Vom Wissen zum Handeln: So kurbelt RegIKlim die Anpassung an

Das Bild zeigt eine Wasserfläche in einer Stadt, offensichtlich ein Brunnen. Es laufen mehrere Menschen über die Wasserfläche und spiegeln sich darin.zum Vergrößern anklicken
„zu viel“ oder „zu wenig“ Wasser – die Auswirkungen des Klimawandels fordern Regionen heraus
Quelle: skrotov / stock.adobe.com

In Anbetracht des Klimawandels müssen kommunale Akteure komplexe Zukunftsentscheidungen treffen. Um sie gut zu informieren und in ihrem Handeln zu unterstützen werden in sechs Modellregionen und in zwei Querschnittsaktivitäten Unterstützungstools entwickelt. Das Umweltbundesamt koordiniert mit zwei Partnern die wissenschaftliche Begleitforschung dieser Fördermaßnahme des Forschungsministeriums.

Inhaltsverzeichnis

 

Vom Klima-Wissen zum Klima-Handeln auf regionaler Ebene

Längere und extreme Hitzeperioden, Dürren und Starkregenereignisse: der Klimawandel ist längst keine Fiktion mehr. Er ist real und bereits jetzt in Deutschland spürbar. Das Kompetenzzentrum Klimafolgen und Anpassung (KomPass) im Umweltbundesamt hat in den vergangenen Jahren detaillierte Informationen zusammengetragen wie sich der Klimawandel auf unsere Gesellschaft, Gesundheit, Wirtschaft und Lebensgewohnheiten auswirkt und unsere Zukunft verändern wird (Vulnerabilitätsanalyse 2015). Zum Beispiel wies die Vulnerabilitätsanalyse 2015 darauf hin, dass deutsche Wälder mehrere Trockenjahre hintereinander nur schwer überstehen könnten – mit problematischen Auswirkungen für die deutsche Wirtschaft (v.a. Forst-, Energie- und Baugewerbe), die biologische Vielfalt, und die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger. Aktuelle Studien bestätigen diese und weitere Annahmen. So teilte etwa das Statistische Bundesamt kürzlich mit, dass knapp 80% der deutschen Bäume deutliche Anzeichen für Trockenstress zeigen, die über Kronenverlichtungen messbar werden (Destatis 2020). Klimafolgen und Vulnerabilitäten verteilen sich jedoch in Deutschland sehr ungleichmäßig. Der steigende Meeresspiegel und häufigere Sturmfluten betreffen vor allem Deutschlands Küstenregionen und küstennahe Gebiete. Starkregenereignisse führen aufgrund des hohen Versiegelungsgrades besonders in Städten zu Überschwemmungsproblemen und einer Überlastung von Infrastrukturen. Dürreperioden führen zu Produktionsausfällen in der Landwirtschaft oder zu niedrigwasserbedingten Problemen in der Schifffahrt. So unterschiedlich die Auswirkungen des Klimawandels auch sein mögen, es gibt wohl kaum eine Region, kaum einen Wirtschaftszweig und kaum eine Gesellschaftsgruppe die nicht von den Folgen des Klimawandels betroffen wäre.

Um der Klimakrise zu begegnen und die Resilienz von Städten und Regionen zu stärken, bedarf es gut durchdachter und abgestimmter Zukunftsentscheidungen. Die Deutsche Anpassungsstrategie (DAS) bietet einen strategischen Rahmen zum Klimahandeln und forciert Maßnahmen auf Bundesebene durch den Aktionsplan Anpassung (APA). Erfolgreiches Klimamanagement benötigt darüber hinaus auch gut informierte und qualifizierte Entscheidungsträgerinnen und -träger auf regionaler Ebene. Politikerinnen und Politiker, Planerinnen und Planer, Unternehmen und Privatpersonen müssen nicht nur über regional-spezifische Auswirkungen des Klimawandels Bescheid wissen, sondern auch über darauf abgestimmte Handlungsoptionen, Maßnahmen und Werkzeuge verfügen. An einer solchen Informationsgrundlage arbeiten seit diesem Sommer acht Verbundprojekte in ganz Deutschland im Rahmen der Fördermaßnahme RegIKlim „Regionale Informationen zum Klimahandeln“. Diese neue Fördermaßnahme des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) hat es sich zum Ziel gesetzt, entscheidungsrelevantes Wissen zu Klimaveränderungen für Städte und Regionen aufzubereiten und geeignete Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel zu entwickeln. Dabei kommt der Zusammenarbeit zwischen Beteiligten aus der Wissenschaft und Praxis eine besondere Bedeutung zu.

