Tierarzneimittel

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In der Intensivtierhaltung werden Antibiotika in großem Umfang eingesetzt.
Quelle: Gina Sanders / Fotolia.com

Arzneimittel sind zu einem unverzichtbaren Teil unseres hohen Lebensstandards geworden. Sie steigern die Lebensqualität, lindern und heilen Krankheiten von Mensch und Tier. Ihr Einsatz erfordert jedoch einen sorgsamen und sparsamen Umgang. Denn mit den positiven Wirkungen sind auch Risiken und Nebenwirkungen für Mensch und Umwelt verbunden.

Inhaltsverzeichnis

 

Einführung

Arzneimittel werden eingesetzt, um Krankheiten zu behandeln, zu lindern und diesen vorzubeugen. Antibiotika hemmen Wachstum und Vermehrung von Bakterien oder töten diese. Ihre häufige Verwendung bei der Behandlung von Infektionskrankheiten von Mensch und Tier führt neben positiven Wirkungen auch zur Entwicklung resistenter und multiresistenter Bakterienstämme mit erheblichen Gesundheitsrisiken. Die Übertragung von Multiresistenzen vom Tier auf humanpathogene Erreger ist besonders gefährlich, da nicht oder nur noch schwer zu therapierende Infektionen die Folge sein können.

In den letzten Jahren rückten Arzneimittelwirkstoffe, ihr Einfluss und die von ihnen ausgehenden Risiken auf die Umwelt daher stärker in den Fokus wissenschaftlicher Forschung. Bereits 2007 hat der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) Empfehlungen zur Senkung des Arzneimitteleinsatzes und zur Bewertung des von Arzneimitteln ausgehenden Umweltrisikos gegeben. Dabei problematisierte er, dass keine Daten zu den verabreichten Mengen an Arzneimitteln vorliegen. Mit der Verabschiedung der Antibiotika-Resistenz-Strategie (DART) 2008 hat die Bundesregierung eine Strategie zur Reduzierung und Verminderung der Verbreitung von Antibiotika-Resistenzen erarbeitet. Die DART 2020, am 13. Mai 2015 im Bundeskabinett beschlossen, setzt die Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen verstärkt fort.

 

Tierarzeneimittel in der Umwelt

In der Nutztierhaltung werden Antibiotika und Antiparasitika gegen Infektionen durch Bakterien, tierische Einzeller und Parasiten eingesetzt. Bei der Zulassung von Medikamenten führt das Umweltbundesamt eine Umweltrisikobewertung durch. Wirkstoffe mit Risiko können zusätzliche Auflagen zum Schutz der Umwelt erhalten. Während der Einsatz von Antibiotika als Wachstumsbeschleuniger und zur Steigerung der Nahrungsverwertung als Leistungsförderer in der EU seit 2006 verboten ist, werden große Mengen zur (vorsorglichen, sog. metaphylaktischen) Behandlung eingesetzt. Ein großer Teil der Wirkstoffe (circa 60 bis 80 Prozent) wird von den Tieren unverändert wieder ausgeschieden. Diese Arzneimittelwirkstoffe können mit der Ausbringung von Wirtschaftsdüngern oder bei der Weidehaltung auf die landwirtschaftlichen Flächen gelangen. Untersuchungen zeigen, dass Rückstände der Medikamente nicht nur im Boden, sondern auch im Sicker- und in Einzelfällen im Grundwasser nachgewiesen werden können. Bei Regen können Partikel von gedüngten Ackerflächen in Oberflächengewässer gelangen. Das Verhalten und die Wirkung von Arzneimittelwirkstoffen in der Umwelt  werden maßgeblich durch die Stoffeigenschaften der Medikamente und durch die komplexen Wechselbeziehungen in der Umwelt bestimmt. In welchem Ausmaß ein Eintrag stattfindet und welche Risiken und Gefahren damit verbunden sind, lässt sich noch nicht sicher bestimmen.

 

Untersuchungen des Umweltbundesamtes

Das Umweltbundesamt hat daher ein Forschungsprojekt gefördert in dem die Belastung des oberflächennahen Grundwassers durch Antibiotika aus der Tierhaltung unter besonders ungünstigen Standortbedingungen untersucht wurde. Insgesamt 48 Grundwassergütemessstellen in den Bundesländern Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Sachsen wurden ausgewählt. Die im Herbst 2012 und 2013 entnommenen Grundwasserproben wurden auf Rückstände von insgesamt 23 Tierarzneimittel und deren Umwandlungsprodukte untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass ein Eintrag auch unter sehr ungünstigen Bedingungen nur sehr selten zu beobachten ist. Eine großflächige Belastung des Grundwassers durch Tierarzneimittel kann ausgeschlossen werden. Es gab jedoch Einzelfunde.

