Letzte Änderung: 11.09.2012
In den letzten Jahren gewinnt zunehmend ein Spannungsfeld zwischen Umweltschutz und sozialer Gerechtigkeit an Bedeutung für die Umweltpolitik. Viele Menschen befürchten, dass sowohl der in Zukunft zu erwartende Anstieg der Energiepreise als auch die umweltpolitischen Maßnahmen zur Eindämmung von Umweltschäden zu großen finanziellen Belastungen führen, die vor allem Geringverdiener ganz besonders treffen werden. Im Rahmen der regelmäßigen Repräsentativumfragen von Bundesumweltministerium und Umweltbundesamt zum „Umweltbewusstsein in Deutschland” hat sich im Jahre 2008 erneut gezeigt, dass solche Befürchtungen heute in Deutschland in allen soziokulturellen Milieus sehr weit verbreitet sind (vgl. UBA: Umweltbewusstsein und nachhaltiger Konsum.)
Weit weniger bekannt und anerkannt ist in der Öffentlichkeit dagegen die Tatsache, dass Umweltschutzmaßnahmen auch sehr positive soziale Wirkungen haben - nicht nur im Hinblick auf die Zukunftsvorsorge für die nachkommenden Generationen, sondern auch schon hier und heute, da gemäß zahlreicher Studien ärmere Menschen in stärker belasteter Umwelt leben müssen und daraus oft erhebliche soziale sowie gesundheitlich bedingte Folgekosten entstehen.
Daher haben Bundesumweltministerium und Umweltbundesamt mehrere Studien in Auftrag gegeben und Fachgespräche sowie Konferenzen zum Thema „Umwelt und Gerechtigkeit” gefördert. Ziel war es, die Debatten über die Verteilungseffekte konkreter umweltpolitischer Maßnahmen zu versachlichen, die gegenwärtigen Beiträge von Umweltpolitik zur Verbesserung der Lebensqualität in Deutschland heraus zu arbeiten sowie mittels kooperativer, verschiedene Akteure einbeziehender Kommunikationsstrategien ein integratives Konzept der (ökologischen) Gerechtigkeit anzuregen, welches die (potenziellen) Synergien zwischen Umwelt- sowie Sozialpolitik für breite Kreise der Bevölkerung verdeutlicht.
Im Kontext des Projektes „Untersuchung der Beiträge von Umweltpolitik sowie ökologischer Modernisierung zur Verbesserung der Lebensqualität in Deutschland und Weiterentwicklung des Konzeptes der Ökologischen Gerechtigkeit” erstellte das Ecologic-Institut Berlin eine explorative Studie anhand der Fragen, ob Umweltbelastungen ungleich verteilt sind, ob besser gestellte soziale Schichten höhere Umweltbelastungen verursachen und in welcher Weise die verschiedenen sozialen Gruppen durch umweltpolitische Maßnahmen belastet werden. Die Studie PDF / 60 KB wirft einen ersten Blick auf die Synergien zwischen Umwelt- und Sozialpolitik und entwickelt Empfehlungen für deren Ausbau. Parallel dazu führte die GP Forschungsgruppe, Institut für Grundlagen und Programmforschung in München, einen Expertendelphi durch zur Frage, wie die (möglichen) Synergien zwischen Umwelt- und Sozialpolitik besser an die breite Öffentlichkeit zu vermitteln sind. Dieses Institut veranstaltete dazu im Oktober 2008 ein Fachgespräch, dessen Ergebnisse PDF / 61 KB - zusammen mit denen des Delphis – ebenfalls in zur Verfügung stehen.
