Zusammenfassung der Ergebnisse des Fachgesprächs im Umweltbundesamt am 06.02.2003
Inhalt
Anhang 1: Programm zum UBA-Fachgespräch „Wirtschaftliche Auswirkungen der EU-Stoffpolitik“
Anhang 2: Liste der Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Fachgespräch
1. Anlass und Zielsetzung des Fachgesprächs
Mit dem Weißbuch „Strategie für eine zukünftige Chemikalienpolitik“ (European Commission, 2001) hat die Europäische Kommission die Grundlagen für eine neue Stoffpolitik in Europa formuliert.
Inzwischen liegen für Deutschland und die EU Studien vor, die sich mit den möglichen wirtschaftlichen Auswirkungen der künftigen Stoffpolitik befassen. Dabei werden sehr unterschiedliche Aspekte mit unterschiedlichen Methoden und in Abhängigkeit von unterschiedlichen Annahmen bzgl. der Ausgestaltung der künftigen EU-Stoffpolitik untersucht.
Vor diesem Hintergrund erscheint es wichtig, die zugrundeliegenden Wirkungszusammenhänge zu beleuchten und die Stärken und Schwächen von Methoden zur Abschätzung wirtschaftlicher Folgewirkungen im Zusammenhang mit der EU-Stoffpolitik zu evaluieren. Um zu einer Meinungsbildung und zu einem Benchmarking der bisher vorliegenden oder denkbaren methodischen Ansätze zur Ermittlung von wirtschaftlichen Auswirkungen der künftigen EU-Stoffpolitik zu gelangen, wurde von Seiten des Umweltbundesamtes (UBA) ein eintägiges Fachgespräch mit Vertretern von Instituten durchgeführt, die in den Bereichen Umweltökonomie (insbesondere ökonomische Wirkungsanalysen), Innovations-forschung und/oder Fragen der Chemikalien- und Stoffpolitik einschlägig ausgewiesen sind (vgl. Programm und Teilnehmerliste im Anhang). Im einzelnen wurden folgende Punkte diskutiert:
2. Ansatzpunkte zur Erfassung der Wirkungszusammenhänge
In einem ersten Diskussionsabschnitt wurde zunächst versucht, mögliche Ansatzpunkte einer ökonomischen Wirkungsanalyse im Themenfeld Stoffpolitik zu skizzieren.
Die relevanten und durch die Stoffpolitik beeinflussten Wirkungszusammenhänge wurden anhand der Begriffe „Innovation“, „Wettbewerb“, „Kosten- und Preisstrukturen“ und „Nachfragebedingungen“ verdeutlicht (vgl. Abbildung 1). In diesem Geflecht können unterschiedliche Argumentationslinien nachgezeichnet werden:
Abbildung 1: Veranschaulichung der Wirkungszusammenhänge

Vor dem Hintergrund dieser „theoretischen“ Wirkungszusammenhänge wurde in der Diskussion angesprochen, welche ökonomischen Wirkungen bislang in vorliegenden empirischen Studien erfasst wurden oder werden. Dabei diente die einzige, bislang für Deutschland verfügbare Studie (im folgenden als ADL-Studie zitiert)1 als Benchmark.
Positiv wurde dabei vermerkt, dass in der ADL-Studie in Teilbereichen die von dem neuen REACH-System potentiell ausgehenden Wirkungen auf unternehmerische Wertschöpfungsketten sehr detailliert untersucht wurden. Besonders positiv wurde hierbei die Darstellung der textilen Kette bewertet. Aus den generierten Informationen ergäben sich wichtige praktische Hinweise über die relative Bedeutung verschiedener Parameter der EU-Stoffpolitik. Dadurch könnte die Implementation des REACH-Konzepts (fine-tuning) verbessert und übermäßige Härten für bestimmte Produktgruppen und Wertschöpfungsbereiche (z.B. downstream-user) vermieden werden.
Auf der anderen Seite ergab die Diskussion, dass in bezug auf die Wirkungszusammenhänge noch erheblicher Untersuchungsbedarf besteht, um zu einer umfassenden und aussagekräftigen ökonomischen Wirkungsanalyse zu gelangen. Im einzelnen wurden folgende Fragen für weitergehende Analysen angesprochen:
Zu 1) Notwendigkeit einer Erweiterung des Untersuchungsfelds
Will man die wirtschaftlichen Auswirkungen einer neuen EU-Stoffpolitik möglichst umfassend identifizieren, müssten in Anlehnung an die oben kurz skizzierten Beziehungen
Werden bestimmte Untersuchungsfelder nicht berücksichtigt oder bestimmte Aspekte nicht in eine Bewertung einbezogen, sollte dies bei der Ergebnisinterpretation und den Handlungsempfehlungen deutlich gemacht werden.
