Handlungsfeld Fischerei

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Der Klimawandel ist ein zusätzlicher Stressfaktor für die Fischbestände in Nord- und Ostsee.
Quelle: Susanne Kambor/KomPass

Der Klimawandel wirkt sich sehr unterschiedlich auf die verschiedenen Bereiche der Natur und Gesellschaft aus. Auch die daraus resultierenden Anpassungsmaßnahmen unterscheiden sich. Mehr zu den Auswirkungen auf die Fischereiwirtschaft und möglichen Anpassungsoptionen lesen Sie hier.

Klimafolgen

Inhaltsverzeichnis

 

Auswirkungen des Klimawandels auf das Meer

Bis Mitte des 21. Jahrhunderts wird die jährliche Durchschnittstemperatur in Norddeutschland voraussichtlich um 1,1 bis 2,2 Grad ansteigen. An der deutschen Ostseeküste wird innerhalb der nächsten 30 Jahre mit einer Erwärmung von 0,5 bis 1,1 Grad gerechnet. Infolge dieser Klimaveränderungen wird sich auch das Meerwasser in Nord- und Ostsee erwärmen.

Ein steigender Gehalt an CO2 in der Atmosphäre bedeutet, dass auch der CO2-Gehalt im Wasser ansteigt, da Kohlendioxid aus der Luft vom Wasser aufgenommen wird. Im Wasser führt CO2 dazu, dass sich der pH-Wert ändert und das Wasser saurer wird.

Extremwetterereignisse, die eine dauerhafte Überflutung oder verstärkte Erosion von Küstenbereichen verursachen, werden langfristig bestehende Lebensräume bedrohen. Dies wird erleichtert durch den auch durch Klimaveränderungen erwarteten Meeresspiegelanstieg. Auch durch den Rückgang des Meereises werden temporäre Lebensräume verändert.

Aufgrund der sich wandelnden Umweltbedingungen verändern sich Fischbestände und Populationen anderer Meeresorganismen in Nord- und Ostsee. Die zeitliche Synchronisation bestimmter Entwicklungsphasen kann sich durch Klimaänderungen auflösen, so dass zum Beispiel Fischlarven nicht mehr auf ein gutes Nahrungsangebot treffen. Insgesamt ist zu erwarten, dass bekannte Nahrungsnetze und Konkurrenzsituationen sich ändern.

Stressfaktoren wie Überfischung, Schiffsverkehr oder Schadstoffe im Wasser haben nachgewiesene, negative (maßgebliche) Auswirkungen auf die Meeresfauna. Die Klimafolgen sind daher teilweise nicht genau bestimmbar oder von den anderen Faktoren abzugrenzen. Einige Beispiele lassen sich dennoch beschreiben:

Nordsee

In der Nordsee führt die zunehmende Erwärmung zu einer Verschiebung der Lebensräume kälteliebender heimischer Fischpopulationen Richtung kälterer Wassertemperaturen also gen Norden, beispielsweise bei Kabeljau und Scholle. Für den Kabeljau gewinnt so unter anderem die Barentssee als Lebensraum verstärkt an Bedeutung. Andere Meerestiere verfügen über eine geringere Anpassungsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel. Ihre Bestände werden in Folge der wärmeren Winter voraussichtlich deutlich zurückgehen, weil zum Beispiel Reproduktionszyklen oder Räuber-Beute-Beziehungen gestört werden.

Begünstigt durch die Erwärmung des Wassers wandern zunehmend neue Arten in die Nordsee ein, die bisher eher in südlicheren Meeresgebieten beheimatet waren. Beispiele hierfür sind die Rote Streifenbarbe, der Knurrhahn oder der Kaisergranat. Insbesondere der Temperaturanstieg in den milden Wintern ermöglicht es diesen Arten, dauerhaft in der Nordsee zu überleben.

Ostsee

Die Ostsee als Brackwassermeer ist in besonderer Weise von der Menge des zufließenden Süßwassers aus den Flüssen und den Salzwassereinträgen aus der Nordsee abhängig. Das Brackwassermilieu der Ostsee, in dem sich Süß- und Salzwasser mischen, stellt besondere Anforderungen an die dortige Lebensgemeinschaft. Es haben sich aufgrund dieser Bedingungen labile ökologische Gleichgewichte eingestellt, die in hohem Maße störungsanfällig sind. Schon geringfügige Änderungen der Temperatur-, Salz- oder Sauerstoffverhältnisse können zu einer deutlichen Verschiebung der Artenzusammensetzung führen.

Zu den derzeit dominanten Fischarten in der Ostsee zählen Hering, Sprotte und Dorsch. Fällt aber der Salzgehalt des Meerwassers lokal unter ein bestimmtes Grenzniveau, beispielsweise durch verstärkten Zufluss von Süßwasser, sind zum Beispiel Dorscheier nicht mehr überlebensfähig. Die Bestände des Dorschs sind so vor allem neben der Fischerei zusätzlich belastet.

 

Klimafolgen für die Fischereiwirtschaft

Der Klimawandel und mit ihm die sich ändernden Lebensbedingungen für viele Fischarten schaffen neue Herausforderungen für den in eher strukturschwachen Küstenregionen bedeutsamen Wirtschaftssektor Fischerei. Es ist zu erwarten, dass sich die Schwankungen im Bestand einzelner Fischarten weiter erhöhen.

