BD-I-2: Temperaturindex der Vogelartengemeinschaft

Singende Nachtigall.zum Vergrößern anklicken
Die Nachtigall bevorzugt zur Brut höhere Temperaturen und könnte von der Klimaerwärmung profitieren.
Quelle: dennisjacobsen / fotolia.com

Monitoringbericht 2019 zur Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel

Inhaltsverzeichnis

 

BD-I-2: Temperaturindex der Vogelartengemeinschaft

Der Klimawandel führt zu Veränderungen von Artengemeinschaften. Bei 88 in Deutschland häufig vorkommenden Brutvogelarten haben sich in den Jahren 1990 bis 2016 die relativen Häufigkeiten zu Gunsten wärmeliebender Arten bzw. zu Ungunsten kälteliebender Arten verschoben. Welche weiteren Auswirkungen dies auf die biologische Vielfalt hat, lässt sich derzeit noch nicht vollständig überblicken. Die angezeigte Trendumkehr lässt sich auf eine Reihe strenger Winter zwischen 2009 und 2013 zurückführen, die unabhängig vom langfristigen klimatischen Trend wirkten.

Die Linien-Grafik zeigt den Temperaturindex häufiger Brutvogelarten von 1994 bis 2016. Der Indexwert steigt von circa 12,15 Grad Celsius für 1994 auf knapp 12,35 Grad Celsius in 2016. Weil die Jahre 2007 und 2009 nach einem deutlichen Anstieg den Hochpunkt markieren, und die Kurve danach mit Schwankungen niveaugleich geblieben ist, ergibt sich ein quadratisch fallender Trend. Eine gestrichelte schwarze Linie bildet das gleitende 5-Jahresmittel ab. Auch für diese ergibt sich ein quadratisch fallender Trend.
BD-I-2: Temperaturindex der Vogelartengemeinschaft

Die Linien-Grafik zeigt den Temperaturindex häufiger Brutvogelarten von 1994 bis 2016. Der Indexwert steigt von circa 12,15 Grad Celsius für 1994 auf knapp 12,35 Grad Celsius in 2016. Weil die Jahre 2007 und 2009 nach einem deutlichen Anstieg den Hochpunkt markieren, und die Kurve danach mit Schwankungen niveaugleich geblieben ist, ergibt sich ein quadratisch fallender Trend. Eine gestrichelte schwarze Linie bildet das gleitende 5-Jahresmittel ab. Auch für diese ergibt sich ein quadratisch fallender Trend.

Quelle: Dachverband Deutscher Avifaunisten e.V.
 

Einfluss des Klimawandels auf Vogelarten nimmt zu

Vögel reagieren auf viele Veränderungen ihrer Umwelt vergleichsweise sensibel. Dies führt dazu, dass sich die Zusammensetzung von Vogelgemeinschaften in Abhängigkeit von Umwelteinflüssen stark verändern kann. In der Regel sind diese Veränderungen Ergebnis des Zusammenwirkens vieler unterschiedlicher Einflussfaktoren. Eine alleinige Ursache für den Wandel von Artengemeinschaften und den Rückgang oder Ausfall einzelner Arten gibt es i. d. R. nicht. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen jedoch, dass Klimaveränderungen hierbei neben dem Landnutzungswandel eine entscheidende Rolle spielen können.

Brutvögel haben in der Brutzeit artspezifische Temperaturansprüche. Diese sind beispielsweise beim Braunkehlchen, dem Sprosser und dem Gelbspötter niedriger als beim Schwarzkehlchen, der Nachtigall und dem Orpheusspötter. Nehmen bedingt durch den Klimawandel die Temperaturen in der Brutzeit im langfristigen Mittel zu, dann finden wärmeliebende Arten bessere Bedingungen vor und werden im Vergleich zu anderen Vogelarten häufiger. Umgekehrt werden kälteliebende Arten im Vergleich zu anderen Vogelarten seltener.

