BD-I-3 Rückgewinnung natürlicher Überflutungsflächen

Auwald mit offener Wasserfläche.zum Vergrößern anklicken
Von der Rückgewinnung natürlicher Überflutungsflächen profitieren Hochwasserschutz und Artenvielfalt
Quelle: Rudolpho Duba / pixelio.de

Monitoringbericht 2015 zur Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel

Inhaltsverzeichnis

 

BD-I-3: Rückgewinnung natürlicher Überflutungsflächen

Rückverlegung, Rückbau oder Schlitzung von Deichen haben seit 1983 zu einer Zunahme von natürlichen Überflutungsflächen geführt. Durch den Anschluss an die Gewässer und die Wiederherstellung der natürlichen Überschwemmungsdynamik sind neue naturschutzfachlich wertvolle Lebensräume für eine Vielzahl seltener und gefährdeter Tier- und Pflanzenarten sowie naturschutzfachlich bedeutsame Auwälder entstanden.

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Fußnote in Grafik:
13 Möhring U., Peters A., Schackers B., Kurth A., Gebauer S., Weißhaupt R. 2012: Erfassung überregional bedeutsamer Projekte zur Auenrenaturierung und zur Wiederherstellung von Überschwemmungsflächen – bundesweite Übersicht. Unveröff. Abschlussbericht. Höxter, 70 S.

Ein Säulendiagramm stellt die Rückgewinnung natürlicher Überflutungsflächen durch Deichrückverlegung von 1983/2000 bis 2013 dar. Für die Jahre 1983/2000 wird eine kumulierte Fläche von etwa 1100 ha ausgewiesen. Die Balken werden kontinuierlich größer. Für 2013 werden etwa 3900 ha ausgewiesen. Ein grüner Pfeil zeigt einen steigenden Trend an, der positiv bewertet wird.
BD-I-3 Grafik
Quelle: Umweltbundesamt
 

Zunahme natürlich überflutbarer Flächen fördert die biologische Vielfalt in Auen

Neben den beschriebenen direkten Auswirkungen des Klimawandels auf die biologische Vielfalt bedingen der Klimawandel und die damit verbundenen Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen auch indirekte Auswirkungen vor allem in Form einer veränderten Landnutzung. Nach Einschätzung von Experten nehmen diese indirekten Klimawandelfolgen sogar größeren Einfluss auf die Entwicklung der biologischen Vielfalt als die direkten Wirkungen der sich verändernden klimatischen Bedingungen. Eine exakte Quantifizierung indirekter Folgen von Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen für Arten und Lebensräume ist derzeit jedoch kaum möglich. Zu komplex ist das Zusammenwirken der unterschiedlichen Einflussfaktoren.

Zu den Landnutzungsveränderungen, die in einen Zusammenhang mit dem Klimawandel gestellt werden können, gehören auch Anpassungsmaßnahmen beim Gewässermanagement. Neben Deicherhöhungen, der Errichtung von Rückhaltebecken oder anderen technisch geprägten Maßnahmen gilt vor allem die dauerhafte Wiederherstellung natürlicher Überflutungsflächen als wirksame Strategie des Hochwasserschutzes.

Können sich Flüsse im Falle von Hochwasserereignissen in diese Überflutungsflächen hinein ausdehnen, wird der Abfluss verlangsamt und die Hochwasserwelle gedämpft. Solche neu gewonnenen Überflutungsflächen wurden zuvor in vielen Fällen intensiv landwirtschaftlich genutzt. Eine Überführung in Flächen mit natürlicher Hochwasserdynamik ermöglicht eine Wiederbesiedlung mit vielen auentypischen Pflanzen­ und Tierarten. Darunter befinden sich auch zahlreiche seltene und gefährdete Arten, die an die besonderen Bedingungen stark wechselnder Wasserstände angepasst sind, u. a. Biber, Fischotter, Eisvogel, Uferschwalbe, Rohrweihe, mehrere vor allem störungsempfindliche Entenarten sowie zahlreiche Libellen­ und Amphibienarten. Zudem stellen natürlich überflutbare Lebensräume der Auen ein wichtiges Bindeglied im Biotopverbund und Schutzgebietssystem Natura 2000 dar. Anhand des Deichrückbaus zur Wiederherstellung natürlicher Retentionsräume in Flussauen wird deutlich, dass Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel im Rahmen des naturverträglichen Hochwasserschutzes auch positive Auswirkungen auf die biologische Vielfalt haben können.

Durch Rückbau, Rückverlegung oder Schlitzung von Deichen an bundesweit 79 Flüssen in den Jahren von 1983 bis 2013 sind 3.887 Hektar ehemalige Auenfläche wieder an die natürliche Überflutungsdynamik der Fließgewässer angeschlossen worden und werden bei Hochwasserereignissen ungesteuert überschwemmt. Die Einrichtung gesteuerter Hochwasserschutzpolder oder sonstige gesteuerte Flutungen der Aue sind dabei nicht berücksichtigt. Auch wenn diese Maßnahmen i. d. R. nicht allein oder primär zur Anpassung an den Klimawandel geplant wurden, so ist doch vor allem in den letzten zehn Jahren das Bewusstsein gewachsen, dass der Klimawandel eine veränderte Abflussdynamik in den Flusseinzugsgebieten mit sich bringt und natürliche Retentionsflächen rückgewonnen werden müssen, um großen Schäden an Infrastruktur und landwirtschaftlichen Flächen vorzubeugen.

Eine bundesweite Auenerfassung im Jahr 2009 kam zu dem Ergebnis, dass von ehemals rund 1,5 Millionen Hektar Auenfläche heute noch rund 480.000 Hektar bei Hochwasser als Retentionsraum zu Verfügung stehen.15 Die in den Jahren von 1983 bis 2013 erzielte Rückgewinnung natürlich überflutbarer Auenflächen umfasst demgegenüber eine vergleichsweise kleine Fläche.

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15 BMU – Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit & BfN – Bundesamt für Naturschutz (Ed.) 2009: Auenzustandsbericht. Flussauen in Deutschland. Berlin, Bonn, 34 S.

 

Schnittstellen

WW-I-3: Hochwasser

WW-R-2: Gewässerstruktur

RO-R-3: Vorrang- und Vorbehaltsgebiete für (vorbeugenden) Hochwasserschutz

RO-R-6: Siedlungsnutzung in Hochwassergefahrenbereichen

 

Ziele

Vergrößerung der Rückhalteflächen an den Flüssen um mindestens 10 % bis 2020 (NBS, Kap. B 1.2.4)

Frühere Überschwemmungsgebiete, die als Rückhalteflächen geeignet sind, sollen so weit wie möglich wiederhergestellt werden, wenn überwiegende Gründe des Wohls der Allgemeinheit dem nicht entgegenstehen. (Wasserhaushaltsgesetz, § 77)

Förderung von Maßnahmen mit abmildernder Wirkung auf Extremereignisse, z. B. Maßnahmen zur Verbesserung der Hydromorphologie (u. a. Anbinden von Altarmen, aber auch Deichrückverlegungen) (DAS, Kap. 2.3)