Greenwashing und Sustainable Finance

Das Interesse an nachhaltigen Finanzierungen hat enorm zugenommen, angetrieben durch internationale Initiativen zur Bekämpfung des Klimawandels und zur Förderung einer nachhaltigen Entwicklung. Die erheblichen internationalen Kapitalströme in Richtung Environmental, Social- und Governance (ESG)-Investitionen birgt aber auch die Gefahr, dass Institute Produkte nachhaltig nennen, die es nicht sind.

Inhaltsverzeichnis

Als nachhaltig deklarierte Finanzprodukte umfassen inzwischen eine breite Palette von Instrumenten von Anleihen bis hin zu Darlehen und neuerdings auch Derivaten, die sich auf alle Aspekte der ⁠Nachhaltigkeit⁠ konzentrieren. Es geht von der Finanzierung "grüner" und "sozialer" Projekte bis hin zu umfassenderen Nachhaltigkeitszielen, die alle möglichen ESG-Fragen abdecken. Anleihen und Darlehen sind regelmäßig überzeichnet und die Unternehmen und ihre Geldgeber, die an diesen Geschäften beteiligt sind, profitieren von einem positiven Imagegewinn.

 

Die Nachfrage nach Glaubwürdigkeit

Da dadurch jedoch die Glaubwürdigkeit von ESG-Politiken und -Strategien weltweit immer stärker in den Mittelpunkt rückt, werden sie von Investoren und anderen Stakeholdern immer genauer unter die Lupe genommen. Diskussionen über "Greenwashing" bei Finanzprodukten werden geführt.

Allgemein versteht man unter „Greenwashing“ den Versuch von Organisationen, sich insbesondere durch Maßnahmen im Bereich Kommunikation und Marketing ein „grünes“ bzw. „nachhaltiges“ Image zu geben, ohne entsprechende, nachhaltigkeits-orientierte Aktivitäten im operativen Geschäft tatsächlich systematisch umzusetzen.

 

Greenwashing im Kontext von Sustainable Finance

Greenwashing war lange Zeit ein Phänomen, das sich insbesondere auf produzierende Unternehmen der Realwirtschaft bezog. Mit zunehmendem Bewusstsein für und Interesse an dem Beitrag des Finanzsektors zur Nachhaltigen Entwicklung hält das Phänomen auch hier zunehmend Einzug.

Dabei kann es sich zum Beispiel um Fälle handeln, in denen sich Finanzinstitute insgesamt als nachhaltig verantwortungsbewusst darstellen, ohne entsprechende konkrete Aktivitäten und/oder Produkte vorweisen zu können. Produkte werden als „grün“ oder „nachhaltig“ angeboten, ohne hierfür klare Kriterien anzugeben beziehungsweise anzuwenden. So wird beispielsweise manchmal behauptet, dass die angebotenen Produkte einen nachhaltigen „Impact“ hätten, also einen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung leisten, ohne diesen Beitrag tatsächlich nachzuweisen oder gar messbar zu machen.

Zunehmend verbreitet ist in diesem Kontext auch die Aussage, man sei als Institut „klimaneutral“ und/oder seine Produkte und damit die Portfolien seien „klimaneutral“. Nicht selten verbirgt sich dahinter jedoch tatsächlich ein Ansatz, der klimaschädliche Emissionen des eigenen Geschäftsbetriebes und/oder der Produkte nur „kompensiert“, nicht aber von Anfang an verhindert.

Greenwashing kann folglich unter anderem Verzerrungen und Falschdarstellungen von folgenden Aspekten betreffen:

  • den "grünen" Zweck der Finanzierung
  • die Bewertung und Überprüfung von ESG-Zielen
  • worüber berichtet wird und wie dies gemessen wird
  • die Folgen von Verstößen gegen die ESG-Verpflichtungen und Berichterstattungspflichten

Ein Problem der Debatte um Greenwashing liegt aber auch in der unscharfen Abgrenzung, wann ein Unternehmen oder Produkt des „Grünfärbens“ bezichtigt werden kann. Dabei werden Diskussionen um einzelne Fälle teilweise von den Medien aufgenommen und durch die Dynamik der Debatte entsteht der Eindruck, das ganze Konzept Sustainable Finance sei grundsätzlich von Greenwashing betroffen.

 

Der Fall DWS

Ein sehr bekanntes Beispiel, welches nicht nur in Fachzeitschriften breit diskutiert wurde, betrifft die Deutsche Bank. Deren Investment-Tochter DWS entließ die ehemalige Nachhaltigkeitschefin Desiree Fixler im Jahr 2021, da sie die Praxis der DWS in Bezug auf Sustainable Finance intern stark kritisiert hatte. Konkret soll die DWS nicht so nachhaltig investiert haben, wie sie es gegenüber der Öffentlichkeit und Kunden kommuniziert habe. Daraufhin untersuchten nicht nur die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), sondern auch mehrere US-Behörden die nachhaltigen Investmentprodukte der DWS. Der Skandal zeigte auch Auswirkungen auf den Aktienkurs des Instituts, der zwischenzeitlich um 14 Prozent einbrach. Der Fall ging in eine zweite Runde, als am 31.05.2022 eine polizeiliche Untersuchung der DWS- und Deutsche-Bank-Räumlichkeiten stattfand. Der Aufruhr, den dies verursachte, bewog den CEO der DWS, Asoka Wöhrmann, zu einem Rücktritt. Der Fall DWS verdeutlicht einmal mehr auch die Risiken, die mit dem Vortäuschen und Werben der eigenen ⁠Nachhaltigkeit⁠ verbunden sind. Finanzielle Verluste, der Verlust des öffentlichen Ansehens und auch persönliche Entlassungen drohen, wenn ein Nachhaltigkeitskonzept nur vorgetäuscht wird, aber nicht gesellschaftsfähig und rechtssicher ist.

