Letzte Änderung: 06.03.2013
Die eigenen vier Wände farbig streichen, Laminat oder flauschigen Teppich verlegen. Renovieren macht Spaß und die Wohnung schöner. Doch nicht selten schlummern in Bauprodukten – wie Fugendichtstoffe, Lacke und Farben – gefährliche Stoffe. Da die meisten Menschen in Deutschland täglich rund 20 Stunden in geschlossenen Räumen verbringen, ist gesunde Innenraumluft wichtig. Flüchtige organische Kohlenwasserstoffe (VOC) und Gerüche, die aus Bauprodukten ausgasen (emittieren) können die Gesundheit der Raumnutzerinnen und -nutzer negativ beeinflussen. Bei geruchsintensiven Stoffen lassen sich die Belastungen einfach feststellen und starkes Lüften kann vorübergehend, z. B. wenige Wochen nach der Renovierung, helfen. Allerdings lassen sich viele Gerüche nicht einfach weg lüften und viele Emissionen bemerkt die Nase nicht. Die Stoffe könnten dann der Gesundheit und dem Wohlbefinden schaden.
Beim Thema „Gerüche aus Bauprodukten“ unterstützt das UBA die Reduktion von Geruchsemissionen sowie die Entwicklung und Anwendung einer Methode zur Messung und Bewertung von Gerüchen:
Bei den Bewertungskonzepten für die Emissionen aus Bauprodukten und Einrichtungsgegenständen in den Innenraum, wurden Geruchsemissionen aus Bauprodukten mangels einer zuverlässigen Methodik bisher zu wenig beachtet. Dabei ermöglichen die sensorische Bewertung von Bauprodukten und die Auswahl geruchsarmer Bauprodukte hygienische Bedingungen im Innenraum und tragen zum Energiesparen bei.

Probandin bei der Geruchsbewertung
im LaborIn Deutschland hat sich zur Bewertung der VOC-Emissionen aus Bauprodukten das Schema des Ausschusses zur gesundheitlichen Bewertung von Bauprodukten (AgBB-Schema) bewährt. Das Bewertungsschema sieht eine sensorische Prüfung und Bewertung zwar für erforderlich an, fordert diese bei der Prüfung aber nicht, da bislang ein einheitliches Messverfahren nicht zur Verfügung stand.
In zwei Forschungsprojekten des UBA haben das Hermann-Rietschel-Institut (HRI) der Technischen Universität Berlin, die Bundesanstalt für Materialforschung und –Prüfung (BAM) und die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen (RWTH Aachen) ein Messverfahren und Bewertungsmaßstäbe entwickelt, die sich für die sensorische Bewertung von Bauprodukten eignen.
Der neue Forschungsbericht „Sensorische Bewertung der Emissionen aus Bauprodukten – Integration in die Vergabegrundlagen für den Blauen Engel und das AgBB-Schema” ist seit April 2011 veröffentlicht.
Bereits am 8. März 2010 präsentierte das UBA gemeinsam mit dem HRI, der BAM und der RWTH Aachen auf einer Fachveranstaltung PDF / 135 KB die wichtigsten Ergebnisse des Forschungsvorhabens.
Auf der Basis umfangreicher Emissionsmessungen von Gerüchen und flüchtigen organischen Verbindungen (VOC) aus Bauprodukten hat das Forschungsteam Bewertungsmaßstäbe entwickelt, die sich für die sensorische Bewertung von Bauprodukten eignen.
Nach aufschlussreichen Einführungsvorträgen zur Physiologie des Riechens (Prof. Dr. Th. Hummel) und den Erfahrungen der Geruchsbewertung in der Außenluft (Dr. K. Sucker) stellte das Forscherteam (Prof. Dr.-Ing. D. Müller, Dr.-Ing. habil. B. Müller, Dr. W. Horn und Dipl.-Ing. J. Panaskova) das Projekt vor: Sie hatten ein Messverfahren und Bewertungsmaßstäbe entwickelt, die sich für die sensorische (geruchliche) Bewertung von Bauprodukten eignen und mit deren Hilfe aus Bauprodukten - wie Bodenbelägen, Klebern und Spachtelmassen - Gerüche gemessen und bewertet werden können. Dabei wurde die Bedeutung der Geruchsbewertung von Bauprodukten als ein Erfolgskriterium des energiesparenden Bauens deutlich.
Führungen durch das Geruchslabor des HRI rundeten diese Veranstaltung ab.
