Strategischen Ansatz SAICM als auch zur praktischen Umsetzung eines umfassenden Konzepts für Nachhaltige Chemie. Mit dem eigenständig agierenden International Sustainable Chemistry Collaborative Centre ISC3 entstand 2017 als Initiative und Beitrag Deutschlands eine international vernetzte und besonders dialogorientierte Institution, die genau mit diesem Gedanken die Nachhaltige Chemie weltweit fördern und verbreiten soll.


Die Rolle des Umweltbundesamts

Das Fachgebiet "Internationales Chemikalienmanagement" (IV 1.1) des Umweltbundesamts agiert auch als Deutsche Kontaktstelle (National Focal Point) zu SAICM sowie den Übereinkommen von Stockholm und Minamata. Es adressiert den oben skizzierten Arbeits- und Entwicklungsbedarf mit eigenen Arbeiten und einer Reihe von Projekten des Umweltressortforschungsplans, sowie in enger Zusammenarbeit mit zahlreichen Facheinheiten des ganzen Hauses und mit dem BMU.
Bei Produktion und Einsatz von Chemikalien ist letztlich immer die Frage zu beantworten, welchen gesamtgesellschaftlichen Nutzen und Schaden dies bedeutet. Die politischen Entscheidungsträger müssen ökonomische, soziale und ökologische Argumente abwägen, wenn sie über geeignete – das heißt im Sinne der oben genannten Ziele wirksame und dabei möglichst effiziente – Maßnahmen eines verantwortungsvollen Chemikalienmanagements entscheiden. Strikte gesetzliche Regelungen können genauso wichtig sein wie ökonomische Lenkungsinstrumente oder freiwillige Programme. Entscheidend sind sorgfältige Konzeption, angemessene Ressourcen zur Umsetzung und wirksames Zusammenspiel aller Maßnahmen. Das Umweltbundesamt ist als Partner in diesem Zusammenspiel besonders dafür verantwortlich, mit wissenschaftlichen Methoden ökologische Grenzen und geeignete Schutzmaßnahmen zu ermitteln. Wo die ökologischen bzw. planetaren Grenzen noch unklar sind, identifizieren wir Leitplanken im Sinne des Vorsorgeprinzips und nach bestem verfügbarem Wissen, die uns vor fatalem Überschreiten dieser Grenzen bewahren sollen.

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