Dass der Umweltschutz in vielen Bereichen einen wichtigen Beitrag zur Sozialpolitik zu leisten vermag, betonen auch die großen deutschen Umweltverbände. DNR, BUND und NABU haben - im Rahmen des von BMU und UBA geförderten Projektes „Nachhaltigkeit im Spannungsfeld von Vision und praktischer Umsetzung” – die Broschüre „Mehr Gerechtigkeit durch Umweltschutz” PDF / 1,94 MB vorgelegt, die am Beispiel konkreter Projekte aus Energieberatung und Umweltbildung zeigt, dass sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen von Maßnahmen zur Förderung des Energiesparens, des Naturschutzes sowie der Umweltbildung besonders profitieren können. Die DUH hat am 31.03. und 01.04.2009 einen von Bundesumweltministerium und Umweltbundesamt geförderten Kongress zur Umweltgerechtigkeit auf kommunaler Ebene veranstaltet, auf dessen Internetseite die dort gehaltenen Vorträge zur Einsicht bereitstehen.
Die Zusammenhänge zwischen Umwelt und Gerechtigkeit sind zunehmend auch für die Forschungen und Programme im Bereich Umwelt und Gesundheitsförderung von Bedeutung. Aktuelle Publikationen dazu sind zu finden unter Umweltgerechtigkeit - Umwelt, Gesundheit und soziale Lage.
Im Oktober 2006 veranstalteten Bundesumweltministerium und Umweltbundesamt ein Fachgespräch im Rahmen des Projekts „Weiterentwicklung der konzeptionellen Überlegungen zur Ökologischen Gerechtigkeit als Teil der Sozialberichterstattung in Deutschland”. Der Bericht zum Fachgespräch PDF / 53 KB kann hier heruntergeladen werden. Zu dieser Fragestellung hat das Umweltbundesamt zunächst einen „Vorbereitungsworkshop” abgehalten. Dieser fand im Mai 2005 unter dem Titel: „Wohlfahrt und Nachhaltigkeit als neues Thema der Nachhaltigkeitsforschung” statt, und zwar in Kooperation mit dem Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie. Er diente einem (ersten) fachlichen Austausch zwischen den Vertretern umwelt- und nachhaltigkeitspolitischer Institutionen sowie den Experten aus der Sozialberichterstattung (Lebensqualitäts- und Zufriedenheitsforschung, Sozialindikatorenbewegung). Der Abschlussbericht steht zum Download zur Verfügung.
Ebenfalls verfügbar ist ein ProblemaufrissPDF / 109 KB zum Thema, in dem sowohl die Vorgeschichte des Workshops, wie vor allem die Einbettung in die Problemstellungen „Verbesserung der Umwelt- und Nachhaltigkeitskommunikation” sowie „Förderung nachhaltiger Konsummuster und Lebensstile”, kurz skizziert wird als auch eine einschlägige Auswertung der Workshopergebnisse erfolgt.
Auf der Basis dieser ersten Erkenntnisse zum Thema wurde eine „Hauptstudie” geplant und ausgeschrieben, welche allerdings - vor allem angesichts des zur Verfügung stehenden beengten Mittelrahmens - nur als Sondierungsstudie angelegt werden konnte. Auch diese Studie wurde an das Wuppertal Institut vergeben. Von diesem sind drei vertiefende Teilstudien erarbeitet worden:
Insgesamt zeigte sich, dass zwar die herkömmlichen Diskurse und Problemverständnisse sehr stark von der jeweiligen „Eigenlogik” geprägt sind, welche gewissermaßen durch die (bisherigen) „Entwicklungspfade” von Berichtssystemen, Diskursen und Akteursstandpunkten festgeschrieben scheinen, dass aber viel Bewegung und Dynamik entstanden ist und daher gute Chancen für (neue und neuartige) Brückenschläge zwischen den aktuellen Reformthemen „Umwelt/Nachhaltigkeit” sowie „Gerechtigkeit/Sozialstaatserneuerung” bestehen. Ein zur Vorbereitung des Fachgesprächs erstelltes Konzeptpapier PDF / 18 KB skizziert ein im Laufe des Arbeitsprozesses formuliertes Vorverständnis von Ökologischer Gerechtigkeit, welches den Diskussionen im Fachgespräch zugrunde lag.