In der Diskussion wurde hierbei im wesentlichen folgendes deutlich:
Zu 2) Notwendigkeit einer Verifizierung von Annahmen
Für die Validität einer ökonomischen Wirkungsanalyse ist nicht nur notwendig, die vielfältigen positiven und negativen, direkten und indirekten, kurz-, mittel- und langfristigen Effekte in die Untersuchung einzubeziehen, ebenso bedeutend erscheint es, die Plausibilität und Validität der verwendeten Wirkungshypothesen zu überprüfen. Hier wurden in der Diskussion gegenüber der Benchmark-Studie von ADL folgende offene Fragen angesprochen:
Zu 3) Notwendigkeit eines Referenzszenarios
Zur Beurteilung von wirtschaftlichen Maßnahmen wird häufig die Szenariotechnik eingesetzt, bei der zwei Szenarien quantitativ beschrieben und verglichen werden: ein Referenzszenario, das eine Entwicklung ohne die zu untersuchenden Maßnahmen darstellt, sowie ein Politikszenario, das sich vom Referenzszenario durch diese Maßnahmen unterscheidet.
In der Diskussion wurde deutlich, dass in der ADL-Studie alle berechneten Wirkungen allein auf die Umsetzung des REACH-Konzepts zurückgeführt werden. Inwiefern diese Effekte auch ohne REACH eintreten würden, kann anhand der Studie nicht beurteilt werden. Ein derartiges „Business as usual“ würde etwa die Tatsache widerspiegeln, dass
Die Wirkungszusammenhänge werden somit nicht nach dem eigentlich unerlässlichen „with and without“-Prinzip, sondern lediglich in einer groben Vorher-Nachher-Betrachtung zum Ausdruck gebracht. Welche Wirkungen zusätzlich und nur durch das Weißbuch eintreten, bleibt damit beliebig.
zu 4) Notwendigkeit einer dynamischen Betrachtungsweise
Ein Untersuchungsansatz, der die Dynamik wirtschaftlicher Prozesse und Entwicklungen berücksichtigt, kann den Aussagegehalt von Szenarioberechnungen und Modellen deutlich erhöhen. Ein derartiger Ansatz bietet sich gerade im Bereich chemischer Stoffe und Zubereitungen angesichts der Schnelllebigkeit der Marktentwicklungen und der vielfältigen Rückkopplungswirkungen einer Stoffstromregulierung auf Wirtschaft und Gesellschaft an.
Vor dem Hintergrund der vielfältigen und z.T. durch Regulierung induzierten Innovationswirkungen erschien den Teilnehmern des Fachgesprächs nur eine dynamische Betrachtungsweise als zielführend. Die Dynamik und Innovationskraft der Wirtschaft, die sich in den vorgesehenen Übergangsfristen entfalten dürfte, sind in einer problemadäquaten Wirkungsanalyse zu berücksichtigen. Während dieser Anpassungszeit ist eine verstärkte Entwicklung von Stoffen mit weniger gefährlichen Eigenschaften und die Entwicklung von stoff-substituierenden Prozessen und Dienstleistungen (z.B. zunehmender Trend zu begleitenden Anwendungsberatungen) zu erwarten. Damit bestehen weitere Möglichkeiten zur Einsparung direkter (z.B. Verminderung von Risikomanagementkosten, Verminderung von Regressansprüchen) und indirekter Kosten (z.B. für die Unternehmen in Form von Imageverlusten, für die Allgemeinheit in Form verringerter Krankheitskosten).
Ebenso ist anzunehmen, dass sich die staatlichen Rahmenbedingungen, die das Weißbuch am Rande oder an einzelnen Stellen berühren, verändern werden. Es bestehe durchaus ein Potenzial für kostendämpfende Synergien (z.B. durch ein Zusammenführen der getrennten Diskurse über Integrierte Produktpolitik und das Chemikalien-Weißbuch; Beispiel Produktpanels zur Risikominimierung).
