Flächeninanspruchnahme für Siedlungen und Verkehr reduzieren

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Flächeninanspruchnahme reduzieren

Jeder Mensch in Deutschland beanspruchte im Jahr 2011 im Durchschnitt 47 Quadratmeter nur für Wohnen - mit steigender Tendenz. Dabei wachsen einerseits Neubaugebiete auf der „grünen Wiese“, andererseits stehen innerorts immer mehr Wohnungen, Gebäude oder Grundstücke leer. Das Umweltbundesamt setzt sich für einen sparsamen Umgang mit Flächen ein.

Quelle: Peggy König / Umweltbundesamt

Jeder Mensch in Deutschland beanspruchte im Jahr 2011 im Durchschnitt 47 Quadratmeter nur für Wohnen - mit steigender Tendenz. Dabei wachsen einerseits Neubaugebiete auf der „grünen Wiese“, andererseits stehen innerorts immer mehr Wohnungen, Gebäude oder Grundstücke leer. Das Umweltbundesamt setzt sich für einen sparsamen Umgang mit Flächen ein.

Inhaltsverzeichnis

 

Siedlungs- und Verkehrsflächen in Deutschland

Während der vergangenen 60 Jahre haben sich die Ansprüche der Bevölkerung an Siedlungs- und Verkehrsflächen mehr als verdoppelt. Diese Flächen stehen im Gegensatz zur freien, also ungeplanten, nicht festgelegten Fläche. Sie sind durch verschiedenen Nutzungsarten geprägt:

  • Gebäude und gebäudebezogene Freiflächen für unterschiedliche Nutzungen wie Wohnen, Arbeiten, Bildung, Verwaltung
  • Erholungsflächen: Sportanlage, Campingplätze, Parks und Grünanlagen
  • Betriebsflächen (ohne Abbauland): Lager und Halden, Anlagen der Ver- und Entsorgung
  • Friedhöfe
  • Verkehrsflächen: Straßen, Wege, Plätze, Schienen

Im Jahr 2011 lag der Flächenverbrauch für Siedlungen und Verkehr insgesamt bei 74 Hektar pro Tag. Das ist gegenüber dem Jahr 2000 ein Rückgang um 43 Prozent. Besonders ausgeprägt war die Verlangsamung des Wachstums der Siedlungsflächen um 47 Prozent von 106 Hektar pro Tag auf 57 Hektar pro Tag.

Aktuelle Daten erhalten Sie online beim Statistischen Bundesamt. Detaillierte Informationen und lange Zeitreihen zur Flächenerhebung können kostenfrei in der GENESIS-Online Datenbank abgerufen werden.

Die Tabelle zeigt die Inanspruchnahme von Siedlungs- und Verkehrsflächen im Zeitraum 2006 bis 2012
Nutzung von Fläche und Raum
Quelle: Roy / König UBA: Daten aufbereitet nach: Statistisches Bundesamt 2014
 

Aktuelle Trends

Wachstum der Siedlungsflächen für Wohnen

Das verhaltene Wachstum der Siedlungsflächen im Jahr 2011 hatte zum einen demographische Gründe. Die Zahl der Haushalte nahm langsamer zu, weil in den vergangenen zehn Jahren weniger Menschen nach Deutschland zugewandert sind. Dies führte auch dazu, dass seit dem Jahr 2003 die Bevölkerungsentwicklung insgesamt rückläufig war. Zudem haben die Geburtenausfälle der letzten Jahrzehnte dazu geführt, dass es heute in Deutschland weniger junge Menschen und damit auch weniger junge Familien gibt, die eine familiengerechte Wohnung suchen. Da nicht mehr so viele zusätzliche Wohnungen gebraucht wurden, gingen der Wohnungsneubau und der diesbezügliche Flächenverbrauch deutlich zurück. In vielen Regionen schrumpft sowohl die Bevölkerungzahl als auch die Anzahl der Haushalte, weshalb dort auch dann zunehmend Wohnungsleerstände entstehen, wenn nur noch wenig neu gebaut wird.

Seit dem Jahr 2011 sind in Folge der Eurokrise sowie der Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der Europäischen Union wieder mehr Zuwanderer nach Deutschland gekommen. Dies führte zu einem Bevölkerungswachstum, allerdings beschränkt auf die ohnehin wachstumsstarken Regionen. Auch der Wohnungsbau zeigt seit seinem Tiefststand im Jahr 2009 Wiederbelebungstendenzen.

