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Letzte Änderung: 11.05.2012
Ein Übermaß an Schall, in Stärke und Dauer, kann nachhaltige gesundheitliche Beeinträchtigungen oder Schäden hervorrufen. Schall wirkt auf den gesamten Organismus, indem er körperliche Stressreaktionen auslöst (extra-aurale Wirkungen). Dies kann schon bei niedrigeren, nicht-gehörschädigenden Schallpegeln geschehen, wie sie in der Umwelt vorkommen (zum Beispiel Verkehrslärm).
Lärm als psychosozialer Stressfaktor aktiviert das autonome Nervensystem und das hormonelle System. Als Folge kommt es zu Veränderungen bei Blutdruck, Herzfrequenz und anderen Kreislauffaktoren. Der Körper schüttet vermehrt Stresshormone aus, die ihrerseits in Stoffwechselvorgänge des Körpers eingreifen. Die Kreislauf- und Stoffwechselregulierung wird weitgehend unbewusst über das autonome Nervensystem vermittelt. Die autonomen Reaktionen treten deshalb auch im Schlaf und bei Personen auf, die meinen, sich an Lärm gewöhnt zu haben.
Zu den möglichen Langzeitfolgen chronischer Lärmbelastung gehören neben den Gehörschäden auch Änderungen bei biologischen Risikofaktoren (z. B. Blutfette, Blutzucker, Gerinnungsfaktoren) und Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie arteriosklerotische Veränderungen („Arterienverkalkung”), Bluthochdruck und bestimmte Herzkrankheiten, einschließlich Herzinfarkt.
Im Forschungsprojekt „Epidemiologische Untersuchungen zum Einfluss von Lärmstress auf das Immunsystem und die Entstehung von Arteriosklerose” untersuchte das Umweltbundesamt über 1.700 vorwiegend ältere Menschen aus Berlin. Die Auswertung ergab, dass Menschen in lauten Wohngebieten häufiger wegen Bluthochdrucks in ärztlicher Behandlung waren als diejenigen in weniger lärmbelasteten Gebieten. So hatten Menschen, die nachts vor ihrem Schlafzimmerfenster einen mittleren Schallpegel von 55 Dezibel (dB[A]) oder mehr hatten, ein fast doppelt so hohes Risiko, wegen Bluthochdrucks in ärztlicher Behandlung zu sein, als diejenigen, bei denen der Pegel unter 50 Dezibel lag.
Darüber hinaus zeigten sich statistische Zusammenhänge zwischen der nächtlichen Belastung durch Verkehrsgeräusche am Wohnort und Beeinträchtigungen des Immunsystems und des Stoffwechsels. Im Gegensatz zum nächtlichen Verkehrslärmpegel wies die Lärmbelastung am Tag einen weniger deutlichen Zusammenhang mit ärztlichen Behandlungen der genannten Krankheiten auf. Die Häufigkeit ärztlicher Behandlungen psychischer Störungen hingegen zeigte einen starken Zusammenhang mit der subjektiv empfundenen Störung durch Lärm am Tag.
Die Forschungsergebnisse zeigen, dass der menschliche Organismus während der nächtlichen Ruhephase auf Lärm empfindlicher reagiert als in der aktiven Phase am Tag. Außerdem wird deutlich, wie wichtig Lärm mindernde Maßnahmen zum Schutz der Nachtruhe sind, um gesundheitliche Beeinträchtigungen zu vermeiden.
