WW-I-9 Meeresspiegel

Baumwurzeln an einer erodierten Sandsteilhangfläche.zum Vergrößern anklicken
Küstenerosion ist eine der Folgeerscheinungen eines steigenden Meeresspiegels.
Quelle: Gyik Toma (Tommy) - Coastal erosion_high tide / flickr.com CC BY 2.0

Monitoringbericht 2015 zur Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel

Inhaltsverzeichnis

 

WW-I-9: Meeresspiegel

Die an ausgewählten Pegeln der Nord- und Ostsee gemessenen und über zehn Jahre gleitend gemittelten Wasserstände illustrieren den Meeresspiegelanstieg. Die Zunahmen der Pegelstände sind überwiegend signifikant. Dies erfordert zusätzliche Anstrengungen beim Küstenschutz.

Mittelwert der jährlichen mittleren Tidehoch-/-niedrigwasser/Wasserstand über 10 Jahre (cm) von 1981 bis 2013: Dagebüll, Norderney, Cuxhaven (mittlere Tidehoch- und -niedrigwasserstände), Flensburg und Warnemünde (jährliche Mittlere Wasserstände).
WW-I-9 Grafik
Quelle: Umweltbundesamt
 

Der Meeresspiegel der Nord- und Ostsee steigt

Die Gletscher und die Eisschilde der Pole schmelzen und liefern große Mengen von Schmelzwasser. Gleichzeitig dehnt sich bei steigenden Wassertemperaturen das Meerwasser aus. Die Gletscherschmelze und die Meerwasserausdehnung erklären 75 % des seit den frühen 1970er Jahren beobachteten Meeresspiegelanstiegs.6

Der fünfte Klimabericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen (IPCC) von 2013 stellt fest, dass der globale mittlere Meeresspiegel im Zeitraum von 1901 bis 2010 um etwa 19 cm angestiegen ist. Der mittlere Anstieg betrug in dieser Zeit etwa 1,7 mm pro Jahr. In den letzten 20 Jahren war dieser Wert mit ca. 3,2 mm pro Jahr fast doppelt so groß. Das bedeutet, dass sich der Anstieg deutlich beschleunigt hat. Selbst wenn beträchtliche Klimaschutzanstrengungen unternommen werden, also das niedrigste Emissionsszenario den Projektionen zugrunde gelegt wird, ist dem IPCC zufolge bis Ende des 21. Jahrhunderts eine Erhöhung um weitere 26 bis 55 cm zu erwarten. Ohne Emissionsbeschränkungen wird der Meeresspiegel bis Ende des Jahrhunderts zwischen 45 und 82 cm ansteigen. Der IPCC schließt nicht aus, dass der Anstieg des Meeresspiegels auch deutlich höher ausfallen könnte.6 Der Anstieg vollzieht sich allerdings regional sehr unterschiedlich. Dies gilt auch für die Nord- und Ostsee. Während beispielsweise an der Südküste der Ostsee Landsenkungen auftreten, die allein schon zu einem relativen Anstieg des Meeresspiegels führen, hebt sich das Land an der nördlichen Küste, beispielsweise in Schweden, im Zuge der noch immer andauernden nacheiszeitlichen Landhebung ganz Skandinaviens so stark, dass der erwartete Meeresspiegelanstieg keine Gefährdung der Küsten darstellt.

Der ansteigende Meeresspiegel bedeutet für Küstenregionen, vor allem für Flussdeltas und tiefliegende Küsten­ ebenen, zunächst eine höhere Gefährdung durch Sturmfluten, die häufiger und in höherer Intensität auftreten können. Bei einer dauerhaften Wasserstandserhöhung kann es insbesondere an flachen Küsten zu Landverlusten kommen. Hierzu gehören auch die einzigartigen Lebensräume des Wattenmeeres. Bis zu einem gewissen Niveau ist eine Aufhöhung des Wattenmeers durch abgelagerte Sedimente zwar möglich, darüber hinaus kommt es dann aber zu einer dauerhaften Überspülung der Wattflächen. Die Gefährdung der Wattenmeerökosysteme resultiert auch daraus, dass das Wattenmeer durch Deiche an einer Ausbreitung landeinwärts gehindert wird. Im Zuge von Rückdeichungsmaßnahmen kann zukünftig möglicherweise wieder Raum für eine Ausdehnung von Wattflächen und auch anderen wertvollen Lebensräumen wie Salzwiesen entstehen.