Wachstum der Siedlungsflächen für Gewerbe

Das verlangsamte Siedlungsflächenwachstum hatte auch konjunkturelle Gründe. Die Wirtschaft wuchs in vielen Regionen langsamer und belegte deshalb auch insgesamt weniger zusätzliche Flächen. Zudem sind in den Regionen, in denen die Wirtschaft noch wächst, die Bodenpreise meist hoch, so dass ein gewisser Anreiz zum Flächensparen und zum Recyceln von vormals genutzten Flächen besteht.

In wirtschaftlich schwachen Regionen mit niedrigen Bodenpreisen besteht hingegen kein Anreiz zum Flächensparen oder -recyceln. Die wenigen Firmen, die sich dort niederlassen wollen und Arbeitsplätze versprechen, können sogar die Forderung stellen, dass für sie am gewünschten Ort neue Gewerbeflächen erschlossen werden. Und das, obwohl bereits reichlich Gewerbefläche sowohl in alten Industriegebieten als auch in neueren Gewerbegebieten verfügbar ist.

Wachstum der Verkehrsflächen

Das Wachstumstempo der Verkehrsflächen verlangsamte sich seit der Jahrtausendwende lediglich um 25 Prozent von 23 Hektar pro Tag auf 17 Hektar pro Tag.

Dieser Rückgang ist ausschließlich auf das gebremste Wachstum der Erschließungsstraßen zurückzuführen, das von circa zehn Hektar pro Tag im Jahr 2000 auf circa vier Hektar pro Tag im Jahr 2011 zurückging. Denn wenn weniger Siedlungsfläche für Wohnen oder Gewerbe neu erschlossen wird, werden auch weniger neue Erschließungsstraßen benötigt.

Die übrigen Verkehrsflächen – dazu gehören Hauptverkehrsstraßen und andere überörtliche Straßen und Autobahnen, Bahntrassen, Häfen und Flugplätze, aber auch land- und forstwirtschaftliche Wege – zeigten hingegen in der Summe ein unvermindertes Wachstum von 13 Hektar pro Tag.

Davon entfallen mindestens sieben Hektar pro Tag auf den Ausbau des land- und forstwirtschaftlichen Wegenetzes. Diese sind zu einem großen Teil finanziell unterstützt durch diverse Programme der Landwirtschaftsförderung oder der Förderung des ländlichen Raums.

Auf den Neu- und Ausbau der Fahrbahnen der Bundesverkehrswege entfallen maximal 3,5 Hektar pro Tag, davon drei Hektar pro Tag für Autobahnen und Bundesstraßen und 0,5 Hektar pro Tag für den Neu- und Ausbau von Bahntrassen.

Das restliche Wachstum der Verkehrsflächen ist auf den Neu- und Ausbau von sonstigen Hauptverkehrsstraßen, Flugplätzen und Häfen zurückzuführen.

 

Folgen für die Umwelt

Etwa die Hälfte (46 Prozent) der Siedlungs- und Verkehrsflächen ist versiegelt, das heißt mit Gebäuden oder Anlagen bebaut oder für Fahrbahnen, Parkplätze und Gehwege asphaltiert, betoniert, gepflastert oder verdichtet und anderweitig befestigt. Die Böden verlieren dadurch ihre Fähigkeit, Wasser versickern zu lassen oder zu speichern, was bei Starkregen das Risiko von Überflutungen erhöhen kann. Die Flächen verlieren auch ihre Funktionen für das Kleinklima und können im Sommer die Überhitzung in Städten nicht lindern. Die Versiegelung von Böden zerstört zudem die natürliche Bodenfruchtbarkeit, die sich erst in langen Zeiträumen wieder herstellen lässt.

Daneben hat Zersiedelung  weitere direkte und indirekte Umweltfolgen wie:

  • Erzeugung von Verkehr mit Kraftstoffverbrauch und Belastungen durch Lärm und Abgase, mehr Staus und der Notwendigkeit die Verkehrswege weiter auszubauen, was wiederum die Zersiedelung erleichtern kann (Teufelskreis),
  • erhöhter Energieverbrauch für Heizung, Kühlung und Beleuchtung zusätzlicher Gebäude mit der Folge zusätzlicher klimaschädlicher Kohlendioxid (CO2)-Emissionen,
  • höherer Materialverbrauch für die Instandhaltung und Erneuerung von immer mehr Gebäuden und Infrastrukturen und Anstieg damit verbundener Umweltbelastungen,
  • Unterstützung des Trends zu immer material- und energieaufwendigeren Wirtschaftsweisen und Lebensstilen,
  • Verlust landwirtschaftlicher Flächen und fruchtbarer Böden als Ressource für die Produktion von Nahrungs- und Futtermitteln, Energiepflanzen und nachwachsenden Rohstoffen.

