Rohstoffproduktivität

Die Rohstoffproduktivität stieg in Deutschland zwischen 1994 und 2014 um 48,8 Prozent. Ziel der Nachhaltigkeitsstrategie ist es, die Rohstoffproduktivität bis 2020 gegenüber 1994 zu verdoppeln. Legt man den Trend ihrer Entwicklung der letzten 5 Jahre zugrunde, würde sie bis zum Jahr 2020 jedoch lediglich um rund 50 Prozent steigen.

Entwicklung der Rohstoffproduktivität

Die Rohstoffproduktivität in Deutschland stieg nach vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes von 1994 bis 2014 um 48,8 Prozent (%). Der abiotische Direkte Materialeinsatz sank in diesem Zeitraum um 12,8 %. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg im selben Zeitraum um 29,8 % (siehe Abb. „Rohstoffproduktivität“).

Die Rohstoffproduktivität stieg in diesem Zeitraum nicht stetig. Drei Beispiele:

  • Die Rohstoffproduktivität nahm zwischen den Jahren 2008 und 2009 um 5 % zu. In dieser Zeit der Wirtschafts- und Finanzkrise verringerten sich sowohl das BIP als auch der abiotische Direkte Materialeinsatz. Da der Materialeinsatz stärker sank als das BIP, stieg die Rohstoffproduktivität. Der Hauptgrund dafür waren die gesunkenen Einfuhren.
  • Vom Jahr 2010 auf das Jahr 2011 sank die Rohstoffproduktivität um 4 %. Der Grund dafür war, dass in diesem Zeitraum der Anstieg des Materialeinsatzes das wirtschaftliche Wachstum überkompensierte.
  • Von 2011 bis 2014 ist die Rohstoffproduktivität wieder um 5% angestiegen: Das BIP stieg leicht an, der Materialeinsatz sank marginal.

Insgesamt entwickelte sich die Rohstoffproduktivität in die angestrebte Richtung. Doch das durchschnittliche Tempo ihrer Erhöhung seit dem Jahr 1994 würde nicht ausreichen, um das gesetzte Ziel der Nachhaltigkeitsstrategie, eine Verdopplung bis 2020, zu realisieren. Der Zuwachs der Rohstoffproduktivität hat sich zuletzt deutlich abgeschwächt. Legt man die durchschnittliche Entwicklung der letzten fünf Jahre zu Grunde, würden 2020 nur rund 50 % des Zielwertes erreicht werden.

Das Bruttoinlandsprodukt stieg in den Jahren 1995 bis 2014 preisbereinigt um 29,8 Prozent. Im gleichen Zeitraum sanken die Einfuhren und die eingesetzten heimischen Rohstoffe um 12,8 Prozent, die Rohstoffproduktivität stieg infolgedessen um 48,8 Prozent.
Rohstoffproduktivität
Quelle: Statistisches Bundesamt Diagramm als PDF

Indikator "Rohstoffproduktivität"

Der Indikator "Rohstoffproduktivität" drückt aus, wie effizient abiotische Primärmaterialien in Deutschland eingesetzt wurden, um das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu erwirtschaften. Die Bundesregierung hat mit der Nachhaltigkeitsstrategie das Ziel vorgegeben, die Rohstoffproduktivität bis zum Jahr 2020 im Vergleich zum Jahr 1994 zu verdoppeln. Sie nimmt mit dieser quantitativen Zielsetzung eine internationale Vorreiterrolle ein.

Um die Rohstoffproduktivität zu ermitteln, wird ein Quotient gebildet (siehe Schaubild „Stoffstromindikatoren“): Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird mit den in Deutschland eingesetzten abiotischen Materialien in Beziehung gesetzt. Die abiotischen Materialien umfassen inländische Rohstoffentnahmen und importierte Materialien (abiotischer Direkter Materialeinsatz, siehe auch DMI im Schaubild „Stoffstromindikatoren“).

Die Rohstoffproduktivität ist eine wichtige Orientierungsgröße im deutschen Ressourceneffizienzprogramm (ProgRess). Sie erlaubt eine Trendaussage zur Effizienz der Rohstoffnutzung in unserer Wirtschaft über eine lange Zeitreihe. Die Rohstoffproduktivität steht damit für den Produktionsfaktor Rohstoff in Analogie zur Arbeits- und Kapitalproduktivität.