 

Acht Forschungsprojekte zur Entwicklung von maßgeschneiderten und verlässlichen Klimadiensten

Die geförderten Projekte – sechs Modellregionen und zwei Querschnittsvorhaben – erarbeiten gemeinsam Lösungsansätze und Handlungsoptionen zur Anpassung an den Klimawandel. Die Kommunen und Regionen unterscheiden sich in ihrer räumlichen sowie sozio-ökonomischen Struktur und sind mit unterschiedlichen Klimafolgen konfrontiert. Somit decken sie eine große Bandbreite an möglichen Anpassungsmaßnahmen ab.

Die Modellregionen: von der Küste bis zu den Alpen

Von Ostfriesland über den Landkreis Elbe-Elster und dem Länderdreieck Sachsen – Thüringen – Sachsen-Anhalt bis in den Ballungsraum Stuttgart verteilen sich die Modellregionen auf die gesamte Bundesrepublik.

Das Forschungsprojekt WAKOS greift das Thema Wasser und die damit verbundenen Naturgefahren an der Nordseeküste auf. Es kombiniert und integriert unterschiedliche Prozesse und Faktoren des Küstenschutzes und der Binnenentwässerung für die Festlandküste sowie der Süßwasserversorgung der ostfriesischen Inseln. WAKOS entwickelt so gesamtheitliche Strategien zur kurz- und langfristigen Risikominderung. Eine gute Grundlage bilden dabei die bereits untersuchten Faktoren zum erwartenden Anstieg des mittleren Meeresspiegels, Starkregen und Sturmfluten.

Die Region Südbrandenburg ist durch niedrige Jahresniederschlägen und strukturell bedingte Charakteristika wie sandige Böden, Bergbautätigkeiten oder Monokulturen besonders von Wasserknappheit betroffen. Hier setzt das Projekt IAWAK-EE an. Es steht für Informationsgestützte antizipative wasserhaushaltsbasierte Anpassung an den Klimawandel im Landkreis Elbe-Elster und verfolgt das Ziel, den Landschaftswasserhaushalt über lokalspezifische Maßnahmen zu optimieren. Bei der Entwicklung eines raumbezogenen quantitativen Bewertungssystems für die Landnutzung spielen der Wissenstransfer und die Übertragbarkeit der Produkte eine wichtige Rolle.

KlimaKonform ist eine gemeinsame Plattform zum klimakonformen Handeln auf Gemeinde- und Landkreisebene in Mittelgebirgsregionen und stellt perspektivisch notwendige fachliche Daten, Modelle und Informationen zur Anpassung an den Klimawandel bereit. Gemeinsam mit drei Landkreisen und ausgewählten Gemeinden im Einzugsgebiet der Weißen Elster ermittelt und bewertet das Projekt örtliche Anpassungskapazitäten und entwickelt Maßnahmen, Methoden und Werkzeuge zur Klimawandelanpassung.

Der Raum Stuttgart ist eine dichtbesiedelte Region mit sommerlichem Hitzestress, lufthygienischen Problemen und häufigen Starkregenereignissen. Die Entwicklung von Integrativen Stadt-regionalen Anpassungsstrategien in einer Polyzentrischen Wachstumsregion (ISAP) verbessern die Planungsgrundlagen sowie deren vereinfachte Anwendung in Entscheidungsprozessen. Beispielsweise wird in dem Verbundprojekt ein quantitativer Anpassungs-Check und ein neues stadt-regionales Online-Informations- und Beratungstool zur Klimaanpassung entstehen.

Das Projekt KARE „Klimawandelanpassung auf regionaler Ebene“ adressiert vier Landkreise im Süden von München. Es fokussiert auf Starkregenrisiken am Beispiel des bayerischen Oberlandes. Die Region ist in besonderem Maße von Starkniederschlägen betroffen und Risiken wie Sturzfluten im Sommer und extremen Schneelasten im Winter ausgesetzt. In zwei Pilotkommunen (Garmisch-Partenkirchen und Weilheim) werden planungsrelevante Instrumente zum Umgang mit Starkregenereignissen transdisziplinär mit regionalen Praxis- und Politikakteuren entwickelt, getestet und in andere Kommunen transferiert.