Gegenüber der vorliegenden, ausschließlich statisch ausgerichteten ADL-Studie besteht daher die Aufgabe, die von der EU-Stoffpolitik zu erwartende Entwicklungsdynamik mit einzubeziehen und sich von der ceteris-paribus-Bedingung zu lösen.
3. Methodische Ansätze und Informationsgrundlagen zur Erfassung potenzieller Produktions- und Beschäftigungseffekte im Bereich Stoffpolitik
In einem zweiten Schritt wurde diskutiert, welche methodischen Ansätze zur Erfassung politikinduzierter Produktions- und Beschäftigungseffekte vorliegen und für die Untersuchung im Bereich Stoffpolitik geeignet sind. Hiermit verbunden sind auch Fragen der Informationsbeschaffung und der Datenaggregation.
Ausgangspunkt war zunächst ein grober Literaturüberblick über empirische Studien, in denen die Beziehung zwischen einer umweltrelevanten Regulierung oder einem Regulierungspaket (wie dem EU-Weißbuch) und Maßen für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Unternehmens, eines Sektors, eines Landes oder einer Staatengemeinschaft untersucht werden (vgl. Übersicht). Hierbei ergab sich im wesentlichen folgendes Bild:
In der anschließenden Diskussion wurde die grundsätzliche Eignung der in der Literatur verwendeten Methoden für den Anwendungsfall „EU-Stoffpolitik“ näher hinterfragt. Dabei wurde im wesentlichen die Auffassung vertreten, dass die von ADL zunächst gewählte und an Unternehmen und Wertschöpfungsketten ansetzende Methodik (Bottom-up) für die zu untersuchenden stoffpolitischen Fragestellungen grundsätzlich zu begrüßen sei. Ein direkter Zugang über makroökonomische Modelle wurde dagegen als wenig problemadäquat eingestuft. Denn selbst Makromodelle, die als Bottom-up-Modelle bezeichnet werden (etwa Meyer et al., 1999), seien aus stoffpolitischer Perspektive noch zu unspezifisch und könnten etwa bestimmte technische Details oder zeitliche Anpassungsregelungen nicht ausreichend genau wiedergeben. Bei allen Vorzügen, die ein Bottom-up Ansatz in bezug auf den Problemzugang aufweisen kann, weist er doch erhebliche Probleme auf, wenn Hochrechnungen auf branchen- und gesamtwirtschaftlicher Ebene angestrebt werden sollen. Dies konnte sehr konkret am Beispiel der in der ADL-Studie verwendeten Informationsbasis und den gewählten Hochrechnungs- und Aggregationsmethoden diskutiert werden.
Dabei wurden zunächst im Hinblick auf die Datenbasis folgende Anmerkungen gemacht:
Eng verbunden mit der Datenbasis ist die Frage der Aggregation
bei einem Bottom-up-Ansatz bzw. der Disaggregation bei einem Top-down-Ansatz.
Nachdem auch die Vorzüge des von ADL verwendeten Bottom-up-Ansatzes
angesprochen wurden, konzentrierte sich die folgende Diskussion
vor allem auf die Frage, inwieweit sich derartige Bottom-up Ansätze
für eine Hochrechnung eignen. Dabei ergaben sich bezogen auf
den ADL-Ansatz folgende Fragen:
Kritisch wurde angemerkt, dass nur an einer Stelle in der Wertschöpfungskette
angesetzt worden ist und damit Rückkopplungswirkungen (z.B.
Synergien zwischen Herstellern und Anwendern) ausgeklammert worden
seien. Auf der Basis dieser bereits eingeschränkten Sichtweise
wurde dann eine mehrfache Extrapolation durchgeführt (Branche,
Verarbeitendes Gewerbe, Gesamtwirtschaft). Ein kleiner Bereich stark
detaillierter Daten wurde somit mit Hilfe einer relativ groben Methode
extrapoliert. Ein (von den obigen Verzerrungen abgesehen) brauchbarer
Ausgangsdatensatz für wenige Bereiche sei damit durch grobe
und kaum hinterfragte Mittelwerte in seiner Aussagekraft deutlich
relativiert worden.