Das Schaubild stellt die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Stoffstromindikatoren dar. Es verdeutlicht unter anderem die Unterschiede zwischen den Indikatoren Direkter Materialinput (DMI), Raw Material Input (RMI) und Total Material Requirement (TMR).
Schaubild Stoffstromindikatoren
Quelle: Umweltbundesamt

Die Basis des Indikators „Rohstoffproduktivität“: der abiotische Direkte Materialeinsatz

Zur Berechnung der Rohstoffproduktivität verwendet die Bundesregierung den Indikator abiotischer Direkter Materialeinsatz. Der zugrundeliegende Indikator „Direkter Materialeinsatz“ wird im Englischen als „Direct Material Input“ (DMI) bezeichnet.

Der abiotische Direkte Materialeinsatz ermöglicht es, Umfang und Charakteristik der nicht-erneuerbaren Materialnutzung in einer Volkswirtschaft aus der Perspektive der Produktion darzustellen. Er berücksichtigt inländische Entnahmen von nicht-erneuerbaren Primärrohstoffen aus der Natur. Weiterhin sind alle eingeführten abiotischen Rohstoffe, Halbwaren und Fertigwaren mit ihrem Eigengewicht Bestandteil des Indikators.

Der Direkte Materialeinsatz ist zentraler Bestandteil volkswirtschaftlicher Materialflussrechnungen.

Entwicklung des abiotischen Direkten Materialeinsatzes

Für die Deutung der Rohstoffproduktivität und deren Verlauf ist die Entwicklung des abiotischen Direkten Materialeinsatzes wichtig. Im Jahr der Wirtschaftskrise 2009 nutzte die deutsche Wirtschaft 1.212 Millionen Tonnen (Mio. t) nicht-erneuerbarer Materialien. Das waren 19 % weniger als im Jahr 1994.

Im Jahr 2011 stieg der abiotische Direkte Materialeinsatz vorübergehend recht stark auf 1.332 Mio. t an. Dies war vor allem auf eine konjunkturbedingte Steigerung der inländischen Entnahme von mineralischen Baurohstoffen und weiter steigende Importe von Energieträgern und Metallerzeugnissen zurückzuführen. 2014 sank der Materialeinsatz wieder auf 1.322 Mio. t. Damit beträgt das Minus im Jahr 2014 gegenüber 1994 13 % (siehe Abb. „Entwicklung des abiotischen Direkten Materialeinsatzes“).

Die deutsche Gesellschaft benötigte im Jahr 2014 insgesamt 1,32 Milliarden Tonnen an Einfuhren und heimischen nicht erneuerbaren Rohstoffen. Im Jahr 1994 waren es mit 1,52 Milliarden Tonnen etwa 13 Prozent mehr.
Entwicklung des abiotischen Direkten Materialeinsatzes
Quelle: Statistisches Bundesamt Diagramm als PDF

Komponenten des abiotischen Direkten Materialeinsatzes

Das Statistische Bundesamt schlüsselt die Komponenten auf, aus denen sich der abiotische Direkte Materialeinsatz zusammensetzt. In den Jahren von 1994 bis 2014 gab es Veränderungen bei der Entnahme inländischer abiotischer Rohstoffe und der Einfuhr abiotischer Güter: Während die Entnahme von abiotischen Rohstoffen im Inland zwischen 1994 und 2014 um 322 Millionen Tonnen (– 29 %) zurückgegangen ist, stieg die Einfuhr von nicht-erneuerbaren Rohstoffen sowie Halb- und Fertigwaren um 128,6 Mio. t (+ 33%) an. Der Anteil der importierten Güter am gesamten nicht-erneuerbaren Primärmaterialeinsatz erhöhte sich damit von 26 % im Jahre 1994 auf 39 % im Jahre 2014.
Betrachtet man die Entwicklung der verschiedenen Rohstoffarten zwischen 1994 und 2014 genauer, fallen folgende Entwicklungen auf (siehe Abb. „Entnahme abiotischer Rohstoffe und Einfuhr abiotischer Güter“):

  • Die inländische Gewinnung von mineralischen Baurohstoffen sank um 31 % oder 238 Millionen Tonnen (Mio. t).
  • Die Gewinnung von Energieträgern im Inland nahm um 29 % (82 Mio. t) ab. Darin spiegelt sich der Rückgang der Braunkohle- und Steinkohleförderung wider. Letztere wird in Deutschland bis zum Jahr 2018 komplett eingestellt. Im Gegenzug wurden fast 102 Mio. t (43 %) mehr an Energieträgern und deren Erzeugnissen eingeführt.
  • Auch die Importe von Erzen und ihren Erzeugnissen stiegen deutlich um 48 % (42 Mio. t) an. Dabei handelt es sich überwiegend um Metallwaren.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden sich im Artikel „Inländische Entnahme von Rohstoffen und Materialimporte“.

Im Jahr 2014 wurden in Deutschland 31 Prozent weniger Baurohstoffe entnommen als im Jahr 1994 und auch 29 Prozent weniger Energieträger wie Kohle und Gas. Die Einfuhr von Energieträgern stieg hingegen um 43 und die von Erzen und Metallwaren um 48 Prozent.
Entnahme abiotischer Rohstoffe und Einfuhr abiotischer Güter
Quelle: Statistisches Bundesamt Diagramm als PDF

Erfassung der indirekten Importe

Der abiotische Direkte Materialeinsatz berücksichtigt zwar die direkten, aber nicht die sogenannten „indirekten Materialströme“ der Einfuhren. Dazu gehören Rohstoffe, die im Ausland zur Erzeugung der importierten Güter genutzt wurden. Diese sind in den von der Handelsstatistik erfassten Mengen nicht enthalten.

Der Indikator Rohstoffproduktivität kann daher einen vermeintlichen Produktivitätsfortschritt vorspiegeln, wenn im Inland entnommene oder importierte Rohstoffe durch die Einfuhr bereits weiter verarbeiteter Produkte ersetzt werden.

Das ist durchaus realistisch: So nahmen zwischen den Jahren 1994 und 2014 die Einfuhren an überwiegend abiotischen Fertigwaren um 107 Prozent (%) deutlich stärker zu, als die von Halbwaren. Deren Importe stiegen um lediglich 13 %, die von Rohstoffen erhöhten sich um 24 % (siehe Abb. „Abiotische Importe nach Deutschland nach Verarbeitungsgrad“). Bei Halbwaren handelt es sich um bereits be- oder verarbeitete Rohstoffe, die im Regelfall weiterer Be- oder Verarbeitung bedürfen, bevor sie als Fertigwaren benutzbar sind. Hierzu zählen beispielsweise Rohmetalle, mineralische Baustoffe wie Zement oder Schnittholz.

Die starken Anstiege der Fertigwaren gelten gleichermaßen für metallische Güter wie auch für Produkte aus fossilen Energieträgern, etwa Kunststoffe. Mit dem zunehmenden Import von Fertigwaren werden rohstoffintensive Herstellungsprozesse mitsamt den meist erheblichen Umwelteinwirkungen der Rohstoffgewinnung und -aufbereitung verstärkt ins Ausland verlagert.

Weitere Informationen hierzu finden sich im Artikel „Inländische Entnahme von Rohstoffen und Materialimporte“.

Die Einfuhr an Fertigwaren hat sich seit 1994 um 107 Prozent gesteigert. Der Anstieg der Rohstoff- und Halbzeugimporte lag im gleichen Zeitraum nur bei 24 beziehungsweise 13 Prozent.
Abiotische Importe nach Deutschland nach Verarbeitungsgrad
Quelle: Statistisches Bundesamt Diagramm als PDF

Ergänzung des Indikators „Rohstoffproduktivität“ um indirekte Importe

Der Verlagerungseffekt der Rohstoffnutzung ins Ausland lässt sich durch die Umrechnung der Importe in Rohstoffäquivalente abbilden – wie etwa beim Indikator „Rohstoffverbrauch“ (engl. „Raw Material Input“, RMI). Der Indikator berücksichtigt ergänzend zum direkten Materialeinsatz auch Importgüter mit den Massen an Rohstoffen, die im Ausland zu deren Herstellung erforderlich waren (siehe „Schaubild Stoffstromindikatoren“). Diese werden in der Fachsprache als „indirekte Importe“ bezeichnet.

Der RMI stellt also eine Vergleichbarkeit zwischen den Einfuhren und inländischen Entnahmen her, indem der Primärrohstoffverbrauch im In- und Ausland gleichermaßen abgebildet wird. Die Summe der inländischen Rohstoffentnahmen und der direkten wie auch indirekten Importe (RMI) hat sich in der Tendenz ähnlich wie der Abiotische Direkte Materialeinsatz entwickelt (siehe Abb. „Rohstoffproduktivität“). Allerdings zeigt sich diese Entwicklung nicht nur auf einem deutlich höheren Ausgangsniveau, sondern auch mit einer absoluten Zunahme um 2 Prozent im Jahr 2011 gegenüber dem Jahr 2000. Nähere Ausführungen zu den indirekten Importen finden sich im Artikel „Inländische Entnahme von Rohstoffen und Materialimporte“.

Werden nicht nur Rohstoffe, sondern auch sonstige Materialentnahmen und -bewegungen wie Abraum, Bergematerial, Bodenaushub und Erosion ohne wirtschaftliche Verwendung berücksichtigt, so sprechen Fachleute vom „Gesamten Materialaufwand“ (engl. „Total Material Requirement“, TMR). Nähere Ausführungen zum TMR finden sich im Artikel „Gesamter Materialaufwand Deutschlands“.

Stoffflussindikatoren wie RMI und TMR sind besonders unter dem Aspekt der globalen Verantwortung für den Primärrohstoffverbrauch beziehungsweise den gesamten Materialaufwand und die damit verbundenen Umweltbelastungen von Interesse.

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Bedeutung der Biomasse nimmt zu

Der abiotische Direkte Materialeinsatz bei der Berechnung der Rohstoffproduktivität für die deutsche Nachhaltigkeitsstrategie erfasst nur nicht-erneuerbare Rohstoffe. Das bedeutet, dass Biomasse bei der Berechnung ausgeklammert wird. Doch die Bedeutung von Biomasse für die Rohstoffnutzung steigt, denn durch Biomasse können knapper werdende fossile und mineralische Rohstoffe ersetzt werden.

Sowohl der Anbau biotischer Rohstoffe als auch ihre Verarbeitung und Nutzung sind mit erheblichen Umwelteinwirkungen verbunden. Weiterhin sind die nachhaltig zu bewirtschaftenden Anbauflächen begrenzt. Deshalb ist es von wachsender Bedeutung, biotische Rohstoffe in die Berechnungen der Materialindikatoren zur Rohstoffproduktivität einfließen zu lassen.

Ein erweiterter Produktivitätsindikator: die Gesamtrohstoffproduktivität

Mit Verabschiedung des 2. Deutschen Ressourceneffizienzprogramms wurde der Rohstoffproduktivität eine weitere Produktivitätsgroße an die Seite gestellt: die Gesamtrohstoffproduktivität. Diese beinhaltet neben den abiotischen auch die biotischen Rohstoffe. Vor allem aber werden die Importe nicht nur mit dem Gewicht der importierten Güter sondern mit den gesamten damit zusammenhängenden Primärrohstoffeinsätzen in Form von Rohstoffäquivalenten berücksichtigt. Um eine konsistente monetäre Bezugsgröße zum gesamten Rohstoffeinsatz (inländische Entnahme plus Importe in Rohstoffäquivalenten) zu verwenden, wird bei der Gesamtrohstoffproduktivität die inländische Wertschöpfung und die für die Importe notwendige ausländische Wertschöpfung berücksichtigt. Definitionsgemäß entspricht dies dem Wert des Bruttoinlandsprodukts zuzüglich des Werts der Importe. Die Gesamtrohstoffproduktivität bildet eine übergreifende Produktivitätsentwicklung für das Inland und die Länder, aus denen Deutschland seine Importe bezieht.

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