Störfälle in Chemie- und weiteren Industrieanlagen

Unternehmen müssen seit 1991 Störfälle bei den zuständigen Landesbehörden melden. Im Durchschnitt geschah das von 2000 an bis 2015 jährlich etwa 23-mal. Die häufigsten Ursachen in den Jahren 2013 und 2014 waren menschliche Fehler im Bereich der Bedienfehler und Korrosionen. Die häufigsten Folgen: Freisetzungen von gefährlichen Stoffen, gefolgt von Bränden.

Inhaltsverzeichnis

 

Meldepflichtige Ereignisse in etwa 1 Prozent aller Betriebsbereiche

In den beiden Jahren 2013 und 2014 haben Unternehmen der Zentralen Melde- und Auswertestelle für Störfälle (ZEMA) insgesamt 29 meldepflichtige Unfälle in 3.264 Betriebsbereichen gemeldet (Stand 31.12.2014). Davon waren 13 Störfälle und 16 sonstige gravierende Betriebsstörungen, das heißt Störungen, die nach der Störfall-Verordnung meldepflichtig waren (siehe Abb. “Verteilung der Störfallereignisse 2013/2014“). Die Unternehmen mussten also aus etwa 1 Prozent (%) aller Betriebsbereiche meldepflichte Ereignisse melden.

Ereignisse nach Branchen

9 dieser Ereignisse traten bei der Herstellung von Chemikalien und der Raffination von Erdöl auf, 7 bei der Lagerung, 5 Ereignisse in der Metallindustrie und 5 Ereignisse im Bereich Wärmeerzeugung, Bergbau und Energie sowie 1 Ereignis bei verschiedenen anderen Branchen (siehe Abb. „Verteilung der Störfallereignisse 2013/2014“).

Schadenshöhe der Ereignisse

Bei 20 dieser Ereignisse traten innerhalb der Betriebsbereiche Sachschäden von etwa 50,7 Millionen Euro auf. Umweltschäden wurden bei 9 Ereignissen innerhalb und bei 5 Ereignissen außerhalb des Betriebsbereichs angezeigt. Die Kosten für Reinigung der Böden, Absaugung von Wasserverunreinigungen, Entsorgung und Sanierung für diese Umweltschäden lagen bei etwa 2 Millionen Euro. Bei den 29 Ereignissen gab es insgesamt 2 Todesfälle. 22 Personen wurden verletzt.

Mehr als 32 Prozent aller Störfälle traten in den Jahren 2013 und 2014 in der chemischen Industrie und Erdölraffination auf. 21 Prozent geschahen bei der Lagerung und beim Be- und Entladen von Stoffen und Zube-reitungen.
Verteilung der Störfallereignisse 2013/2014
Quelle: Umweltbundesamt/ZEMA Diagramm als PDF
 

Fehlerquelle Mensch

In den beiden Jahren 2013 und 2014 waren Fehler von Mitarbeitern die häufigste Ursache für Störfälle und Betriebsstörungen. Sie bedienten etwa Anlagen falsch und verantworteten so 8 der 29 Ereignisse. In 5 Fällen verursachte eine Korrosion die Betriebsstörung. In 4 Fällen liegt noch keine abschließende Bewertung der Ereignisse vor (Stand Februar 2016).

 

Störfallrisiken in Betriebsbereichen

Das Risiko eines Störfalls besteht immer dann, wenn gefährliche Stoffe in größeren Mengen in einem Unternehmen vorliegen. Ein solches Risiko besteht auch, wenn sich größere Mengen von gefährlichen Stoffen bei einem Unfall bilden können. Um dieses Risiko zu minimieren, erließ die Europäische Union (EU) im Jahr 1982 die Seveso-Richtlinie und überarbeitete sie seitdem mehrmals, zuletzt 2012 (Richtlinie 2012/18/EU). Der deutsche Gesetzgeber setzt diese Vorgaben der EU insbesondere mit der Störfall-Verordnung um. Um das Störfallrisiko besser fassen zu können, hat die EU den „Betriebsbereich“ eingeführt. Ein Betriebsbereich liegt dann vor, wenn in einem Unternehmen vorgegebene Mengen an bestimmten gefährlichen Stoffen vorhanden sind oder bei einem Unfall entstehen können. Die jeweiligen Mindestmengen hat der Gesetzgeber ebenfalls in der Störfall-Verordnung festgelegt.

Ende 2014 hatten wir in Deutschland 3.264 Betriebsbereiche. Geschieht in einem Unternehmen ein Unfall in einem Betriebsbereich, der so schwer ist, dass er unter die Störfall-Verordnung fällt, muss das Unternehmen dies der zuständigen Landesbehörde melden. Wird dabei zudem eine bestimmte Menge einer gefährlichen Chemikalie frei und entsteht dadurch ein sehr großer Schaden, sprechen Fachleute von einem Störfall. Ist der Schaden etwas geringer, aber noch bedeutsam, sprechen sie von einer Betriebsstörung.

