Neue Klimasimulation: heutige Extreme könnten künftig normal sein

eine Stadt mit Fachwerkhäusern ist durch Hochwasser überschwemmtzum Vergrößern anklicken
Der Klimawandel bringt für Städte und Gemeinden Risiken wie häufigere Hochwasser mit sich.
Quelle: Martina Topf / Fotolia.com

Neue Klimasimulationen des Forschungsverbunds ReKlies-De für Deutschland zeigen, dass Extremereignisse wie Hitzewellen oder Starkregen in Zukunft häufiger und heftiger auftreten können. Mit Anpassungsmaßnahmen – zum Beispiel Hitzeaktionsplänen oder der Nutzung innerstädtischer Flächen als temporäre Wasserspeicher – können wir uns auf die Klimaänderungen vorbereiten.

Gesundheitsbelastungen vorbeugen

Steigen die Treibhausgasemissionen wie bisher weiter an und schreitet der Klimawandel unverändert fort, könnten heutige Extremwetterereignisse, zum Beispiel Hitzewellen, Dürreperioden oder Starkregen, zum Normalfall werden. Dies zeigen neue Klimasimulationen des Forschungsprojekts ReKliEs-De - Regionale Klimaprojektionen Ensemble für Deutschland (mehr Informationen zum Projekt weiter unten). Diese von den Bundesländern initiierten Simulationen zeigen: Die Folgen des Klimawandels werden immer deutlicher sichtbar, die Umsetzung von Anpassungmaßnahmen wird dringlicher.

Wenn die Treibhausgasemissionen in etwa weiter so ansteigen wie bisher – so genanntes „Weiter-wie-bisher-Szenario“ –, erwarten wir in Deutschland bis Ende des Jahrhunderts deutlich mehr „Hitzetage“ mit Temperaturen über 30 Grad Celsius und eine Zunahme von „Tropennächten“, in denen die Nachttemperaturen mehr als 20 Grad Celsius betragen: Die Zahl der Hitzetage wird voraussichtlich im bundesweiten Durchschnitt von derzeit etwas mehr als 4 Tagen pro Jahr auf etwa neun Tage im Zeitraum 2031 bis 2060 steigen. Bis Ende des Jahrhunderts könnten es gut zwei Dutzend pro Jahr werden. Tropennächte kommen in Deutschland bislang sehr selten vor. Gegen Ende des Jahrhunderts könnte es fünf Tropennächte pro Jahr geben. Auch die Anzahl der „Sommertage“, bei denen die Höchsttemperatur bei 25 Grad Celsius oder höher liegen, könnte deutlich steigen: von im bundesweiten Durchschnitt derzeit etwa 28 Tagen im Jahr auf bis zu 74 Tage zum Ende des Jahrhunderts.

Insbesondere in Städten und für alte Menschen kann dies zu Gesundheitsproblemen führen. Die hohen Temperaturen belasten beispielsweise das Herz-Kreislauf-System und können sogar zum vorzeitigen Tod führen. Stadtbewohnerinnen und -bewohner sind besonders gefährdet, da dichte Bebauung und starke Versieglung wenig Luftaustausch und Verdunstung zulassen. Dadurch sind die Temperaturen in der Stadt vor allem nachts um bis zu zehn Grad höher als im Umland, wodurch urbane Wärmeinseln entstehen.

Gesundheitsrisiken für die Bevölkerung lassen sich verringern, zum Beispiel durch Hitzewarnsysteme oder durch nachbarschaftliche „Patenschaften“ für besonders gefährdete Menschen. Hitzeaktionspläne sind ein weiteres wichtiges Element, um die menschliche Gesundheit zu schützen. Hierzu hat das Bundesumweltministerium 2017 Handlungsempfehlungen veröffentlicht, um angepasstes Risikoverhalten zu erreichen und präventive Handlungsmöglichkeiten zu etablieren (siehe auch Veröffentlichung im Bundesgesundheitsblatt 2017). Und natürlich sollte jeder seine Aktivitäten anpassen und beispielswiese während Hitzeperioden weniger Sport treiben.

Risiken von Starkniederschläge verringern

2016 und 2017 kam es in Deutschland häufig zu Starkregen, oft verbunden mit Sturzfluten. Gebäude und Infrastrukturen wurden zerstört, im Verkehr kam es zu massiven Einschränkungen. Menschen wurden verletzt, einige sogar tödlich. Die neuen Klimasimulationen zeigen, dass die Niederschlagsmenge im Winter bis Ende des Jahrhunderts um bis zu 40 Prozent zunehmen kann. Und mehr Niederschläge heißt auch mehr extreme Niederschläge.