In den Jahren 1990 bis 2016 lässt sich eine solche Entwicklung anhand von 88 in Deutschland häufig vorkommenden Brutvogelarten beobachten. In diesem Zeitraum haben sich – wie der Temperaturindex häufiger Brutvogelarten zeigt – die relativen Häufigkeiten der betrachteten Vogelarten zu Gunsten wärmeliebender Arten bzw. zu Ungunsten kälteliebender Arten verschoben. Die Entwicklung des gleitenden 5-Jahresmittels des Temperaturindex zeigt seit 1994 zunächst einen Anstieg bis ca. 2010, danach eine in etwa gleichbleibende Entwicklung. Die Entwicklung ab dem Jahr 2010 lässt sich allerdings auf Witterungseinflüsse zurückführen, die unabhängig vom langfristigen klimatischen Trend wirkten. Von 2009/10 bis 2012/13 gab es eine Reihe strenger Winter in Folge mit negativen Auswirkungen auf die Bestände vieler Brutvögel. Im Zuge ökologischer Veränderungsprozesse kommt dem Auftreten außergewöhnlich kalter Winter auch bei fortschreitender klimatischer Erwärmung große Bedeutung zu.

Zur Berechnung des Temperaturindex wird jeder der 88 Arten ein artspezifischer Temperaturanspruchswert zugeordnet, der aus der durchschnittlichen Temperatur für den Referenzzeitraum 1961–1990 innerhalb des europäischen Verbreitungsgebiets der Art ermittelt wird. Diese artspezifischen Temperaturanspruchswerte gehen – nach der relativen Häufigkeit der Art im jeweiligen Jahr gewichtet – in die Berechnung des Index ein. Je stärker der Temperaturindex häufiger Brutvogelarten langfristig zunimmt, desto stärker verschieben sich die relativen Häufigkeiten der Arten untereinander zugunsten wärmeliebender Arten und desto stärker ist der Einfluss eines Temperaturanstiegs auf die betrachtete Gruppe der Vögel. Die gezeigten Indexwerte beziehen sich auf ganz Deutschland, d. h. Aussagen zu einer veränderten Zusammensetzung regionaler Brutvogelgemeinschaften sind hiermit nicht möglich.

Auch andere Artengruppen wie Tagfalter oder Gefäßpflanzen können als Zeiger für langfristige Temperaturveränderungen im Klimawandel dienen. Dabei zeigen sich Artverschiebungen am deutlichsten in ökologischen Grenzregionen wie den Gebirgen. So haben europaweit angelegte Untersuchungen der Vegetation in den Gipfelbereichen der Gebirge oberhalb der Baumgrenzen ergeben, dass sich die dortigen Artengemeinschaften der Gefäßpflanzen in ihrer Zusammensetzung verändern. Hier siedeln sich wärmeliebende Arten aus tiefer gelegenen Gebieten an. Auch in Flüssen, Seen und Meeren vollziehen sich bereits Veränderungen der Zusammensetzung von Artengemeinschaften.

Neben Verschiebungen der Arthäufigkeiten innerhalb bestehender Artengemeinschaften führt der Klimawandel auch zur Einwanderung und Ausbreitung von Arten, die zuvor nicht in unseren Breiten vorkamen. Diese Entwicklungen vollziehen sich sowohl bei Pflanzen als auch bei Tieren. Beispiele hierfür sind der Orpheusspötter, der aus Südwesteuropa kommend in den 1980er Jahren als Brutvogel nach Deutschland eingewandert ist und sich derzeit tendenziell weiter ausbreitet, oder die Gottesanbeterin, die sich seit den 1990er Jahren vom Mittelmeerraum kommend in Deutschland allmählich weiter nördlich ausbreitet.

 

Schnittstellen

FW-I-1: Baumartenzusammensetzung in Naturwaldreservaten

FI-I-1: Verbreitung warmadaptierter mariner Arten

FI-I-2: Vorkommen wärmeliebender Arten in Binnengewässern

 

Ziele

Abpufferung und Minimierung der Auswirkungen des Klimawandels auf die biologische Vielfalt in Deutschland (z. B. Verschiebung der Vegetationszonen, Veränderung des Vogelzugverhaltens, Gefährdung kälteliebender Arten) (NBS, Kap. B 3.2)