2.1 Wie können Sie bestehende Verwundbarkeiten erkennen?

Als Kommunalverwaltung stehen Sie bereits heute vor einer Vielzahl von Herausforderungen: dem demographischen Wandel, steigenden Sozialausgaben, wirtschaftlicher Transformation und Fragen der Nachhaltigkeit. Der Klimawandel und seine Folgen kommen seit einigen Jahren nun noch hinzu.

Inhaltsverzeichnis

 

"Ausgangspunkt für die Arbeit mit Folgen des Klimawandels sollte eine solide Datenbasis sein, die topographische und klimatische Kenntnisse der eigenen Gemeinde beinhaltet."
Reinhard Hahn, Stadtplanungsamt Regensburg, Regensburg

 

Faktoren der Verwundbarkeit

Ein Anstieg der Durchschnittstemperatur von 4° C oder mehr hätte schwerwiegende Folgen für unsere Ökosysteme und unsere Gesellschaft. Allerdings ist diese Entwicklung noch abwendbar und tritt – wenn überhaupt – erst gegen Ende dieses Jahrhunderts ein.

Aber welche Bedeutung hat die bisherige Veränderung des Klimas aktuell schon für Ihre Gemeinde? Und mit welcher Methodik lässt sich das bestimmen?

Wenn Sie die Verwundbarkeit Ihrer Kommune gegenüber klimatischen Einflüssen bestimmen wollen, müssen Sie verschiedene Faktoren berücksichtigen. Das Klimasignal an sich oder dessen Veränderungen, etwa hohe Temperaturen oder eine Zunahme der sommerlichen Durchschnittstemperaturen, ist nur eines davon (siehe Abbildung unten).

Nur wenn beispielsweise steigende Temperaturen im Sommer auf eine entsprechende Empfindlichkeit treffen, ergibt sich eine lokale Betroffenheit der Bürger Ihrer Kommune. Einflussfaktoren für die Empfindlichkeit können beispielsweise eine dichte Bebauung oder ein Mangel an Schattenflächen sein. Ein Defizit an Kaltluftproduktionsflächen und -austauschbahnen kann dazu führen, dass das Siedlungsgebiet nachts nicht abkühlt und der so genannte Hitzeinseleffekt eintritt.

Auch wenn mehrere Gebiete in Ihrer Kommune stark betroffen sind, können sich diese Gebiete hinsichtlich der Verwundbarkeit gegenüber hohen Temperaturen und hinsichtlich ihrer Anpassungsfähigkeit stark unterscheiden. Gebiete mit wohlhabenden und gut versicherten Bürgern haben in der Regel eine höhere Anpassungskapazität als solche Gebiete, in denen diese Charakteristika nicht vorliegen.

Bei der Bestimmung von Verwundbarkeiten oder Betroffenheiten durch aktuelle und sich ändernde Klimasignale ist es wichtig, die dahinter stehenden Wirkzusammenhänge zu erkennen. Sie sollten also analysieren, welche Klimasignale und welche Empfindlichkeiten zu einer Betroffenheit in Ihrer Kommune beigetragen haben.

Ihre Anpassungsfähigkeit zu bestimmen, ist methodisch gesehen eine Herausforderung. Oft reicht es deshalb aus, wenn Sie sich auf die Betroffenheit Ihrer Kommune konzentrieren. Auch der Klimalotse wird Ihnen im Folgenden vor allem Hinweise und Anleitungen zur Bestimmung der Betroffenheit geben. Dennoch sollten Sie die Komponenten der Anpassungsfähigkeit – etwa Wissen, Mobilität oder Wirtschaftskraft der Betroffenen – möglichst mitdenken, da diese bei der Entwicklung von Anpassungsmaßnahmen in Modul 3 eine wichtige Rolle spielen.

Aber entstehen durch den Klimawandel nur negative Betroffenheiten? Nicht unbedingt: Der Sommertourismus in ländlichen Regionen oder auch Teile der Landwirtschaft etwa können durch die längeren Sommer und eine frühere Blüte vom Klimawandel profitieren. Auch wenn ein starker Klimawandel für Kommunen in Deutschland vor allem negative Betroffenheiten mit sich bringt, können in einigen Regionen für bestimmte Akteure sogar die positiven Aspekte, also die Chancen des Klimawandels, überwiegen.

Um die Betroffenheit Ihrer Kommune zu bestimmen, benötigen Sie neben den in Modul 1 erstellten Zusammenstellungen von Daten zu Klimaveränderungen vor allem eine gute Datengrundlage, aus der sich Aussagen zur Empfindlichkeit ableiten lassen. Allgemeine Informationen, die etwas über die Empfindlichkeit einer Region aussagen, beispielsweise über die Bebauungsstruktur, die Bevölkerungsdichte oder den Anteil älterer Menschen, lassen sich häufig von den statistischen Landesämtern beziehen. Auch die Umweltämter auf Landes- oder Bundesebene stellen inzwischen viele direkt mit GIS-Software nutzbare Daten zur Verfügung, die sich ebenfalls für eine Bestimmung der Empfindlichkeit Ihrer Kommune eignen. Eine Sammlung dieser Informationen findet sich im Geoportal des Bundes.

