1. Was sind endokrine Disruptoren und wie wirken sie?
Gemäß CLP-Verordnung ist ein „endokriner Disruptor“ (ED) ein „Stoff oder ein Gemisch, der/das eine oder mehrere Funktion(en) des Hormonsystems verändert und folglich in einem intakten Organismus, seiner Nachkommenschaft, Populationen oder Teilpopulationen schädliche Wirkungen auslöst“. Eine schädliche Wirkung kann dabei eine „Veränderung der Morphologie, der Physiologie, des Wachstums, der Entwicklung, der Fortpflanzung oder der Lebensdauer eines Organismus, eines Systems, einer Population oder einer Teilpopulation“ sein, „die Funktionseinschränkungen, eine Einschränkung der Fähigkeit zur Bewältigung erhöhten Stresses oder eine erhöhte Anfälligkeit für andere Einflüsse zur Folge hat“.
Die CLP-Verordnung nennt zusätzlich spezifische Kriterien, nach denen Stoffe oder Gemische in zwei ED-Kategorien eingestuft werden können:
- Kategorie 1 für bekannte oder wahrscheinliche ED mit Wirkung auf den Menschen und/oder die Umwelt,
- Kategorie 2 für Stoffe die im Verdacht stehen, ED mit Wirkung auf den Menschen und/oder die Umwelt zu sein.
Die Kriterien zur Identifizierung von EDs folgen alle einem Dreiklang aus einer Evidenz für einen endokrinen Wirkmechanismus, einem adversen Effekt (i.e. für die Umweltbewertung populationsrelevante Effekte wie Beeinflussung von Reproduktion, Überleben, Wachstum oder Entwicklung) und einem biologisch plausiblen Zusammenhang zwischen beidem. Fragen zur Potenz und weitere Faktoren aus dem Bereich der Risikobewertung spielen für die Identifizierung von EDs im Umweltbereich keine Rolle. Daraus folgt, dass die Identifizierung von EDs in der CLP-VO nach wissenschaftlichen, rein gefahrenbasierten Kriterien erfolgt.
Das Hormonsystem von Wirbeltieren besteht hauptsächlich aus endokrinen Drüsen (z.B. Schilddrüse, Keimdrüsen, Nebennieren, Bauchspeicheldrüse), den Hormonen, die sie produzieren, wie Thyroxin, Östrogen, Testosteron, Cortisol, Adrenalin oder Insulin, sowie den Zielzellen, in denen die Hormone wirken. Auch andere Organismengruppen wie beispielsweise Schnecken, Krebstiere oder Insekten verfügen über ein Hormonsystem und produzieren Hormone, die denen der Wirbeltiere sehr ähnlich sein können, wie zum Bespiel die Ecdysteroide (Häutungshormone) bei Insekten. Hormone sind Signalmoleküle, die meistens über das Blut transportiert werden und so im gesamten Organismus Reaktionen hervorrufen können. Hormone sind vor allem an der Steuerung der Entwicklung, des Wachstums, der Reproduktion und des Verhaltens von Tieren und Menschen beteiligt. Endokrine Disruptoren und endokrin aktive Stoffe können die natürliche biochemische Wirkweise von Hormonen auf verschiedenen Ebenen stören. Die hauptsächlichen bisher bekannten Ansatzpunkte für eine Störung der natürlichen Hormonwirkung sind:
- Hormonrezeptor-vermittelte Wirkung: Aufgrund von chemischer Strukturähnlichkeit zu den natürlichen Hormonen können ED und EA direkt an die Hormonrezeptoren in den Zellen eines Organismus binden und so die Wirkung der natürlichen Hormone abschwächen (Antagonisten) oder verstärken (Agonisten).
- Veränderung der Rezeptoraktivität: ED und EA können auch die Menge der in den Zellen produzierten Rezeptorproteine über das normale Maß hinaus erhöhen oder erniedrigen und so die Stärke der Rezeptoraktivität verändern.
- Veränderung der Hormonkonzentration: ED und EA können über verschiedene Wirkmechanismen die Produktion der natürlichen Hormone in den endokrinen Drüsen von Organismen stören. Ebenso kann die Freisetzung der natürlichen Hormone, deren Transport im Blut und in die Zielzellen hinein durch ED und EA gestört werden.
- Veränderung des Abbaus natürlicher Hormone: ED und EA können den natürlichen Metabolismus (Abbau, Ausscheidung) von Hormonen stören, z.B. über die Hemmung von Enzymen, die dafür zuständig sind das Hormongleichgewicht in Organismen aufrecht zu erhalten.