Programm

SAICM EPI Fachgespräch 2017 „Pharmaka in der Umwelt – was deutsche Unternehmen und Verbände gegen die globalen Risiken tun können“ am 16.11.2017 von 10 bis 17 Uhr im Hause des Bundesumweltministeriums, Stresemannstr. 128-130, Berlin,  STR 5.131

Anmeldung

Inhaltsverzeichnis

 

Programm

10:00 Begrüßung und kurze Einführung in SAICM (Dr. Hans-Christian Stolzenberg, UBA)

10:15 Erkenntnisse zu Umweltwirkungen von Pharmaka im In- und Ausland (Prof. Dr. Thomas Backhaus, Univ. Göteborg)

10:35 Reinigung von Abwässern – Entwicklung der Technik, Kosten, Sachstand bei Anwendungen wie Krankenhäuser und Spezialkliniken (Dr. Issa Nafo, Emschergenossenschaft/Lippeverband)

10:55 Multiresistenzen als zunehmendes globales Problem und Auswirkungen in Deutschland (Prof. Dr. Christoph Lübbert, Univ.-Klinikum Leipzig)

11:15 Aktivitäten zur Verbesserung der Kenntnisse (Mengen, Wirkungen, Analytik von Pharmaka) und der Beseitigung von Wirkstoffen/Metaboliten aus Produktion und Anwendung (Dr. Tim aus der Beek, IWW Mülheim a.d. Ruhr)

11:35 Welche Rolle spielen deutschen Stakeholder für die Minimierung von Umweltaus-wirkungen und Resistenzen von Pharmaka? Beiträge u.a. von Dr. Oliver Onusseit (BMG), Dr. Reinhard Länge (BAYER AG),  Anja Leetz (Health Care Without Harm Europe), Dorothee Christiani (BKK VBU), 

12:05 Diskussion

12:30 Ziele des Stakeholder-Dialogs (Dr. Hans-Christian Stolzenberg, UBA)

13:00 Mittagspause

14:00 Arbeitsgruppen (Moderation: N³ Nachhaltigkeitsberatung Dr. Friege & Partner)

A) Organisation des know how-Transfers für eine kostengünstige Abwasserreinigung bei der Produktion (international) und der konzentrierten Anwendung von Pharmaka (auch national)

B)  Empfehlungen für nachhaltige Beschaffung von Arzneimitteln durch gewerbliche Einkäufer, verschreibende Ärzte und Krankenkassen (Berücksichtigung umweltgerechter Herstellung bei Großeinkauf und Rabattverträgen) sowie für die Rücknahme von Altmedi-kamenten

15:30 Kaffeepause

16:00 Vorstellung der Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen 

16:30 Verabredungen zwischen den Stakeholdern zum nationalen (ggf. internationalen) Vorgehen zu den o.g. Themenfeldern

17:00 Schlusswort (Dr. Hans-Christian Stolzenberg, UBA)

Zu den Referenten:

Dr. Hans-Christian Stolzenberg ist Leiter des Fachgebiets IV 1.1 „Internationales Chemikalienmanagement“ im Umweltbundesamt (Dessau), und fungiert im Auftrag des BMUB auch als nationale Anlaufstelle für die Umsetzung von SAICM in Deutschland (SAICM National Focal Point).

Prof. Dr. Thomas Backhaus ist Ökotoxikologe und arbeitet in der Abteilung für Biologie und Umweltwissenschaften der Universität Göteborg (Schweden). Den Schwerpunkt seiner Arbeit bilden Risikoabschätzungen im Fall komplexer Expositionen und regulatorische Fragen der Ökotoxikologie.

Dr.-Ing. Issa Nafo arbeitet bei Emschergenossenschaft und Lippeverband (Essen); er ist verantwortlich für Entwicklung und Unterstützung von Förderprojekten. Außerdem ist er Lehrbeauftragter an der Universität Duisburg-Essen (Siedlungswasserwirtschaft und Abfallwirtschaft)

Prof. Dr. Christoph Lübbert leitet den Fachbereich Infektions- und Tropenmedizin am Universitätsklinikum Leipzig. Zu den Forschungsschwerpunkten des Fachbereichs  gehören Multiresistente Erreger und ihre Verbreitung, Auswirkungen von Antibiotic Stewardship auf die Verordnungspraxis von Ärzten und die Rolle mikrobieller Besiedelungen in der Gastroenterologie / Endoskopie.