Datenverfügbarkeit

Weitere Datenquellen zur Bestimmung der Empfindlichkeit:

  • Kommunale Geoinformationssysteme des Vermessungswesens, der Kommunalstatistik oder der räumlichen Planung
  • Karten (topographisch, klimatisch, geologisch, hydrogeologisch, geomorphologisch, hydrologisch, naturräumliche Gliederung, Vegetation)
  • Kataster der Kommune (Grünflächen, Grundstücke)
  • Pläne (Flächennutzungsplan (FNP), als vorbereitender Bauleitplan und die Bebauungspläne (B-Plan), als verbindliche Bauleitpläne) sowie Landschafts- und Landschaftsrahmenpläne
  • Luftbildaufnahmen
  • Gutachten und Fachliteratur
  • Akten der Verwaltung

"Man sollte nicht so sehr drauf drängen, etwas genau zu wissen, um erst dann zu handeln. Ein solides Grundwissen aus verschiedenen Quellen reicht, um sich eine Risikoabschätzung zu erlauben. Man muss erstmal schauen, was es schon für Informationen gibt, etwa Studien auf Länderebene. Hier kann man ruhig auf gröberes Material zurückgreifen, um zu schauen, wie es mit der Vulnerabilität aussieht. Und dann mit kleinen Lösungen beginnen, es muss nicht sofort der große Wurf sein. Man könnte auch klein starten, indem man mit dem arbeitet, was es schon gibt und nicht direkt ein großes Konzept machen. Außerdem gibt es viele Dinge, auf die man nicht alleine kommt, deshalb muss man intern eine Gruppe zusammenbringen, in der man sich gegenseitig korrigieren kann. In so einem Setting können die Maßnahmenideen konstruktiv kritisiert werden. Das geht auch, wenn man kein Fachmann ist"
Dr. Ulrich Reuter, Abteilung Stadtklimatologie im Amt für Umweltschutz der Stadt Stuttgart, Stuttgart

Die Grafik zeigt, dass das Klimasignal und die Empfindlichkeit die Betroffenheit einer Kommune beeinflussen. Betroffenheit und die Fähigkeit zur Anpassung wiederum beeinflussen die Verwundbarkeit.
Faktoren der Verwundbarkeit
Quelle: Umweltbundesamt
 

Aufgabe: Analyse bisheriger Betroffenheiten

Bestimmen Sie im Rahmen eines internen Workshops, welche Klimasignale und Empfindlichkeiten in Ihrer Kommune zu den bisherigen Betroffenheiten bei extremen Wetterereignissen geführt haben.

  • Beziehen Sie das gesamte Anpassungsteam in die Planung und Durchführung des Workshops ein. Bauen Sie hierbei auf die Ergebnisse Ihrer Recherchen zu Extremwetterereignissen in Modul 1 auf (Steckbriefe, Zeitstrahl). Übertragen Sie die zentralen Erkenntnisse vor dem Treffen in die Vorlage zur Betroffenheitsanalyse.
  • Regionale Studien, Anpassungsstrategien oder Leitfäden des Bundes, der Länder und von Regionen können einen ersten Einstieg bieten, um die Betroffenheit Ihrer Kommune zu bestimmen. Der Klimastudienkatalog des Umweltbundesamts, der Untersuchungen zur Verwundbarkeit verschiedener Bundesländer und Handlungsfelder anschaulich aufbereitet, erleichtert Ihnen die Arbeit. Darüber hinaus finden Sie bei KomPass weitere Beschreibungen von Anpassungsaktivitäten und Forschungsergebnisse für einzelne Bundesländer sowie ein Übersicht zu relevanten Forschungsvorhaben in Form eines Projektkatalogs. Sollten für Ihre Region oder Ihre Handlungsfelder keine Informationen verfügbar sein, können auch Analysen ähnlich strukturierter Regionen weiterhelfen.
  • Nutzen Sie für die Vorbereitung des Workshops die Übersichtsliste mit Informationsportalen, die beispielhafte Agenda sowie die filterbare Liste mit möglichen Betroffenheiten.
  • Beschränken Sie sich nur auf die wichtigsten Wirkzusammenhänge und achten Sie darauf, dass die Darstellung nicht zu komplex wird.
  • Nutzen Sie den Workshop, um Erfahrungen lokaler Akteure (Feuerwehr, THW, Gesundheitsämter, Krankenhäuser, Altenheime, Kindergärten, Bürger) mit Betroffenheiten zusammenzuführen.
  • Vervollständigen Sie die Vorlage zur Betroffenheitsanalyse aus der Arbeitsmappe zum Klimalotsen auf Basis der Ergebnisse des Workshops.

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