Tierarzneimittel

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In der Intensivtierhaltung werden Antibiotika in großem Umfang eingesetzt.
Quelle: Gina Sanders / Fotolia.com

Arzneimittel sind zu einem unverzichtbaren Teil unseres hohen Lebensstandards geworden. Sie steigern die Lebensqualität, lindern und heilen Krankheiten von Mensch und Tier. Ihr Einsatz erfordert jedoch einen sorgsamen und sparsamen Umgang. Denn mit den positiven Wirkungen sind auch Risiken und Nebenwirkungen für Mensch und Umwelt verbunden.

Inhaltsverzeichnis

 

Tierarzeneimittel in der Umwelt

In der Nutztierhaltung werden Antibiotika und Antiparasitika gegen Infektionen durch Bakterien, tierische Einzeller und Parasiten eingesetzt. Bei der Zulassung von Medikamenten führt das Umweltbundesamt eine Umweltrisikobewertung durch. Wirkstoffe mit Risiko können zusätzliche Auflagen zum Schutz der Umwelt erhalten. Während der Einsatz von Antibiotika als Wachstumsbeschleuniger und zur Steigerung der Nahrungsverwertung als Leistungsförderer in der EU seit 2006 verboten ist, werden große Mengen zur (vorsorglichen, sog. metaphylaktischen) Behandlung eingesetzt. Ein großer Teil der Wirkstoffe (circa 60 bis 80 Prozent) wird von den Tieren unverändert wieder ausgeschieden. Diese Arzneimittelwirkstoffe können mit der Ausbringung von Wirtschaftsdüngern oder bei der Weidehaltung auf die landwirtschaftlichen Flächen gelangen. Untersuchungen zeigen, dass Rückstände der Medikamente nicht nur im Boden, sondern auch im Sicker- und in Einzelfällen im Grundwasser nachgewiesen werden können. Bei Regen können Partikel von gedüngten Ackerflächen in Oberflächengewässer gelangen. Das Verhalten und die Wirkung von Arzneimittelwirkstoffen in der Umwelt werden maßgeblich durch die Stoffeigenschaften der Medikamente und durch die komplexen Wechselbeziehungen in der Umwelt bestimmt. In welchem Ausmaß ein Eintrag stattfindet und welche Risiken und Gefahren damit verbunden sind, lässt sich noch nicht sicher bestimmen.

Im Tierarzneimittel-Portal finden Sie viele weitere Informationen und Maßnahmen, die dazu beitragen können, den Eintrag von Tierarzneimitteln in die Umwelt zu reduzieren.

 

Untersuchungen des Umweltbundesamtes

Das Umweltbundesamt hat daher ein Forschungsprojekt gefördert in dem die Belastung des oberflächennahen Grundwassers durch Antibiotika aus der Tierhaltung unter besonders ungünstigen Standortbedingungen untersucht wurde. Insgesamt 48 Grundwassergütemessstellen in den Bundesländern Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Sachsen wurden ausgewählt. Die im Herbst 2012 und 2013 entnommenen Grundwasserproben wurden auf Rückstände von insgesamt 23 Tierarzneimittel und deren Umwandlungsprodukte untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass ein Eintrag auch unter sehr ungünstigen Bedingungen nur sehr selten zu beobachten ist. Eine großflächige Belastung des Grundwassers durch Tierarzneimittel kann ausgeschlossen werden. Es gab jedoch Einzelfunde.

Bei neun von 48 Messstellen wurden Antibiotika im oberflächennahen Grundwasser nachgewiesen. An sieben Messstellen wurden sehr geringe Konzentrationen von Sulfonamiden (Sulfadimidin und Sulfadiazin) gefunden (max. 11 ng/l). Zwei Messstellen zeigten allerdings hohe Konzentrationen des Wirkstoffs Sulfamethoxazol (max. 950 ng/l). Sulfadimidin und Sulfadiazin werden ausschließlich bzw. überwiegend als Tierarzneimittel eingesetzt, Sulfamethoxazol dagegen hauptsächlich in der Humanmedizin. Die Ursachen für die in diesem Projekt festgestellten Funde der drei Wirkstoffe im oberflächennahen Grundwasser konnten nicht geklärt werden. Die Untersuchungen wurden daher in einem Folgeprojekt (Link auf die Seite der Veröffentlichung) fortgesetzt.

Ziel dieses Folgeprojekts war es die Ursachen, Mechanismen, Eintragswege und Begleiterscheinungen des Tierarzneimittel-Eintrags in das Grundwasser an allen Messstellen mit Funden zu klären. Zusätzlich zu o.g. neun Messstellen, wurden zwei weitere Messstellen in Schleswig-Holstein aufgenommen. Mit einer Fundstellenaufklärung durch zeitlich intensivierte Probenahmen sowie Standortrecherchen sollte ein klares Bild über die Eintragsquellen geschaffen werden. Dafür wurden Wirtschaftsdünger untersucht, Fragebögen zur Landbewirtschaftung und zum Medikamenteneinsatz in den Betrieben ausgewertet, temporäre Grundwassermessstellen neu gebaut und über 100 Grundwasserproben entnommen und analysiert. Um die Einträge insbesondere von Sulfamethoxazol zu klären, wurde zusätzlich das Abwasser von 5 Kleinkläranlagen untersucht. Für den Erfolg des Projekts waren die gute Zusammenarbeit mit den Interessenvertretern der Landwirtschaft (Bauernverbände, Landwirtschaftskammern) und die Mitarbeit der Landwirte wesentlich.