Dr. Tim aus der Beek gehört zur Leitung des Bereichs Wasserressourcen-Management des IWW (Mülheim a.d. Ruhr) und ist außerdem mitverantwortlich für das Kompetenzzentrum Mikroschadstoffe in NRW.

Dr. Oliver Onusseit leitet das Referat Arzneimittelentwicklung, -zulassung und -qualität, Großhandel, Klinische Prüfung im Bundesministerium für Gesundheit.

Dr. Reinhard Länge ist Toxikologe und bei der BAYER Schering Pharma AG tätig. Er befasst sich u.a. mit den Umweltwirkungen von Arzneimitteln und arbeitet aktiv bei Eco Pharmaco Stewardship mit.

Anja Leetz ist Direktorin von Health Care Without Harm (HCWH) in Europa. Die Organisation setzt sich u.a. für die Verringerung bzw. sichere Entsorgung von Abfällen aus Pharmabetrieben, Krankenhäusern und Arztpraxen ein.

Dorothee Christiani ist Nachhaltigkeitsbeauftragte der BKK VBU-Krankenversicherung (Berlin) mit etwa 500.000 Mitgliedern. 

 

Hintergrund: Informationen zum Arzneimittelverbrauch

In Deutschland werden rund 30.000 – 40.000 t Arzneimittel pro Jahr mit über 2.600 verschiedenen Wirkstoffen verkauft. In der Humanmedizin werden in Deutschland pro Jahr etwa 8.100 Tonnen potenziell umweltrelevanter Arzneimittel-Wirkstoffe verwendet, die insgesamt etwa 1.500 verschiedene Wirkstoffe repräsentieren1.
10 % der Arzneimittel werden in den etwa 2.000 Krankenhäusern verabreicht, 90 % in Privathaushalten.
Ein Arzt verordnet im Durchschnitt 300 Arzneimittel. Krankenhäuser verwenden im Durchschnitt 1.500 – 3.000 verschiedene Arzneimittel.
2.000 Arzneimittel machen 93% des Umsatzes der etwa 20.000 Apotheken aus. Die fünf verkaufsstärksten Wirkstoffe (Acetylsalicylsäure, Paracetamol, Povidone Jod, Metaformin, Ibuprofen) stellten zusammen eine Verkaufsmenge von 2.691 t (im Jahr 1999) dar.

In Deutschland gelangen Arzneiwirkstoffe und ihre Abbauprodukte vor allem mit dem häuslichen Abwasser in die Umwelt. 131 Wirkstoffe mit Verkaufsmengen von mehr als 5 t/Jahr stellen durch ihre Menge eine potentielle Umweltrelevanz dar. Insgesamt 156 Wirkstoffe wurden bisher in Umweltmedien, vor allem in Oberflächengewässern (n = 131), nachgewiesen, darunter 42 verschiedene Antibiotika-Wirkstoffe2. Der Verbrauch an Humanantibiotika in Deutschland beträgt etwa 700 bis 800 t pro Jahr3.
Auf der globalen Ebene nimmt der Verbrauch an pharmakologisch wirksamen Stoffen rasch zu. Die Ursachen hierfür liegen in der – erfreulicherweise – sich bessernden Versorgung der Menschen mit Arzneimitteln. Mit der besseren Verfügbarkeit von Arzneimitteln nehmen aber auch unnötige Einnahmen, Überdosierungen und Mißbrauch zu. So unterscheidet sich bereits in Europa der Verbrauch an Wirkstoffen pro Einwohner erheblich zwischen den einzelnen Ländern4.

1 https://www.umweltbundesamt.de/themen/chemikalien/arzneimittel/arzneimit...
2 Bergmann, A., et al.: Zusammenstellung von Monitoringdaten zu Umweltkonzentrationen von Arzneimitteln. UBA-Texte 66/2011

3 In der Tiermast eingesetzte Antibiotika sind ebenfalls mengenrelevant (805 t Antibiotika im Jahr 2015); sie werden wegen der für das Projekt relevanten Fragestellung aber nicht weiterbetrachtet.
4 Beispiel Diclofenac, siehe T. aus der Beek et al.: Pharmaceuticals in the environment—Global occurrences and perspectives. Environmental Toxicology and Chemistry 35 (4), 823-835

 

