Störfälle in Chemie- und weiteren Industrieanlagen

Unternehmen müssen seit 1991 Störfälle bei den zuständigen Landesbehörden melden. Im Zeitraum 2000 bis 2016 wurden zwischen 11 und 31 Störfällen pro Jahr gemeldet. Die häufigste Unfallursache im Jahr 2015 waren menschliche Fehler im Bereich der Bedienfehler sowie System-, Management- und Auslegungsfehler. Die häufigsten Folgen waren Freisetzungen von gefährlichen Stoffen, gefolgt von Explosionen.

Inhaltsverzeichnis

 

Meldepflichtige Ereignisse in etwa 1 Prozent aller Betriebsbereiche

Im Jahr 2015 haben Unternehmen der Zentralen Melde- und Auswertestelle für Störfälle (ZEMA) insgesamt 29 meldepflichtige Unfälle in 3.518 Betriebsbereichen gemeldet (Stand 30.06.2016) (siehe Abb. “Verteilung der Störfallereignisse 2015“). Davon waren 10 Störfälle und 19 sonstige gravierende Betriebsstörungen, das heißt Störungen, die nach der Störfall-Verordnung meldepflichtig waren. Die Unternehmen mussten demnach aus etwa 1 Prozent (%) aller Betriebsbereiche meldepflichte Ereignisse melden.

Ereignisse nach Branchen

17 dieser Ereignisse traten bei der Herstellung von Chemikalien und der Raffination von Erdöl auf, 4 bei der Lagerung, 3 in der Metallindustrie, 2 im Bereich Wärmeerzeugung, Bergbau und Energie und 1 bei der Verwertung und Beseitigung von Abfällen. 2 Ereignisse traten in verschiedenen anderen Branchen auf (siehe Abb. „Verteilung der Störfallereignisse 2015“).

Schadenshöhe der Ereignisse

Bei 15 dieser Ereignisse traten innerhalb der Betriebsbereiche Sachschäden von etwa 125 Millionen Euro (Mio. Euro) auf. Umweltschäden wurden bei 6 Ereignissen innerhalb und bei 4 Ereignissen außerhalb der Betriebsbereiche angezeigt. Die Kosten für Reinigung der Böden, Absaugung von Wasserverunreinigungen, Entsorgung und Sanierung für diese Umweltschäden lagen bei etwa 3 Mio. Euro. Bei den 29 Ereignissen gab es keine Todesfälle. 34 Personen wurden bei den Ereignissen verletzt.

Über 58 % der Störfälle traten 2015 in der chemischen Industrie und in der Erdölraffination auf. 14 % geschahen bei der Lagerung und beim Be- und Entladen von Stoffen. 10 % ereigneten sich in der Metallindustrie und 17 % traten in anderen Branchen auf.
Verteilung der Störfallereignisse 2015
Quelle: Umweltbundesamt/ZEMA Diagramm als PDF
 

Fehlerquelle Mensch

Im Jahr 2015 waren Fehler von Mitarbeitern mit die häufigste Ursache für Störfälle und Betriebsstörungen. Sie bedienten etwa Anlagen falsch oder handelten gegen Vorschriften und verantworteten so 7 der 29 Ereignisse. In ebenfalls 7 Fällen verursachten System-, Management- und Auslegungsfehler Betriebsstörungen. In 7 Fällen liegt noch keine abschließende Bewertung der Ereignisse vor (Stand Februar 2017).

 

Störfallrisiken in Betriebsbereichen

Das Risiko eines Störfalls besteht immer dann, wenn gefährliche Stoffe in größeren Mengen in einem Unternehmen vorliegen. Ein solches Risiko besteht auch, wenn sich größere Mengen von gefährlichen Stoffen bei einem Unfall bilden können. Um dieses Risiko zu minimieren, erließ die Europäische Union (EU) im Jahr 1982 die Seveso-Richtlinie und überarbeitete sie seitdem mehrmals, zuletzt 2012 (Richtlinie 2012/18/EU). Der deutsche Gesetzgeber setzt diese Vorgaben der EU insbesondere mit der Störfall-Verordnung um. Um das Störfallrisiko besser fassen zu können, hat die EU den „Betriebsbereich“ eingeführt. Ein Betriebsbereich liegt dann vor, wenn in einem Unternehmen mindestens vorgegebene Mengen an bestimmten gefährlichen Stoffen vorhanden sind oder bei einem Unfall entstehen können. Die jeweiligen Mindestmengen hat der Gesetzgeber ebenfalls in der Störfall-Verordnung festgelegt.