In der Debatte um diesen Fall spiegeln sich die Missverständnisse über Sustainable Finance, auch wenn diese im Fall selbst nicht explizit vorkommen. Neben einer bewussten Falschdarstellung von vermeintlich nachhaltigen Aktivitäten liegt der größte Teil des Greenwashings wahrscheinlich im Graubereich. Der Anbieter von Finanzprodukten mit nachhaltigen Eigenschaften versteht etwas anderes unter Nachhaltigkeit als der Adressat, beispielsweise ein Retail-Investor.

 

Maßnahmen gegen Greenwashing

Unterschiedliche Auffassungen darüber, was „nachhaltig“ ist,es sind eine wichtige Ursache für Greenwashing-Vorwürfe, deren mögliche Lösung in mehr Transparenz, einer vergleichbaren Definition von nachhaltigen Aktivitäten und einer Kontrolle der Vorgaben durch unabhängige Instanzen liegt. Diese Aspekte bilden auch in der Regulierung der EU und in Deutschland einen Schwerpunkt. Das Herzstück der Regulierung, die Taxonomie, soll dabei die wichtige Aufgabe übernehmen, zu definieren, was unter welchen Bedingungen als nachhaltig einzuschätzen ist.

 

Offenlegungs-Regulierung

Eine weitere zentrale Regulierungsanstrengung betrifft die Inhalte und Berichtspflichten nachhaltiger Geldanlagen selbst, die Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR). Die SFDR gibt vor, dass Finanzunternehmen Kunden offenlegen müssen, inwiefern sie Nachhaltigkeitsfaktoren in den Entscheidungsprozess für ihre Finanzprodukte einbeziehen und was die wesentlichen nachteiligen Nachhaltigkeits-Auswirkungen ihrer Finanzprodukte sind. Für als nachhaltig eingestufte Finanzprodukte bestehen durch die SFDR konkrete Anforderungen an die Offenlegung der Nachhaltigkeitsinformationen, mit denen sie werben. Diese neuen Anforderungen zeigen bereits erste Wirkungen: Bezeichnungen wie „ESG-integriert“ – ein gängiger Begriff in der Branche – werden nach Angaben von Beobachtern in Geschäftsberichten zu nachhaltigen Fonds immer seltener und macht Akteure zurückhaltender.

Auch hat die Wertpapieraufsichtsbehörde der EU, die European Securities and Marktes Authority (ESMA), in ihrer Sustainable Finance Roadmap für die Jahre 2022 bis 2024 dem Thema Greenwashing einen Schwerpunkt eingeräumt.

 

Mit mehr Wissen gegen Täuschung und Unsicherheit – Sustainable Finance Literacy

Eine weitere zentrale Stellschraube für das Aufkommen von Greenwashing ist die Ausweitung von Wissen über die verschiedenen Spielarten und Methoden zur Erfassung von Sustainable Finance – kurz gesagt die Sustainable Finance Literacy. Hierdurch können ⁠Stakeholder⁠, aber auch Anlageberater besser einschätzen, was mit bestimmten Begriffen und Produkten gemeint ist und welche Nachhaltigkeitsaspekte in welcher Ausprägung zu erwarten sind.

Letztendlich befindet sich der Bereich Sustainable Finance immer noch in einem Prozess der Ausreifung. Entscheidende Schritte zur Vergleichbarkeit und dem Finden einer gemeinsamen Sprache werden von im Jahr 2022 angestoßenen Standardisierungen auf globaler Ebene erhofft. Das International Sustainability Standards Board (ISSB) soll eine weltweit gültige Basis für Offenlegungen für ⁠Nachhaltigkeit⁠ herstellen, die aus finanzieller Sicht wesentlich sind. Hier sollen auch die Vorarbeiten auf EU-Ebene eingebracht werden. Bei diesen und ähnlichen Initiativen ist jedoch kritisch anzumerken, dass die Umweltperspektive im Rahmen der Verhandlungen häufig zu kurz kommt beziehungsweise nicht ausreichend berücksichtigt wird.

Aus der Branche kam ein Vorschlag zur Verhinderung von „Impact-Washing“ mit den Leitlinien zur Darstellung von Impact im Bereich wirkungsorientierter Investments, die unter anderem von der GLS Bank und weiteren wirkungsorientierten Investoren veröffentlicht wurden. Die Anwendung solcher Instrumente und der offene Diskurs hierzu kann die Branche dabei unterstützen, Greenwashing-Vorwürfen frühzeitig zu begegnen und die Nachhaltigkeit im Finanzsektor voranzubringen.

Nicht zuletzt bleibt es Aufgabe aller Stakeholder, die Entwicklung von Sustainble Finance weiterhin kritisch zu begleiten. Allen voran die Wissenschaft kann in diesem Bereich mit ihrer Methodik und Herangehensweise zu Fortschritten beitragen. Dies ist vor allem auch mit Hinblick auf Erwartungen an Sustainable Finance wichtig: Die Wirkung von nachhaltigen Finanzinstrumenten ist nicht immer direkt und stellt ein eigenes Forschungsgebiet dar. In ihrer Studie "Welche transformativen Wirkungen können nachhaltige Geldanlagen durch Verbraucherinnen und Verbraucher haben?" für die Verbraucherzentrale Bundesverband erläutern Prof. Dr. Christian Klein und Prof. Dr. Marco Wilkens die Transformationswirkung nachhaltiger Geldanlagen und betonen: „Nachhaltige Geldanlagen können andere, wirkungsvollere Maßnahmen unterstützen, diese aber nicht ersetzen".

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 Greenwashing  Sustainable Finance  Ethisch-ökologisches Investment