Ökonomische, soziale und städtebauliche Auswirkungen

Auch aus ökonomischer Sicht ist die Fortsetzung der Zersiedelung unvernünftig. Denn wenn die Bevölkerungszahl in Deutschland stagniert oder gar schrumpft, bedeutet die ständige Ausweitung der Siedlungs- und Verkehrsflächen wachsende Kosten pro Kopf der Bevölkerung für die Wartung und Instandhaltung der existierenden Gebäude und Infrastrukturen.

Ökonomisch solider wäre es, alle Anstrengungen auf den Erhalt, die Ertüchtigung und die Pflege des Bestehenden zu richten, anstatt die Bestände weiter auszuweiten. Schon heute gibt es einen enormen Wartungs- und Reparaturstau bei öffentlichen Gebäuden, Straßen, Brücken, Schienenwegen sowie bei Fahrzeugen und Signaltechnik des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs, der dringend beseitigt werden müsste. Und auch im privaten Gebäudebestand ist es aus volkswirtschaftlicher Sicht vordringlich, die energetische Sanierung voranzutreiben anstatt zusätzliche Gebäude zu errichten.

In Regionen, in denen die Bevölkerungszahl wegen des demographischen Wandels sinkt, ist es außerdem unumgänglich, durch Stadtumbau nicht mehr benötigte Gebäudebe vom Markt zu nehmen, um angemessene Mieten zu erhalten und die Immobilienpreise zu stützen. Gelingt dies nicht und setzt sich der Verfall der Mieten und Immobilienpreise fort, so wird damit nicht nur die Altersvorsorge von privaten Hauseigentümern gefährdet sondern auch die Kreditwürdigkeit von Wohnungsbaugenossenschaften und Gewerbetreibenden. Dies wiederum erschwert es ihnen, dringende betriebliche Investitionen vorzunehmen. Neubaumaßnahmen, die zusätzlichen Wohn- oder Gewerberaum schaffen, sind in dieser Marktlage kontraproduktiv.

Zersiedelung hat auch negative Auswirkungen auf den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft. In Neubaugebiete ziehen vor allem Haushalte, die sich hohe Mieten oder die Kaufpreise für Eigenheime leisten können. Einkommensschwache und oft zugleich auch bildungsferne Haushalte bleiben in den preiswerteren älteren Quartieren zurück. Kommt es durch massiven Neubau zu einer starken Entmischung der Bevölkerung – wie in den 1990er Jahren – entstehen Problemquartiere, in denen dann vor allem die Bildungschancen der Kinder und Jugendlichen stark beeinträchtigt sind.

Aus städtebaulicher Sicht leiden inzwischen nicht nur die meisten Kernstädte sondern auch viele ländliche Gemeinden unter einem zunehmenden Zerfall der gewachsenen Ortskerne, während an den Rändern die Neubaugebiete wuchern. Auch die Gemeindefinanzen leiden, wenn Straßen und Infrastrukturen im Ortskern unterhalten werden müssen, die ungenutzte Bausubstanz aber keine Steuerzahler beherbergt. Um die „Kernfäule“ zu stoppen und wieder Leben in die Zentren zu bringen sowie die Grundstücke und Gebäude in Wert zu setzen, gilt es zuerst die weitere Zersiedelung zu beenden. Angesichts der interkommunalen Konkurrenz ist es hilfreich, wenn die Regional- und Landesplanung die Kommunen beim Flächensparen unterstützt, indem sie bindende Vorgaben zur Menge der zulässigen Siedlungsentwicklung macht und Innenentwicklung sowie die interkommunale Kooperation auch mit Fördermitteln unterstützt.

Die Brisanz dieser Entwicklung wird durch den demographischen Wandel in vielen Regionen verstärkt.

 

Wichtige Akteure und Handlungsfelder

Flächensparen ist ein komplexes Handlungsfeld, das viele Akteure und Interessengruppen angeht:

  • Vertreter der Planungsebenen in Bund, Ländern, Regionen und Kommunen sowie
  • der regionalen Wirtschafts- und Agrarförderung,
  • Vertreter der Immobilienwirtschaft, Finanzwirtschaft, Bauwirtschaft,
  • Unternehmen, Landwirtschaft und Agrarpolitik, des Umwelt- und Naturschutzes sowie
  • jede Bürgerin und jeden Bürger, insbesondere auch die Mieter und die Immobilienkäufer.

Die räumliche Planung hat die Aufgabe, die Menge der Siedlungsentwicklung zu begrenzen und damit einen Rahmen für Innenentwicklung, Brachflächenrecycling und die Aufwertung bestehender Siedlungen zu setzen. Dadurch wird die Lebensqualität in bestehenden Siedlungen erhöht, so dass Menschen dort gerne wohnen. Die Wirtschaftsförderung kann dies mit Fördermitteln gezielt unterstützen.