Bei der Operationalisierung der Daten für das Kalkulationsmodell wurden folgende Schwachstellen genannt:
Zur Abschätzung der Auswirkungen bestimmter Ausprägungskombinationen von variablen Stellgrößen werden die zuvor definierten Daten und Parameter zu drei Szenarien verdichtet. An dieser Szenarienbetrachtung wurde methodisch vor allem folgendes angemerkt:
Insgesamt wurde deutlich, dass ein Bottom-up Ansatz, wie er von ADL gewählt wurde, methodisch nicht geeignet ist, absolute Größen über makroökonomische Aggregate zu ermitteln. Die in der ADL-Studie enthaltenen Angaben über die bei einer Implementierung von REACH entstehenden Bruttowertschöpfungs- und Arbeitsplatzverluste halten einer Validitätsprüfung nicht stand und bilden somit keine tragfähige Grundlage für die gesamtwirtschaftliche Bewertung der EU-Stoffpolitik. Selbst der relative Vergleich zwischen den Szenarien ist wegen der modellendogenen Verzerrungen (Datenbasis, Aggregation, Normierung) wenig ergiebig im Hinblick auf die Bedeutung einzelner Parameter und ihrer jeweiligen Ausprägungen.
Im Hinblick auf die von der Studie ermittelten Größenordnungen zu Produktions- und Beschäftigungsverlusten wurde ferner darauf hingewiesen, dass sich in bisherigen Untersuchungen der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute staatliche Regulierung gegenüber marktlichen Faktoren nicht in entscheidender Weise auf Produktionsverlagerungen oder –schließungen ausgewirkt habe.
Insgesamt ist festzuhalten, dass für eine aussagekräftige empirische Wirkungsanalyse, die auch makroökonomisch belastbare Aussagen anstrebt, gegenüber der ADL-Studie noch erheblicher inhaltlicher, methodischer und datenmäßiger Forschungsbedarf besteht.
4. Ansätze einer methodischen Weiterentwicklung und alternative Methoden
Angesichts des weiterhin bestehenden Forschungsbedarfs in bezug auf ökonomische Wirkungsanalysen im Bereich der neuen EU-Stoffpolitik wurden während des Fachgesprächs einige Überlegungen angestellt, wie sich eine Wirkungsanalyse im Bereich Stoffpolitik verbessern und weiterentwickeln ließe und welche alternativen Methoden (z.B. aus dem Ausland oder anderen Politikbereichen) zur Verfügung stehen. Hierbei wurden die verschiedenen Anforderungen an ein aussagekräftiges Studiendesign zum Ausdruck gebracht.
Erweiterung der mikroökonomischen Betrachtungsweise
Ein Vorschlag lief darauf hinaus, anstelle einer globalen Wirkungsabschätzung die Wirtschaftsbereiche und Sparten vertieft zu untersuchen, die in besonderem Maße negativ oder positiv von der EU-Stoffpolitik betroffen sind. Für eine derartige Analyse biete die ADL-Studie wichtige Anknüpfungspunkte. Dieses Vorgehen hätte zudem den Vorteil, die Grundlage für differenzierte Handlungsempfehlungen zur Ausgestaltung der EU-Stoffpolitik bereit zu stellen. Im Gegensatz zu einer Globalabschätzung, in der bestimmte Wirkungsmechanismen durch die Bildung von Durchschnittswerten und Analogieschlüssen eher verwischt werden, könnten durch eine Erweiterung der Fallstudien die unterschiedlichen Betroffenheiten entlang komplexer Wertschöpfungsketten besser herausgearbeitet werden. Konkret wäre etwa zu fragen, inwiefern Wertschöpfungsketten von hinten her (nachfrageseitig) „aufgerollt“ werden könnten, d.h. insbesondere welche Rolle dem Handel mit konsumentennahen Erzeugnissen zukommt (Bsp. proaktive Rolle des Versandhauses Otto).