Der Zusammenhang zwischen Umweltlärm, Arbeitslärm und Herzinfarkt (Myokardinfarkt) untersuchte die Studie „Chronischer Lärm als Risikofaktor für den Myokardinfarkt – ‚NaRoMI’-Studie” – im Auftrag des Umweltbundesamtes und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befragten 4.115 Patientinnen und Patienten in Berliner Kliniken in einer „Fall-Kontroll-Studie”. Jedem Herzinfarktpatienten stand ein (bei Frauen zwei) gleichaltriger Kontrollpatient gegenüber, der wegen eines lärmunabhängigen Leidens in Behandlung war, zum Beispiel einem Unfall. Das Ergebnis: Die an Herzinfarkt erkrankten Männer wohnten häufiger an lauteren Straßen als die Kontrollpatienten. Dies zeigte sich besonders deutlich, wenn nur Personen betrachtet wurden, die schon länger – mindestens zehn Jahre – in ihrer Wohnung lebten. Darüber hinaus gab es eine klare „Dosis-Wirkungs-Beziehung”: Männer in lauten Wohnungen (mit einem Tages-Mittelungspegel von über 65 Dezibel außerhalb der Wohnung), hatten ein um 20 bis 30 Prozent höheres Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, als Männer aus ruhigeren Gebieten (Tages-Mittelungspegel bis 60 Dezibel). Bei den Frauen war kein eindeutiger Zusammenhang des Herzinfarktrisikos mit der Straßenverkehrslärmbelastung feststellbar. Unterschiedliche Aktivitäten von Frauen und Männern im Tagesverlauf könnten dafür eine Rolle spielen; darüber hinaus könnte es bei den Daten der Frauen statistische Verzerrungen durch den unbekannten Menopausenstatus und die nicht erhobene Einnahme von Hormonpräparaten gegeben haben.
Zwischen der Lärmbelastung am Arbeitsplatz und dem Risiko für Herzinfarkt konnten die Fachleute keinen eindeutigen Zusammenhang feststellen. Ein höheres Risiko wurde bei moderater Arbeitslärmbelastung beobachtet, jedoch nicht bei sehr hohen Schallpegeln. Dies kann an dem bekannten „healthy worker effect” liegen: Personen mit chronischen Krankheiten könnten lauten Arbeitsplätzen bewusst ausgewichen sein (Selbstselektion).
Die Ergebnisse der Studie bekräftigen die Vermutung, dass Lärmbelastung das Risiko für den Herzinfarkt erhöht. Möglicherweise wirkt sich der Verkehrslärm besonders dann nachteilig auf die Gesundheit aus, falls er als zusätzliche Belastung auftritt – nicht nur mit anderen Lärmfaktoren, sondern auch mit weiteren Belastungsfaktoren des täglichen Lebens.
In einer kritischen Literaturübersicht hat das Umweltbundesamt die Ergebnisse verschiedener epidemiologischer Lärmwirkungsstudien bewertet und in einer Meta-Analyse zusammengefasst. Daraus hat das Amt eine Dosis-Wirkungs-Kurve abgeleitet, die sich für quantitative Risikobetrachtungen und –berechnungen heranziehen lässt. Solche Risikoberechnungen spielen eine große Rolle für umwelt- und gesundheitspolitische Entscheidungen. Die Ergebnisse der Meta-Analyse enthält der englischsprachige Forschungsbericht „Transportation Noise and Cardiovascular Risk” PDF / 980 KB. Nach diesem Bericht ist zu befürchten, dass rund drei Prozent aller Herzinfarktfälle in Deutschland durch Straßenverkehrslärm hervorgerufen sind.
Wer die Möglichkeit hat, sollte seinen Schlafraum auf die verkehrsabgewandte Seite der Wohnung verlegen. Gehörstöpsel können helfen, Schlafstörungen durch Umgebungslärm zu vermindern. Besserer baulicher Schallschutz (Verschließen der Fenster, Einbau von Fenstern mit erhöhter Schalldämmung) kann vor Lärmbelastungen in Innenräumen schützen. Eine ausreichende Belüftung lässt sich über angrenzende Räume oder durch Schallschutzfenster mit schallgedämpften Belüftungssystemen erreichen. Aufgabe der Umweltpolitik ist es, gesundheitsschädlichen Lärm möglichst gar nicht erst entstehen zu lassen.