Auch die Bau- und Immobilienwirtschaft sollte ihre Aktivitäten auf den Erhalt und die Ertüchtigung bestehender Immobilien konzentrieren und die Finanzwirtschaft sollte dies unterstützen. Und nicht zuletzt jeder Mieter und Wohnungskäufer sollte sich fragen, wie viel Fläche er oder sie wirklich benötigt und wo und wie er oder sie diese in Anspruch nehmen möchte.

Umwelt- und Naturschützer sowie Landwirte und Vertreter der Landgesellschaften sollten eng zusammenarbeiten. So können sie vereint dazu beitragen, Freiräume und Landwirtschaftsflächen zu erhalten und vor Zersiedelung zu schützen. In einem gemeinsamen Positionspapier „Entsiegelung bei Neuversiegelung – Eingriffsregelung optimiert anwenden“ ist es gelungen, einen Konsens zwischen Umwelt-, Naturschutz- und Landwirtschaftsverbänden sowie Umweltbundesamt und dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) zu erzielen, wie Flächensparen und die Schonung landwirtschaftlich genutzter Böden in der Praxis umgesetzt werden können.

 

Strategien, Maßnahmen und Forschung

Strategien, Maßnahmen und Forschung des UBA

Das Umweltbundesamt forscht zum Thema Flächensparen und gibt Empfehlungen für strategische Ansätze, Maßnahmen und Instrumente zum Flächensparen und zur Förderung des Flächenrecycling und der Innenentwicklung. Im Rahmen eines Modellversuchs erprobt das Umweltbundesamt auch den Handel mit Flächenzertifikaten.

Strategien und Forschungsprogramme anderer Institutionen

Aus der politischen Forderung, den Flächenverbrauch zu verringern, sind inzwischen auf Bundesebene sowie in einigen Ländern Strategien sowie Forschungs- und Aktionsprogramme geworden. Hervorzuheben ist dabei als Teil der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung das bundesweite Forschungsprogramm „Forschung für die Nachhaltigkeit (fona)“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Es hat einen Förderschwerpunkt zur Entwicklung und Erprobung innovativer Konzepte für die Reduzierung der Flächeninanspruchnahme. Dieser Förderschwerpunkt „REFINA – Forschung für die Reduzierung der Flächeninanspruchnahme und ein nachhaltiges Flächenmanagement“ wurde inzwischen abgeschlossen. Die Ergebnisse sind in einem Handbuch für die Praxis zusammengefasst.

Die Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Bodenschutz (LABO)  hat einen Maßnahmenkatalog für die Umweltministerkonferenz (UMK) erarbeitet, den die UMK den übrigen Fachministerkonferenzen sowie der Bundesregierung und den Kommunen zur Anwendung empfiehlt.

Um die relevanten Akteure für das Flächensparen zu sensibilisieren, über gute Praxisbeispiele zu informieren und auch wichtige Akteure besser zu vernetzen, wurde im Auftrag des UBA eine Internet gestützte Informationsplattform des Bundes entwickelt. Die Entwicklung dieser Informationsplattform für eine zielgruppenspezifische Informationsvermittlung zum Flächensparen haben die Fachministerkonferenzen der Länder sowie die Bundesministerien für Umwelt und Landwirtschaft vorgeschlagen. Im September 2016 wurde www.aktion-flaeche.de von Bundesumweltministerin Dr. Barbara Hendricks und UBA-Präsidentin Maria Krautzberger freigeschaltet. Das Internet-Portal bietet Informationen über Strategien, Instrumente, Werkzeuge und Praxisbeispiele, die auf einen sparsamen Umgang mit der Ressource Fläche zielen. Angesprochen werden Akteure in Städten und Gemeinden – von Kommunalpolitikern über Verwaltungsmitarbeiter/-innen bis hin zu Flächeneigentümern, Zivilgesellschaft, Privatpersonen und vielen anderen. Angeboten werden Fachinformationen darüber, wie Flächensparen vor Ort umgesetzt werden kann. Das Portal ist zugleich ein Angebot der Kommunikation und Vernetzung für Flächenakteure vor Ort, die ihre Aktivitäten einem breiten Personenkreis bekannt machen wollen.

Audio


Bodenversiegelung - Wie wir uns der besten Flächen berauben

Straßen und Parkplätze versiegeln den Erdboden, sodass dieser immer weniger CO2 aus der Atmosphäre aufnimmt. Oft gehen dadurch auch landwirtschaftliche Flächen verloren, die vorher Menschen mit Nahrung versorgt haben. Green Radio hat mit Jean Charles Munch, Direktor am Institut für Bodenökologie des Helmholtz-Zentrums München über dieses globale Problem gesprochen.

Quelle:
Green Radio