Die Verschiebung der Lebensräume vieler Fischpopulationen in Richtung Norden ist vermutlich mit erheblichen wirtschaftlichen Einbußen für die lokale Fischerei verbunden. Besonders kleine, in der Regel finanzschwache Küstenfischereibetriebe werden davon betroffen sein, da die nördlicheren Verbreitungsgebiete schwerer zu erreichen sind. Inwieweit diese Verluste durch die Einwanderung neuer Arten kompensiert werden können, kann heute noch nicht umfassend bewertet werden. Jedoch hat sich zum Beispiel die Streifenbarbe seit Beginn dieses Jahrhunderts zu einer Handelsart der Nordsee entwickelt.

Hinzu kommt, dass küstennahe Produktionsstätten aufgrund des Meeresspiegelanstiegs und häufigerer Sturmfluten Gefahr laufen, überflutet zu werden und Schaden zu nehmen. Höherer Seegang und Extremwetterereignisse können zudem die Fangbedingungen auf dem Meer verschlechtern.

 

Quellen

Anpassung

Technische Maßnahmen

Es gibt verschiedene technische Möglichkeiten die Fischereiwirtschaft nachhaltiger zu gestalten. Selektive Fangtechniken, wie vorgegebene Maschengrößen bei Netzen, tragen dazu bei, Jungtiere und Arten, die gar nicht gefangen werden sollen (Nichtzielarten), vor der unbeabsichtigten Entnahme aus dem Gewässer zu schützen. Neue Regeln in der EU-Fischereipolitik unterstützen eine positive Entwicklung:

  • Beifänge kommerziell genutzter Arten dürfen ab 2019 nicht mehr zurück ins Meer geworfen werden. Ab dem Jahr 2015 soll diese Praxis stufenweise umgesetzt werden. Für bestimmte Arten sind jedoch Ausnahmeregelungen möglich.
  • Eine effektivere Überwachung der Fischerei (zum Beispiel durch automatische Ortung und Identifizierung der Schiffe) sowie die Schaffung abschreckender Strafmaßnahmen bei Verstößen sind vorgesehen.
  • Außerdem wird künftig die Modernisierung kleinerer Fischereifahrzeuge vorrangig finanziell gefördert.

So können Störungen im marinen Lebensraum verringert und gefährdete Arten nicht zusätzlich durch Beifänge dezimiert werden. Auch Beifänge mariner Säuger oder Seevögel sollen langfristig reduziert werden, jedoch gibt es dazu noch keine EU-weite Regelung.

Ein Echtzeit-Monitoring der Fänge könnte die Einrichtung von Schongebieten und -zeiten unterstützen. Saisonale und gebietsbezogene Einschränkungen für die Fischerei könnten so gut begründet werden.

Ökosystemare Maßnahmen

Ökosystemare Maßnahmen sind notwendig, um die natürlichen Lebensräume vieler Fischarten zu erhalten, wiederherzustellen und langfristig zu stabilisieren. Durch die Einrichtung von Naturschutzgebieten und Ruhezonen kann die Widerstandsfähigkeit der Bestände gegenüber Klimaänderungen erhöht werden.

Das Vernetzen von durchwanderbaren Fließgewässern wie Bächen und Flüssen kann den  Lebensraum aufwerten. Es trägt dazu bei, die biologische Vielfalt von Fischen und Kleinlebewesen zu erhalten. Im Zuge dieser Vernetzung sollen  Wasserläufe renaturiert werden. Die Renaturierung natürlicher Gewässer-, Ufer- und Sohlstrukturen fördert dabei gute Laichbedingungen und schafft Lebensräume für heimische, gewässertypische Fische. Mithilfe von Wiederbesiedlungen können außerdem gefährdete Fischarten erhalten und gewässertypische Fischbestände geschützt werden.

Rechtliche, politische und Management-Maßnahmen

Eine angepasste, nachhaltige Fischereiwirtschaft erfordert intensive Forschungsanstrengungen. Es bedarf verlässlicher Informationen zu den Fischbeständen und deren Anfälligkeit sowie zu neuen schonenderen Fangtechniken. Aussagekräftige gesicherte Prognosen für die Fischerei werden durch die zusätzlichen Unsicherheitsfaktoren des Klimawandels zunehmend schwieriger. Nur mit Hilfe verlässlicher Daten kann das Verständnis für die Notwendigkeit von Anpassungsmaßnahmen gefördert und die Planungssicherheit der Fischereibetriebe erhöht werden. Bis eine solche Datenlage vorliegt, sollten dem Vorsorgeprinzip entsprechend die bisher etablierten Prognosen für Fischbestände und die damit verbundenen restriktiven Fangquoten akzeptiert und umgesetzt werden.

Auf Basis einer guten Datengrundlage ist es möglich, nachhaltige Bewirtschaftungs- und Wiederauffüllpläne für Fischbestände zu entwickeln, die deren klimabedingte Veränderungsprozesse und Anfälligkeiten adäquat berücksichtigen. Die Managementpläne sollten hierfür angepasste Fangquoten und Schonzeiten umfassen und auch Nichtzielarten berücksichtigen. Zusätzlich gilt es, klimabedingte Ausfälle einzubeziehen und in den Bewirtschaftungsplänen festzulegen, wann  bei Bestandsrückgängen einzugreifen ist. Die Pläne sind kontinuierlich zu überprüfen. Dabei sollten immer wieder die aktuellen Forschungsergebnisse berücksichtigt werden.

Gezielte behördliche Kontrollen auf nationaler und europäischer Ebene sind notwendig, um die Einhaltung der bestehenden und geplanten Fischereivorschriften zu gewährleisten, sowohl auf See als auch im Hafen bei der Anlandung. Zusätzlich ist es im Rahmen dieses integrativen Politikansatzes wichtig, die internationale Überwachung des Fischfangs und die wissenschaftlich fundierte Vergabe von Quoten für die Fischerei weiterzuentwickeln.

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