Gehörschadenrisiko durch Freizeitlärm

Eine exzessive Lärmbelastung in der Freizeit durch Dauerschallpegel oder kurzzeitige hohe Schallspitzen ist eine wichtige Ursache für Ohrgeräusche wie Tinnitus und ernste Hörschäden. Es gibt immer wieder Ansätze, den Schallpegel in Diskotheken und bei Musikveranstaltungen zu begrenzen, doch gesetzliche Regelungen fehlen.

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Mehr Freizeitlärm, weniger Arbeitslärm

Menschen sind heute tendenziell weniger Lärm am Arbeitsplatz ausgesetzt. Die Beschallung im kulturellen und privaten Bereich nimmt aber zu. Freizeitaktivitäten mit hohen Schalldruckpegeln können Besuche von Clubs und Musikveranstaltungen sein. Auch das Abspielen tragbarer Musikgeräte mit Kopfhörern und der Umgang mit lauten Geräten und Maschinen können dazu zählen. Fachleute sehen zwischen diesen Aktivitäten und dem Auftreten von Gehörschäden einen Zusammenhang. Besonders junge Menschen mit exzessiven Hörgewohnheiten sind gefährdet (Zenner, 1999; SCENIHR, 2008). Während bei Jugendlichen die Hauptbelastung durch Freizeitlärm vor allem durch das Musikhören mit Smartphones und MP3-Playern zustande kommt, sind junge Erwachsene zusätzlich durch hohe Schallpegel in Clubs und Konzerten gefährdet, wodurch die Freizeitlärmbelastung bei jungen Erwachsenen deutlich höher ist (Gilles et al., 2013; Twardella et al., 2015). Spielzeugpistolen und Knallkörper stellen weitere Lärmquellen dar, die das Gehör gefährden können. Ein einziges kurzzeitiges sehr lautes Schallereignis kann einen bleibenden Hörschaden hervorrufen. Fachleute sprechen hier von einem akuten Lärmtrauma (Fleischer et al., 1998; Hohenstein, 2015).

Menschenmenge auf einem Konzert
Menschenmenge auf einem Konzert
Quelle: Darko Novakovic / Fotolia
 

Fachleute und Ärzte empfehlen weniger Lärm

Immer wieder empfehlen Experten, die Beschallung mit Lärm zu verringern und berufen sich dabei auf Erkenntnisse aus dem Arbeitsschutz. So haben sie von den in der Arbeitswelt üblichen Schätzungen zur Lärmdosis und deren Wirkung auf das Innenohr (ISO 1999, 2013) abgeleitet, dass bei Jugendlichen, die mehrere Jahre lang sehr laut Musik hören, ein nachweisbarer bleibender Hörverlust zu erwarten ist. Epidemiologische Untersuchungen bestätigen diesen Verdacht (Babisch, 2000).

Die Europäische Union (EU) hat im Rahmen der Anforderungen zur allgemeinen Produktsicherheit immer wieder Normen für die höchstzulässigen Schalldruckpegel für Spielzeug und tragbare Audiogeräte festgelegt. Und die Bundesärztekammer sprach sich bereits 1999 dafür aus, in Clubs und bei Musikveranstaltungen den Dauerschallpegel auf 90–95 Dezibel (dB(A)) zu begrenzen (siehe Abb. "Abschätzung des zu erwartenden Hörverlusts nach ISO 1999"). Doch wir tragen auch eine eigene Verantwortung: Es liegt in der eigenen Hand, wie weit man etwa den Lautstärkeregler aufdreht.

Die ressortübergreifende Arbeitsgruppe Diskothekenlärm hat im Jahr 2004 empfohlen, den Dauerschallpegel in Diskotheken und bei Veranstaltungen zu begrenzen – allerdings nur auf 100 dB(A). Bei solch einem Dauerschallpegel kann das Risiko eines Gehörschadens bei Musikveranstaltungen deutlich sinken, ohne dass der Hörgenuss gravierend beeinträchtig wird (Babisch & Bohn, 2000). Die Arbeitsgruppe plädiert zudem für eine bessere Kontrolle der Schallpegel durch geeignete Messinstrumente. Die 100 dB(A)-Empfehlung fand im Jahr 2007 Eingang in die DIN-Norm "Maßnahmen zum Vermeiden einer Gehörgefährdung des Publikums durch hohe Schallemissionen elektroakustischer Beschallung" (DIN 15905). Diese Norm gibt unter anderem zwei Schallpegel vor: einen Mittelwert von 99 dB(A) über 30 Minuten sowie einen Schallpegelspitzenwert von 135 dB(C) am lautesten Ort.

Eine hohe Lärmbelastung wirkt sich auf das Hören aus. Ein Beispiel: Wird jemand fünf Jahre lang 40 Stunden in jeder Woche mit 100 dB(A) beschallt, sinkt bei 50 Prozent aller Menschen das Hörvermögen bei 3.000 Hertz um 20 Prozent.
Abschätzung des zu erwartenden Hörverlusts nach ISO 1999
Quelle: Ising / Babisch Diagramm als PDF
 

Zuständigkeiten

Die Zuständigkeit für Regelungen im Freizeitbereich liegt bei den Ländern. Weil hier bundesweite gesetzliche Regelungen fehlen, haben sie eine freiwillige Vereinbarung mit den Spitzenverbänden der entsprechenden Gewerbetreibenden und Veranstalter wie dem Bundesverband deutscher Diskotheken und Tanzbetriebe e. V. (BDT) empfohlen. Ziel war es, den Dauerschallpegel bei Veranstaltungen auf Werte unter 100 dB(A) zu senken.

Die Gesundheitsminister der Länder haben den freiwilligen Ansatz auf ihrer Konferenz im Jahr 2005 begrüßt. Auf der Gesundheitsministerkonferenz im Jahr 2007 haben sie gemerkt, dass dieser Weg alleine wohl nicht zum Ziel führen wird. Sie haben daraufhin im Jahr 2011 festgestellt, dass rechtssichere technische Lösungen für die Messung und Begrenzung von Schallpegeln sowohl bei ortsfesten als auch mobilen Beschallungsanlagen möglich sind. Die Gesundheitsminister beziehen sich dabei auf die DIN-Norm "Maßnahmen zum Vermeiden einer Gehörgefährdung des Publikums durch hohe Schallemissionen elektroakustischer Beschallung".

Tipps zum Weiterlesen:
Die OHRKAN-Studie zum Hörstatus bei Jugendlichen des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit
Hohenstein, 2015: Akustisches Trauma. In: Neitzel, C., Ladehof, K. (Hrsg.): Taktische Medizin. Notfallmedizin und Einsatzmedizin. Springer Verlag, Berlin, Heidelberg.