Das Rheineinzugsgebiet mit der Stadt Duisburg ist eine Region, in der die Auswirkungen des Klimawandels schon deutlich spürbar sind. Sowohl Hoch- als auch Niedrigwasser beeinflussen die Region und haben weitreichende Folgen für Umwelt und Wirtschaft. Das Projekt R2K-Klim+ setzt genau dort an und entwickelt ein modulares Werkzeug, welches ganzheitliche Entscheidungen zur Anpassung an den Klimawandel unterstützen soll. Das Besondere daran: die Forschungsarbeiten konzentrieren sich auf unterschiedliche Betrachtungsebenen (Stadt Duisburg als Mikroebene und das gesamte Rheineinzugsgebiet als Makroebene). Außerdem werden verschiedene Sektoren aus ökonomischer, ökologischer und sozialer Sicht bewertet. Durch den modularen Aufbau des Werkzeugs können die Projektergebnisse auf andere Regionen übertragen werden.

Die Abbildung zeigt eine Deutschlandkarte, in der die sechs Modellregionen namentlich verortet sind.
Die sechs RegIKlim Modellregionen in Deutschland
Quelle: Eigene Darstellung
 

Die Querschnittsvorhaben: Klimadaten, Begleitforschung und Vernetzung

Die zwei Querschnittsvorhaben der Fördermaßnahme RegIKlim bündeln die Arbeiten aus den Modellregionen und binden die gewonnenen Erkenntnisse und Ergebnisse in laufende Prozesse ein. Zum einen führt NUKLEUS (Nutzbare lokale Klimainformationen für Deutschland) lokale Klimainformationen zusammen und bietet mit diesen hochaufgelösten Informationen die Datengrundlage für ein öffentlich zugängliches Datenportal in der Zukunft.

Zum anderen bietet das Projekt WIRKsam (Wissenschaftliche Koordination zur Entwicklung eines regionalen Klimakatasters) eine wissenschaftliche Koordination und Begleitforschung der Verbundprojekte zur Entwicklung eines regionalen Klimakatasters. Die entwickelten Ansätze aus den Modellregionen werden durch WIRKsam integrativ zusammengeführt, um so die Übertragungs- und Anschlussfähigkeit in laufende Strategie- und Agendaprozesse sicherzustellen. Dabei findet sowohl eine interne Vernetzung als auch eine breite Öffentlichkeitsarbeit für die Nutzung von Synergie- und Transfereffekte statt. Das KomPass-Team im Umweltbundesamt ist neben dem Climate Service Center Germany (GERICS) und dem Institut für Raumordnung und Entwicklungsplanung (IREUS) der Universität Stuttgart Teil des WIRKsam-Konsortiums und leitet die Aktivitäten zu transdisziplinären Forschungsprozessen, Bewertungsmethoden sowie zur Wissensvermittlung und Einbindung der Projektergebnisse in Prozesse nachhaltiger Entwicklung. Hierbei bringt es seine jahrelange Erfahrung in der Erarbeitung, Umsetzung und Weiterentwicklung der Deutschen Anpassungsstrategie, in der Entwicklung von transdisziplinären und integrierten Bewertungsverfahren (Vulnerabilitätsanalyse) und in dem Aufbau und Management von Klimawandelanpassungsportalen und Tools (Klimavorsorgeportal) ein und greift auf sein bestehendes Netzwerk zu deutschen und internationalen Organisationen zurück.

 

Eine lebenswerte Zukunft: Wissenslücken schließen und aktiv werden

Gemeinsam werden die acht Verbundprojekte entscheidungsrelevantes Wissen aus Forschung und Praxis zum Umgang mit dem Klimawandel aufbauen. Dazu gehören sowohl hochaufgelöste regionale und lokale Informationen über die Auswirkungen des Klimawandels als auch daran angepasste Maßnahmenkataloge und Handlungsoptionen. Diese Grundlagen – in einem Klimakataster zusammengefasst – sollen Entscheidungsträgerinnen und -träger sowie Planerinnen und Planer in ihrem Klimahandeln unterstützen. Sie sollen dazu beitragen konstruktiv und vorwärts gewandt mit den Auswirkungen der Klimakrise umzugehen. Getreu dem Motto: Vom Klima-Wissen zum Klima-Handeln.

Autor und Autorin: Andreas Huck, Laura Dalitz (Umweltbundesamt)

Dieser Artikel wurde als Schwerpunktartikel im Newsletter Klimafolgen und Anpassung Nr. 68 veröffentlicht. Hier können Sie den Newsletter abonnieren.