Brückenschlag zur meso- und makroökonomischen Ebene
An verschiedenen Stellen wurde schließlich auch diskutiert, welche Methoden bereit stehen, mit denen die mikroökonomische Ebene (einzelne Unternehmen, Wertschöpfungsketten) stärker in einen meso- oder gar makroökonomischen Kontext gestellt werden könnte. Als grundsätzlich geeignet und als eine Verbesserung gegenüber der Methodik der ADL-Studie wurde von einigen Experten die Input-Output-Rechnung angesehen. Für prospektive Studien auf der Basis veränderter Produktstrukturen („nachhaltiger Konsum“) und damit in gewissem Maße ein ähnlich strukturiertes Untersuchungsdesign wurden hier bereits positive Erfahrungen mit der erweiterten Input-Output-Rechnung gemacht. Ein derartiges Vorgehen würde gleichzeitig zur Ermittlung positiver und negativer Produktions- und Beschäftigungseffekte führen. Zur Abbildung veränderter stoffpolitischer Rahmenbedingungen müssten hier möglichst sektoral differenzierte Produktionsfunktionen (über Vektorteilungen) geschätzt werden. Die größte Schwierigkeit und der größte Aufwand dürfte dabei mit der Datengewinnung (insbesondere der Abbildung von Stoffstrukturen) verbunden sein. Dies dürfte um so eher zutreffen, je mehr versucht wird, die spezifischen Schwächen der Input-Output-Rechnung abzumildern. Als Nachteil der Input-Output Rechnung ist im allgemeinen insbesondere die unzureichende Abbildung dynamischer Effekte (verschiedene Elastizitäten) zu berücksichtigen; im Hinblick auf die Stoffpolitik stellt sich im speziellen noch das Problem, wie unterschiedliche Innovationszyklen, unterschiedliche staatliche Rahmenbedingungen im globalen Maßstab und diverse Rahmenbedingungen im stoffpolitischen Umfeld (Integrierte Produktpolitik, Labelling etc.) einzubeziehen sind.
Wird daher der Anspruch verfolgt, über die Input-Output-Rechnung hinauszugehen oder deren Ergebnisse zu verfeinern, müssten weitere Methodenbausteine mit in die Analyse einfließen. Hingewiesen wurde etwa auf Stakeholderdialoge, partizipativer Foresight, Delphi-Befragungen, explorative Befragungsansätze (stated preferences) und die Technikvorausschau. Einzelergebnisse müssten dann in einem konsistenten Rahmen abgebildet werden. Drei oder vier mögliche Entwicklungspfade könnten z.B. in Szenarien gebündelt werden und einem „Business-as-usual“ gegenüber gestellt werden. Dieses Vorgehen erfordere profunde Erfahrungen in der Szenariotechnik und ausgeprägte Methodenkompetenz. Besonders die unterstellten Politikmaßnahmen sollten außerdem in den Szenarien deutlich herausgestellt werden. Belastbare Ergebnisse seien kaum innerhalb weniger Monate zu generieren.
Als eine Alternative zum Input-Output Ansatz könnten Allgemeine Berechenbare Gleichgewichtsmodelle herangezogen werden. Hierbei können diverse Substitutions- und Wechselbeziehungen zwar meistens besser abgebildet werden; die komplexe makroökonomische Modellstruktur erfordere aber oft problematische und empirisch wenig plausible Setzungen (z.B. Annahme freiwilliger Arbeitslosigkeit) und vereinfachende Annahmen. Die ökonomische Forschung ist hier bei der Modellierung energiepolitischer Fragestellungen (z.B. auch im Hinblick auf die Integration von Bottom-up und Top-down Ansätzen) bereits wesentlich weiter als in anderen Politikbereichen. Der Einsatz dieses Modelltyps für die Stoffpolitik erschien vor diesem Hintergrund für die nähere Zukunft eher fragwürdig.
Beispiele für und Anforderungen an ein alternatives Studiendesign angesichts der Restriktionen von Modellanalysen
Trotz dieser möglichen Weiterentwicklungen wurde betont, dass mit der Wahl einer Methode oder eines Modells immer bestimmte Kompromisse einhergehen. Es sei daher aus Erfahrung wenig realistisch zu glauben, dass alternative Berechnungen von allen Seiten akzeptiert werden und nicht wieder neue Kritikpunkte hervorrufen würden. Vor diesem Hintergrund wurden abschließend einige Überlegungen angestellt, wie den in der ADL-Studie vernachlässigten positiven Wirkungen des EU-Weißbuchs ein angemessenes Gewicht verliehen werden kann und welche Methoden hierfür bereit stehen.
Eine Möglichkeit wurde darin gesehen, retrospektive Studien zu bestimmten Nutzen und Innovationswirkungen zu bündeln, die (auch) durch staatliche Rahmensetzung induziert wurden:
Eine weitere Möglichkeit bestünde darin, Unternehmen zu untersuchen, die im Bezug auf Stoffstrommanagement und umweltorientierte Unternehmensführung eine Vorreiterrolle einnehmen (Benchmarking). Derartige Studien könnten dazu beitragen, vorgefasste Meinungen zur Wirkung der Stoffpolitik auf Unternehmen aufzubrechen.