Durch eine wassersensible Stadtentwicklung nach dem „Prinzip Schwammstadt“ können potenzielle Schäden verringert werden – zum Beispiel, wenn innerstädtische Flächen wie Straßen, Parkplätze oder öffentliche Plätze zeitweise als Wasserspeicher genutzt werden. Damit Wasser abfließen und vom Boden aufgenommen werden kann, müssten Flächen bei der Siedlungs- und Verkehrsentwicklung unbebaut bleiben und zudem bereits bebaute Flächen wieder entsiegelt werden. Entsiegelte und rekultivierte Flächen in Großstädten verbessern gleichzeitig das Stadtklima.

Weiterhin sollten bei potenziellen Baugrundstücken zukünftig auch Starkregenrisiken berücksichtigt werden, zum Beispiel mit Hilfe von Starkregengefahrenkarten.

Schlussfolgerung: vom Klimawissen zum Handlungswissen

Die neuen Klimasimulationen erweitern die Wissensbasis, um nachfolgend die Wirkungen des Klimawandels besser abschätzen und Maßnahmen identifizieren und umsetzen zu können. Doch alleine aus den Informationen zu Klimaänderungen, etwa der Entwicklung bestimmter Kenntage oder der durchschnittlichen Temperatur, lassen sich noch keine Schlussfolgerungen für künftiges Handeln ziehen. Diese Informationen müssen interpretiert und in einen sinnhaften Zusammenhang mit Klimawirkungen, Einschätzungen zu Risiken und sozio-ökonomischen Daten wie Bevölkerungsentwicklung oder Beschäftigungsfeldern gestellt werden. Nur so können die Bedeutungen der Klimainformationen für verschiedene Zielgruppen bestimmt und die Anpassungsmaßnahmen gestaltet werden.

Zum Beispiel: Allein das Wissen um zusätzliche Hitzetage sagt noch nichts darüber aus, ob und welche Folgen es für Einzelne beziehungsweise für die Gesellschaft gibt. Nur wenn bekannt ist, dass dauerhaft hohe Temperaturen zu Herz-Kreislauf-Beschwerden führen, bestimmte Pflanzenarten unter dauerhafter Trockenheit leiden und Straßenbeläge dabei beschädigt werden können, kann dieses Wissen relevant für eigene Handlungen werden. Diesen sinnhaften Zusammenhang und die Handlungsrelevanz können zum Beispiel Vulnerabilitätsanalysen herstellen und aufzeigen. Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger in Politik, Verwaltung und Unternehmen sollten innerhalb ihres Wirkungsbereiches diesen Zusammenhang herstellen. Und sie sollten zusätzliche Faktoren bedenken, die Einstellungsänderungen zur Klimawandelanpassung befördern helfen.

Pointiert formuliert: Nur wenn Klimainformationen mit den eigenen Erfahrungen, dem privaten oder beruflichen Alltag und eigenen Handlungsmöglichkeiten in einen Zusammenhang gestellt werden, führt dies zu einer breiteren gesellschaftlichen Verankerung von Klimawandelanpassung.

Informationen zum Projekt

Ziel des Projektes ReKliEs-De war es, robuste Informationen über die Bandbreiten und Extreme der zukünftigen Klimaentwicklung in Deutschland für die Klimafolgenforschung und Politikberatung bereitzustellen. Das Projekt wurde von den Bundesländern initiiert, von einem Forschungskonsortium mit sieben beteiligten Institutionen durchgeführt und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert. Koordiniert wurde das Vorhaben vom Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie. Beteiligt waren: Universität Hohenheim, Deutsches Klimarechenzentrum, Climate Service Center Germany, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg und Deutscher Wetterdienst.

Das Umweltbundesamt war Teil der Projektbegleitgruppe, die vorrangig die Verwendung der Ergebnisse für die deutsche Anpassungspolitik sicherstellt. Die Gruppe hatte die Aufgabe, die Projektpartner bei der Projektdurchführung zu unterstützen und die Nutzerorientierung bereits während der Projektlaufzeit sicherzustellen. Die Projektergebnisse werden unter anderem in die vor kurzem gestartete Vulnerabilitätsanalyse des Bundes einfließen, die 2021 abgeschlossen wird. Die Vulnerabilitätsanalyse wird vorrangig von einem Netzwerk von Bundesbehörden durchgeführt und im UBA koordiniert.

Endbericht des Vorhabens, weiterführende Informationen sowie Zugang zu den Daten über die Projekt-Website: http://reklies.hlnug.de/startseite/

Autor: Achim Daschkeit (UBA/KomPass)