Erweitertes Gesundheitsmonitoring in der Tierproduktion

Landwirt in Schutzkleidung vor Anzeigetafel eines digitalen Monitoringsystems.zum Vergrößern anklicken
Technisch unterstütztes Gesundheitsmonitoring

Speziell bei großen Tierbeständen eignen sich digitale Erfassungssysteme zur Aufnahme von Leistungs- und Gesundheitsdaten der einzelnen Tiere. Einzeltiererkrankungen können so frühzeitig erkannt und behandelt werden und eine Ausweitung auf den Bestand verhindert werden.

Quelle: Julia Steinhoff-Wagner/ Universität Bonn

FAQ

  • Welche vorbeugenden Maßnahmen können getroffen werden, um einen Nagetierbefall zu verhindern?

    Mögliche Zugänge zum Innenbereich (Spalten, Löcher, Katzenklappen, Drainagen etc.) für Nagetiere sollten unzugänglich gemacht oder verschlossen werden. Mögliche Nahrung (Lebensmittel, Tierfutter, Vorräte etc.) sollte unzugänglich für Nagetiere aufbewahrt werden. Eine richtige Kompostierung von Bioabfällen im Garten sowie die Beseitigung von Unrat und Abfall, der als Unterschlupf dienen könnte, kön… weiterlesen

  • Welche Risiken ergeben sich durch die Anwendung von Antikoagulanzien für die Umwelt?

    Im Rahmen der EU-weiten Wirkstoffbewertung wurden sehr hohe Risiken durch die Anwendung von Rodentiziden mit Antikoagulanzien für Wildtiere festgestellt. Es besteht die Gefahr, dass nicht nur Ratten und Mäuse, sondern auch andere Tiere, die nicht Ziel der Bekämpfung sind (Nicht-Zieltiere), von den Ködern fressen und dadurch unabsichtlich vergiftet werden. In diesem Fall spricht man von einer Primä… weiterlesen

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Inhaltsverzeichnis

 

Sinnvolles Gesamtpaket: erweitertes Monitoring und Beratung

Durch die europäische Gesetzgebung mit der Erweiterung der Richtlinie zur Produkthaftung (RL 85/374/EWG) auf die landwirtschaftliche Primärproduktion (RL 1999/34/EG) und das so genannte „Stable to Table Konzept“ (VO EG 178/2002) sind landwirtschaftliche Betriebe heutzutage verpflichtet, die Qualität ihrer Produkte entsprechend zu dokumentieren. In der Praxis erfolgt die Umsetzung in der Regel durch die integrierte Tierärztliche Bestandsbetreuung. Im Zuge des 2014 eingeführten Antibiotika-Monitorings wurde die Rolle des/der Hoftierarztes/-ärztin mit Verantwortungen hinterlegt und nochmals gesetzlich gefestigt. Der/Die Hoftierarzt/-ärztin übernimmt laut vertraglicher Bindung an einen Betrieb präventive, prophylaktische und kurative Tätigkeiten. Somit können auftretende Erkrankungen besser ganzheitlich bewertet und durch entsprechende Prophylaxe vermieden werden.

Für jede Nutztierart gibt es darüber hinaus spezifische Monitoring- und Beratungsangebote privater Dienstleister, die über das Maß herkömmlicher Gesundheitsmonitoringsysteme hinausgehen. Teilweise sind sie in Qualitätsfleisch/-milch-Programme eingebettet und die Kosten werden innerhalb der Wertschöpfungskette geteilt. Sie können aber auch für Tierhalterinnen/-halter gebührenpflichtig und mit personellem und zeitlichem Aufwand für die Erhebung, Dokumentation und Interpretation der Daten verbunden sein.

In überbetrieblichen Varianten können Monitoring- und Beratungssysteme kostengünstig organisiert werden, z. B. über Erzeugergemeinschaften. Prinzipiell sinken die Kosten, je mehr Betriebe sich beteiligen. Dabei führt der Vergleich mit anderen Betrieben zu weiteren Verbesserungen in der Tiergesundheit. Alle Daten der Mitgliedsbetriebe werden von Monitoring-Dienstleistern standardisiert in einer Datenbank dokumentiert. Diese Daten werden in aggregierter Form der Tierärzteschaft und der Landwirtschaft zur Verfügung gestellt, wodurch der Gesundheitsstatus des Bestandes im Vergleich zu anderen vergleichbaren Betrieben eingeschätzt werden kann. Dies deckt systemische Risiken und Schwachstellen auf und hilft in der Auswahl geeigneter Präventionsmaßnahmen.

Beispiele für Schwachstellenanalysen in der Milchproduktion sind Mastitis-Diagnose- und Kontrollprogramme oder das Schwachstellenanalyse-Tool „Cows and more“ zur Optimierung von Haltung und Management.

Neben privaten Dienstleistern werden Beratungen auch angeboten von berufsständischen Organisationen wie den Landwirtschaftskammern der Länder mit ihren Tiergesundheitsdiensten, den Landesbauernverbänden, den Viehvermarkungsgenossenschaften mit spezifischen Serviceeinrichtungen und Bündler-Organisationen. Zudem können Spezialisten wie Fachtierärztinnen/-ärzte beraten und Anbieter/-innen mit ihrer Expertise z. B. zu Fütterung und Stallbau unterstützen.

Die Kombination von Beratungs- und Monitoringsystemen über die gesamte Wertschöpfungskette in Verbindung mit gezielten einzelbetrieblichen Maßnahmen leistet einen Beitrag für den Tier- und Umweltschutz. Kettenübergreifende Beratung z. B. in der Schweinefleischerzeugung muss sich auf heterogene Betriebe einstellen. Da nicht alles in der Verantwortung eines Akteurs liegt, sind Vereinbarungen zur Kommunikation und Koordination wichtig.