Für das nächste Jahrzehnt  werden Landverluste an den deutschen Küsten von Experten nicht als Problem gesehen. Bis Ende des Jahrhunderts ist die Einschätzung der Situation allerdings unterschiedlich. Befürchtet werden vor allem die Auswirkungen erhöhter Sturmintensitäten auf die Außendeichflächen, die von dauerhaften Überflutungen betroffen sein könnten. Derzeit wird damit gerechnet, dass sich größere Landverluste mit Hilfe von technischen Küstenschutzanlagen und Pumpanlagen vermeiden lassen. Letztere sind vor allem dann notwendig, wenn eingedeichte Flächen – wie heute bereits in den Niederlanden – dauerhaft unter dem Meeresspiegel liegen und dauerhaft entwässert werden müssen. Diese Maßnahmen sind kostspielig.

Eine weitere Folgewirkung des ansteigenden Meeresspiegels ist die voranschreitende Küstenerosion, die vor allem sandige Brandungsküsten betrifft und damit auch viel besuchte Strände, die die Basis für die touristische Entwicklung an der Nord- und Ostsee sind. Allein die Sandaufspülungen an der Westküste von Sylt haben in den letzten zwanzig Jahren Kosten in Höhe von mehr als 133 Millionen Euro verursacht.

Die Nordsee ist in starkem Maße vom Gezeitenwechsel geprägt. Um den Umfang des Meeresspiegelanstiegs beurteilen zu können, sind daher sowohl Daten zu den jährlichen mittleren Tidehochwasserständen (MThw) als auch zu den Tideniedrigwasserständen (MTnw) erforderlich. An den ausgewählten Nordseepegeln Cuxhaven, Norderney und Dagebüll zeigen die Tidehochwasserstände im gleitenden 10­Jahres­Mittel seit 1981 signifikant steigende Werte. Für die Pegel Cuxhaven und Norderney gilt dies auch für die Tideniedrigwasserstände.

Die Ostsee unterliegt aufgrund ihrer geografischen Lage mit nur geringer Verbindung zu den Ozeanen einem lediglich schwachen Gezeiteneinfluss, daher sind hier die jährlichen Mittleren Wasserstände (MW) maßgeblich. Der Ostseepegel Flensburg zeigt ebenfalls einen signifikanten Trend zu einem steigenden Meeresspiegel. Für den Pegel Warnemünde ist die Datenreihe für eine solche Trendanalyse noch nicht ausreichend.

_____
6 Intergovernmental Panel on Climate Change 2013: Summary for Policymakers. In: Climate Change 2013: The
Physical Science Basis. Contribution of Working Group I to the Fifth Assessment Report of the Intergovern- mental Panel on Climate Change [Stocker, T.F., D. Qin, G.­K. Plattner, M. Tignor, S.K. Allen, J. Boschung, A. Nauels, Y. Xia, V. Bex and P.M. Midgley (eds.)]. Cambridge University Press, Cambridge, United Kingdom and New York, NY, USA.

 

Schnittstellen

WW-I-8: Wassertemperatur des Meeres

WW­-I­-10: Intensität von Sturmfluten

WW-R-3: Investitionen in den Küstenschutz

 

Ziele

Der Anstieg des Meeresspiegels und der damit verbundene Anstieg des Grundwasserspiegels sowie die Zunahme der Küstenerosionstendenzen erfordern zusätzliche Anstrengungen beim Schutz der Küstengebiete und begründen wesentliche neue Gesichtspunkte für die Entwicklung der Küstenlandschaften.
(DAS, Kap. 3.2.14)