Ende 2015 hatten wir in Deutschland 3.518 Betriebsbereiche. Geschieht in einem Unternehmen ein Unfall in einem Betriebsbereich, der so schwer ist, dass er unter die Störfall-Verordnung fällt, muss das Unternehmen dies der zuständigen Landesbehörde melden. Wird dabei zudem eine bestimmte Menge einer gefährlichen Chemikalie freigesetzt und entsteht dadurch ein sehr großer Schaden, sprechen Fachleute von einem Störfall. Ist der Schaden etwas geringer, aber noch bedeutsam, sprechen sie von einer Betriebsstörung.

 

Geänderte Bezugsbasis für gemeldete Störfälle

Das Umweltbundesamt hat 1991 mit der systematischen Erfassung der Störfälle begonnen.

Im Zeitraum 2000 bis 2016 sank die Zahl der gemeldeten Störfälle tendenziell etwas. In diesem Zeitraum wurden zwischen 11 und 31 Störfälle pro Jahr gemeldet (siehe Abb. „Nach der Störfall-Verordnung gemeldete Ereignisse“). Die Zahl der Störfälle lässt sich entlang der Zeitachse aber nicht direkt miteinander vergleichen, da der Gesetzgeber in den Jahren 2000 und 2005 die Bezugsbasis verändert hat, wodurch die Zahl der Betriebsbereiche abgenommen hat. Ein Ereignis ist zudem nur dann nach der Störfall-Verordnung meldepflichtig, wenn er in einem Betriebsbereich auftritt.

Unternehmen melden seit dem Jahr 2000 zwischen 11 und 31 meldepflichte Ereignisse pro Jahr. Die auf die Anzahl der Betriebsbereiche normierte Anzahl der Ereignisse schwankt seit dem Jahr 2000 zwischen 5 und 13 Ereignissen pro 1.000 Betriebsbereiche.
Nach der Störfall-Verordnung gemeldete Ereignisse
Quelle: Umweltbundesamt/ZEMA Diagramm als PDF
 

Verhinderung von Störfällen und Minimierung ihrer Folgen

Die Störfall-Verordnung verpflichtet den Betreiber eines Betriebsbereichs dazu, Störfälle zu verhindern und zusätzliche Maßnahmen zu treffen, falls dennoch ein Störfall eintritt, damit weder Mensch noch Umwelt durch Brände, Explosionen oder Freisetzungen gefährlicher Stoffe ernsthaft gefährdet werden können.

Der Schaden, der bei einem Störfall entstehen kann, hängt wesentlich von den Mengen an vorhandenen oder den möglicherweise entstehenden Mengen gefährlicher Stoffe ab. Um Anwohner und die Umwelt bestmöglich zu schützen, werden Betriebsbereiche, in denen gefährliche Stoffe lagern, oder in denen mit ihnen gearbeitet wird, in zwei Kategorien eingeteilt: In „Betriebsbereiche mit Grundpflichten“ und in „Betriebsbereiche mit erweiterten Pflichten“.

  • In „Betriebsbereichen mit Grundpflichten“ sind bestimmte Mengen an gefährlichen Stoffen vorhanden. Die Betreiber müssen „grundlegende Pflichten zur Verhinderung und Begrenzung von Störfällen“ erfüllen. Dazu zählen ein Konzept, wie ein Betreiber Störfälle verhindert, und ein Konzept, wie er die Auswirkungen eines Störfalls durch technische oder organisatorische Maßnahmen begrenzt. Das kann das Einhausen von Anlagenteilen sein oder die Bereitstellung einer betrieblichen Feuerwehr und Rettungsdienste.
  • In „Betriebsbereichen mit erweiterten Pflichten“ sind große Mengen an gefährlichen Stoffen vorhanden. Hier muss der Betreiber erhöhte Sicherheitsanforderungen erfüllen. Diese muss er in einem Sicherheitsbericht dokumentieren. Außerdem muss er einen Alarm- und Gefahrenabwehrplan erstellen. Im Sicherheitsbericht beschreibt er die Risiken eines Störfalls und welche Vorkehrungen er trifft, um diese Risiken zu senken. Im Alarm- und Gefahrenabwehrplan muss er festlegen, wer für was bei einem Störfall zuständig ist.
 

Unternehmen sollen voneinander lernen

Seit 1991 müssen Unternehmen alle Störfälle melden. Seit 1993 gibt es dafür eine zentrale Anlaufstelle, die „Zentrale Melde- und Auswertestelle für Störfälle und Störungen in verfahrenstechnischen Anlagen“ (ZEMA). Die ZEMA gehört zum Umweltbundesamt. Neben der Erfassung und Auswertung von Ereignissen, ist es ein Ziel der ZEMA, verallgemeinerbare Erkenntnisse zur Weiterentwicklung des Standes der Sicherheitstechnik zu gewinnen.