 

Die Bezugsbasis gemeldeter Störfälle änderte sich mit der Zeit

Das Umweltbundesamt hat 1991 mit der systematischen Erfassung der Störfälle begonnen.

1991 und 1992 meldeten Unternehmen wenige Störfälle an die zuständigen Länderbehörden. Ein Grund kann gewesen sein, dass die Unternehmen sich erst an die neue Meldepflicht gewöhnen mussten. Von 1993 bis 1999 schwankte die Zahl der gemeldeten Störfälle auf einem Niveau von etwa 34 Störfällen pro Jahr. Im Zeitraum 2000 bis 2015 sank die Zahl der gemeldeten Störfälle auf durchschnittlich etwa 23 jährlich (siehe Abb. „Nach der Störfall-Verordnung gemeldete Ereignisse“). Die Zahl der Störfälle lässt sich entlang der Zeitachse aber nicht direkt miteinander vergleichen, da der Gesetzgeber in den Jahren 2000 und 2005 die Bezugsbasis verändert hat, wodurch die Zahl der Betriebsbereiche abgenommen hat. Ein Ereignis ist zudem nur dann nach der Störfall-Verordnung meldepflichtig, wenn er in einem Betriebsbereich auftritt.

Unternehmen melden seit dem Jahr 2000 durchschnittlich 23 meldepflichte Ereignisse pro Jahr. Darunter finden sich im Schnitt 9 Störfälle und 14 Betriebsstörungen.
Nach der Störfall-Verordnung gemeldete Ereignisse
Quelle: Umweltbundesamt/ZEMA Diagramm als PDF
 

Verhinderung von Störfällen und Minimierung ihrer Folgen

Die Störfall-Verordnung verpflichtet den Betreiber eines Betriebsbereichs dazu, Störfälle zu verhindern und zusätzliche Maßnahmen zu treffen, falls dennoch ein Störfall eintritt, damit weder Mensch noch Umwelt durch Brände, Explosionen oder Freisetzungen gefährlicher Stoffe ernsthaft gefährdet werden können.

Der Schaden, der bei einem Störfall entstehen kann, hängt wesentlich von den Mengen vorhandener oder den möglicherweise entstehenden Mengen gefährlicher Stoffe ab. Um Anwohner und die Umwelt bestmöglich zu schützen, werden Betriebsbereiche, in denen gefährliche Stoffe lagern oder in denen mit ihnen gearbeitet wird, in zwei Kategorien eingeteilt: In „Betriebsbereiche mit Grundpflichten“ und „Betriebsbereiche mit erweiterten Pflichten“.

  • In „Betriebsbereichen mit Grundpflichten“ sind bestimmte Mengen an gefährlichen Stoffen vorhanden. Die Betreiber müssen „grundlegende Pflichten zur Verhinderung und Begrenzung von Störfällen“ erfüllen. Dazu zählen ein Konzept, wie ein Betreiber Störfälle verhindert, und ein Konzept, wie er die Auswirkungen eines Störfalls durch technische oder organisatorische Maßnahmen begrenzt. Das kann das Einhausen von Anlagenteilen sein oder die Bereitstellung einer betrieblichen Feuerwehr und Rettungsdienste.
  • In „Betriebsbereichen mit erweiterten Pflichten“ sind große Mengen an gefährlichen Stoffen vorhanden. Hier muss der Betreiber erhöhte Sicherheitsanforderungen erfüllen. Diese muss er in einem Sicherheitsbericht dokumentieren. Außerdem muss er einen Alarm- und Gefahrenabwehrplan erstellen. Im Sicherheitsbericht beschreibt er die Risiken eines Störfalls und welche Vorkehrungen er trifft, um diese Risiken zu senken. Im Alarm- und Gefahrenabwehrplan muss er festlegen, wer für was bei einem Störfall zuständig ist.
 

Unternehmen sollen voneinander lernen

Seit 1991 müssen Unternehmen alle Störfälle melden. Seit 1993 gibt es dafür eine zentrale Anlaufstelle, die „Zentrale Melde- und Auswertestelle für Störfälle und Störungen in verfahrenstechnischen Anlagen“ (ZEMA). Die ZEMA gehört zum Umweltbundesamt. Neben der Erfassung und Auswertung von Ereignissen ist eine Zielsetzung der ZEMA, verallgemeinerbare Erkenntnisse zur Weiterentwicklung des Standes der Sicherheitstechnik zu gewinnen.