Hintergrund: Antibiotika

Antibiotika sind „Arzneimittel, die gegen Bakterien und andere Mikroorganismen, nicht aber gegen Viren wirksam sind, indem sie sie entweder abtöten (bakterizide Antibiotika) oder in ihrem Wachstum hemmen (bakteriostatische Antibiotika). Im ursprünglichen Sinn handelt es sich um Stoffwechselprodukte verschiedener Bakterien und Pilze, wie etwa das Penicillin, und deren halbsynthetische Abkömmlinge. Inzwischen werden aber auch vollsynthetisch hergestellte antimikrobielle Substanzen zu den Antibiotika gezählt.“ 5
„Die Zahl der isolierten Antibiotika wird auf ca. 8.000 geschätzt. Davon sind etwa 100 (einschließlich der semisynthetischen Antibiotika) in der Medizin anwendbar. Die Antibiotika gehören sehr verschiedenen chemischen Stoffklassen an. Entsprechend erfolgt ihre Einteilung vorwiegend nach der chemischen Struktur (vgl. Tab. 1)“.6

Über 80 Prozent der für die Antibiotikaproduktion notwendigen Ausgangssubstanzen werden derzeit außerhalb der EU (China, Indien) hergestellt. Für bestimmte Grundstoffe gibt es überhaupt nur zwei Produzenten7. So bestanden nach der Explosion eines Werkes in China im Jahr 2016 Lieferengpässe. In der Datenbank www.industrystock.de sind lediglich zwölf Antibiotika-Hersteller in Deutschland gelistet.8
Bakterielle Erreger entwickeln mit der Zeit Resistenzen gegen die eingesetzten Antibiotika. Folglich müssen Infektionen, die von resistenten Erregern verursacht wurden, mit neu entwickelten Antibiotika bekämpft werden. Doch die Resistenzbildung („antimicrobial resistance – AMR“) beschleunigte sich in den vergangenen Jahren und gefährdet damit grundsätzlich die Bekämpfung von Infektionskrankheiten.9  Die Ursachen von AMR sind vielfältig:

  • Zu einfacher Zugang zu Antibiotika (in vielen Ländern rezeptfrei), damit überhöhte oder gänzlich überflüssige Anwendung,
  • Mangelhafte Reinigung von Produktionsabwässern und Abfällen mit der Folge hoher Wirkstoffkonzentrationen in der Umwelt,
  • Verschreibung zu großer Mengen an Antibiotika und Entsorgung nicht benötigter Arzneimittel über das Abwasser bzw. Abfälle (Deponie).

Die Verbreitung resistenter Erreger wird durch die Globalisierung von Handelsbeziehungen und den Anstieg von Reisen zwischen den Kontinenten begünstigt. Beim Thema der Antibiotikaresistenzen gibt es nationale und internationale Bemühungen der Hersteller zur Bekämpfung der Probleme. So ist der europäische Generikaverband Medicines for Europe der „Davos Deklaration“ beigetreten, mit der sich die Unterzeichner u.a. auch verpflichten, Umweltverschmutzungen durch Antibiotikaproduktion zu reduzieren. Umfassender und umsetzungsorientiert arbeitet  Eco-Pharmaco-Stewardship u.a. an der Problematik der Abwässer aus Produktionsanlagen.  Die Industrieverbände beteiligen sich am Diskussionsprozess mit der EU-Kommission bzw. den Zulassungsbehörden zu diesem Thema. „Das Thema Umwelt gehört für uns zwingend auf die Agenda der regulatorischen Zusammenarbeit zwischen der EU und Indien.“10
Die Frage, wie man Umweltauswirkungen von Pharmaka am besten begegnet, hängt auch

  • Mit der Ermittlung von Kenntnissen über die Umweltwirkungen,
  • Der Auditierung von Zulieferern von Wirkstoffen auch im Ausland,
  • Der Transparenz und Zugänglichkeit dieser Informationen sowie deren Verständlichkeit,
  • Der Berücksichtigung dieser Informationen bei Verträgen der Kassen zur Versorgung ihrer Versicherten neben Wirksamkeit und Preis

zusammen.

5 http://www.gbe-bund.de/
http://www.spektrum.de/lexikon/biologie/antibiotika/4027
7 http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=67637
8 http://www.industrystock.de/html/Antibiotika/product-result-de-75390-0.html
9 “Without harmonized and immediate action on a global scale, the world is heading towards a post-antibiotic era in which common infections could once again kill.” (WHO: Global action plan on antimicrobial resistance, Genf 2015
10 http://www.progenerika.de/antibiotikaproduktion/

Tabelle mit Einteilung der Antibiotika
Einteilung der Antibiotika
Quelle: Umweltbundesamt