Eine wichtige Voraussetzung für die Durchführung zukünftiger Untersuchungen wurde darin gesehen, den Informationsfluss zwischen der staatlichen Regulierungsinstanz, den betroffenen Unternehmen und sonstigen Stakeholdern zu verbessern. Nach Erfahrung eines Experten bestünden derzeit erhebliche Schwierigkeiten, das REACH-Konzept auf der Akteursebene (insbesondere bei den nachgelagerten Anwendern) verständlich darzustellen. In einem entsprechenden Studiendesign sollte daher vermieden werden, dass bei der (grundsätzlich unabdingbaren) Befragung von Akteuren aus Unwissenheit über Wirkungszusammenhänge ein Abwehrverhalten (Befürchtung hoher Kosten etc.) bereits angelegt ist.
Die Verfügbarkeit über eine bessere Informationsbasis könnte für zukünftige Studien dann auch die Möglichkeit eröffnen, einzelne Innovationspotenziale entlang der Stoffkette zu identifizieren. Während hier bei den Neustoffen Stoffinnovation bereits gut nachvollziehbar sei, weil die Anwendungsbereiche bekannt sind, sei im quantitativ wesentlich bedeutsameren Altstoffbereich erst die erfolgreiche Implementierung des REACH-Konzepts Voraussetzung dafür, dass bestehende Datenlücken und Informationsmängel behoben werden. Als Ergebnis einer verbesserten Informationslage ergäben sich dann auch wichtige Impulse für die Innovationsforschung, wobei allerdings weniger an eine quantitative als eine qualitative Fundierung zu denken ist.
5. Ausgewählte Literaturangaben
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Sprenger, R.U. et al. (2003): Beschäftigungspotenziale einer dauerhaft umweltgerechten Entwicklung, Untersuchung im Auftrag des Umweltbundesamtes, Veröffentlichung in Vorbereitung.
Anhang 1: Programm zum UBA-Fachgespräch „Wirtschaftliche Auswirkungen der EU-Stoffpolitik“
Teil 1:
Hypothesen und Ansatzpunkte einer ökonomischen Wirkungsanalyse
Mittagspause
Teil 2:
Stärken und Schwächen ausgewählter methodischer Ansätze
der ökonomischen Wirkungsanalyse
Kaffeepause
Teil 3:
Anforderungen an eine aussagekräftige und operationale Wirkungsanalyse
Anhang 2: Liste der Teilnehmerinnen
und Teilnehmer am Fachgespräch
Zusätzliche schriftliche Kommentare
wurden von Dr. Dirk Bunke, Öko-Institut, in das Fachgespräch
eingebracht.
Name |
Institution |
Andreas Ahrens |
Ökopol Institut für Ökologie und Politik GmbH |
Stefan Besser |
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit |
Dr. Andreas Burger |
Umweltbundesamt |
Thorsten Frohwein |
Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle GmbH |
Dr. Michel Faust |
BITZ (Bremer Innovations- und Technologie-Zentrum) |
Dr. Andreas Gies |
Umweltbundesamt |
Lydia Illge |
Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung |
Lars Koch |
Finanzwissenschaftliches Forschungsinstitut an der Universität zu Köln |
Dr. Walter Komar |
Institut für Wirtschaftsforschung Halle |
Dr. Kora Kristof |
Wuppertal Institut für Umwelt, Klima und Energie |
Christian Meineke |
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit |
Jan Nill |
Institut für ökologische Wirtschaftsforschung |
Ralf Nordbeck |
Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle GmbH |
Dr. Janina Scheelhase |
Prognos AG |
Tilmann Rave |
Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung |
Dr. Christian Rammer |
Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung |
Dr. Beatrice Schwarz-Schulz |
Umweltbundesamt |
Prof. Rolf-Ulrich Sprenger |
Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung |
Dr. Klaus G. Steinhäuser |
Umweltbundesamt |
Dr. Rainer Walz |
Institut für Systemtechnik- und Innovationsforschung |
Dr. Johann Wackerbauer |
Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung |
1 Im folgenden als ADL-Studie zitiert. Vgl. Arthur D. Little (2002): Wirtschaftliche Auswirkungen der EU-Stoffpolitik, www.bdi-online.de.