Bei neun von 48 Messstellen wurden Antibiotika im oberflächennahen Grundwasser nachgewiesen. An sieben Messstellen wurden sehr geringe Konzentrationen von Sulfonamiden (Sulfadimidin und Sulfadiazin) gefunden (max. 11 ng/l). Zwei Messstellen zeigten allerdings hohe Konzentrationen des Wirkstoffs Sulfamethoxazol (max. 950 ng/l). Sulfadimidin und Sulfadiazin werden ausschließlich bzw. überwiegend als Tierarzneimittel eingesetzt, Sulfamethoxazol dagegen hauptsächlich in der Humanmedizin. Die Ursachen für die in diesem Projekt festgestellten Funde der drei Wirkstoffe im oberflächennahen Grundwasser konnten nicht geklärt werden. Die Untersuchungen wurden daher in einem Folgeprojekt (Link auf die Seite der Veröffentlichung) fortgesetzt.

Ziel dieses Folgeprojekts war es die Ursachen, Mechanismen, Eintragswege und Begleiterscheinungen des Tierarzneimittel-Eintrags in das Grundwasser an allen Messstellen mit Funden zu klären. Zusätzlich zu o.g. neun Messstellen, wurden zwei weitere Messstellen in Schleswig-Holstein aufgenommen. Mit einer Fundstellenaufklärung durch zeitlich intensivierte Probenahmen sowie Standortrecherchen sollte ein klares Bild über die Eintragsquellen geschaffen werden. Dafür wurden Wirtschaftsdünger untersucht, Fragebögen zur Landbewirtschaftung und zum Medikamenteneinsatz in den Betrieben ausgewertet, temporäre Grundwassermessstellen neu gebaut und über 100 Grundwasserproben entnommen und analysiert. Um die Einträge insbesondere von Sulfamethoxazol zu klären, wurde zusätzlich das Abwasser von 5 Kleinkläranlagen untersucht. Für den Erfolg des Projekts waren die gute Zusammenarbeit mit den Interessenvertretern der Landwirtschaft (Bauernverbände, Landwirtschaftskammern) und die Mitarbeit der Landwirte wesentlich.

Die Ergebnisse der über ein Jahr durchgeführten Untersuchungen zeigen, dass Sulfadimidin an neun von elf Standorten gefunden wurde und damit der dominante Antibiotika‐Wirkstoff aus der Tiermedizin im Grundwasser war. Die Konzentrationen liegen überwiegend im unteren Nanogrammbereich (10-20 ng/l). Der Eintragspfad aus der Viehhaltung (Einsatz im Betrieb, Nachweis in der Gülle, Nachweis im Grundwasser) konnte bisher an der Hälfte der insgesamt elf untersuchten Standorten komplett nachvollzogen werden. Bei insgesamt acht Messstellen wurde Sulfadiazin im Grundwasser nachgewiesen. Dieses stammt höchstwahrscheinlich ebenfalls aus der Viehhaltung, ein Humaneintrag konnte jedoch nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Die nachgewiesenen Konzentrationen liegen ebenfalls im unteren Nanogrammbereich, der Nachweis eines Metaboliten (4-OH-Sulfadiazin) mit einer maximalen Konzentration von 90 ng/Ll zeigt allerdings, dass die Einträge auch deutlich höher sein können.

Die im ersten Projekt festgestellten hohen Sulfamethoxazol-Konzentrationen im oberflächennahen Grundwasser an zwei Messstellen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen konnten bestätigt werden. Die Werte lagen bei beiden Messstellen nahezu durchgängig bei 100-300 ng/l. Diese sind auf einen Eintrag aus häuslichen Quellen (Kleinkläranlagen) zurückzuführen.

Schlussfolgerungen und Empfehlungen des UBA

Im Projekt wurde bestätigt, dass Einträge von Tierarzneimitteln aus der Landwirtschaft vorkommen, aber unter 100 ng/l liegen. Kleinkläranlagen konnten als weitere Eintragsquelle für Humanarzneimittel ins Grundwasser identifiziert werden mit Konzentrationen im Grundwasser angrenzender Messstellen bis zu 950 ng/l (2013). Kleinkläranlagen sind demnach eine bislang vernachlässigte Eintragsquelle für Arzneimitteleinträge in die Umwelt (Grundwasser, Oberflächenwasser).