Schematische Darstellung verschiedener Herstellerketten der Schweinefleischerzeugung. Es werden zwei Formen spezialisierter Betriebe und ein Kombi-Betrieb dargestellt.
Akteursketten in der Schweinefleischerzeugung

An der Erzeugung von Schweinefleisch sind viele Akteure beteiligt. Die meisten Akteure sind auf einen Produktionsabschnitt spezialisiert. Es ist wichtig, dass mit dem Tier auch Informationen über seinen Gesundheitszustand weitergegeben werden. Monitoringsysteme können dabei hilfreich sei.

Quelle: Julia Steinhoff-Wagner / Universität Bonn
 

Infektionsgefahren durch Screenings früher erkennen

Infektionsgefahren können durch regelmäßige Maßnahmen des Gesundheitsmonitorings und Untersuchungen früher erkannt werden. So können auch gezielt und zeitnah Maßnahmen ergriffen werden, um den Gesundheitsstatus zu verbessern. Seit 2014 ist ein Antibiotikamonitoring verpflichtend. Die zuständige Behörde erhält dadurch Informationen, welche Betriebe Gesundheitsprobleme haben und kann dementsprechende Vor-Ort-Kontrollen durchführen. Optional kann bei Schweinen das Vorhandensein von resistenten Mikroorganismen (z. B. Methicillin resistenter Staphylococcus aureus (MRSA) und „extended-spectrum beta-lactamases“ produzierende E. coli (ESBL-E)) bestimmt werden. Dazu werden Nasen- und Analabstriche sowie Luft- und Staubproben genommen(siehe auch: Schmithausen, R. M., Kellner, S. R., Schulze-Geisthoevel, S. V., Hack, S., Engelhart, S., Bodenstein, I., Al-Sabti, N., Reif, M., Koerber-Irrgang, B., Harlizius, J., Hoerauf, A., Exner, M., Bierbaum, G., Petersen, B., Bekeredijian-Ding, I. (2015). Surveillance of eradication of MRSA and ESBL-E on a model pig farm. American Society For Microbiology). Die Kosten für diese Tests muss der/die Landwirt/-wirtin selbst tragen. Überwiegend positive Befunde deuten auf ein schlechtes Hygienemanagement bei gleichzeitig hohem Tierarzneimitteleinsatz hin. In diesem Fall sollten das Gesundheitsmanagement verbessert sowie Hygiene- und Sanierungsmaßnahmen eingeleitet werden. Hierdurch kann die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von MRSA und ESBL-E reduziert werden. Damit verringert sich das Risiko von Gesundheitsproblemen und speziell eines durch Resistenzen erschwerten Krankheitsverlaufs z. B. bei Durchfall- und Atemwegserkrankungen.

Foto: Spezielle Agarplatte mit positivem Nachweis von Extended-Spectrum Beta-Lactamase-Bildner.
Positiver Nachweis von antibiotikaresistenten Keimen

Durch Abstrichproben auf speziellen Agarplatten lassen sich antibiotikaresistente Keime in Tier und Umwelt nachweisen.

Quelle: Positiver Nachweis von antibiotikaresistenten Keimen
 

Innovative digitale Monitoringverfahren

Die systematische produktionsbegleitende Aufzeichnung von Leistungsdaten durch digitale Monitoringverfahren unterstützt die Tierbeobachtung und ermöglicht eine frühzeitige Erkennung von Leistungsrückgang oder krankheitsbedingter Verhaltensänderung. Das rasche Einleiten von geeigneten Maßnahmen verhindert, dass sich Einzeltiererkrankungen zum Bestandsproblem entwickeln können.

Kombinierte Sensor-Software-Systeme können laufend gesundheitsrelevante Daten erheben. Beispiele für solche digitalen Monitoringverfahren sind:

  • Melkroboter, die die Zellzahl laufend bestimmen;
  • Futterspender, die einen Rückgang der Futteraufnahme melden oder Wasserverbrauchsänderungen erkennen;
  • Ohrmarken zur Temperaturüberwachung der Tiere und
  • Geräuschaufzeichnung und Bewegungsmustermessungen, die z. B. einen Aktivitätsrückgang der Tiere messen.

All diese technischen Hilfsmittel können die fachkundige Tierbeobachtung durch Landwirte/-wirtinnen unterstützen, aber nicht ersetzen.

Foto: Person im Kuhstall mit einem Tablet auf dem Diagramme angezeigt werden.
Erhebung und Dokumentation von Daten im Stall

Heutzutage bieten viele computergestützte Programme Hilfe bei der Überwachung und Beurteilung der Tiere.

Quelle: Ludger Bütfering / Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen
 

Monitoring und Beratung unterstützen die Differentialdiagnostik

Monitoring- und Beratungssysteme können zur frühzeitigen Erkennung von unspezifischen Krankheitssymptomen im Tierbestand beitragen oder die Differentialdiagnostik zwischen Krankheiten mit ähnlicher oder übereinstimmender Symptomatik unterstützen. Wenn diese Vor-Informationen in die Diagnostik einfließen, können die Ansteckungsgefahr in der Herde und der metaphylaktische Tierarzneimitteleinsatz verringert werden. Dies dient der Wirtschaftlichkeit des Betriebs, dem Tierwohl und der Umwelt gleichzeitig.

Zum erweiterten Monitoring zählen auch pathologisch-anatomische Untersuchungen von not-getöteten Tieren durch eine Untersuchungs- oder Forschungseinrichtung. Sektionen können helfen, die Differentialdiagnostik zu verbessern und somit die gesunden Tiere zu schützen.

Foto: Person entnimmt einem Schwein Blut am Hals
Blutentnahme beim Schwein
Quelle: Jürgen Harlizius / Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen