Ad-hoc-Arbeitsgruppe Innenraumrichtwerte

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Für Verunreinigungen in der Innenraumluft setzt die Ad-hoc-Arbeitsgruppe Richtwerte fest.
Quelle: Christine Däumling / Umweltbundesamt

Die Ad-hoc-Arbeitsgruppe Innenraumrichtwerte bewertet Verunreinigungen der Innenraumluft und setzt bundeseinheitliche Richtwerte fest.

Ad-hoc-Arbeitsgruppe Innenraumrichtwerte

Auf Mandat der Gesundheitsministerkonferenz wurde im Dezember 1993 eine „Ad-hoc-Arbeitsgruppe“ ins Leben gerufen, die Verunreinigungen der Inneraumluft quantitativ bewerten und bundeseinheitliche Richtwerte für die Innenraumluft festsetzen soll. Sie besteht aus Fachleuten der Innenraumluftkommission (IRK) und Fachleuten der Arbeitsgruppe Innenraumluft des Umwelthygieneausschusses der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesgesundheitsbehörden (AOLG), früher Arbeitsgemeinschaft der Leitenden Medizinalbeamten und -beamtinnen der Länder (AGLMB). Die Geschäftstelle der Ad-hoc-Arbeitsgruppe wurde beim Umweltbundesamt angesiedelt.

Bislang wurden von der Ad-hoc-Arbeitsgruppe Richtwerte abgeleitet für organische Verbindungen (Toluol, Dichlormethan, Pentachlorphenol, Styrol, Tris-chlorethylphosphat, bicyclische Terpene, Naphthalin), für aromatenarme Kohlenwasserstoffgemische, Quecksilberdämpfe sowie für die anorganischen Gase Kohlenstoffmonoxid und Stickstoffdioxid. Die Richtwerte für polychlorierte Biphenyle (PCB) wurden 2007 erneuert. Empfehlungswerte wurden auch für die Summe flüchtiger organischer Verbindungen (TVOC) abgeleitet. Zu Diisocyanaten hat die Kommission eine Stellungnahme hinsichtlich der Bewertungsproblematik abgegeben.

Richtwerte für die Innenraumluft

Die Menschen in Mitteleuropa halten sich heute durchschnittlich 90 Prozent der Zeit in Innenräumen auf. Pro Tag atmet der Mensch 10 bis 20 m3 Luft ein, je nach Alter und je nachdem, wie aktiv er ist. Dies entspricht einer Masse von 12 bis 24 kg Luft. Das ist weitaus mehr als die Masse an Lebensmitteln und Trinkwasser, die eine Person täglich zu sich nimmt. Deshalb ist es wichtig, dass Vorkehrungen getroffen werden, die eine gute Innenraumluftqualität sicherstellen. Es müssen daher Vorgaben erarbeitet werden, ab welcher Konzentration ein Stoff in der Raumluft „schädlich” ist. Dazu dienen Richtwertableitungen.

Was gilt als Innenraum?

Der Rat von Sachverständigen für Umweltfragen (SRU) definiert „Innenräume” als Wohnungen mit Wohn-, Schlaf-, Bastel-, Sport- und Kellerräumen, Küchen und Badezimmern, außerdem Arbeitsräume in Gebäuden, die im Hinblick auf gefährliche Stoffe nicht dem Geltungsbereich der Gefahrstoffverordnung (GefStoffV) unterliegen wie etwa Büroräume. Innenräume in öffentlichen Gebäuden (Krankenhäuser, Schulen, Kindertagesstätten, Sporthallen, Bibliotheken, Gaststätten, Theater, Kinos und anderen öffentliche Veranstaltungsräumen) sowie das Innere von Kraftfahrzeugen und öffentlichen Verkehrsmitteln zählen ebenfalls dazu.

Während für Arbeitsplätze, an denen mit Gefahrstoffen umgegangen wird, Grenzwerte nach der Gefahrstoffverordnung gelten, trifft dies für die oben genannten Innenräume nicht zu. So ist eine Belastung mit Formaldehyd in der Luft eines Büroraumes, die durch Ausgasung aus spanplattenhaltigen Möbeln entsteht, wie eine Wohnraumbelastung zu betrachten und nicht wie eine Belastung am Arbeitsplatz, etwa in der chemischen Industrie.

Die Richtwerte I und II

Innenraumluft-Richtwerte für einzelne Stoffe erarbeitet die „Ad-hoc-Arbeitsgruppe“, die aus Mitgliedern der Innenraumlufthygiene-Kommission (IRK) beim Umweltbundesamt sowie der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesgesundheitsbehörden (AOLG) besteht. Grundlage ist ein 1996 im Bundesgesundheitsblatt veröffentlichtes „Basisschema“. Es gibt zwei Richtwert-Kategorien: Richtwert II (RW II) ist ein wirkungsbezogener Wert, der sich auf die gegenwärtigen toxikologischen und epidemiologischen Kenntnisse zur Wirkungsschwelle eines Stoffes unter Einführung von Unsicherheitsfaktoren stützt. Er stellt die Konzentration eines Stoffes dar, bei deren Erreichen beziehungsweise Überschreiten unverzüglich zu handeln ist. Diese höhere Konzentration kann, besonders für empfindliche Personen bei Daueraufenthalt in den Räumen, eine gesundheitliche Gefährdung sein. Je nach Wirkungsweise des Stoffes kann der Richtwert II als Kurzzeitwert (RW II K) oder Langzeitwert (RW II L) definiert sein. 

Richtwert I (RW I - Vorsorgerichtwert) beschreibt die Konzentration eines Stoffes in der Innenraumluft, bei der bei einer Einzelstoffbetrachtung nach gegenwärtigem Erkenntnisstand auch dann keine gesundheitliche Beeinträchtigung zu erwarten ist, wenn ein Mensch diesem Stoff lebenslang ausgesetzt ist. Eine Überschreitung ist allerdings mit einer über das übliche Maß hinausgehenden, unerwünschten Belastung verbunden. Aus Gründen der Vorsorge sollte auch im Konzentrationsbereich zwischen Richtwert I und II gehandelt werden, sei es durch technische und bauliche Maßnahmen am Gebäude (handeln muss in diesem Fall der Gebäudebetreiber) oder durch verändertes Nutzerverhalten. RW I kann als Zielwert bei der Sanierung dienen.

Die Festlegung eines Richtwertes II für Diisocyanate (DI) erachtete die Arbeitsgruppe nicht als sinnvoll (siehe Erläuterung in der Veröffentlichung): Die anfänglich höhere Konzentration in der Raumluft bei der Verarbeitung von Diisocyanate-haltigen Lacken und Klebern (Konzentration im Bereich des MAK-Wertes) sinkt rasch ab und nach Beendigung des Aushärtevorgangs ist nicht mit einer Dauerbelastung zu rechnen. Generell sollte beim Verarbeiten DI-haltiger Produkte gut gelüftet werden.

Die Tabelle zeigt die Richtwerte I und II für alle Stoffe der Innenraumluft. Richtwert I definiert die Konzentration eines Stoffes in der Innenraumluft, während Richtwert II die Konzentration des Stoffes bestimmt, ab dem dieser gesundheitsgefährdend ist.
Die Richtwerte I und II für Stoffe der Innenraumlauft
Quelle: Umweltbundesamt Excel-Datei (Download)

Leitwerte für die Innenraumluft

Unter einem Leitwert versteht die Ad-hoc-Arbeitsgruppe einen hygienisch begründeten Beurteilungswert eines Stoffes oder einer Stoffgruppe. Leitwerte werden festgelegt, wenn systematische praktische Erfahrungen vorliegen, dass mit steigender Konzentration die Wahrscheinlichkeit für Beschwerden oder nachteilige gesundheitliche Auswirkungen zunimmt, der Kenntnisstand aber nicht ausreicht, um toxikologisch begründete Richtwerte abzuleiten. Leitwerte wurden bisher festgelegt für Kohlendioxid in der Innenraumluft, für die Summe der flüchtigen organischen Verbindungen (Total Volatile Organic Compounds - TVOC) und für Feinstaub (Particulate Matter - PM 2,5).

Leitwerte für TVOC in der Innenraumluft (2007)

Da die Innenraumluft viele organische Verbindungen enthält und Richtwerte nur für relativ wenige Einzelverunreinigungen zur Verfügung stehen, hat die Ad-hoc-Arbeitsgruppe Innenraumrichtwerte der IRK/AOLG Maßstäbe zur Beurteilung von flüchtigen organischen Verbindungen in der Innenraumluftqualität mit Hilfe der TVOC-Werte erarbeitet. Zur Verdeutlichung der Unsicherheiten, die bei der Ableitung vorlagen, wurden nicht einzelne Zahlenwerte, sondern Konzentrationsbereiche angegeben. Für die Bewertung von TVOC-Werten wurden 5 Stufen definiert und für die einzelnen Stufen wurden bestimmte Maßnahmen empfohlen.

  • Die Tabelle zeigt die einzelnen Stufen bei welchen die Konzentration von Kohlendioxid noch unbedenklich sind. Alles über 2000 ppm ist hygienisch inakzeptabel
    Leitwerte für Kohlendioxid in der Innenraumluft (2008)
    Quelle: Umweltbundesamt
  • Die Tabelle zeigt die verschiedenen Stufen für flüchtige organische Verbindungen. Ab einer Stufe ab über 10 Milligramm pro Kubikmeter gilt die Konzentration als Hygienisch inakzeptabel.
    Leitwerte für TVOC in der Innenraumluft (2007)
    Quelle: Umweltbundesamt
  • Der 24-Stunden-Mittelwert für Feinstaub liegt bei 25 Mikrogramm pro kubikmeter
    Leitwerte für Feinstaub in der Innenraumluft (2008)
    Quelle: Umweltbundesamt Excel-Datei (Download)
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Wem nützen diese Richtwerte und Leitwerte?

Innenraumrichtwerte kommen allen Menschen zugute. Sie helfen im Einzelfall zu klären, ob eine gesundheitlich bedenkliche Innenraumluftqualität besteht. Bei Streitigkeiten zwischen Vermieter und Mieter dienen sie oft auch als Grundlage der Beurteilung durch Gutachter, ob eine Wohnung „krank“ macht oder nicht. Anders als bei Grenzwerten, wie sie z. B. im Außenluftbereich oder im Trinkwasserbereich existieren, hat die Richt- und Leitwertbetrachtung den Vorteil, dass Maßnahmen auch bei Unterschreiten (hier des RW II-Wertes) angebracht sein können. Richtwerte berücksichtigen zudem erheblich besser die unterschiedlichen Rahmenbedingungen, die zu einer Unter- oder Überschreitung im Innenraum führen können als Grenzwerte, die meist für „starre“ Vorgaben gelten. Die Ad-hoc-Arbeitsgruppe beim Umweltbundesamt wird daher auch in Zukunft für weitere Innenraumschadstoffe Richtwerte ableiten und bestehende Werte auf ihre Gültigkeit nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen prüfen.  

  • Arbeitsprogramm der Ad-hoc-AG
  • Gutachten: Stoffsammlung und Textentwurf für die Ableitung von Kurzzeitrichtwerten für Trichloramin in der Hallenbadluft

Ergebnisprotokolle der Ad-hoc-AG „Innenraumrichtwerte“

Bei vielen Einrichtungen besteht ein Interesse, sich über den Stand der gesundheitlichen Bewertung von Verunreinigungen der Innenraumluft zu informieren. Die Ad-hoc-AG „Innenraumrichtwerte“ hat deshalb bei der 41. Sitzung beschlossen, eine Ergebnisfassung der Sitzungsprotokolle auf der Homepage des UBA öffentlich zugänglich zu machen.

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  • Richtwerte für die Innenraumluft: erste Fortschreibung des Basisschemas

    Mitteilung der Ad-hoc-Arbeitsgruppe Innenraumrichtwerte der Kommission Innenraumlufthygiene und der Obersten Landesgesundheitsbehörden, Bundesgesundheitsblatt 55(2): 279-290 (2012)

    Fortschreibung des Basisschemas