Aus Vorsorgegründen wiederholt das UBA seine Empfehlung von 2013 einen Grenz- bzw. Schwellenwerts von 100 ng/l für Arzneimittel (Tier- und Humanarzneimittel) im Grundwasser einzuführen. Dieser böte eine klare Rechtsgrundlage für den Schutz des Grundwassers (Zulassung/Maßnahmen). Unterhalb des Schwellenwertes gälte ferner das immissionsschutzrechtliche Minimierungsgebot (Vorsorgeprinzip), was bedeutet, dass ein Monitoring zur Beobachtung der weiteren Entwicklung der Belastung in der Umwelt eingerichtet sowie längerfristig wirkende Strategien zur Minderung der Belastung entwickelt werden müssen.

Hier finden Sie den Abschlussbericht und die Presseinformation.

 

Einsatzmengen von Tierarzneimitteln in der Tierhaltung

2012 wurden erstmals offizielle Zahlen zur Abgabe von Antibiotika an die Tiermedizin veröffentlicht. Seit der Ersterfassung im Jahr 2011 sinken die abgegebenen Mengen. Nach Angaben des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit sind im Jahr 2014 rund 1.238 Tonnen Antibiotika von pharmazeutischen Unternehmen und dem Großhandel an Tierärztinnen und Tierärzte in Deutschland abgegeben worden. Das sind 214 t weniger als im Vorjahr und gegenüber der ersten Erfassung 2011 ein Minus von rund 468 t. Die Menge an Fluorchinolonen, deren veterinärmedizinische Verwendung wegen ihrer wichtigen Bedeutung für die Humanmedizin kritisch gesehen wird, lag 2011 bei rund 8 Tonnen. 2014 wurden jedoch bereits 12 Tonnen dieser Wirkstoffe abgegeben. Das entspricht einem Zuwachs von rund 50%. Auch wenn nicht alle abgegebenen Medikamente tatsächlich verabreicht werden, ist davon auszugehen, dass der Einsatz insbesondere in der Intensivtierhaltung deutlich über der in der Humanmedizin liegt. Die 2011 in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen durchgeführten Studien zum Antibiotikaeinsatz in der Intensivtierhaltung (Geflügel, Schweine, Rinder) zeigen ebenfalls, dass die häufige Verabreichung antibiotischer Wirkstoffe eher die Regel als die Ausnahme darstellt.

Unter anderem diese Studien gaben der Bundesregierung den Anstoß ein Antibiotika-Minimierungskonzept zu erarbeiten. Durch verschiedene Maßnahmen soll der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung besser erfasst und die Datennutzung besser geregelt werden. Für die rechtliche Verankerung dieses Konzepts wurde das Arzneimittelgesetz (AMG), das u.a. den Einsatz von Tierarzneimitteln in Deutschland regelt, 2013 novelliert. Die überarbeitete Fassung, trat am 1. April 2014 in Kraft. Darin wurden die Pflichten und Anforderungen für Landwirte und Tierärzte verschärft. Kernstück der Novelle ist ein Antibiotika-Minimierungskonzept, mit dem die Einsatzmengen reduziert werden sollen. Tierhalter sind demnach verpflichtet, die verabreichten Mengen an Medikamenten halbjährlich der Behörde zu melden. Die zuständige Länderbehörde errechnet daraus für jeden Betrieb einen halbjährlichen Therapiehäufigkeitsindex. Dieser wird dem Betrieb und dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) gemeldet. Das BVL sammelt die Daten und berechnet einen landesweiten Therapiehäufigkeitsindex. Dieser wird tierartenbezogen im Bundesanzeiger veröffentlicht. Liegen die Tierhalter mit ihrem betrieblichen Index über bzw. deutlich über dem Durchschnitt, müssen sie mit ihrem Tierarzt die Gründe besprechen. Vielverbraucher müssen dann einen schriftlichen Reduktionsplan erstellen, den die Behörde prüft und ggf. Anordnungen erlässt, um den Antibiotikaeinsatz zu mindern. Darüber hinaus hat im Jahr 2000 die Bundestierärztekammer und die „Arbeitsgruppe Tierarzneimittel der Länderarbeitsgemeinschaft Verbraucherschutz die „Leitlinien für den sorgfältigen Umgang mit antibakteriell wirksamen Tierarzneimitteln“ entwickelt und 2010 aktualisiert. Diese Empfehlungen dienen Tierärztinnen und Tierärzten als Orientierung für einen sorgsamen Umgang mit antibiotisch wirkenden Medikamenten.