Die Ergebnisse der über ein Jahr durchgeführten Untersuchungen zeigen, dass Sulfadimidin an neun von elf Standorten gefunden wurde und damit der dominante Antibiotika‐Wirkstoff aus der Tiermedizin im Grundwasser war. Die Konzentrationen liegen überwiegend im unteren Nanogrammbereich (10-20 ng/l). Der Eintragspfad aus der Viehhaltung (Einsatz im Betrieb, Nachweis in der Gülle, Nachweis im Grundwasser) konnte bisher an der Hälfte der insgesamt elf untersuchten Standorten komplett nachvollzogen werden. Bei insgesamt acht Messstellen wurde Sulfadiazin im Grundwasser nachgewiesen. Dieses stammt höchstwahrscheinlich ebenfalls aus der Viehhaltung, ein Humaneintrag konnte jedoch nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Die nachgewiesenen Konzentrationen liegen ebenfalls im unteren Nanogrammbereich, der Nachweis eines Metaboliten (4-OH-Sulfadiazin) mit einer maximalen Konzentration von 90 ng/Ll zeigt allerdings, dass die Einträge auch deutlich höher sein können.

Die im ersten Projekt festgestellten hohen Sulfamethoxazol-Konzentrationen im oberflächennahen Grundwasser an zwei Messstellen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen konnten bestätigt werden. Die Werte lagen bei beiden Messstellen nahezu durchgängig bei 100-300 ng/l. Diese sind auf einen Eintrag aus häuslichen Quellen (Kleinkläranlagen) zurückzuführen.

 

 

 

Schlussfolgerungen und Empfehlungen des UBA

 

Im Projekt wurde bestätigt, dass Einträge von Tierarzneimitteln aus der Landwirtschaft vorkommen, aber unter 100 ng/l liegen. Kleinkläranlagen konnten als weitere Eintragsquelle für Humanarzneimittel ins Grundwasser identifiziert werden mit Konzentrationen im Grundwasser angrenzender Messstellen bis zu 950 ng/l (2013). Kleinkläranlagen sind demnach eine bislang vernachlässigte Eintragsquelle für Arzneimitteleinträge in die Umwelt (Grundwasser, Oberflächenwasser).

Aus Vorsorgegründen wiederholt das UBA seine Empfehlung von 2013 einen Grenz- bzw. Schwellenwerts von 100 ng/l für Arzneimittel (Tier- und Humanarzneimittel) im Grundwasser einzuführen. Dieser böte eine klare Rechtsgrundlage für den Schutz des Grundwassers (Zulassung/Maßnahmen). Unterhalb des Schwellenwertes gälte ferner das immissionsschutzrechtliche Minimierungsgebot (Vorsorgeprinzip), was bedeutet, dass ein Monitoring zur Beobachtung der weiteren Entwicklung der Belastung in der Umwelt eingerichtet sowie längerfristig wirkende Strategien zur Minderung der Belastung entwickelt werden müssen.

Hier finden Sie den Abschlussbericht und die Presseinformation 23/2016.

 

 

Ergänzende Untersuchungen in Niedersachsen

Die im Auftrag des Umweltbundesamtes in Niedersachsen durchgeführten Messungen an insgesamt 6 Messstellen wurden vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtscahft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) fortgesetzt und erweitert. In einem eigenen Projekt wurden ab Juni 2015 insgesamt 443 Proben untersucht. Ziel war die Ermittlung der Eintragspfade der Sulfonamide in das Grundwasser, um Rückschlüsse auf den Ursprung des Eintrags ziehen zu können. Außerdem sollte das Verhalten der Sulfonamide in den betroffenen Umweltkompartimenten (vor allem Wirtschaftsdünger, Boden und Gewässer) besser verstanden und die noch offenen Fragen aus den beiden UBA-Projekten geklärt werden.

Im Ergebnis wurde an allen Standorten der Eintragspfad der Sulfonamide in das Grundwasser ermittelt. Offene Fragen aus den UBA-Projekten wurden geklärt. Es wurde nachgewiesen, dass der überwiegende Eintrag an Sulfonamiden in das oberflächennahe Grundwasser über die flächige Verbringung von Wirtschaftsdüngern auf den Boden der Schläge erfolgt. Auch hier lagen die Konzentrationen der gemessenen Wirkstoffe im unteren Nanogramm/Liter Bereich. Zusätzlich gibt es den Eintrag von häuslichem Abwasser über Kleinkläranlagen als lokale Punktquelle, der bei den Untersuchungen bei zwei der sechs Standorte auftrat.

Den Abschlussbericht des Projektes finden Sie hier.