Indikator: Nationaler Wohlfahrtsindex

Ein Diagramm zeigt für die Jahre 1991 bis 2017 den Nationalen Wohlfahrtsindex sowie das Bruttoinlandsprodukt (2000 = 100). Der NWI ist seit 2000 um 3,6 % zurückgegangen, das BIP um 24,3 % gestiegen.zum Vergrößern anklicken
Entwicklung des Nationalen Wohlfahrtsindex (NWI) und des Bruttoinlandsproduktes (BIP)
Quelle: Freie Universität Berlin / Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft Diagramm als PDF

Inhaltsverzeichnis

 

Die wichtigsten Fakten

  • Das Bruttoinlandsprodukt ist ein Maß für die Wirtschaftsleistung einer Volkswirtschaft. Es spiegelt jedoch nicht die gesellschaftliche Wohlfahrt wider.
  • Der Nationale Wohlfahrtsindex (NWI) berücksichtigt insgesamt 20 wohlfahrtsstiftende und wohlfahrtsmindernde Aktivitäten.
  • Der NWI erreichte im Jahr 1999 seinen höchsten Wert und nahm danach bis 2005 ab. Seit 2013 ist ein Aufwärtstrend zu beobachten.
 

Welche Bedeutung hat der Indikator?

Das BIP bildet die wirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft ab und ist als international vergleichbare statistische Kenngröße anerkannt. Jedoch ist das BIP alleine als Maß für die gesellschaftliche Wohlfahrt nicht geeignet. Wichtige Kritikpunkte sind: Das BIP berücksichtigt nicht die Verteilung des Einkommens sowie ehrenamtliche Tätigkeiten und Hausarbeit. Das BIP erfasst keine Folgekosten durch Umweltschäden. Eine Verringerung des Naturkapitals wird daher nicht abgebildet. Sogenannte Defensivausgaben zur Bekämpfung von Kriminalität, Drogenkonsum oder die Folgekosten von Verkehrsunfälle wirken sich tendenziell sogar positiv auf das BIP aus.

Mit dem NWI wurde ein Indikator entwickelt, der diese Kritikpunkte berücksichtigt. Ausgehend von den Konsumausgaben enthält der NWI Zu- und Abschläge, je nachdem ob es sich um wohlfahrtssteigernde oder wohlfahrtsmindernde Kategorien handelt. Zunehmende Ungleichverteilung verringert den Wert des Index. Umweltkosten und Verbrauch nicht erneuerbarer Ressourcen sind Beispiele für negative Kategorien, Ehrenamt und Hausarbeit für positive Kategorien. Der NWI kommt auch in den Bundesländern zunehmend zum Einsatz (Diefenbacher et al. 2016).

 

Wie ist die Entwicklung zu bewerten?

Seit 1991 ist das Bruttoinlandsprodukt um mehr als 39 % gestiegen, der als NWI gemessene Wohlstand jedoch nur um rund 12 %. Das BIP stieg seit 1991 fast kontinuierlich, nur im Jahr der Wirtschaftskrise 2009 gab es einen größeren Einbruch.

Die Entwicklung des NWI seit 1991 zeigt vier Phasen. Bis 1999 ist parallel zum BIP eine kontinuierliche Steigerung zu beobachten. Danach zeigt sich eine Schere: Während das BIP weiter steigt, sinkt der NWI. Ursache war vor allem die zunehmende Einkommensungleichheit. Bis 2013 zeigen sich kaum Schwankungen, seit 2013 ist ein positiver Trend zu verzeichnen. Der NWI liegt noch immer deutlich unter dem BIP, entwickelt sich jedoch nun in die gleiche Richtung.

Den größten Anteil an der NWI-Berechnung haben die preisbereinigten Konsumausgaben, die mit der Einkommensverteilung (Gini-Index) gewichtet sind. Die zunehmende Ungleichverteilung der Einkommen in den 2000er Jahren ist die Hauptursache für das Sinken des NWI. Auf der anderen Seite zeigt sich bei den wohlfahrtsmindernden Komponenten ein leichter Trend zur Verbesserung, insbesondere durch die Verringerung von Umweltbelastungen.

Auch die unterschiedliche Entwicklung im Krisenjahr 2009 kann durch die Konstruktion des NWI erklärt werden: Während die Wertschöpfung der Volkswirtschaft und somit das BIP in diesem Jahr einbrach, reagierte keine der NWI-Komponenten in jenem Jahr signifikant.

 

Wie wird der Indikator berechnet?

Der NWI stellt die Summe von 20 monetär bewerteten Komponenten dar. Der größte Posten ist der mit der Einkommensverteilung (Gini-Index) gewichtete private Konsum. Darüber hinaus fließen weitere wohlfahrtssteigernde Komponenten wie Hausarbeit, ehrenamtliche Tätigkeiten und Ausgaben für Bildung und Gesundheit positiv in den NWI ein. Schließlich werden wohlfahrtsmindernde Aktivitäten abgezogen, wie etwa die Kosten für verschiedene Umweltschäden oder Kriminalität.

Eine ausführliche Beschreibung der Berechnungsweise findet sich bei Diefenbacher et al. 2016. Aktuelle Informationen zum NWI gibt das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK 2019) heraus und auf der Website www.fest-nwi.de werden die Ergebnisse veröffentlicht.