 

Handhabung in anderen Ländern

Auch Schweden, Dänemark, die Niederlande sowie andere europäische Länder haben auf die Gefahren, die von einem übermäßigen und sorglosen Einsatz von Tierarzneimitteln in der Tierhaltung ausgehen können, reagiert. Die für die Reduzierung des Antibiotikaverbrauchs in diesen Ländern erarbeiteten Konzepte und Strategien zeigen bereits Wirkung. In Schweden konnte der Verbrauch von Antibiotika in der Tierhaltung von 2007 bis 2014 um fast 7 t oder beinahe 40 % auf 10,4 Tonnen reduziert werden. Laut schwedischer Landwirtschaftsbehörde Jortbruks Verket ist dies das Resultat eines zunehmenden Problembewusstseins in der Branche. Der Rückgang dürfte aber ebenfalls mit einem seit mehreren Jahren laufenden Aktionsplan zur Reduzierung des Medikamenteneinsatzes zu tun haben. Seit Januar 2013 gilt darüber hinaus eine Sonderregelung, die den Einsatz bestimmter Reservewirkstoffe im Veterinärbereich stark reglementiert und nur noch in ganz bestimmten Fällen erlaubt. Der Einsatz dieser Mittel ging nach Angaben der Behörde im Vergleich zum Vorjahr um 13 % zurück.

Im Jahr 2011 gelang es in Dänemark den Antibiotikaeinsatz um 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu reduzieren, was auf die Einführung eines Kontrollsystems zurückgeführt wird. Dieses sieht neben der Überwachung auch ein als „Yellow Card“ bezeichnetes Handlungskonzept zur Regulierung bei zu hohem Medikamenteneinsatz vor. Im Rahmen dieses Konzepts müssen von Schweinehaltern nun auch Maßnahmen zur Krankheitsprophylaxe ergriffen werden. Dänemark hat bereits 1995 ein Antibiotika-Minimierungskonzept etabliert und 2012 nochmals dahingehend verschärft, dass nur noch einzelne, erkrankte Tiere und nicht mehr vorsorglich der gesamte Bestand mit Antibiotika behandelt werden.

Strenge Regeln und Maßnahmen zur Antibiotikareduzierung gibt es auch in den Niederlanden, die nach Deutschland und Frankreich den dritthöchsten Gesamtverbrauch in der EU aufweisen (es liegen allerdings nicht zu allen Ländern Daten vor). Deshalb wurde ein Minimierungskonzept erstellt. Das Konzept zeigt Wirkung, denn das politische Ziel, den Antibiotikaverbrauch in der Nutztierhaltung 2011 gegenüber 2009 um 20 Prozent zu senken, wurde nach Angaben des Landbauökonomischen Instituts der Universität Wageningen sogar übertroffen. Allerdings stehen diese Ergebnisse im Widerspruch zu Kontrollergebnissen der niederländischen Lebensmittelsicherheitsbehörde. Sie hatte trotz des Mehrstufenplans einen zu hohen Antibiotikaeinsatz festgestellt und die Regeln 2012 daher nochmals verschärft. Der Mehrstufenplan sieht definierte Teilziele vor, die von der Regierung streng kontrolliert werden. Regeln und Maßnahmen, die von den Tierhalterinnen und Tierhaltern sowie Tierärztinnen und Tierärzten eingehalten und umgesetzt werden müssen, zielen auf eine Selbstregulierung ab. Dazu werden beispielsweise Betriebe, deren Antibiotikaverbrauch zu hoch ist, namentlich auf der Homepage der niederländischen Lebensmittelsicherheitsbehörde veröffentlicht und mit hohen Bußgeldern bis hin zur Zwangsstillegung bestraft. Zudem müssen Landwirtinnen und Landwirte sowie Vertragstierärztinnen und -tierärzte gemeinsam einen Tiergesundheitsplan für den Bestand entwickeln, dessen Einhaltung von der Lebensmittelsicherheitsbehörde überwacht wird. Medikamente dürfen nur noch über Vertragstierärztinnen und -tierärzte bezogen werden und nach der Verschärfung Mitte 2012 nur noch von Tierärztinnen und Tierärzten angewendet werden.