![]() |
|
| HRI-Veranstaltung am 08.03.2010: Fachpublikum | |
![]() |
![]() |
| HRI-Veranstaltung am 08.03.2010: Herr Dr. Wolfgang Horn (BAM) sowie Frau Prof. Dr.-Ing. Birgit Müller (HRI) und Herr Dr. Wolfgang Plehn (UBA) | |
Quelle: Horn, BAM, 2010

Vorbereitung einer Probe für die
Prüfkammermessung (Pinselauftrag eines Lackes
auf ein Holzträgermaterial)In einem vorangegangenen Forschungsprojekt „Umwelt- und Gesundheitsanforderungen an Bauprodukte – Ermittlung und Bewertung der VOC-Emissionen und geruchlichen Belastungen“ untersuchte die BAM in Kooperation mit dem HRI insgesamt 50 Bauprodukte. Die Wissenschaftler ermittelten die Emissionen aus Dichtmassen, Lacken, Wandfarben, Holzwerkstoffen, Kunstharzfertigputzen, Ausgleichmassen, Gipskartonplatten, Klebstoffen und Wandbelägen und werteten diese nach dem AgBB-Bewertungsschema aus.
Das Projekt hatte das Ziel, das Emissionsverhalten von Bauprodukten zu ermitteln und die national und international angewendeten Prüfmethoden zur VOC-Messung zu testen und zu erweitern, um Bauprodukte nach der Vorgehensweise des AgBB sicher gesundheitlich bewerten zu können. Ein Schwerpunkt lag auf der Entwicklung einer Methodik der Geruchsmessung.
Das Messverfahren und die weiteren Untersuchungsergebnisse wurden auf einer Fachveranstaltung am 21. September 2006 in Berlin unter großem Zuspruch des Fachpublikums präsentiert. Die Folien der Vorträge können auf der Homepage des Hermann-Rietschel-Instituts heruntergeladen werden.
Eines zeigen die Ergebnisse deutlich: Bauprodukte sind gesundheitlich unbedenklicher, als noch vor einigen Jahren. Aber es gibt auch Handlungsbedarf: 14 Produkte, vorwiegend Dichtungsmassen und Kunstharzfertigputze, überschritten die Anforderungen des AgBB.
Das tatsächliche Emissionsverhalten verschiedener Produktgruppen ist seit den Ergebnissen des Forschungsprojektes 2006 bekannt und kann ausreichend beschrieben werden. Auch für die sensorische Bewertung steht seither ein geeignetes Messverfahren zur Verfügung. Im Folgeprojekt 2010 hat das Umweltbundesamt das Messverfahren anhand ausgewählter Produktgruppen durch das HRI und die BAM ausreichend erproben lassen, um Anforderungen zur Bewertung von Gerüchen festzulegen.
![]() |
![]() |
| Vorbereitung von Prüflingen für die Kammermessungen: Belagsklebstoff auf einer Glasplatte und ein zugeschnittener Teppichboden | |
Verfahren zur Messung und Bewertung von Geruchsemissionen werden an verschiedenen Stellen benötigt: Bei der Eigenüberwachung der Hersteller, beim Blauen Engel und bei der Zulassung von Bauprodukten.
Eine Erprobung der neuen Methodik an Bodenbelägen, Klebern und Spachtelmassen hat gezeigt, dass die Integration der sensorischen Bewertung in das AgBB-Schema und in die Vergabegrundlagen für das Umweltzeichen Blauer Engel möglich ist. Die ersten Blauen Engel für emissionsarme Bauprodukte, die auch sensorisch bewertet wurden, sind demnächst zu erwarten. Hier kann der Blaue Engel als Vorreiter für Produktnormen für Bauprodukte zur Verwendung insbesondere in energieeffizienten Gebäuden dienen.
Schon heute können sich Bauherren und Bauträger auf die freiwillige Kennzeichnung von emissionsarmen Bauprodukten mit dem Blauen Engel verlassen. Die Vergabe erfolgt an Produkte, die anerkannte Labore nach dem AgBB-Bewertungsschema geprüft haben. Die Anforderungen an die Emissionswerte sind allerdings strenger.
Geruchsarme Bauprodukte gehören bereits heute zu den Kriterien moderner Gebäudezertifizierungssysteme wie etwa beim Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen für Bundesgebäude (BNB). Mit der neuen Norm DIN ISO 16000-28 „Innenraumluftverunreinigungen: Bestimmung der Geruchsstoffemissionen aus Bauprodukten mit einer Emissionsprüfkammer“ wird ab 2011 ein international anerkanntes Messverfahren zur Verfügung stehen. Die aktuelle Neuordnung der Rechtsgrundlagen für die Vermarktung von Bauprodukten in der EU eröffnet der Europäischen Kommission ab 2013 die Möglichkeit, eine transparente Kennzeichnung der Geruchsemissionen aus Bauprodukten für Innenanwendungen als Standardangabe zu fordern.
Mit Hilfe der Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt 2006 ist eine umfangreiche Broschüre entstanden, die Informationen für beabsichtigte Bau- oder Renovierungsmaßnahmen enthält und ausführliche Hinweise, worauf man beim Einkauf achten sollte. Die Broschüre informiert über Emissionen aus Bauprodukten und richtet sich an Heimwerker, Architekten und Bauingenieure, aber auch an Beschäftigte in Gesundheits-, Bauaufsichts- und Umweltbehörden.